HomeInformationTV-BerichteBücher von JensKontaktFacebookBlog


  Blog
  • Jens veröffentlicht unregelmäßig neue Blog-Texte. Alle bisherigen Blog-Texte finden Sie in der Liste aller Blogtexte.
  • Gerne können Sie Jens Ihre Kommentare zu den Blogtexten sowie Vorschläge für weitere Themen zukommen lassen unter info (at) jenssoering.de.
    Alle bisher bei uns eingegangenen Leser-Fragen sowie Jens' Antworten darauf finden Sie unter Kontakt->Flaschenpost.
Wednesday, 21 December 2011
Versäumnisse im Jugendstrafrecht

(Anmerkung: Am 18. September 2007 veröffentlichte das „The Christian Century“ Magazin meinen Artikel „Uncorrected“. Hier finden Sie den ins Deutsche übersetzten Artikel.)

Im Alter von 12 Jahren tötete Lionel Tate (Wikipedia ) seinen 6 Jahre alten Spielkameraden. Er wurde wegen schweren Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Fünf Jahre später, im Jahr 2004, hob das Berufungsgericht seine Verurteilung auf, und nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft wurde er aus der Haft entlassen. 2005 wurde er erneut verhaftet, nachdem er einen Pizzalieferanten ausgeraubt hatte. Jetzt verbüßt er eine 30-jährige Haftstrafe.

Für viele ist Lionel Tate der lebende Beweis dafür, dass einige jugendliche Straftäter einfach unverbesserlich sind. Doch andere sehen in ihm einen von vielen Jugendlichen, denen nicht gedient ist mit einem Strafvollzugssystem, das nur bestraft und nicht hilft. Tate hatte immerhin fünf Jahre in der Obhut dieses Systems verbracht und ein vom Gericht bestellter Psychologe erklärte später bedauernd: "Wir hatten eine echte Chance", sein Leben zu verändern. "Das Richtige wäre gewesen, diesem jungen Mann eine helfende Hand zu reichen."

Stattdessen verlor sich Tate in einem Jugendstrafsystem, das den Kindern nicht die Hilfe geben kann, die sie benötigen. Im Jahr 1995 – das letzte Jahr, für das landesweite Zahlen verfügbar sind – saßen 1,7 Million Jungs und Mädchen im Gefängnis, und in einigen Staaten, z. B. in Texas, sind die Inhaftierungsraten seitdem um 73% gestiegen. An einem gewöhnlichen Tag sind in den USA über 105.000 Jugendliche hinter Gittern, und über 11.000 dieser Minderjährigen verbüßen ihre Haft in Gefängnissen für Erwachsene.

Die Rückfallquote bei diesen Jugendlichen liegt bei 80% (zum Vergleich: die landesweite Rückfallquote bei Erwachsenen beträgt 67,5%). Die Haftunterbringung eines Jugendstraftäters für ein Jahr kostet den Bundesstaat Kalifornien 80.000 Dollar. 90% dieser Jugendlichen werden nach ihrer Haft erneut straffällig. Im ganzen Land wird jedes Jahr mehr Geld für die Haftunterbringung von Kindern ausgegeben als für die Bildung an öffentlichen Schulen!

Genau wie bei der Verbrechensrate bei Erwachsenen, die zwischen 1973 und 2003 unverändert blieb, gab es auch in der Jugendkriminalitätsrate keine langfristige Steigerung, die die drastische Ausweitung des Strafvollzugs für Jugendliche erklären würde. Laut des National Crime Survey (Nationale Erhebung zur Kriminalität) blieben die Zahlen von schweren Jugendstraftaten zwischen 1973 und 1989 relativ konstant. Nachdem sie zwischen 1989 und 1993 um ein Drittel anstiegen, gehen sie seitdem stetig zurück. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts sank die Zahl der Festnahmen von Minderjährigen in Zusammenhang mit schweren Straftaten um 44%, im Fall von Mord um 70%.

Manche mögen dies als Beweis dafür ansehen, dass die Strategie des „harten Durchgreifens“ im Jugendrecht Früchte trägt. Doch Barry Krisberg vom National Council on Crime and Delinquency (Nationaler Rat für die Bekämpfung von Kriminalität und Verbrechen) argumentiert, dass der Rückgang in der Jugendkriminalität "einsetzte, bevor die härtere Linie im Jugendstrafrecht überhaupt umgesetzt wurde" – und auch bevor viele der derzeit existierenden Jugendgefängnisse gebaut wurden. Stattdessen sei der Rückgang in der Jugendkriminalität auf einen demographischen Rückgang der Zahl der jungen Menschen zurückzuführen, den Wirtschaftsboom in den 1990er-Jahren und das Ende der Crack-Kokain-Ära.

