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Wednesday, 28 March 2012
Der folgende Text ist der vierte Teil einer 5-teiligen Serie zum Thema "Was geschah tatsächlich am 30. März 1985". Die ersten drei Teile finden Sie in der Liste aller Blogbeiträge.
Alle Beiträge wurden aus dem Englischen übersetzt von Frau Dr. Ulrike Strerath-Bolz.


Was sagt uns der Tatort über die Art und Weise, wie der Mord vor sich ging?
  • Die Verwendung eines Messers lässt den Schluss zu, dass der Mord nicht geplant oder jedenfalls nicht vollkommen durchdacht war.
  • Die extreme Gewalt (Dutzende von Stichwunden) deutet auf Drogeneinfluss und/oder psychische Krankheit hin.
  • Die extrem flachen Stichwunden lassen eine Frau als Angreiferin vermuten, die aus einer Art emotionalem Konflikt heraus handelte. Die ungewöhnlich tiefen Schnittwunden an den Hälsen der Opfer deuten auf einen sehr starken männlichen Angreifer, der die Opfer möglicherweise "zur Strecke brachte", nachdem die Frau sie eher leicht verletzt hatte.

Wie schon früher erwähnt, wurde bei Elizabeth eine Borderline-Persönlichkeitsstörung festgestellt, und sie hat zugegeben, am Mordwochenende Drogen genommen zu haben.

Wenn es also – was sehr wahrscheinlich ist – zu einem hitzigen Streit zwischen Elizabeth und ihren Eltern wegen des gestohlenen Schmucks kam, dann kann das dazu geführt haben, dass sie aus dem unmittelbaren Zorn heraus zu einem Messer aus der Küche oder dem Esszimmer griff. Tatsächlich hat der Luminoltest ergeben, dass an einem der Steakmesser in der Schublade des Esszimmertischs Blut geklebt hatte. Bei meinem Prozess behauptete Elizabeth, es handele sich dabei um die Mordwaffe, und es wurde in einem Asservatenbeutel unter den Geschworenen herumgereicht. In meinem sogenannten "Geständnis" hatte ich angegeben, ein Butterfly-Messer verwendet zu haben, das ich später in eine Mülltonne warf, kein Steakmesser, das am Tatort verblieb.

Nachdem Elizabeth ihre Eltern mit dem Steakmesser angegriffen hatte und sie mit flachen Stichwunden leicht verletzt hatte, kann ihr Komplize sie mit seinem eigenen Jagdmesser getötet haben.

Es kann aber auch sein, dass Elizabeth ihre Mutter ermordet hat, während ihr Komplize ihren Vater tötete. Es gab genau eine Stichwunde, die tiefer als ein Zoll war, nämlich eine Stichwunde in Nancy Haysoms Herz, die nach Aussage des gerichtsmedizinischen Gutachtens möglicherweise zum Tode geführt hat. Und wie schon erwähnt, fand sich Blut der Gruppe B (Elizabeths Blutgruppe) in der direkten Umgebung ihrer toten Mutter.

Nach dem Mord flohen die beiden Täter in Panik, ohne das Außenlicht auszuschalten. Ermittler Ricky Gardner misst diesem Licht große Bedeutung zu, tatsächlich beweist es aber lediglich, dass die Täter den Tatort in großer Eile verließen. Menschen unter Drogeneinfluss vergessen schon unter normalen Umständen, das Licht auszuschalten, umso mehr, wenn sie in Panik sind, weil sie gerade einen Doppelmord begangen haben.

Bei der Flucht ging das Getriebe des Wagens kaputt. Sie schoben das Auto von der Straße in den Wald oder auf ein Feld, wo es bis Ende Mai, Anfang Juni stehen blieb, vielleicht auch bis Mitte Juli.

Weil die Täter, wie schon erwähnt, in Panik waren und unter Drogen standen, vergaßen sie das Jagdmesser im Auto. Vielleicht hat der männliche Täter später gemerkt, dass das Messer weg war. Entweder konnte er sich nicht erinnern, wo er es vergessen oder verloren hatte – oder er konnte sich erinnern, hatte aber zu viel Angst, zu dem verlassenen Auto zurückzukehren und es zu holen. Was, wenn die Polizei den Wagen mit dem blutigen Messer entdeckt hatte? Dann warteten sie jetzt vielleicht, ob jemand zurückkäme, um das Auto oder auch nur das Messer zu holen. Am sichersten war es also, sich von dem Auto fernzuhalten.

