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Wednesday, 08 February 2012
Viele von Ihnen haben mich gebeten, einen Blogeintrag über Weihnachten im Gefängnis zu schreiben, also komme ich diesem Wunsch heute nach. "Heute" ist nämlich der 25. Dezember 2011, und diese Tatsache allein sollte Ihnen schon fast alles sagen. Für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere, also ein Arbeitstag: Ich schreibe Blogs, Briefe und Bücher von morgens bis abends, siehe B4 - "Mein Tagesablauf im Gefängnis". Der Gedanke, einen besonderen Blogeintrag zum Thema "Weihnachten im Gefängnis" zu schreiben, scheint mir also vollkommen absurd. Aber, gut, Ihr Wunsch, liebe Leserinnen und Leser, ist mir Befehl.

Fangen wir an mit dem Wort "Gefängnis" im Titel dieses Blogeintrags. Was ist der Sinn und Zweck des Gefängnisses?

Das Zufügen von Schmerz natürlich. Gefangene sollen leiden, zur Strafe für ihre Verbrechen.
Die spezifische Form des Schmerzes, die uns Gefangenen zugefügt wird, ist der Freiheitsentzug. Statt uns körperlich zu foltern, fügt man uns die psychologische Qual zu, unseren Willen nicht in die Tat umsetzen zu können – unsere Persönlichkeit nicht frei entfalten zu dürfen.

Das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist jedoch ein Grundbedürfnis jedes menschlichen Wesens. Die allererste Reaktion auf Freiheitsverlust ist fast immer Panik, gefolgt von wilden Versuchen, den eigenen Willen doch irgendwie durchzusetzen. Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als Sie vor einer verschlossenen Haustür standen: Haben Sie nicht ziemlich heftig an der Klinke gerüttelt?

Wenn man den eigenen Wünschen nicht nachgehen kann, fühlt man sich frustriert. Auf Frustration folgen unweigerlich Depression und Wut, völlig normale emotionale Reaktionen, die in der Natur "einprogrammiert" sind. Man fühlt sich hilflos, und man ist sauer auf denjenigen, der die Haustür verschloss.

Depression führt zu Versuchen, den inneren Schmerz zu lindern: Man geht um die Ecke zur Kneipe, schluckt ein Beruhigungsmittel oder raucht einen Joint. Alle drei dieser Optionen werden natürlich auch von Gefangenen in großem Stil genutzt, dazu kommen noch neurotische Verhaltensweisen wie Selbst-Ritzen (mit Rasierklingen usw.) sowie natürlich Suizidversuche.

Wut, die zweite Folge von Frustration, führt zu Aggressionen gegen andere. Selbst wenn man es selber war, der die Haustür verschloss und den Schlüssel verlor, verprügelt man lieber die Ehefrau oder verschickt gehässige e-Mails über den Vorgesetzten am Arbeitsplatz, nicht wahr? Im Gefängnis drückt sich Aggression ganz ähnlich aus: Die Doofen starten Schlägereien und die Intelligenteren schreiben Beschwerden an die Gefängnisleitung. (Die ganz Intelligenten schreiben Blogs und Bücher, versteht sich! ;-))

Wenn man Menschen lange genug dem Freiheitsentzug und dem damit verbundenen Trio "Frust, Depression und Wut" aussetzt, entwickeln sich fast unweigerlich Zwangsneurosen (meiner Erfahrung nach haben mindestens zwei Drittel aller Gefangenen einen Sauberkeitsfimmel oder ähnliches) oder richtige, handfeste Geisteskrankheiten (das Statistikamt des US-Bundesjustizministeriums spricht von 20-22% aller Häftlinge). Natürlich haben Menschen, die Gesetze brechen und im Strafvollzug landen sehr oft schon psychologische Probleme, bevor sie überhaupt das Gefängnis betreten, also kann man nicht sagen, dass Freiheitsentzug die einzige Ursache für die hohe Geisteskrankheitsrate unter Insassen ist. Doch wenn man Menschen, die sowieso schon labil sind, jahrelang erhöhtem Frust, Depression und Wut aussetzt, darf man sich nicht wundern, wenn viele in der Folge darunter psychisch zusammenbrechen.

