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Wednesday, 16 March 2011
Gelegentlich schreibe ich in diesem Blog über Bücher, die ich für besonders wichtig halte, wie zuletzt Jonathan Simons‘ „Governing through Crime (Blog 19 und Blog 20, Bundeskanzlerin Merkel: „Opferschutz geht vor Täterschutz“). Heute werde ich zwei Bücher besprechen, die ein paar erwähnenswerte Ideen enthalten, welche in Deutschland in Umlauf kommen sollten: Martha Stout, Ph. D., „The Paranoia Switch“, Sarah Crichton Books/Farrar, Straus and Giroux, 2007; und Edward S. Herman und Noam Chomsky, „Manufacturing Consent“, Pantheon, 1988/2002.

Stout ist Psychiaterin und Schriftstellerin, deren letztes Buch, „The Sociopath Next Door“, mir half, meine ehemalige Freundin Elizabeth Haysom besser zu verstehen. In „The Paranoia Switch“ befasst sie sich damit, wie Politiker die Angst vor Terroranschlägen ausnutzen, um ihre Macht zu festigen. Stout geht dieses Thema als Psychiaterin an und bespricht zum Beispiel die Rolle des limbischen Systems im menschlichen Gehirn, was für automatische Flucht-/Kampf-Reaktionen zuständig ist. Das alles behandelt sie relativ oberflächlich und wird den meisten gebildeten Lesern bekannt sein.

Was ich für hilfreicher halte, ist eine Liste von zehn Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Politiker aufweisen, die Angst instrumentalisieren. Stout nennt solche Politiker „fear brokers“, also in etwa Panikmacher. Sie „verkaufen“ Angst. Aber sie verkaufen auch sich selber mit Hilfe der Angst: „Wählt mich, ich beschütze euch!“ Möglicherweise sind einige dieser Eigenschaften besonders auf die amerikanische Kultur zugeschnitten. Aber ich glaube, das Meiste von dem, was folgt, könnte auch auf Deutschland zutreffen:

1. Panikmacher sprechen von Angst und von gefährlichen Menschen – aber sie tun dies oft indirekt, vermischt mit Lob für die Zuhörer oder sogar mit Humor.
2. Panikmacher begrenzen sich nicht auf Tatsachen, sondern sprechen davon, was passieren könnte, wenn… - oder was beinahe passiert wäre, wenn nicht… In beiden Fällen kann man das Gegenteil nicht beweisen, denn es geht nicht um Tatsachen, sondern um Gedankenspiele, die Angst schüren sollen.
3. Panikmacher sehen gut aus. Das hört sich vielleicht etwas dumm an, bezieht sich aber auf die Marketing-Weisheit, dass man Käufern alles Mögliche andrehen kann, wenn das Modell körperlich attraktiv ist. Im erweiterten Sinne bezieht sich diese Eigenschaft auf Verkaufsmethoden, mit denen man Vertrauen gewinnen kann: Zuhören, Loben, direkter Blickkontakt, zustimmend mit dem Kopf nicken, lächeln, die Anliegen wiederholen, usw.