Aber zurück zur Tatnacht: Die beiden Täter fuhren weiter. Wenn sie mit zwei Autos vom Haus der Haysoms weggefahren waren, dann konnte Elizabeth ihren Komplizen in dem Mietwagen nach Hause bringen. Wenn sie jedoch nur mit dem Wagen des Komplizen zu den Haysoms gefahren waren, der nicht mehr fuhr, dann mussten sie zum Haus des Komplizen laufen, wo Elizabeth den Mietwagen geparkt hatte.

Wenn es sich bei dem Komplizen um die bereits erwähnte ungenannte Person handelte, dann konnten sie einfach zum Haus seiner Eltern gehen, denn diese wohnten nicht weit entfernt.

Nachdem sie sich getrennt hatten, fuhr Elizabeth mit dem Mietwagen zurück nach Washington D.C. Es gibt einen Grund anzunehmen, dass dieses Auto nicht für die Fahrt zu den Haysoms benutzt wurde: Als die Polizei den Mietwagen untersuchte, fand sie darin keine Spur von Blut. Die extreme Gewalt, mit der das Verbrechen begangen worden war, vor allem die blutigen Socken- und Schuhabdrücke, würden nahelegen, dass auch im Fluchtwagen Blut zu finden gewesen wäre. In dem Wagen, den Tony Buchanan (s. Information-> Neuer Zeuge) in seiner Werkstatt sah, war allerdings Blut auf der Fußmatte, wie nicht anders zu erwarten. Es ist also seltsam, dass man im Mietwagen nichts fand.

In einer ihrer zahlreichen Aussagen hat Elizabeth behauptet, sie habe am frühen Morgen des 31. März 1985 in Washington D.C. Coca-Cola benutzt, um die Überreste eines Hundes von der Stoßstange des Mietwagen zu entfernen. Angeblich hatte sie einen Hund angefahren, als sie das Grundstück der Haysoms verließ.

Die Polizei fand kein Blut, das diese Geschichte untermauert hätte. Aber vielleicht besaß diese Lüge in Elizabeths drogenvernebeltem, krankem Verstand doch noch einen wahren Kern? Vielleicht haben sie und ihr Komplize tatsächlich einen Hund angefahren, als sie vom Haus der Haysoms flüchteten, nur eben nicht mit dem Mietwagen, sondern mit dem Auto des Komplizen. Vielleicht sind sie dabei von der Straße abgekommen und haben das Auto so stark beschädigt, dass sie es auf einem Feld oder im Wald stehen lassen mussten.

Als Elizabeth in den frühen Morgenstunden am Sonntag, dem 31. März 1985, nach Washington D.C. zurückkehrte, kam sie in das Hotelzimmer, in dem ich auf sie wartete. Das Erste, was ich bemerkte, war, dass sie andere Kleider trug, vor allem die weiteren Jeans mit den aufgenähten Taschen auf den Beinen. Interessanterweise könnte dieser Kleiderwechsel die Sockenabdrücke am Tatort erklären, denn sie musste sich die Schuhe ausziehen, um andere Jeans anzuziehen. Außerdem gibt es möglicherweise auch eine Verbindung zu der offenen Kommodenschublade auf dem schon erwähnten Foto. Vielleicht hat Elizabeth die Jeans in aller Eile aus dieser Schublade gezogen und sie offen stehen lassen, genau wie sie das Außenlicht am Haus anließ.

Die zweite Veränderung an Elizabeth, die mir auffiel, waren die braunen Flecken auf ihren Unterarmen, die ich für getrocknetes Blut hielt. Ihre Hände waren allerdings sauber. Das würde zum Tatortbefund passen, weil der Luminoltest Blutspuren im Abfluss des Spülbeckens in der Küche ergab. Einer der Mörder muss sich dort die Hände gewaschen haben. Gleich neben der Spüle und neben Nancy Haysoms Leiche stand die halb offene Waschmaschine mit dem feuchten Lappen mit Blut der Gruppe B darauf – Elizabeths Blutgruppe.

Es ist auch interessant, dass der Luminoltest weiter ergab, dass sich jemand das Blut in der Dusche des Badezimmers beim Elternschlafzimmer abgewaschen hat. Es kann nicht Elizabeth gewesen sein, die die Dusche benutzte, denn sie hatte noch Blut auf den Unterarmen, als ich sie sah. Wenn tatsächlich der zweite Täter im Badezimmer geduscht und sich das Blut abgewaschen hat, dann stammt das Menschenhaar in dem blutbefleckten Abfluss von ihm und nicht von Elizabeth.

