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Wednesday, 29 February 2012
Wie Sie bestimmt bemerkt haben, habe ich seit dem am 19. Oktober 2011 veröffentlichten Blogeintrag B60 - "Auf der anderen Seite des Abgrunds - Amanda Knox und ich" keine Blogeinträge über Justizirrtümer im Allgemeinen oder meinen Fall im Besonderen mehr geschrieben. Der Grund dafür ist, dass sich ein Online-Stalker, der selber einige Jahre in einer psychiatrischen Anstalt für Vatermord einsaß, in der Kommentarspalte meines Blogs breitgemacht hatte: Aus irgendwelchen Gründen war es ihm entsetzlich wichtig, mich als schuldig hinzustellen. Vielleicht weil er mit den eigenen Schuldgefühlen für seinen Mord nicht fertig wird. Jedenfalls nahm ich seine Online-Keiferei zum Anlass, einige Zeit nichts mehr über meinen Fall zu schreiben.

Zum Thema "Online-Stalker" möchte ich hier noch kurz erwähnen, dass ich vor kurzem einen Brief von meinem Stalker erhalten habe: Von einem vorbestraften Hochstapler, dessen kriminelle und psychiatrische "Karriere" bis in die 1980er Jahre zurückreicht (siehe "Stern"-Magazin, Artikel "Das Früchtchen"). Letztes Jahr schrieb er mir aus einer psychiatrischen Anstalt. Er gab mir Tipps, wie man die Gerichtsmediziner manipulieren kann. Dieses Jahr ist er anscheinend entlassen worden,  denn nun schreibt er mir unter dem Namen "Franz, Herzog von Bayern / Herzog in Bayern". (Warum er dabei seinen "Titel" in zwei verschiedenen Formen wiederholt, ist mir nicht klar - vielleicht, weil er doppelt edel ist?) Auch diesem "Herzog-Früchtchen" ist es irgendwie sehr wichtig, dass ich schuldig sein muss, weiß der Teufel warum.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle noch ein weiteres Mal zu wiederholen, was ich schon so oft in Blogeinträgen, Büchern, Zeitungsinterviews und TV-Dokus gesagt habe:
  • Ich behaupte, ich bin unschuldig. Das kann man mir glauben oder nicht.
  • Was keine Meinungssache ist oder sein sollte, ist, dass meine Schuld juristisch nicht bewiesen ist - auf Englisch "reasonable doubt", oder "In dubio pro reo" (lat. "Im Zweifel für den Angeklagten"). Deshalb bin ich juristisch unschuldig bzw. nicht schuldig. Das ist auch der Titel meines neuen Buches.

Außer meinem angeblichen Geständnis gibt es keinen Beweis, der auf meine Täterschaft hindeutet:
  • Keinen Schuhabdruck (LR2 ist zu klein, um meiner zu sein) - Details hierzu finden Sie unter "Information->Prozess"
  • Keinen Sockenabdruck (LR3 passt eher auf Elizabeth als auf mich)
  • Keinen Fingerabdruck (nur Elizabeths wurden am Tatort gefunden)
  • Keine Haare (jene im blutverschmierten Waschbecken stammten weder von mir noch von den Opfern)
  • Kein DNS (keine der 42 Blutspuren konnten mir zugeordnet werden, elf davon gehörten definitiv einer weiteren, unbekannten Person) - Details hierzu finden Sie unter "Information->DNS-Test"
  • Keine Tatzeugen

Mein angebliches Geständnis enthielt mindestens 7 grobe Fehler, die der echte Mörder nie gemacht hätte. Und vor allem beweisen die DNS-Testergebnisse, dass mein angebliches Geständnis nicht wahr sein kann: Ich gestand, mich am Tatort an zwei Fingern geschnitten und geblutet zu haben, aber das Blut am Tatort stammt definitiv nicht von mir.

Unter diesen Umständen wäre ein Fall wie meiner in Deutschland oder Italien (Amanda Knox) oder anderen US-Bundesstaaten (Arkansas - West Memphis Three, siehe Blogtexte B56, B57 und B58) längst wieder aufgerollt worden. Aber in Virginia gilt die eiserne "21-Tage-Regel" (siehe "Information->FAQ"), derzufolge ich keine der neuen Beweismittel vor Gericht bringen konnte:
  • neue Schuhabdruckstudie
  • neue Sockenabdruckgutachten
  • neue DNS-Tests
  • neuer Zeuge Tony Buchanan, der einen anderen Mann (als mich) mit Elizabeth und einem blutverschmierten Messer gesehen hatte (Details unter "Information->Neuer Zeuge").