4. Panikmacher beschuldigen ihre Gegner, unpatriotisch und naiv zu sein – und vermitteln ihren Zuhörern dadurch das Gefühl, sie seien patriotisch und weise.
5. Panikmacher schlüpfen absichtlich in die Rolle der Eltern. Denn gerade in gefährlichen und beängstigenden Situationen sehnt sich jeder Mensch nach jemandem, der stark ist und ihn beschützt – jemanden, dem/der er vollkommen vertrauen kann.
6. Panikmacher manipulieren ihre Zuhörer über Schamgefühle, die mit Sex verbunden sind. Wenn sich die öffentliche Diskussion vom Thema der Terrorgefahr oder der Angst entfernt, lenkt der Panikmacher um auf ein politisches Thema, das mit Sex zu tun hat, weil Sex genau wie Angst mit unseren primitivsten Gefühlen und Trieben zu tun hat. Im Gegensatz zur Angst ist Sex jedoch mit Scham besetzt und deshalb leicht zur Manipulation einsetzbar. – Ich habe die letzten drei Jahrzehnte fast ununterbrochen in den Vereinigten Staaten verbracht und weiß, dass dies auf die amerikanische Kultur zutrifft. Aber ich frage mich, inwieweit dies auf Deutschland zutrifft. Möglicherweise gibt es in Deutschland andere Themen, die sehr stark mit Schamgefühlen besetzt sind und immer dann eingebracht werden, wenn man reflexartige Ablehnungsreaktionen auslösen will?
7. Im scheinbaren Gegensatz zu ihren Appellen an die Angst loben Panikmacher ihre Zuhörer dafür, dass sie moralisch überlegen und heroisch sind. Über diese Schmeicheleien werden die Zuhörer natürlich indirekt daran erinnert, dass sie kräftig Angst haben sollen!
8. Panikmacher vermitteln ein Image der Unfehlbarkeit. Fehler werden nie zugegeben: Auch ohne Massenvernichtungswaffen war der Irakkrieg berechtigt!
9. Panikmacher sind geheimtuerisch und glauben auch, dass andere Menschen gefährliche Geheimnisse haben. Panikmacher führen Dossiers, sammeln Daten, bauen Geheimdienste auf.
10. Panikmacher benutzen Redewendungen, die an unsere primitivsten Gefühle appellieren. Zum Beispiel wird vom Bösen als solches gesprochen, oder von Rache oder Feigheit. Panikmacher benutzen oft die „Wir“-Form, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und „uns“ von den „Bösen“ abzugrenzen.

Stouts Buch handelt von der amerikanischen Reaktion auf den Terroranschlag des 11. September 2001, sowie der Antikommunistenhetze des U.S.-Senators Joe McCarthy in den 50er Jahren und der Masseninternierung von 120.000 Amerikanern japanischer Abstammung während des zweiten Weltkrieges. Bezeichnenderweise wendet sie das obige Schema nicht auf den „Krieg gegen das Verbrechen“, den sogenannten „war on crime“ an, den Amerika seit Anfang der 70er Jahre gegen die eigene (hauptsächlich schwarze) Unterschicht führt. Aber auch da wurden Stouts zehn Methoden der Panikmacher sehr effektiv eingesetzt, um die Bevölkerung zu manipulieren. Ich bin einer der 2,38 Millionen Gefängnisinsassen, die direkt darunter zu leiden haben.

Über die politische Szene in Deutschland bin ich nur begrenzt informiert, weil mir die Gefängnisbehörde „DOC“ seit Mitte der 90er Jahre verbietet, deutsche Bücher zu kaufen und deutsche Zeitungen oder Magazine zu abonnieren. Glücklicherweise „füttert“ mich mein deutscher Freundeskreis mit Internetausdrucken (rätselhafterweise sind die erlaubt), also bin ich nicht völlig uninformiert. Mir ist also bekannt, dass es gute Zeichen gibt: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere scheint ein standhafter Mann zu sein, der sich im Gegensatz zu seinen amerikanischen Pendants nicht ständig in Panik versetzen lässt. Andererseits sind mir auch schlechte Zeichen bekannt: Dass das Thema „Sicherheitsverwahrung“ zur Stimmungsmache ausgenutzt wird, ist ein Trend der viel gefährlicher ist als die meisten Sicherheitsverwahrten selbst (wobei ich anmerke, dass einige Sicherheitsverwahrte tatsächlich höchst gefährlich sind – aber eben nur einige). Hoffentlich regt der Europäische Gerichtshof nun ein Umdenken in der politischen Klasse Deutschlands an.

Vielleicht ist die Liste der 10 Methoden der Panikmacher aus Martha Stouts Buch eine geistige Waffe, die Sie einsetzen können, um sich selber und letztlich dadurch auch die deutsche Gesellschaft vor amerikanischen Zuständen zu schützen. Eine von ständiger Panik getriebene Gesellschaft wie die USA zerstört sich am Ende selber, wie man in diesen Tage beobachten kann. Und auf dem langen Weg zur Selbstzerstörung werden auch andere, oft Unschuldige zerstört.