Die öffentliche Entrüstung über Schießereien zwischen schwarzen Crack-Dealern trug damals zu einer zunehmenden Rassendiskriminierung im Justizsystem bei: Afroamerikanische Jugendliche stellen 15% der Gesamtjugend dieses Landes, aber 44% der minderjährigen Gefängnisinsassen. Ein Großteil dieser Kinder sitzt seine Zeit in einem Erwachsenengefängnis ab. Auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Arten von Straftaten häufiger von Minderheitenangehörigen begangen werden, belegen regionale und landesweite Studien, dass afroamerikanische Jugendliche für ein- und dieselbe Straftat häufiger verhaftet oder festgenommen werden als weiße. Außerdem erhalten schwarze Kinder häufiger (bei Drogendelikten 48 Mal mehr) und längere (41% länger) Gefängnisstrafen als weiße.

Warum dieser Unterschied? In einer 1999 im American Sociological Review veröffentlichten Studie heißt es, dass „Probation officers“ (Bewährungshelfer) bei der Beurteilung der jugendlichen Straftäter dazu tendieren, weiße Teenager als Opfer der Umstände anzusehen, während den schwarzen häufig ein kriminelles Wesen zugeschrieben wird (Zusammenfassung der Veröffentlichung )

Neben der besorgniserregenden Rolle, die rassistische Stereotypen in der Rechtsprechung spielen, stellt auch der Umgang mit psychischen Erkrankungen ein Problem dar. So wie Erwachsenengefängnisse oft als psychiatrische Kliniken zweckentfremdet werden, sind auch Jugendstrafanstalten "de facto zu Psychiatrien für psychische kranke Jungendliche geworden", erklärt Dr. Ken Martinez vom New Mexico Department of Children, Youth and Families (Abteilung Kinder, Jugend und Familie; Quelle ).

In einem Bericht der Annie E. Casey Foundation heißt es, dass 80% der jugendlichen Straftäter unter diagnostizierbaren psychischen Störungen leiden. In den meisten Vollzugsanstalten sind psychisch Kranke zusammen mit den "normalen" Gefängnisinsassen inhaftiert.

Die in den Jugendgefängnissen herrschenden Bedingungen sind Ausdruck der "harten Linie" im Strafrecht. Um das Leben der jungen Straftäter zu verändern, wird wenig getan.

Nehmen wir folgende Beispiele:
  • In Kalifornien berichteten vom Gericht bestellte, unabhängige Experten von Isolationszellen, die "verschmutzt waren mit Blut, Schleim und Fäkalien". Der Schulunterricht wurde in einem Raum mit kleinen Käfigen abgehalten, in denen die Schüler einzeln saßen.
  • In New York City gibt es für die 19 Jugendgefängnisse der Stadt nur einen einzigen Vollzeit-Arzt. Dieser Arzt und der Jugendrechtsbeauftragte wurden jeweils wegen Missachtung des Gerichts belangt, weil sie es unterlassen hatten, ihren Schutzbefohlenen die verschriebenen HIV-Medikamente und Psychopharmaka zu geben.
  • In Miami (Dade County), Florida, stellte man bei einer Grand Jury-Untersuchung fest, dass "Dutzende der Angestellten im Jugendvollzug bereits selbst einmal verurteilt oder festgenommen wurden." Dies war ans Licht gekommen, nachdem in einer Jugendhaftanstalt ein Junge "unter schrecklichen Schmerzen auf einer Betonliege" gestorben war, weil die zwei Krankenschwestern vor Ort ihm nicht geholfen haben.
  • In Mississippi führte eine Untersuchung des Justizministeriums zur Aufdeckung "nicht nachverfolgter Fälle von Misshandlung der Insassen durch das Personal, darunter tätliche Angriffe und die Anwendung chemischer Sprays", sowie "die Verwendung von Fußfesseln, das Anketten an Eisenstangen sowie längere Isolation von selbstmordgefährdeten Jugendlichen in dunklen Räumen ohne Licht, frische Luft oder sanitäre Einrichtungen."
So schockierend diese Beispiele für Misshandlungen durch das Gefängnispersonal sind, sie sind bei Weitem nicht das Schlimmste an den Jugendgefängnissen...

Nächste Woche in Teil 2 von "Unverbesserlich" werde ich Ihnen dann davon erzählen, was zur selben Zeit geschah, als Gerichte damit begannen, Jugendliche wie Erwachsene zu behandeln.
Posted by: TH AT 06:40 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



 Hier finden Sie eine
Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

Mit dem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert
Neue Web-Beiträge 

24. Juni:
Verurteilte werden einfach vergessen, Prozess

Study: 1 in 25 sentenced to death may be innocent, Prozess
Appeals court: Change to innocence statute makes little difference, Prozess

15. Juni:
Häftling 179212, Artikel
Ich würde es noch einmal tun, ich schicke niemanden zum Henker, Artikel
17. März:

New York’s Broken Parole System, Prozess
19. Januar:
Flaschenpost 13, Kontakt
14. Januar:
Hoffnungsschimmer für deutschen US-Häftling Jens Söring, Artikel
31. Dezember:
The Interview - Do police interrogation techniques produce false confessions?, Prozess

1. November:
Sandy Hausman Series, Artikel

 

    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design