Wenn man all das zusammen betrachtet und auswertet, muss man zu dem Schluss kommen, dass ich nicht schuldig bin. Mehr ist auch gar nicht möglich, weil man ein Negativ bekanntermaßen nicht beweisen kann.

Letzteres müssten eigentlich auch meine Online-Stalker verstehen können, aber selbst wenn nicht: Keiner wird gezwungen, meinen Blog oder meine Bücher zu lesen!

Jene Leser, die an objektiven Informationen über das Phänomen der falschen Geständnisse interessiert sind, biete ich nun den Zeitungsartikel, den ich kürzlich von einem amerikanischen Brieffreund gesandt bekam. Ich halte ihn für so wichtig, dass ich ihn selbst übersetzt habe und ihn nun hier in einem Blogeintrag veröffentliche: John S. Adams, "'Speeding train' interrogations can fuel false confessions", USA Today, 27. Dezember 2011.
Dieser Fall war am 15. Januar 2012 auch Thema im ARD Weltspiegel. Den Beitrag können Sie nachlesen und über den dortigen Verweis "Video zum Beitrag" in der ARD Mediathek auch anschauen.

Mein eigener Fall wird in diesem Artikel nicht erwähnt, aber er veranschaulicht, wie es immer wieder zu falschen Geständnissen kommt.
Helena, US-Bundesstaat Montana - Am 7. Dezember 2011 entließ ein Richter aus Montana den geständigen Mörder Barry Beach aus der Haft, nachdem er festgestellt hatte, dass neue Beweismaterialien in seinem Fall "glaubwürdig" seien, und dass er einen neuen Prozess verdiene.

Der 49 Jahre alte Beach hatte 28 Jahre einer 100-jährigen Haftstrafe abgesessen für den Mord an seiner Mitschülerin Kim Nees im Jahre 1979. Ein Verbrechen, das er gestanden hatte, aber das er seitdem leugnete.

Zwei Tage, nachdem Beach entlassen worden war, befassten sich die [Justiz]-Behörden von Illinois und New York mit zwei Fällen von Geständnissen, von denen die Angeklagten später behaupteten, sie seien erzwungen worden.

Im Kern der Sache geht es in diesen Fällen - und den Dutzenden ähnlichen quer durchs Land - um die Frage: "Warum würde jemand ein Verbrechen gestehen, das er nicht begangen hat?"

Bis vor kurzem betrachtete man den Gedanken, dass jemand Mord oder Vergewaltigung gestehen würde, ohne es begangen zu haben, als absurd, sagt der ehemalige Mordkommissar Jim Trainum aus Washington, D.C.

"Ich frage die Leute immer: Warum sollte jemand jemals ein Verbrechen gestehen, das er nicht begangen hat?", sagt Trainum. "Was machen wir im Verhörraum, das dich davon überzeugt, es sei in deinem eigenen Interesse, etwas zu gestehen, was dich in die Todeszelle bringen könnte?"

Trainum war 27 Jahre lang ein Kriminalpolizist, 17 davon ein Mordkommissar. Nun, im Ruhestand, dient Trainum als Berater [consultant] für ungelöste Fälle und Justizirrtümer, wobei er sich auf falsche Geständnisse spezialisiert hat.

Er sagt, er erhielt sein erstes falsches Geständnis von einem Verdächtigten in seinem ersten Amtsjahr als Mordkommissar.

Trainum sagt, er und seine Polizeikollegen hätten wiederholt Beweismaterialien unbeachtet gelassen, die vom geständigen Verdächtigten wegdeuteten.

"Es ist, als ob man in einem sich ständig beschleunigenden Zug sitzt, der die Schienen entlang rast. Und es ist extrem schwer, diesen Zug zu stoppen", sagt Trainum. "Solange man in diesem Zug sitzt, können andere Hinweise eintreffen, andere Spuren des [tatsächlichen] Killers. Aber weil wir so auf den Verdächtigten fixiert sind, werden diese Hinweise oft nicht zur Kenntnis genommen."

Steven Drizin, ein klinischer Juraprofessor der Rechtsfakultät der Northwestern University und juristischer Leiter des Zentrums für Justizirrtümer, hat mehr als 250 Fälle von bewiesenen falschen Geständnissen analysiert. Fast alle falschen Geständnisse fanden ihren Anfang in einem "Fehler der falschen Klassifizierung", sagt Drizin.

