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Wednesday, 16 November 2011
In den beiden ersten Teilen dieses Blogeintrags erzählte ich die Geschichte meines Freunds Hank, den ich erstmals im B35 - "Von den Toten auferstanden?", vorstellte.

Zuerst beschrieb ich Hanks Kindheit, unter anderem die entsetzlichen Misshandlungen durch seinen schwer alkoholkranken Stiefvater: Einmal versuchte dieser sogar, Hank zu erhängen. Auch erzählte ich, wie Hank fast unabsichtlich zum Einbrecher wurde, als seine Tochter einen Nachbarn beschuldigte, Fotos von ihr und ihren Freundinnen machen zu wollen.

Dann beschrieb ich Hanks kriminelle Karriere als Serieneinbrecher in New Jersey, wo er sich auf Waffenraub spezialisiert hatte. Nach einer kurzen Haftstrafe zog er zurück nach Virginia und beging eine neue Serie von Einbrüchen in den reichen Vororten der Stadt, in der er Jahrzehnte davor bettelarm aufgewachsen war. Wieder wurde er erwischt – und dieses Mal wurde er, unter anderem für eine mögliche Vergewaltigung, mit drei lebenslangen Haftstrafen bestraft.

Hanks Knastkarriere begann im berüchtigten Gefängnis "500 Spring Street", auch genannt "The Walls", welches architektonisch der Haftanstalt in dem bekannte Film "Shawshank Redemption" ("Die Verurteilten") ähnelte. "The Walls" wurde 1990 abgerissen. Dort wurde damals fast jede Woche ein Insasse ermordet, auch Hank sah zwei solche Morde mit eigenen Augen.

Weil er bereits vierunddreißig Jahre alt war, als er dort ankam, wurde er glücklicherweise nicht vergewaltigt, was in jenen Zeiten eine Art Begrüßungsritual war. Wer meine Bücher gelesen hat, weiß, dass ich selber kurz nach meiner Ankunft im ebenfalls berüchtigten Mecklenburg Correctional Center 1991 nur knapp einer Begrüßungsvergewaltigung entkam.

1982 wurde Hank von "The Walls" ins Brunswick Correctional Center verlegt. Ich traf ihn dort im Jahr 2000, und wir verbrachten die nächsten neun Jahre im selben Wohnabteil, bis dieses Gefängnis aus Kostengründen geschlossen wurde. Nun wohnen wir wieder im selben Wohnabteil, im Buckingham Correctional Center – ein unglaublicher Zufall, wenn man bedenkt, dass die Strafvollzugsbehörde Department of Corrections in Virginia mehr als vierzig Gefängnisse hat, und dass es im Buckingham Correctional Center zwanzig Wohnabteile für die 1.100 Häftlinge gibt.

Als Hank 1982 im Brunswick Correctional Center ankam, gab es in ganz Virginia nur fünf oder sechs Gefängnisse, und diese waren auch nicht so absurd überbelegt wie heute. Ziemlich bald konnte Hank in eine Einzelzelle ziehen, was er als den großen Wendepunkt seines Lebens bezeichnet. Zum ersten Mal konnte er in Ruhe über sich und sein Leben nachdenken. Er war siebenunddreißig Jahre alt.

1983 schrieb er einen Brief an die Leiterin der Organisation Parents Anonymous, die Kindesmisshandlungen durch Ausbildung gefährdeter Eltern verhindern wollte. Am Frauengefägnis Goochland Correctional Center führte diese Organisation Kurse für inhaftierte Mütter durch.

Hank gelang es mit Hilfe einer Sozialarbeiterin, einen der Kurse zum ersten Mal in ein Männergefängnis zu bringen. Damals gab es noch Sozialarbeiter in Haftanstalten; heutzutage gibt es nur noch den Titel, doch der Job besteht ausschließlich darin, die Gefährlichkeit und damit die Sicherheitsstufe der Insassen zu begutachten und dokumentieren.