Nun bin ich ja einer der Unschuldigen, die von den Panikmachern zerstört worden sind: 25 Jahre meines Lebens sind mir geraubt worden. Mich interessiert also brennend, wie Politiker die zehn oben erklärten Methoden einsetzen, um eine Gesellschaft zu steuern. Mit anderen Worten: Wie funktionieren die Medien?

Aus diesem Grund lese ich viele Bücher über die Medien, wie zum Beispiel das zweite Buch, welches ich in diesem Blogeintrag besprechen möchte: Hermans und Chomskys „Manufacturing Consent“. Dieses Werk ist zwar ein wenig überholt, aber es ist auch als Klassiker der Medienwissenschaft anerkannt.

Die Hauptthese der beiden Autoren ist, dass die angeblich freien Medien der westlichen Welt tatsächlich wie die Propagandamaschinen totalitärer Gesellschaften funktionieren: Es werden nur ganz bestimmte Nachrichten erlaubt. Und diese müssen dann noch auf ganz bestimmte Weise präsentiert werden. Die Leser und Zuschauer bekommen also eine sehr einseitige und begrenzte Berichterstattung. Und auf diese Weise gelingt es Politikern, die Zustimmung („consent“) ihrer Wähler herzustellen („manufacturing“).

Das geniale dabei ist, dass die Propagandamaschine der angeblich freien westlichen Medienindustrie nicht zentral gesteuert wird, von irgendeinem Propagandaamt. Nein, die westlichen Medien zensieren und manipulieren selbst – ohne direkte Anweisungen! Dabei setzen sie fünf Filter ein:

1. Die Größe, der Besitz und die Profitorientierung der Massenmedien
Um richtigen und wichtigen Einfluss zu haben, müssen Zeitungen und Fernsehsender möglichst groß sein - möglichst viele Leser und Zuschauer gewinnen. Das bedeutet, dass diese Zeitungen und Fernsehkanäle auch große Firmen sind, und, wie alle großen Firmen, ein Teil der allgemeinen, strikt an Profiten orientierten Unternehmenskultur. Als erfolgreiche Profitzentren werden Medienfirmen natürlich von Mitgliedern der oberen Gesellschaftsschicht kontrolliert. Von Menschen, die hauptsächlich an wirtschaftlicher Stabilität und Wachstum interessiert sind. Weil die Elite eng vernetzt ist, entstehen wirtschaftliche Verflechtungen zwischen der Medienindustrie und anderen Industrien, die eigentlich von den Medien kritisch überwacht werden sollten. Auch muss die Medienindustrie ganz einfach von der Größe her eng mit der Regierung zusammenarbeiten, um möglichst vorteilhafte Steuergesetze und betriebswirtschaftliche Regeln auszuhandeln. Dort bilden sich dann ebenso Verflechtungen und Beziehungen.

2. Die Macht der Werbung
Die tatsächlichen Kunden der Medienindustrie sind nicht die Leser und Zuschauer, sondern jene Firmen, die in den Zeitungen und im Fernsehen für ihre Produkte Reklame machen. Weil der Kunde König ist, werden letztlich nur solche Artikel und Sendungen gebracht, die den Verkauf beispielsweise von Waschmitteln usw. steigern.

3. Die Quellen der Nachrichten
Die Medienindustrie wird aus wirtschaftlichen und politischen Gründen in eine geradezu symbiotische Beziehung mit „offiziellen“ Quellen von Nachrichten, wie z. B. Pressesprechern und Publicity-Abteilungen, hineingezogen. Jede Zeitung und jedes Fernsehnachrichtenjournal braucht regelmäßige, verlässliche und glaubhafte Informationsquellen, um die Seiten und Sendeminuten zu füllen. Mit richtigem investigativem Journalismus ließe sich das aus Kostengründen nicht machen, also gehen Redaktionen Beziehungen ein mit den Presseabteilungen der verschiedenen Regierungsämter und Großfirmen. Diese Presseabteilungen arbeiten natürlich nur mit solchen Reportern zusammen, die die Nachrichten im Interesse der Presseabteilungen präsentieren. Dazu kommt noch der Bedarf an „Experten“, die die Nachrichten mit Autorität kommentieren können. Diese „Experten“ werden üblicherweise von sogenannten „think-tanks“ gestellt. Das sind Stiftungen, die von politischen Parteien oder Wirtschaftsverbänden finanziert werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