Tendenziell, in der letzten Konsequenz, führt Strafvollzug also zu Suizid, Mord und Wahnsinn. Man könnte sogar sagen: Das Gefängnis "funktioniert" optimal, es erreicht seine Ziele in qualitativ höchster Form, wenn die Gefangenen sich selber umbringen, andere töten oder psychotisch werden. Vermutlich hat Ihnen das noch niemand so direkt gesagt, also sind Sie jetzt etwas schockiert. Aber jeder, der direkte Erfahrung mit Gefängnissen hat, weiß das.

Der Titel meines zweiten (englischsprachigen) Buches, welches 2004 veröffentlicht wurde, lautet übersetzt: "Ein teurer Weg, böse Menschen noch schlechter zu machen". Gemeint war natürlich der Strafvollzug. Der Titel stammt aber nicht von mir, sondern von einer Studie ("white paper") der britischen Regierung aus den 80er Jahren. Wie gesagt, alle wissen es, nur spricht man unter höflichen Leuten nicht so offen darüber.

Soweit also zum letzten Wort im Titel dieses Blogeintrags, "Gefängnis"; nun zum ersten Wort, "Weihnachten". Vor kurzem schickte mir eine Freundin ein Interview mit dem Rapper Bushido, in dem er sagte, dass er Weihnachten feiere, obwohl er Muslim sei, weil ihm dieses Fest eine Gelegenheit gebe, Zeit mit seiner Familie zu verbringen und ihnen Geschenke zu geben. Wir Häftlinge sind in dieser Hinsicht überhaupt nicht anders als Bushido! Auch wir sehnen uns zu Weihnachten nach unseren Familien und wollen sie irgendwie glücklich machen.

Aber wir sind von unseren Familien getrennt. Das erzeugt gerade zu Weihnachten Frust, Depression, Wut und Wahnsinn, und zwar in (noch) erhöhter Form.

Deshalb gab es in den "guten alten Zeiten" des Strafvollzugs die Tradition des Weihnachtssuizids: Jedes Jahr versuchte irgendjemand, sich zu erhängen, und manchmal gelang es auch. Aber in den letzten beiden Jahren wurde diese Tradition gebrochen und ich muss Ihnen ganz ehrlich gestehen, dass ich das vermisse. Dies ist mein sechsundzwanzigstes Weihnachten hinter Gittern, für mich gehört der Weihnachtsselbstmord einfach dazu, wie das Anknipsen der Lichter am Weihnachtsbaum.

Mir ist bewusst, wie verrückt sich das anhört, aber es ist die Wahrheit. Auch ich fühle mich zu Weihnachten besonders deprimiert und der alljährliche Weihnachtssuizid war irgendwie ein äußerlicher Ausdruck meiner eigenen Gemütslage: "Ja, so beschissen ist unser Leben, so wie dieser Selbstmordkandidat fühle ich mich auch." Diese Bestätigung meiner eigenen Gefühle fehlt mir nun irgendwie.

Und mir kommt dabei der Gedanke: Vielleicht hat sich letztes und dieses Weihnachten niemand erhängt, weil nun endlich ich dran bin. Turnusmäßig bin ich an der Reihe und ich verkorkse den ordentlichen Ablauf des Universums, indem ich mich meinem Schicksal verweigere und den Mumm nicht aufbringe, mich endlich selber aufzuknüpfen. Was ja eigentlich meine Pflicht wäre, dem Universum gegenüber.

Ich will Ihnen etwas verraten: Solche Gedanken kommen nicht nur mir zu Weihnachten. Es gibt keinen einzigen Insassen, der zu Weihnachten nicht mit dem Selbstmordgedanken spielt – keinen einzigen. Manchmal besprechen wir das sogar untereinander, wie wir uns fühlen. Und wie schön es wäre, wenn der Schmerz endlich aufhören würde.

Man kann also sagen: Gerade zu Weihnachten "funktioniert" das Gefängnis besonders gut, es erfüllt sein Planziel mit höchster Effizienz. Als Steuerzahler sollten Sie stolz darauf sein!

Es gibt noch andere Weihnachtstraditionen hinter Gittern, zum Beispiel das große festliche Trinkgelage, welches die Wächter unterbinden wollen, weil es zu Prügeleien führt. Dieses Jahr war es Abteil C-1 in dieser Haftanstalt, wo riesige Mengen an selbstgebrautem Alkohol gefunden wurden.

