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Wednesday, 09 November 2011
Im ersten Teil dieses Blogeintrags erzählte ich die Geschichte meines Freundes Hank, den ich erstmals in B35 - "Von den Toten auferstanden?", vorstellte.

Hanks Familie wanderte 1952 von Deutschland nach Amerika aus, doch das große Glück fand Hank dort nicht: Sein schwer alkoholkranker Stiefvater quälte ihn schrecklich, unter anderem versuchte er, Hank zu erhängen. Nach seinem Umzug nach New York gelang es Hank, über seine Schwiegermutter, die "italienischer Abstammung" war, einen der heißbegehrten Arbeitsplätze im New York Department of Sanitation zu ergattern, welches damals von der Mafia kontrolliert wurde.
 
1972 beschuldigte Hanks älteste Tochter den Nachbarn, er wolle Fotos von ihr und ihren Freundinnen machen, worauf Hank in das Haus des Nachbarn einbrach, um die Kamera zu finden. Zwar gelang ihm das nicht, aber "zur Rache" nahm er Wertgegenstände im Wert von sechs bis siebentausend Dollar mit – ein unbeabsichtigter finanzieller Erfolg, der auf Hank den gleichen Effekt wie ein Drogen-"high" hatte.
 
Zum ersten Mal in seinem Leben war er "reich". Nun konnte Hank es sich sogar leisten, auf Pferderennen zu wetten, eine besonders beliebte Form der Unterhaltung unter den Familien "italienischer Abstammung", mit denen er in New York in einem der typischen italienisch - amerikanischen Arbeiterviertel wohnte. Im Gegensatz zu seiner Kindheit in Danville, Virginia, war er in New York kein Außenseiter mehr, sondern "one of the fellas", einer der Jungs, der einen dicken Rollen Geldscheine in der Tasche hatte. Der "American Dream" war endlich auch für Hank wahr geworden.

Also wurde er professioneller Serieneinbrecher. In den nächsten sechs bis acht Monaten, also 1972 bis 1973, beging er mindestens sechzig Einbrüche in dem an New York angrenzenden U.S.-Bundesstaat New Jersey. Hank war eine Ein-Mann-Verbrechenswelle.

Dabei machte ihm das Einbrechen an sich überhaupt keinen Spaß, sagte er mir, im Gegenteil: Es war gefährliche Arbeit, die er so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, jedes Mal. Was Hank wichtig war, was ihm dieses drogenähnliche "high" gab, das war das viele Geld, und was es ihm bedeutete: endlich, endlich angekommen zu sein.

Fast jeden Abend fuhr Hank in seinem Auto in wohlhabenden Nachbarschaften herum und suchte nach "guten" Häusern. Die waren abends leichter zu erkennen als tagsüber, weil in leerstehenden Häusern keine Lichter eingeschaltet waren: Dunkle Fenster bedeuteten, dass die Einwohner abwesend waren.

Sobald er eines dieser dunklen Häuser entdeckt hatte, schaute Hank sich die Nachbarhäuser an: Waren die vielleicht auch dunkel? Gab es große Hecken, die ein Haus vom nächsten trennten und es den Nachbarn schwer machen würden, Hank beim Einbruch zu sehen? War die Tür der Garage offen oder geschlossen? Lag die Tageszeitung auf der Veranda, weil die Eigentümer auf Reise waren?

Hatte Hank einmal ein "gutes" Haus entdeckt, parkte er sein Auto einige Straßen weiter und ging zu Fuß zum Haus zurück. Meist trug er dabei selber eine Tageszeitung. Als er beim Haus ankam, drückte er auf die Klingel: Wenn jemand die Tür öffnete, hatte er eine Geschichte parat, irgendwas über ein Inserat in der Zeitung, die er mit sich trug.

Wenn niemand die Tür öffnete, ging Hank um die Seite des Hauses herum und warf schnell einen Blick in die Garage, um zu sehen, ob wenigstens eines der Autos nicht da war. Die Hintergärten waren gerade in wohlhabenden Nachbarschaften fast immer mit hohen Hecken oder Zäunen umgeben, so dass er viel Zeit hatte, unbeobachtet durch die Hintertür einzubrechen. In jenen Zeiten waren die Hintertüren außerdem oft einfach nicht abgeschlossen.

Selbst teure Häuser hatten damals meist billige Türschlösser, die man innerhalb von Sekunden mit einem Schraubenzieher öffnen konnte, indem man ihn in die Ritze zwischen Tür und Rahmen steckte. Sollte das nicht gelingen, war gleich neben der Tür immer ein Küchenfenster, welches entweder halb offen war oder wieder mit dem Schraubenzieher leichtens geöffnet werden konnte.
 
Sobald Hank im Haus war, öffnete er zuerst einmal die Vordertür und ein Fenster, damit er sofort einen Notausgang hatte, falls die Eigentümer zurückkehrten. Was er am meisten fürchtete, war, von den Besitzern der Häuser überrascht zu werden: Das geschah Hank zwei Mal und beide Male rannte er so schnell, wie ihn seine kurzen Beine tragen konnten.

