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Wednesday, 04 April 2012
Der folgende Text ist der fünfte Teil einer 5-teiligen Serie zum Thema "Was geschah tatsächlich am 30. März 1985". Die ersten vier Teile finden Sie in der Liste aller Blogbeiträge.
Alle Beiträge wurden aus dem Englischen übersetzt von Frau Dr. Ulrike Strerath-Bolz.


Auf den Tag genau dreizehn Monate nach den Morden, also am 30. April 1986, wurden Elizabeth und ich in London, Großbritannien, verhaftet. Vom 5. bis 8. Juni 1986 wurden wir vom amerikanischen Ermittler Ricky Gardner sowie zwei englischen Kriminalbeamten bezüglich der Haysom-Morde verhört. Genauer gesagt: Ich wurde verhört, und zwar neun Mal, immer ohne Rechtsanwalt, obwohl ich wiederholt (auf Tonband dokumentiert!) um meinen Anwalt bat. Elizabeth wurde nur ein einziges Mal in der Nacht des 8. Juni verhört, nachdem ich mein falsches Geständnis abgelegt hatte, um sie vor dem elektrischen Stuhl zu retten.

Mein Geständnis ist das einzige tragfähige Beweismittel gegen mich. Als Gouverneur Robert F. McDonnell am 24. Mai 2011 eine Presseerklärung abgab, in der er sich weigerte, meinen Antrag auf frühzeitige Entlassung auf Bewährung ("parole") zu unterstützen, nannte er ausschließlich mein Geständnis als Begründung (s. Information->Parole2011).

Dieses Geständnis enthielt mindestens sieben grobe Fehler, die der tatsächliche Mörder nicht gemacht hätte: Ich beschrieb die Kleidung eines Opfers falsch sowie das Zimmer, in dem das andere Opfer gefunden wurde, die Art und die Position des Tatmessers, und einiges andere mehr. Noch wichtiger als diese sieben Fehler ist jedoch der folgende Auszug aus dem Tonbandmitschnitt meines Verhörs vom 7. Juni 1986, also dem Tag, bevor ich mein Geständnis ablegte:
Beamter: Unter Berücksichtigung Ihrer Antwort, würde es für Sie in Frage kommen, etwas zu gestehen, was Sie nicht getan haben?
Söring: Ob das für mich in Frage käme?
Beamter: Ja.
Söring: Ich bin nicht sicher, aber ich sehe, ich kann mir vorstellen, ja, ich glaube, das könnte passieren. Ich halte es für möglich. Ich glaube, solche Sachen passieren.
Beamter: Das glaube ich nicht, aber wir sollten jetzt juristische Spitzfindigkeiten beiseite lassen. Es tut mir leid. Ich denke, Sie haben meine Frage beantwortet.
Söring: Ich meine, verstehen Sie … Ich kann diese Frage jetzt nicht beantworten. Ich hoffe natürlich, ich hoffe sehr, dass es nicht soweit kommt.

Aber am nächsten Tag, am 8. Juni 1986, kam es tatsächlich soweit: Ich hielt das Versprechen, das ich Elizabeth gegeben hatte, und nahm die Schuld für ihr Verbrechen auf mich. Und ohne es zu wissen, auch gleich noch die Schuld ihres Komplizen.

Interessant ist noch, dass auch Elizabeth die Polizei belogen hat. Am 8. Juni 1986, nachdem ich mein langes falsches Geständnis gemacht hatte, gab sie ein kurzes Geständnis ab, das auch auf Tonband mitgeschnitten wurde und in dem sie sagte: "Ich habe es selbst getan. … Es hat mir einen Kick gegeben." Der Zustand des Tatorts bestätigt, dass Elizabeth tatsächlich einen Kick bekam, aber sie hat das Verbrechen nicht allein begangen; wie schon erwähnt, gab es zwei Täter. Wir müssen also nicht nur die Frage stellen, wer Elizabeths Komplize war, sondern auch, warum es ihr so wichtig war, diesen Menschen zu schützen.

Am frühen Morgen des 31. März 1985, während Elizabeth und ich mit größter Sorgfalt mein falsches Geständnis konstruierten, entschieden wir, dass ich der Polizei sagen sollte, ich hätte ein kleines Klappmesser namens Butterfly-Messer benutzt. Fünfzehn Monate später, während unserer getrennten Verhöre am 8. Juni 1986, folgten wir diesem Plan. Das einzige Problem dabei war: Diese Angabe war nachweislich falsch. Butterfly-Messer haben zweischneidige Klingen, und der gerichtsmedizinische Befund besagte, dass der Mord an den Haysoms mit einer einschneidigen Klinge begangen worden war.