Als Elizabeth in unser Hotelzimmer kam, ging sie an mir vorbei, setzte sich auf das Fußende des einen Bettes, beugte sich vor und begann mit verschiedenen Variationen immer wieder vier Sätze zu sagen:
Sie hatte ihre Eltern umgebracht, die Drogen hatten sie dazu gebracht, sie hatten es auf jeden Fall verdient, und wenn ich ihr nicht half, würde man sie "braten" (d.h., auf den elektrischen Stuhl bringen).
Da Elizabeth offensichtlich unter Schock stand und wegen des getrockneten Bluts auf ihren Unterarmen glaubte ich ihr – offenbar war etwas unglaublich Schreckliches mit ihr geschehen. Es kam mir nicht in den Sinn, sie zu fragen, ob sie einen Komplizen gehabt hatte, vielleicht weil das, was sie erzählte, zu überwältigend war.

Dann hörte Elizabeth mit ihrer Litanei auf und sagte mir ganz direkt, ich müsse ihr ein Alibi verschaffen, ich müsse der Polizei gegenüber behaupten, sie sei die ganze Nacht mit mir zusammen gewesen.

An diesem Punkt ließ mein eigener Schock ein wenig nach und ich erklärte ihr, das würde niemals funktionieren: Ich war ihr Freund, und die Polizei würde niemals einer solchen Alibiaussage glauben, wenn sie von einem Liebhaber, Ehemann oder Ähnlichem stammte.

Als ich ihr das erklärt hatte, herrschte eine Art gelähmtes Schweigen zwischen uns. Und dann kam mir die "geniale" Idee: Ich würde die Schuld für ihr Verbrechen auf mich nehmen, ich würde ein falsches Geständnis ablegen.

Da mein Vater damals Vizekonsul am deutschen Generalkonsulat in Detroit, Michigan, war, ging ich davon aus, dass ich eine Art begrenzter diplomatischer Immunität besaß: Ich dachte, man würde mich nach Deutschland abschieben und dort wegen der Vorwürfe aus Amerika anklagen. Nach deutschem Strafrecht galt ich als Jugendlicher und konnte nicht mehr als zehn Jahre Gefängnis bekommen. Und ich war bereit, ein paar Jahre meiner Freiheit zu opfern, um der Frau, die ich liebte, das Leben zu retten.

Natürlich war ich zu diesem Opfer nur für Elizabeth bereit. Wenn ich auch nur einen Augenblick den Verdacht gehabt hätte, dass mein falsches Geständnis auch ihren Komplizen – Ihren Drogenhändler? Ihren Liebhaber? – schützte, hätte ich niemals versprochen, ein Verbrechen auf mich zu nehmen, das ich nicht begangen hatte. Aber wir sprachen nie darüber, nicht einmal über die Möglichkeit. Elizabeth hatte mir erzählt, dass sie ihre Eltern umgebracht hatte, und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln.

Den Rest der Nacht verbrachten wir damit, meine "Geschichte", also mein falsches Geständnis auszuarbeiten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich das Verbrechen begangen haben könnte, und sie versorgte mich mit einigen Details oder korrigierte mich, damit meine Lüge glaubwürdiger klang.

So bizarr das heute klingt: Ich habe Elizabeth nie gefragt, was denn wirklich passiert sei. Tatsächlich wollte ich auf eine Art gar keine Einzelheiten wissen; die ganze Situation war so schrecklich und Furcht einflößend, dass es sich sicherer anfühlte, sie zu ignorieren. Die Verleugnung ging so weit, dass wir während der folgenden Monate nicht einmal direkt über den Mord sprachen, sondern immer nur von unserem "kleinen, hässlichen Geheimnis".

Je länger Elizabeth und ich die Morde nicht erwähnten, desto leichter wurde es, einfach so zu tun, als ob sie nie geschehen waren. Vor allem wollte ich Elizabeth auch gar nichts fragen, denn dann hätte ich mich ja selber der Wahrheit stellen müssen, dass sie überhaupt nicht diese wunderbare Frau war, die ich über alles liebte, sondern dass sie statt dessen eine höchst gefährliche Geisteskranke war.
 
Das durfte nicht wahr sein! Denn, wenn Elizabeth eine Mörderin war, dann hätte ich mich ja mitschuldig gemacht, indem ich ihre Tat verdeckte. Und das durfte auch nicht wahr sein, natürlich nicht.

Also war es viel, viel besser mit der Lüge zu leben - jedenfalls bis wir verhaftet wurden.
Posted by: PI AT 05:34 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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