Heute, der 11. Januar 2012, war wieder mal ein besonders schlechter Tag für die Gefangenen der Vereinigten Staaten. Warum? Weil der Gouverneur des US-Bundesstaates Mississippi, Haley Barbour, 200 Insassen, darunter 14 Mörder, begnadigt hat. Das summiert sich zwar zu weniger als 0,01% (d.h. einem hundertstel Prozent) der 2,38 Millionen Häftlinge dieses Landes (siehe
Gefängnissystem der USA), aber die Entrüstungswelle, die gegenwärtig durch die Medien läuft, ist längst übergeschwappt.
"
Was sagen denn die Opfer dazu?", entrüstet sich die Moderatorin Soledad O´Brien bei den Frühstücksnachrichten von CNN. "
Gibt es denn nicht irgendeinen Weg das rückgängig zu machen?", fuhr sie den eilig herbeigerufenen Rechtsexperten Jeffrey Toobin an.
Dieser war so entsetzt, dass er anscheinend vergessen hatte sich die Haare zu kämmen und den Schlaf aus den Augen zu wischen. Blinzelnd und stotternd erwiderte er: "
Nein, leider nicht. Das Einzige was den Opfern bleibt, ist, sich in den Medien auszulassen."
Und dann sprach Herr Toobin aus, was ich und jeder andere politisch interessierte Mensch in Amerika schon längst gedacht hatte: "
Vor einigen Monaten noch wurde Haley Barbour als möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei gerade von den 'sozialen Konservativen' umworben. Heute können wir jedoch mit Sicherheit sagen: Herr Barbour wird nie Präsident der Vereinigten Staaten werden."
Frau O´Brien gelang es gerade noch, sich auf die Zunge zu beißen, bevor das "Gott sei Dank" herausrutschte.
Falls irgendein anderer amerikanischer Gouverneur mit dem Gedanken gespielt haben sollte, ein paar Gefangene zu begnadigen, wird er es sich nun schleunigst anders überlegen. Gnade bedeutet den politischen Tod. In meinen
Büchern und in diesem Blog habe ich mich ausgiebig damit befasst, wie es dazu kam, dass Gnade zu einem Schmutz- beziehungsweise Schimpfwort wurde:
- Im Unterhaltungsfernsehen und im "Reality TV" werden Kriminelle dämonisiert - als vollkommen anders, fremd und nicht menschlich dargestellt - weil das die Quoten steigert. Doch leibhaftigen Teufeln kann man natürlich keine Gnade zeigen. Siehe Blogbeiträge B7, B10, B23 - Die Darstellung von Verbrechen und Kriminalität in den Medien.
- Während der vergangenen dreißig Jahre hat die Opferrechtsbewegung nicht nur im Justizsystem enormen Einfluss gewonnen, sondern sogar andere Bereiche der sozialen Rechtsprechung vereinnahmt. Jede Art von Gnade oder Milde – alles andere als unerbittliche Härte – wird als Beleidigung und Nichtachtung der Opfer dargestellt, so auch heute bei Gouverneur Barbour. Siehe B19, B20 – Opferschutz geht vor Täterschutz.
- Mit Angst und Panikmache lassen sich am leichtesten Wahlen gewinnen, und die Medienindustrie verdient gleich mit! Weil Angst politisch so gut "funktioniert", kann Gnade nur Sand im politischen Getriebe sein, siehe B29 – Die zehn Methoden der politischen Panikmacher und die fünf Filter der Medien.
- Mächtige wirtschaftliche Interessen verdienen prächtig an den $69 Milliarden, die die USA jedes Jahr für den Strafvollzug ausgeben. Jeder begnadigte und entlassene Insasse ist ein verlorener "Kunde", dessen Abwesenheit vom vergitterten "Hotel Haftanstalt" den Profit schmälert. Siehe B31, B32, B33 – Warum ich nicht Nelson Mandela bin – Die Privatisierung der inneren und äußeren Sicherheit – und B 68 - Irgendwo muss die Knete herkommen – Wie man in Amerika am Strafvollzug Geld verdient.