4. Medienkritik
Einige dieser „think-tank“-Stiftungen haben sich u. a. darauf spezialisiert, die wenigen Journalisten, die sich nicht ins „System“ einfügen, sofort und heftig unter Beschuss zu nehmen. In Amerika sind Stiftungen dieser Art fast ausschließlich konservativ, tragen aber wohlklingende, neutrale Namen wie „Media Institute“ und „Accuracy in Media“.

5. Antikommunismus als Kontrollmechanismus
Herman und Chomsky schrieben ihr Buch während des Kalten Krieges, als alle Systemkritiker sofort als Kommunisten angeschwärzt wurden. Die gleiche Kontrollmethode gab es, glaube ich, auch in Deutschland: „Wenn es dir hier nicht passt, geh’ doch in die DDR, das Arbeiterparadies!“ Heute gibt es den Kommunismus leider nicht mehr, dafür aber gottlob den Terrorismus und Islamismus! Wer sich öffentlich gegen irgendein Datensammlungsgesetz oder den Ausbau der Geheimdienste stellt, ist natürlich ein Helfershelfer von al-Quaida.

Laut Herman und Chomsky läuft jede Nachrichtenmeldung durch diese fünf Filter. Und was dabei herauskommt, ist effektive Propaganda – obwohl es gar kein zentrales Propagandaministerium gibt und auch nicht zu geben braucht. Man merkt dies besonders, wenn man beobachtet, wer ein „würdiges Opfer“ ist, und wer ein „unwürdiges“.

Zum Beispiel: Ein Mädchen, das von den afghanischen Taliban verstümmelt wurde, kommt aufs Titelblatt des „Time“-Magazins, wie vor etwa einem Jahr. Sie ist ein „würdiges Opfer“. Aber die mehr als hunderttausend Zivilisten, die im Irakkrieg starben? Sie sind „unwürdige Opfer“, weswegen der U.S. Army sogar befohlen wurde, die irakischen Opfer gar nicht erst zu zählen. (Alle Schätzungen über Opferzahlen kommen von der irakischen Regierung, und der braucht man glücklicherweise nicht zu glauben.)

Oder ein Beispiel, was mich eher interessiert, aus dem „Krieg gegen das Verbrechen“ / „war on crime“: Die weiße Oma, deren Handtasche geklaut wird, ist ein „würdiges Opfer“. Aber das schwarze Ghettokind, das praktisch gar keine andere Wahl hatte, als Dieb zu werden – das ist ein „unwürdiges Opfer“.

Dieselben Medienfilter, dieselbe Aufteilung in „würdige“ und „unwürdige“ Opfer gibt es natürlich auch in Deutschland. Aber ich glaube, ich habe einen interessanten und möglicherweise wichtigen Unterschied entdeckt.

In Amerika „erlauben“ die Medienfilter öffentlichen Panikmachern freien Lauf, scheinen sie sogar zu bevorzugen. Aus meinem sehr begrenzten Wissen von der deutschen Medienlandschaft habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass Panikmacherei in Deutschland relativ selten durch die Medienfilter durchkommt. Wenn das stimmt, würde mich das sehr freuen – aber es würde auch sehr wichtige Fragen aufwerfen.

Vorausgesetzt, die Medienindustrie wird von wirtschaftlichen Interessen kontrolliert: Wieso ist Panikmacherei im wirtschaftlichen Interesse der amerikanischen Elite? Und wieso ist Panikmacherei anscheinend nicht im wirtschaftlichen Interesse der deutschen Elite?
Posted by: PI AT 06:25 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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