Im Haus suchte er nach Wertgegenständen, die er leicht transportieren konnte: Geld, Schmuck und vor allem Schusswaffen. New York hatte nämlich schon damals sehr restriktive Schusswaffengesetze: Der Wert einer Pistole verdreifachte sich, sobald man sie über den Hudson River von New Jersey nach New York transportierte.

Besonders die Verwandten und Freunde von Hanks Schwiegermutter, der Dame "italienischer Abstammung", kauften Hank alles ab, was er ihnen brachte – zu besten Preisen. Und glücklicherweise besaßen die Hauseigentümer in wohlhabenden Nachbarschaften immer nagelneue Pistolen und Revolver, die sie praktischerweise (für Hank!) immer am selben Ort "versteckten": in der obersten Schublade in der Kommode gleich neben dem Bett.

Nur etwa fünf Mal kam Hank ohne Beute zurück. Bei diesen Gelegenheiten hatte er nämlich versehentlich die Schlafzimmer der Kinder betreten. Der Anblick der Spielzeuge und Kinderbetten ließ ihn übel werden, er konnte nicht weitermachen und floh.

Natürlich merkte die Polizei in den Bezirken New Jerseys, die an New York angrenzten, dass die Zahl der Einbrüche in ihrer Gegend plötzlich emporschnellte. Vermutlich setzte man eine SOKO ein, denn eines Abends wurde Hank bei einem seiner Ausflüge in eine wohlhabende Nachbarschaft New Jerseys gestoppt: Schließlich trug sein Auto ein New Yorker Nummernschild. Bei der Durchsuchung seines Wagens entdeckte man den Dienstausweis eines Polizisten und dessen Schusswaffe, die Hank bei einem seiner jüngsten Raubzüge erbeutet hatte.

Von den mehr als sechzig Einbrüchen konnte man ihm vierzig anlasten. Weil er auf Kaution entlassen worden war, riet ihm der Richter, er solle möglichst viele der gestohlenen Waffen zurück bringen, dann würde er eine niedrigere Haftstrafe erhalten.

Hank brachte ihm etwa fünfzehn und der Richter hielt sein Wort: Er verhängte achtzehn Monate Haft, wovon Hank nur neun absitzen musste. Fast die ganzen neun Monate durfte er außerhalb des Gefängnisses arbeiten: als Müllwagenfahrer fürs Strafvollzugsystem, wie vormals, als er noch beim New York Department of Sanitation jobbte.

1974 wurde Hank entlassen und kehrte zu seiner Ehefrau und den vier Kindern zurück. Doch war er so verlegen und beschämt, dass er in eine tiefe Depression fiel, die etwa drei Jahre dauerte. Schließlich raffte Hank sich 1977 auf und zog mit seiner Familie zurück nach Virginia, nach Martinsville, einem Städtchen in der Nähe von Danville, wo seine Mutter immer noch wohnte.

Dort fand Hank auch Arbeit, die allerdings extrem saisonbedingt war. In den Wintermonaten gab es einfach kein Geld. Also entschloss er sich, wieder klauen zu gehen.

Hank fuhr also abends in den wohlhabenden Stadtteilen von Danville herum, dem Ort, an dem er Ende der fünfziger Jahre aufgewachsen war. In diesen reichen Gegenden Danvilles wohnten damals jene Kinder, mit denen er zwar zur Schule ging, aber zu denen er nie den sozialen Anschluss gefunden hatte – wegen der Armut seiner Familie und der psychosomatischen Beschwerden, welche ich im ersten Teil dieses Blogeintrages erwähnte. Hanks abendliche Raubzüge waren also eine Art Reise in seine Vergangenheit.

Dieses Mal gelangen ihm nur etwa zehn Einbrüche, sagte er mir, bevor er 1979 wieder eines Abends von einer SOKO der Polizei gestoppt wurde. Und wie in New York wurde er wieder mit Diebesgut erwischt: Zehntausend Dollar in Bargeld.

Doch die Polizisten warfen ihm viel Schlimmeres vor.

Bei einem seiner letzten Einbrüche hatte Hank wie üblich an der Vordertür eines dunklen, lichtlosen Hauses geklingelt. Als niemand antwortete, ging er zur Hinterür und brach sie schnell auf. Doch sobald er das Haus betrat, stand plötzlich eine neunzehnjährige junge Frau vor ihm.
 
Sie holte gerade zum Schreien aus – also griff Hank sie beim Arm und zog sie ins Wohnzimmer, wo er ihr sagte, sie solle sich hinsetzen und still bleiben. Dann öffnete er eine Schublade, begann darin herumzusuchen – und besann sich: Was mache ich hier? Also befahl Hank der jungen Frau noch einmal, bloß nicht zu schreien und floh.