Vielleicht änderte Elizabeth ihre Geschichte deshalb in meinem Prozess 1990. Da behauptete sie nämlich, ich hätte das blutige Steakmesser benutzt, das am Tatort gefunden worden war. Es hatte eine einschneidige Klinge. Leider passte diese "Geschichte" nicht zu meinem Geständnis am 8. Juni 1986 und auch nicht zum gerichtsmedizinischen Befund: Bei meiner Habeas-Corpus-Verhandlung am 9./10. Dezember 1996 erklärte der Leitende Gerichtsmediziner von North Carolina, das blutige Steakmesser sei vermutlich nicht stark genug gewesen, um als Tatwaffe beim Mord an den Haysoms in Frage zu kommen. Die Verletzungen der Opfer deuteten eher auf ein "Buck" oder Jagdmesser hin. Ein solches Messer war aber weder von mir noch von Elizabeth je in einer unserer Aussagen erwähnt worden, nicht bei den Polizeiverhören und auch nicht vor Gericht, und eine solche Waffe war auch nie gefunden worden.

Am 10. März 2011 gab jedoch der neue Zeuge Tony Buchanan (s. Information->Neuer Zeuge) eine notariell beglaubigte und auf Video aufgezeichnete Erklärung ab, er hätte ein solches Messer gesehen, blutverschmiert, zwei bis vier Monate nach dem Mord. In dieser Zeit, Ende Mai / Anfang Juni 1985, war Elizabeth nach Lynchburg gefahren, um ihren Halbbrüdern bei der Reinigung ihres Elternhauses zu helfen, bevor es verkauft werden konnte. Bei dieser Gelegenheit beobachtete Mrs. Annie Massie, Nancy Haysoms beste Freundin, wie Elizabeth sich die Schuhe auszog und ihren Fuß mit dem blutigen Sockenabdruck auf dem Boden verglich.

Sie war also zu dieser Zeit in der Gegend. Möglicherweise haben sie und ihr Komplize bei dieser Gelegenheit beschlossen, den verlassenen Wagen zu holen. Möglicherweise war es aber auch anderthalb Monate später, als Elizabeth und ich an den Sommerkursen an der University of Virginia teilnahmen, nur eine Fahrstunde entfernt.

Auf jeden Fall fuhren Elizabeth und ihr Komplize nicht gleichzeitig mit dem Pannenfahrzeug zu Tony Buchanans Werkstatt. Sie kamen getrennt von dem Wagen an, sodass sie nicht unbedingt Gelegenheit gehabt haben müssen, in den Wagen zu schauen und das Blut auf der Bodenmatte sowie das blutige Messer zu entdecken. Wenn sie während der Tat beide unter Drogeneinfluss gestanden hatten, erinnerten sie sich möglicherweise gar nicht mehr an das Blut und das Messer im Auto.

Tony Buchanan bemerkte auch noch, dass die Unterseite des Autos mit Blättern verklebt war, als hätte es längere Zeit irgendwo im Wald gestanden. Das würde auch zum zeitlichen Ablauf passen, den dieses Szenario beschreibt.

Der Wagen war ein Chevrolet, möglicherweise ein Nova oder Camaro. Ob die nicht genannte Person oder irgendein Mitglied der Familie 1985 einen Chevrolet besaß, ist noch nicht bekannt.

Im Wagen, gleich bei der Mittelkonsole, lag ein blutiges Messer. Es handelte sich um ein kräftiges "Buck" oder Jagdmesser, die Art Waffe, die nach Aussage des Gerichtsmediziners bei dem Mord an Derek und Nancy Haysom benutzt wurde.

Leider werden wir die Identität von Elizabeths Komplizen, dem zweiten Täter und dem vermutlichen Besitzer des Autos und des Messers wohl nie erfahren. Elizabeth wird den Namen nicht preisgeben, denn ihre einzige Chance auf vorzeitige Entlassung beruht auf der Fiktion, sie sei nicht am Tatort gewesen. Und nachdem die DNA des Komplizen sich nicht in der DNA-Datenbank des Staates Virginia findet, kann uns auch die Kriminaltechnik nicht weiterhelfen.