- Die Ursünden Amerikas sind der Genozid an den Indianern und die Versklavung der Schwarzen. Die historische Schuld an diesen Verbrechen wird rigoros verdrängt und geleugnet, was dazu führt, dass Schwarze erst durch die "Jim Crow" - Gesetze und nun durch den Justizapparat weiter unterdrückt worden sind; siehe auch Michelle Alexander, "The New Jim Crow", The New Press, 2010. Aus psychologischen Gründen ist es weißen Amerikanern deshalb unmöglich, den schwarzen Opfern dieser jahrhundertelangen, systematischen Tyrannei, Gnade zu zeigen. Denn eigentlich sind es doch die Weißen, die Gnade und Verzeihung brauchen! Siehe B 37, B 38, B 39 – Wieso ist Hass in den USA salonfähig?
- Weil die amerikanische Mittelschicht seit über dreißig Jahren wirtschaftlich absteigt - und die Gründe dafür nicht versteht - sucht sie nach Sündenböcken, an denen sie ihren Frust abreagieren kann. Diese Prügelknaben hat sie in den "live" im Fernsehen übertragenen Skandalprozessen gefunden: Aha, da sind sie, die "Bösen"! Siehe B 49 – Schlimmer als in Diktatorenstaaten, Teil 1.
- Zurzeit sind die Vereinigten Staaten einer seltsam-melancholischen Nostalgie verfallen, man wünscht sich zurück in die guten alten Zeiten, als die USA das "stärkste" Land der Welt waren. Nun besteht Gnade ja gerade daraus, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schreiten. Doch genau dies hat man in Amerika verlernt. Siehe B67 – Zurück in den Knast, zurück in die Vergangenheit.
Wie jeder andere Schriftsteller bin natürlich auch ich fest davon überzeugt, dass ich besonders clever bin und in meinen oben genannten Texten die verschiedenen Gründe für die extreme Gnadenlosigkeit der Amerikaner ausgeleuchtet habe. Aber ich muss Ihnen gestehen:
Letztlich bin ich doch immer fassungslos über die Hassausbrüche, selbst intelligenter Amerikaner, wenn ein politischer Autist wie Haley Barbour die Todsünde begeht einem Unmensch Gnade zu zeigen.
Vor zwei Jahren wurde Timothy Kaine ganz ähnlich beschimpft und sogar von Parteifreunden angegriffen, weil er mich nur nach Deutschland
überstellen (noch nicht einmal begnadigen!) wollte. Im Februar 2010 gab es eine einstimmige Resolution des Parlaments von Virginia - 92 zu 0! - in der sich alle Politiker, ausnahmslos, gegen meine Überstellung aussprachen. Das war ein Novum in der (damals) 234-jährigen Geschichte dieses Bundesstaates – aber es lag auch irgendwie voll im Trend. Gnade ist einfach unmöglich, vollkommen unannehmbar.
Und dies gerade in dem Land, das sich stolz das "christlichste" der ganzen Welt nennt. Womit gemeint wird, dass sich ein höherer Prozentsatz der amerikanischen Bevölkerung "Christ" nennt, als in anderen (zumindest industrialisierten) Staaten. Aber irgendwie schaffen es amerikanische Christen, nur das Alte Testament zu lesen - "
Auge um Auge, Zahn um Zahn" - und das Neue Testament unbeachtet zu lassen. - siehe
Matthäus 5, 38-42, wo Jesus gleich am Anfang spezifisch dieses alttestamentliche Rachegebot aufhebt.
Mit den theologischen Irrwegen und Ursachen, die dazu führten, habe ich mich im ersten Kapitel meines vierten
Buches befasst ("
The Church of the Second Chance", Lantern Books, 2008); es dreht sich um eine missverstandene Erlösungstheorie des Jean Calvin, die über die Puritaner und den Prediger Jonathan Edwards in den Kolonien verbreitet wurde. Auf Englisch nennt sie sich "penal substitution theology". Kurz gefasst:
- Gott ist vollkommen gerecht.
- Weil er vollkommen gerecht ist, muss er jede Sünde bestrafen, ohne Ausnahme.
- Doch weil Gott auch gnädig ist, hat er sich den Trick ausgedacht, alle Strafe, die wir sündigen Menschen verdienen, auf das Haupt seines gekreuzigten Sohnes zu legen.
- Denn Strafe muss sein, hart aber fair.
- Die praktische Konsequenz: Wenn selbst Gott Strafe nicht erlassen kann (er kann sie nur auf seinen Sohn verlagern), dann dürfen auch "gute" Christen keine Strafe erlassen. Hart aber fair!