"Wenn Kriminalpolizisten den Verhörraum betreten, nehmen sie bereits an, dass der Verdächtigte schuldig ist aufgrund von Beweisen, die im Laufe der Ermittlungen gesammelt wurden. Oft basiert das auf wenig mehr als einem Gefühl", sagt Drizin.

Der nächste Fehler, den Ermittler oft begehen, ist, was Drizin den "Nötigungsfehler" nennt. Er fängt damit an, dass Ermittler beginnen, den Verdächtigten zu beschuldigen, das Verbrechen begangen zu haben.

"Wo diese Verhöre oft schiefgehen, ist, wenn die Polizei anfängt, implizite oder direkte Drohungen zu machen", sagt Drizin. "Sie sagen dem Verdächtigten, dass ein Geständnis zu Milde oder einer kürzeren Haftstrafe führen könne. Manchmal sagen sie einem Verdächtigten, dass eine Verurteilung extrem harte Konsequenzen haben kann, z.B. die Todesstrafe oder lange Haftstrafen. Manchmal sagen sie Verdächtigten, dass sie im Gefängnis vergewaltigt werden."

Trainum sagt, dass Ermittler dahingehend ausgebildet werden, einen Verdächtigten davon zu überzeugen, dass die Vorteile eines schnellen Geständnisses die Nachteile der möglichen langfristigen Konsequenzen aufwiegen können.

Der dritte Fehler, den Ermittler oft machen, so Drizin, ist, wenn Ermittler wissentlich oder unwissentlich dem Verdächtigten entscheidende Details über das Verbrechen erzählen.

Juraprofessor Brandon Garrett von der University of Virginia und Autor des Buches "Convicting the Innocent" (Die Verurteilung von Unschuldigen, 2011), untersuchte 250 Fälle von Menschen, die durch DNS-Beweise entlastet wurden.

Garrett stellte fest, dass Verdächtigte in 40 dieser Fälle detaillierte Geständnisse ablegten zu Verbrechen, die sie nicht begangen hatten.

Keines der Verhöre in diesen Fällen wurde in seiner Gesamtheit aufgenommen, sagte Garrett.

"In Fällen, in denen das gesamte Verhör aufgezeichnet wurde, ist es sehr viel leichter herauszufinden, ob Ermittler den Verdächtigten entscheidende Details des Verbrechens lieferten", sagt Garrett.

Laut Garretts Studie gab es in 38 der 40 falschen Geständnisse solche Enthüllungen.

Obwohl Polizei und Staatsanwälte den Gerichten und Geschworenen sagten, dass Verdächtigte Details angaben, die nur der tatsächliche Verbrecher wissen würde, fand Garrett heraus, dass Ermittler diese Details während der Verhöre preisgegeben hatten.

Alle drei Experten sind sich einig, dass falsche Geständnisse ihren Ausgangspunkt, ihre Ursache in falscher Ausbildung haben. Es drehe sich nicht um Fehlverhalten durch Polizei und Staatsanwälte, sagen sie.

"Das macht diese Fälle so erschreckend", sagt Garrett. "Diese Menschen sind unschuldig, aber die Beweislage gegen sie ist erdrückend, weil die Geschehnisse im Verhörraum nicht dokumentiert wurden."

Drizin, Garrett und Trainum sagen, dass vollständige Videoaufnahmen von Polizeiverhören helfen würden, Justizirrtümer aufgrund falscher Geständnisse zu reduzieren oder zu eliminieren.

"Das Letzte, was die meisten Polizisten und Staatsanwälten wollen, ist, einen unschuldigen Menschen hinter Gitter zu bringen", sagt Drizin.

Ich möchte diesem Artikel noch Folgendes hinzufügen: Hier wird behauptet, dass von 250 Fällen, bei denen die Unschuld des Verurteilten später eindeutig durch DNS-Tests bewiesen werden konnte, es bei 40 Fällen falsche Geständnisse gab. Das wären also etwa 16%. Aber das berühmte Innocence Project von New York gibt an, dass es in 25% solcher Fälle zu falschen Geständnissen oder selbst-inkriminierenden Aussagen kommt (siehe z. B. den Artikel "Kann die Psychologie falsche Geständnisse verhindern?" von Zak Stambor auf "Information->Prozess". Dort finden Sie übrigens drei weitere interessante Artikel zum Thema "falsche Geständnisse", darunter ein Artikel von einer Staatsanwältin, die selbst einmal versehentlich ein falsches Geständnis "produzierte".)