Ausgerechnet dieses Mal erinnerte sich einer der Nachbarn an die Marke und Farbe des Autos, das Hank fuhr und auf diese Weise kam man ihm auf die Schliche. Im Gegensatz zu New Jersey kam er in Danville nicht auf Kaution frei; denn natürlich erfuhr die Staatsanwaltschaft, dass dieser Bursche vierzig – was, wirklich, vierzig ?!? - Einbrüche in New Jersey begangen hatte, deren Hauptziel offensichtlich der Waffenraub gewesen war.
 
Und nun wurde dieser Ganove hier in einer friedlichen, ländlichen Gegend Virginias gefasst, mit einer enormen Summe Bargeld in der Tasche (Zehntausend Dollar waren 1979 ein Vermögen). Noch schlimmer: Er hatte sich an einer "unserer" Frauen vergriffen, der wohlgeborenen, noch jungfräulichen Tochter einer reichen Familie am Ort.

Bei einer Gerichtsanhörung die vor der offiziellen Anklageerhebung stattfand - einem sogenannten "preliminary hearing" - sagte die junge Frau, Hank habe sie "möglicherweise" vergewaltigt, "es könnte sein". Das reichte: Er wurde angeklagt, einen Einbruch mit Waffe begangen zu haben (die Waffe war der Schraubenzieher), sowie Entführung (weil er die junge Frau ins Wohnzimmer gezogen hatte), und zuletzt Vergewaltigung.

Hanks Strafverteidiger sagte ihm, dass die Höchststrafe für jedes dieser Verbrechen lebenslänglich sei, was bedeutete, dass er siebzehn Jahre absitzen müsse, bevor er die frühzeitige Entlassung auf Bewährung - das sogenannte "parole" - beantragen könne. Aber wenn Hank sich vor Gericht schuldig erkläre, würde er nur siebenundsechzig Jahre bekommen, wovon er bloß zehn absitzen müsse. Dies sei also seine Wahl: siebzehn Jahre oder zehn?

Hank wählte die zehn: Vor Gericht erklärte er sich schuldig. Doch der Richter verhing nicht die abgemachten siebenundsechzig Jahre (die zehn gleichgekommen wären), sondern das Dreifach-Lebenslänglich. Denn – so stellte es sich später heraus – der Richter war der direkte Nachbar von einem von Hanks anderen Einbruchsopfern in Danville.
 
Was den Richter natürlich in dieser Angelegenheit mit der jungen Frau überhaupt nicht befangen machte. Ganz und gar nicht.

Im nächsten Teil dieses Blogeintrages erzähle ich die Geschichte von Hanks Knastkarriere in den Jahrzehnten seit 1979.


                                                       Ein Nachwort

Liebe Leser, bitte schreiben Sie mir nicht in die  Kommentarspalte dieses Blogs, dass ich Hanks kriminelle Karriere mit "zu viel" Sympathie für den Täter beschrieben habe - dass ich "nicht genug" über das Leiden der Opfer gesagt habe. Ich bin mir dessen bewusst und es war Absicht.

Heutzutage werden Verbrechen meines Erfahrens nach ausnahmslos aus der Perspektive der Opfer betrachtet, beschrieben und verstanden.
 
Das ist im Allgemeinen legitim, denn die Opfer – auch die Opfer von Hanks Verbrechen – sind unschuldig und haben ihr Leiden nicht verdient. Selbstverständlich sollen und müssen unsere Sympathien zuerst den Opfern gelten!

Meines Erachtens nach ist es jedoch ein Fehler – letztlich sogar für die Opfer! - sich ausschließlich auf die Perspektive der Opfer zu begrenzen. Denn auf diese Weise lernt man nichts über die Täter.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, auch die Perspektive der Täter zu betrachten, beschreiben und verstehen – denn nur so kann man effektiv Verbrechen verhindern, damit es weniger zukünftige Opfer gibt. Um eine Krankheit zu heilen, muss man die Ursache – den Bazillus oder Virus – untersuchen; aber dabei hilft uns eine mitfühlende Beschreibung der subjektiven Leiden des Kranken wenig.

Bei Verbrechen ist der "Bazillus" ein Mensch wie Hank. Um zu verhindern, dass es in Zukunft mehr "Hanks" gibt, muss man sich mit seiner subjektiven Erfahrung und Perspektive befassen, um ihn und seine Taten zu verstehen.

Das bedeutet noch lange nicht, dass man seine Taten gutheißt! Ich heiße sie bestimmt nicht gut, ich stamme aus einer relativ wohlhabenden Familie, wir waren einmal (in Florida, im Sommer 1979) selber Opfer eines Einbruchs. Also habe ich quasi persönliche Grüne, Hank verstehen zu wollen.
 
Außerdem finde ich es einfach menschlich faszinierend, wie sich die Biographie eines Serieneinbrechers entwickelt. Dies ist eine Geschichte, die Sie in dieser Form nirgends sonst zu lesen bekommen! Denn überall sonst hört man ausnahmslos die Perspektive der Opfer, die wirklich die wichtigere ist.

Aber es ist nicht die einzige. Dieses eine Mal kommt eben die andere Perspektive: Hanks.
Posted by: KS AT 05:49 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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