Es gibt nur noch die (jedenfalls theoretische) Möglichkeit, die unidentifizierten Fingerabdrücke auf dem Schnapsglas durch das AFIS laufen zu lassen. Aber wenn der Komplize nicht wegen eines anderen Vergehens verhaftet wurde, sind die Fingerabdrücke auch nicht in der Datenbank. Und außerdem ist derzeit keine Strafverfolgungsbehörde bereit, die unidentifizierten Fingerabdrücke tatsächlich durch das System laufen zu lassen. Nicht auszudenken, wenn sie einen Treffer landen würden!

Selbst wenn wir Elizabeths Komplizen nicht identifizieren können, ändert das aber nichts an der Tatsache, dass diese Person existiert. Die logische und praktische Notwendigkeit (es muss zwei Täter gegeben haben), der Tatortbefund (Blut der Gruppe 0, Fingerabdrücke, Haar und Fußabdrücke), die Ergebnisse des DNA-Tests (elf Blutproben, die nicht von mir oder Elizabeth hinterlassen wurden) und die Aussagen eines Augenzeugen (Tony Buchanan) deuten darauf hin, dass es einen zweiten Täter gab und dass ich nicht dieser zweite Täter war.

Auf der Grundlage dieser Beweise sollte man mich freilassen.


*******


Der Vollständigkeit halber möchte ich zum Abschluss dieses Blogeintrages Hinweise geben, wo Sie die Sicht der Gegenseite - also hauptsächlich des Ermittlers Ricky Gardner - finden können.
  • Auf Information->Prozess finden Sie unter "Prozess-Dokumente zum Indiz des Socken- und Sportschuhabdrucks" an erster Stelle das Video der Aussage des damaligen Ermittlers und jetzigen Majors Gardner vom 6. Juli 2011, ZDF-Zoom.
  • Auf Information->DNS-Test finden Sie unter  "Gnadengesuch an Gouverneur Robert F. McDonnell" an fünfter und sechster Stelle Major Ricky Gardners Brief an Gouverneur McDonnell vom 26. Februar 2011 sowie Gail Balls Antwortschreiben vom 7. März 2011  auf Gardners Brief.
  • Auf Information->Neuer Zeuge finden Sie unter "Berichte über den neuen Zeugen in US-amerikanischen Zeitungen" an neuner Stelle den Artikel "Investigator, former judge dispute man's claims in Soering case" von Ray Reed, Lynchburg News and Advance, 24. März 2011.
  • Auf Information->Entscheidung finden Sie unter "Presseerklärung des Gouverneurs und Antwort" an erster Stelle die "Presseerklärung des Gouverneurs Robert F. McDonnell" vom 24. Mai 2011.


Zuletzt folgt hier eine Auflistung aller Blogeinträge, die ich über meinen Prozess und die Berufungen geschrieben habe:
  • B25 - Ein Kuss
    Wieso es gewisse Parallelen zwischen meiner Beziehung zu Elizabeth Haysom und der Pädophilie gibt. Auf welche Weise und wie tief sie mich verletzt hat. Siehe auch B36, B47.
  • B36 - Meine Beziehung zu Elizabeth Haysom
    Wieso ich Elizabeth in der Zeit von 1984 bis 1986 nicht im üblichen Sinne "hörig" war und die Verantwortung für meine Fehler selbst tragen muss. Die Symptome von Elizabeths "Borderline"-Persönlichkeitsstörung. Siehe auch B25, B47.
  • B44 - Ein Schreiben an meine Facebook-"Freunde"
    Eine kürzere Zusammenfassung der Beweislage in meinem Prozess als in B14, dieses mal jedoch mit den DNS-Tests und der Aussage des neuen Zeugen. Inwieweit man wissen kann, ob ich schuldig oder unschuldig bin.
  • B48 - Irgendwie logisch, oder?
    Die fünfundzwanzig juristischen Instanzen, in denen ich während des letzten Vierteljahrhunderts um meine Freiheit kämpfte.
  • B59 - Ich stelle mich meinen Lesern
    Durch eine Unterart des "cognitive bias", dem sog. "confirmation bias" sowie der Gruppendynamik überzeugte sich die Bush-Regierung davon, dass es tatsächlich Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Auf ähnliche Weise überzeugten sich die Polizei-beamten im Fall der "West Memphis Three" und in meinem Fall von unserer Schuld.
Posted by: PI AT 05:54 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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