Außerdem gibt es die allweihnachtliche Schlägerei. Dieses Jahr fand sie im Abteil A-2 statt, dort stritt man sich über die Fernbedienung des großen Fernsehers im Gemeinschaftssaal. Normalerweise würde man sich wegen so etwas nicht unbedingt prügeln, aber - wie gesagt - zu Weihnachten ist der Frust erhöht, also auch die Wut, also auch das Potenzial für Schlägereien.

In Gefängnissen der höheren Sicherheitsstufe kommen dabei auch selbstgemachte Messer (sogenannte "shanks") ins Spiel, was tödlich enden kann. Noch einmal: Zu Weihnachten ist der Strafvollzug eben optimiert.

Dabei helfen die Wächter kräftig mit. Im Abteil A-1 gibt es einen Gefangenen, der zu Weihnachten zum allerersten Mal Besuch von seinen Kindern erhalten sollte. Sie sind 14 und 16 Jahre alt, er hat sie noch nie gesehen. Sein Bruder fuhr hunderte von Meilen vom US-Bundesstaat New Jersey nach Virginia, um die Kinder zu ihrem Vater zu bringen.

Natürlich brachte er die nötigen Formulare mit, die alle Besucher ausfüllen müssen, siehe B55 – "Besuch bei Jens im Sommer 2011". Auch brachte er die besonderen Formulare mit, für minderjährige Kinder, die ohne ihre Mütter zu Besuch kommen: Diese Formulare müssen von den Müttern unterschrieben und notariell beglaubigt werden. Alles war in Ordnung, sicherlich!

War es aber doch nicht. Die "normalen" Besucherformulare kann man mitbringen, aber die "besonderen" Formulare für minderjährige Kinder müssen vorher an die Gefängnisleitung geschickt werden. Nur steht das nicht auf dem Formular aufgedruckt, das muss einem gesagt werden. Irgendwie hatte der Gefangene im Abteil A-1 das nicht so richtig mitbekommen.

Als sein Bruder also gestern, am 24. Dezember, beim Gefängnis ankam, wurde er nicht in den Besuchersaal gelassen. Ausnahmen gibt es natürlich nicht, auch nicht zu Weihnachten. Der Bruder fuhr unverrichteter Dinge mit den Kindern nach New Jersey zurück und sagte es heute Morgen dem Häftling im Abteil A-1 am Telefon. Mittlerweile weiß die ganze Haftanstalt davon und vibriert geradezu mit Hass auf die Wächter. Ich übrigens auch.

Was aber nur beweist, dass das Gefängnis seinen Auftrag erfolgreich erfüllt, nicht wahr?

Andere kleine Knastszenen zu Weihnachten….

Der Zellenmitbewohner meines Freundes Hank (siehe B62, B63, B64 – "American Dream, Teil 1, 2 und 3"), der muslimische Bodybuilder, sitzt heute Nachmittag mitten im Gemeinschaftssaal und weint unkontrolliert. Seine Schwester kam ihn zu Weihnachten besuchen und teilte ihm mit, seine Mutter sei verstorben. (Das geschah mir 1997.)

Mein Zellenmitbewohner, der PTBS-gestörte Marinesoldat (siehe B12 – "Dieses Mal schoss er zurück") verkriecht sich seit einer Woche in der Zelle, verlässt sie kaum noch, schaut nur noch Fernsehen, verbringt den ganzen Tag und fast die ganze Nacht vor der Glotze. Zwei Mal im Jahr bekommt er an je zwei Tagen Besuch von seinen Eltern aus dem US-Bundesstaat Florida, gestern war der zweite Besuch. Das macht ihn immer fix und fertig, weil dies sein einziger Kontakt mit der Außenwelt ist.

Zu jeder anderen Zeit, im alltäglichen "Knasttrab", kann er die Eltern und die Außenwelt vergessen, er wird nicht damit konfrontiert, dass er das Gefängnis nie lebend verlassen wird. Aber wenn die Eltern kommen, kann er sich dieser Wahrheit nicht verweigern: Sein Leben ist jetzt schon vorüber, er ist zum Gespenst geworden. Im Grunde ist er tot.