Wer mir nicht glaubt, dass es sich tatsächlich so mit dem amerikanischen Christentum verhält, der besorge sich aus dem Internet die berühmte Predigt des Jonathan Edwards: "
Sinners in the Hands of an Angry God". Diese Predigt hat Jonathan Edwards zu einem Popstar der Kolonialzeit gemacht, sie wird immer noch millionenfach als Traktat gedruckt und verteilt, irgendwo in den USA wird sie an jedem Sonntag gepredigt. Man nennt das: "Old time religion" - der Glaube der guten alten Zeit. Amerikanischer als Jonathan Edwards geht’s gar nicht!
Und trotzdem, trotzdem, will es mir irgendwie nicht in den Kopf:
Wie kann man sich Christ nennen, und so gnadenlos sein? So clever wie ich bin, das kapiere ich nicht.
Was ich jedoch sehr wohl kapiere, ist, warum Gouverneur Barbour so viele Häftlinge begnadigte. Am Anfang seiner Amtszeit war er strikt gegen jede Form der Gnade, er lehnte alle Anträge ab. Doch in Südstaaten wie Mississippi ist es üblich, dass lebenslange Gefangene, die keine Einträge in ihren Disziplinarakten haben, die Gartenarbeit im Gouverneurspalast verrichten, die Limousine putzen, nach Gartenfesten aufräumen, und so weiter. Dabei lernt vermutlich erst einmal die Gemahlin des Gouverneurs, und dann der Gouverneur selber, diese Lebenslänglichen kennen. Schließlich ist man neugierig; wie die allermeisten Menschen hat auch ein Gouverneur einen leibhaftigen Mörder noch nie aus nächster Nähe gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen.
Und siehe da: Das sind gar keine Teufel in Menschengestalt! Gerade Mörder sind (meiner Knasterfahrung nach) meistens ziemlich normale Menschen, die in einem unglücklichen Augenblick (oft unter Alkoholeinfluss) etwas Schreckliches taten, was ihnen auch Jahrzehnte später noch leid tut. Genau das wissen natürlich auch die Wächter und die Gefängnisleitung – deshalb suchen sie sich gerade Lebenslängliche aus, um im Gouverneurspalast den Rasen zu mähen! Tja, und wenn der Gouverneur auch nur ein kleines wenig aufgeschlossen ist, merkt er das ebenso: Das sind tatsächlich Menschen.
Die "Gefahr" der Begegnung, der persönlichen Erfahrung mit, und Beziehung zu den schrecklichen "Monstern", wird anderswo vermieden. So zum Beispiel in Virginia: Hier dürfen sich noch nicht einmal die Mitglieder der Gnadenkommission ("parole board") mit den Insassen treffen, über deren Entlassung sie entscheiden (beziehungsweise nicht entscheiden – zurzeit werden weniger als 2% entlassen). Statt dessen schickt man einen Mitarbeiter (einen "parole interviewer"), der ein zwanzigminütiges Gespräch führt und dann den Mitgliedern der Gnadenkommission eine Mail schickt. Doch an einer Mail kann man die Menschlichkeit des jeweiligen Häftlings nicht erkennen.
Wenn ein Gefangener nur eine Mail ist, dann kann er einfach weggeklickt werden. So geschah es zuletzt mit mir am 24. Juli 2011, einem Sonntag, an dem 55 Insassen, die "parole" - Anträge gestellt hatten, einfach weggeklickt wurden. Abgelehnt – alle, ohne Ausnahme.
Ich vermute mal, so wird es in Mississippi in Zukunft auch gemacht. Das Risiko, dass ein verrückter Gouverneur plötzlich hunderte von Gefangenen begnadigen könnte, wird man gar nicht wieder haben wollen. Schließlich wollen die meisten Gouverneure nach ihrer Amtszeit US- Senatoren oder sogar US-Präsident werden! Und das geht nicht, wenn man die Todsünde "Gnade" begeht.
Spätmeldung, nach Abschluss dieses Blogeintrages:
Der Demokratische Generalstaatsanwalt Mississippis hat bekannt gegeben, dass er versuchen wird, die Begnadigungen des Republikanischen Gouverneurs juristisch zu kippen. Na, dann Prost: Und "God bless America".