Von 1983 bis 1996 führte Hank, mit Hilfe einer Reihe von Sozialarbeitern und -arbeiterinnen, das Programm "MiLK" am Brunswick Correctional Center durch und gewann dafür sogar drei von der Strafvollzugsbehörde verliehene Preise. (Solche Preise gibt es heute selbstverständlich nicht mehr.) Das Akronym "MiLK" stammte vom Goochland Frauengefängnis, wo es für "Mothers in Love with Kids" stand; bei Hank wurde "Mothers" zu "Men". Gefangene, die teilnehmen wollten, mussten neun Kurse zu Themen wie Kindererziehung, Ernährung, Entwicklung, Erste Hilfe, Psychologie und vieles mehr belegen. Weil Häftlinge damals noch nicht die allseits verhassten und letztlich vergessenen Sündenböcke der U.S.-Gesellschaft geworden waren, gelang es Hank, alle möglichen Experten, zum Beispiel vom nahe gelegenen St. Pauls College, dazu zu bewegen, diese Kurse zu leiten.

Selbst das Wachpersonal des Brunswick Correctional Center machte mit, manchmal als Lehrer (zum Beispiel die Krankenschwestern: Erste Hilfe) und manchmal sogar als Schüler. Damals war so etwas noch erlaubt; Jahrzehnte später, als ich eine Tai Chi Klasse im Brunswick Correctional Center leitete, wurde zwei Wächtern, die teilnehmen wollten, das Mitmachen verboten: Das sei Fraternisierung mit dem Feind.

Sobald die inhaftierten Teilnehmer alle neun Kurse absolviert und die dazugehörenden Tests bestanden hatten, durften sie ein Mal alle drei Monate an einem besonderen Besucherabend teilnehmen. An diesem Abend brachten die (meist ehemaligen) Ehefrauen der Gefangenen die Kinder zum Besuchersaal – und ließen sie dort bei den Insassen und den Sozialarbeitern und -arbeiterinnen. Die Ehefrauen gingen in einen anderen Raum, wo es auch für sie Kurse zu verschiedenen erziehungsrelevanten Themen gab.

Der Clou war also, dass Väter die Gelegenheit hatten, allein mit ihren Kindern zu sein (abgesehen von den Sozialarbeitern und -arbeiterinnen). Denn bei normalen Besuchen ist es immer so, dass die Erwachsenen miteinander sprachen, während die Kinder wahllos im Besucherraum herumliefen und sich langweilten. Auf diese Weise konnte man als inhaftierter Vater keine gute Beziehung zu den eigenen Kindern entwickeln und aufrecht erhalten.

Natürlich konnten sich die Ehefrauen einiger der "MiLK"-Teilnehmer die Reise und möglicherweise nötige Hotelübernachtung nicht leisten. Deshalb sammelte das Programm Spenden im Besuchersaal bzw. verkaufte Kaffee und Gebäck. Armut durfte kein Grund dafür sein, dass ein Vater seine Kinder nicht wenigstens alle drei Monate zu sehen bekam.

Zeitweilig gab es bis zu fünfzig Teilnehmer am "MiLK"-Programm, das entsprach damals fast 10% der Häftlingsbevölkerung des Brunswick Correctional Center. Hank sagte mir, dass dieses Programm für viele Insassen zu einem der wichtigsten Lebensinhalte wurde.

Sicherlich war das für ihn der Fall. In den Jahren 2000 bis 2009 hatte ich die Gelegenheit, alle vier von Hanks Kindern (sowie auch seine deutsche Mutter) im Besuchersaal des Brunswick Correctional Center kennen zu lernen; die Kinder sind etwa in meinem Alter. Und im Vergleich zu fast allen anderen Gefangenen, die keinerlei Beziehung zu den eigenen Kindern haben, ist es schon erstaunlich, wie herzlich Hanks Kinder mit ihm umgehen.

Alle vier sind übrigens erfolgreiche Menschen geworden und haben längst eigene Kinder – in einem Fall sogar einen Enkel. Ich habe ein Foto von Hank mit seinem Urenkel, kurz nach dessen Geburt; damals war ich der offizielle "Hof-Fotograf" im Besuchersaal, das war mein Knastjob.