Da hilft nur: Erstens, ganz viel Fernsehen gucken (was im Endeffekt ein Betäubungsmittel ist). Zweitens, irgendeine Schlägerei anzetteln. Und drittens, wahnsinnig werden. Er macht alle drei.

Vorgestern gelang ihm das Kunststück, sich in zwei vollkommen unnötige  Streitereien zu verwickeln, glücklicherweise ohne sich zu prügeln. Und er klammert sich verzweifelt an eine vollkommen abstruse juristische Verschwörungstheorie, die sogenannte "sovereignty"-Bewegung, von der er sich verspricht, sich irgendwie freikaufen zu können: Er glaubt, die US-Notenbank hat einen spezifischen Pfandbrief auf seinen Namen ausgeschrieben, den er einlösen kann, wenn er seine Unabhängigkeit von der US-Regierung erklärt, und so weiter. Wahnsinn eben! Aber es ist alles, was er hat, außer dem Fernsehen.

Und was mache ich zu Weihnachten? Statt den üblichen 24 Runden auf dem Sportplatz jogge ich 33, um den zusätzlichen Frust abzubauen. Denn ich bin ja nicht doof, ich verstehe wie Gefängnis "funktioniert" und was in mir vorgeht, ich weiß mich davor zu schützen. Joggen und Klimmzüge und Liegestütze sind hauptsächlich psychologische Waffen, die mich vor einem vollständigen Kollaps bewahren.

Und natürlich schreibe ich viel: Ich sublimiere meine fast grenzenlose Wut in literarische Aktivität. Die Tatsache, dass ich es als Häftling geschafft habe, in neun Jahren (2003-2012) neun Bücher (inklusive den beiden neuen im März und April 2012) veröffentlichen zu lassen, sollte Sie wissen lassen, wie groß meine (erfolgreich sublimierte!) Wut tatsächlich ist. Auch die Tatsache, dass ich selbst am Weihnachtstag keine Pause mache, sondern diesen Blogeintrag schreibe, sagt viel über mich und meine Wut aus.

Und natürlich über das Gefängnis. Auftrag erfüllt!

Wobei ich fairerweise zugeben muss, dass ein großer Teil meiner derzeitigen weihnachtlichen Wut auf die saublöde Entscheidung der doofen Richterin am 20. Dezember zurückzuführen ist. Davon schrieb ich vor kurzem im B74 – "Gerichtsentscheidung des 20 Dezember 2011". In meinem Fall darf man dem armen, missverstandenen Gefängnis also nicht die ganze Schuld für meine Wut geben, finde ich.

Über meine Depression (Selbstmordgedanken) und Wut (Blogs und Bücher) habe ich nun geschrieben, was zur Frage führt: Bin ich auch irgendwie wahnsinnig? So wie mein Zellenmitbewohner, der sich das angebliche Recht auf "seinen" Pfandbrief von der US-Notenbank erstreiten will?

Manchmal beschleicht mich dieser Gedanke schon, besonders nach einer weiteren gerichtlichen Niederlage wie jener am 20. Dezember. Ich glaube, die meisten Menschen würden sagen, es sei "verrückt", in so einer Situation, gegen solch schamlose Gegner wie dieses virginianische (Un)rechtssystem, weiter für meine Freiheit zu kämpfen. Aber ist es auch im klinischen, psychiatrischen Sinne geisteskrank?

Manchmal bin ich mir nicht sicher.

Zurzeit setze ich fast meine ganze Hoffnung darauf, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich für mich einsetzt. Ich weiß, dass ihr mein Fall bekannt ist, und sie hat einem meiner Unterstützer gesagt, dass sie an mich denkt. Aber hilft sie mir auch? Und darf ich auf Frau Merkel hoffen?

Ironischerweise ist dieses Weihnachten - wie gesagt: mein sechsundzwanzigstes hinter Gittern - also beinahe ein "echtes" Weihnachten, in dem Sinne, dass ich auf den Weihnachtsmann warte. Beziehungsweise auf die Weihnachtsfrau. Die Bundeskanzlerin. Wenn das nicht lustig ist…..

Ich wünsche Ihnen allen nachträglich ein frohes Weihnachten.
POSTED BY: AB AT 06:30 am   |  Permalink   |  E-mail this
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