Genauso wichtig wie die Festigung seiner Beziehung zu seinen Kindern findet Hank aber auch, was er durch die "MiLK"-Kurse über sich selbst, seine eigene Entwicklung als Kind und sogar seine Verbrechen lernte. Das dauerte Jahre, natürlich, aber mit der Zeit begann er tatsächlich zu verstehen, wieso er damals in den siebziger Jahren diesen unwiderstehlichen Drang zum Einbrechen entwickelte, diese Sucht nach dem "high" des scheinbar großen Geldes.

Doch 1996 wurde das "MiLK"-Programm, wie fast alle Programme dieser Art, durch den damaligen Republikanischen Gouverneur von Virginia George F. Allen beendet. Es war dieser Gouverneur, der 1995 die frühzeitige Entlassung auf Bewährung – das sogenannte "parole" – abschaffte, weswegen Hank und ich nicht freikommen können.

(Nebenbei: Regelmäßige Leser dieses Blogs und meiner Bücher wissen, dass Häftlinge wie Hank und ich, die vor 1995 verurteilt wurden, weiterhin regelmäßige "parole"-Anhörungen bekommen – nur wird "parole" eben so gut wie nie gewährt. Das im Februar 2011 ernannte "parole board" des Republikanischen Gouverneurs von Virginia Robert F. McDonnell hat die Entlassungsrate auf rund 2% gesenkt, bis dahin wurden "großzügig" rund 4% entlassen.)

1996 war eine große Zeitenwende im amerikanischen Strafvollzug. Zum Beispiel erließ 1996 der U.S.-Präsident Bill Clinton auf Bundesebene zwei Gesetze, die die Leben der Gefängnisinsassen ganz unbeschreiblich erschwerten: Die Gesetze PLRA und AEDPA.

Durch das PLRA wurde es für Gefangene fortan praktisch unmöglich, sich juristisch gegen selbst die gröbsten Rechtsbrüche, Brutalitäten und Vernachlässigungen durch das Wachpersonal zu wehren. Und das AEDPA machte es fast unmöglich, Unrechtsurteile im Bundesgerichtssystem wieder aufzurollen.

Zu den angeblich nicht vorhersehbaren negativen Folgen dieser schrecklichen Gesetze, PLRA sowie AEDPA, gibt es mittlerweile ausführliche Berichte von Ausschüssen des U.S.-Kongress, aber natürlich ändert sich gar nichts. Denn wenn man als U.S.-amerikanischer Politiker Menschen wie Hank und mir etwas weniger als unerbitterliche Härte zeigt, wird man von der Gegenseite sofort als "soft on crime", zu weich dem Verbrechen gegenüber, angegriffen.

In dieser Atmosphäre ist es natürlich unmöglich, ein Programm wie "MiLK" fortzuführen. Es beruht ja auf dem anachronistischen Gedanken, dass Häftlinge auch Menschen sind – also Wesen, die sich ändern können, manchmal sogar zum Guten, und zwar durch Beziehungen mit anderen Menschen.

Zum Beispiel durch Beziehungen mit den eigenen Kindern. Oder Beziehungen zu Professoren vom St. Paul´s College. Oder "fraternisierenden" Beziehungen zu Sozialarbeitern und -arbeiterinnen, die in Hanks Fall sogar seine Kinder zum Gefängnis brachten. Damals, in den achtziger Jahren.

Wenn man jedoch Menschen wie Hank und mich gar nicht mehr als Menschen erkennen will oder kann, dann ist es auch unmöglich, Beziehungen mit uns einzugehen. Denn wir sind ja irgendwie gar nicht da, jedenfalls nicht als Mensch – nur als Hassobjekt.

Deshalb liegt mir so viel daran, dass Sie, meine Leser, Hank auch als Menschen sehen. Ich entschuldige seine Verbrechen damit überhaupt nicht! Was er seinen Opfern antat, war Unrecht, er ist alles andere als ein Engel. Nur ist er auch kein Teufel, kein Untermensch.

Hank ist jetzt im dreiunddreißigsten Jahr seiner Haft. Er wird im Gefängnis sterben. So endet heutzutage der "American dream".
Posted by: AB AT 06:28 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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