Woher kommt also der Unterschied zwischen den 16% in dem folgenden Artikel und den 25% vom Innocence Project? Ich vermute, es dreht sich dabei um den Unterschied zwischen einem vollständigen falschen Geständnis einerseits, und einer selbst-inkriminierenden Aussage andererseits. Die Grenze zwischen beiden ist wahrscheinlich fließend.


Anmerkung: Letztes Jahr habe ich sowohl Garrett als auch Drizin ausführliche Infopakete geschickt, leider aber keine Antwort erhalten. Trainum habe ich nicht kontaktiert, weil die beiden Detektive die nun privat in meinem Fall ermitteln (siehe Newsletter Nr. 11), selbst in den Ruhestand getretene Mordkommissare aus den Vororten von Washington, D. C. sind, und in Virginia besser bekannt als Trainum.
Posted by: PI AT 05:26 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 22 February 2012
Am vergangenen Donnerstag wurde ich kurz nach dem Frühstück informiert, dass ich mich an diesem Morgen für meinen alljährlichen Urintest melden müsse. Alle Insassen werden mindestens einmal im Jahr getestet; jene, die unter Verdacht stehen, Drogen zu missbrauchen, natürlich weit öfter. Denn im Gefängnis gibt es so ungefähr alles, was man schnüffeln, rauchen, schlucken oder injizieren könnte.

Größtenteils sind es die Wächter, die die Drogen hineinschmuggeln, nicht die Häftlinge und ihre Familienmitglieder im Besuchersaal. Deshalb liegt dem Wachpersonal viel daran, dass das Geschäft reibungslos läuft – und dafür braucht man Informationen. Um Spitzel anwerben zu können, werden Urintests durchgeführt. Wenn nämlich ein Gefangener durchfällt, also Drogen im Urin hat, wird ihm sofort ein "Deal" angeboten: Entweder er hält das Maul, kommt in die Strafzellen und wird von dort in eine Strafvollzugsanstalt der höheren Sicherheitsstufe verlegt; oder er verdingt sich als V-Mann der Gefängnisleitung, wird laufen gelassen, und bekommt sogar allerlei kleine Privilegien. Das wichtigste Privileg ist natürlich, dass der V-Mann weiterhin Drogen missbrauchen darf, um sich auf diese Weise das Vertrauen der anderen "User & Dealer" zu erschleichen.

Ganz so wie in Ihrer, der "freien" Welt also.

Am vergangenen Donnerstag wurden 52 der rund 1.100 Insassen des Buckingham Correctional Center zum großen Urintest-Raum gerufen, um - wenn Sie so wollen - dem "System" mit unserem Urin seinen nötigen Treibstoff zu geben. Oder, um die Justizmaschinerie mit unserem Urin zu ölen, wenn Ihnen das besser gefällt.

Der Urintest-Raum ist ein langer, relativ schmaler Saal, an dessen langer Seite die Büros der Ermittler zu finden sind. An der kurzen Seite ist eine winzigkleine Toilette, wo man seinen Urin abgibt, und gleich neben der Tür zur Toilette steht ein riesenlanger Holztisch, wo einer der Ermittler mit all dem notwendigen Papierkram und den Dutzenden Plastikbechern sitzt.

Alle Strafvollzugsanstalten haben Ermittler, die mit den wichtigen V-Männern unter den Häftlingen zusammenarbeiten und größere Zwischenfälle untersuchen: Messerstechereien, Massenschlägereien, Vergewaltigungen. (Parallel dazu gibt es übrigens weitere Spitzel in jedem Wohnabteil, die von den Leutnants - also hochrangigen Wächtern - geführt werden.) Im Gefängnis Buckingham haben wir einen leitenden Ermittler, ein weißer Mann; einen assistierenden Ermittler, ein schwarzer Mann; und eine Spezialistin für Gangs, die hispanischer Abstammung ist. Diese drei arbeiten regelmäßig mit den Leutnants der Wohnabteile zusammen, damit die Informanten auf den verschiedenen Ebenen einander nicht in die Quere kommen.

Während ich auf meinen Urintest wartete, bemerkte ich, dass die Fenster der Ermittler-Büros vollkommen schwarz übermalt worden waren, damit Insassen, die im Urintest-Raum warteten, nicht sehen konnten, wer gerade bei den Ermittlern am Tisch sitzt und petzt. Aber in den zwei Stunden, die ich dort am Donnerstagmorgen verbrachte, gab es regen Verkehr in diesen Büros: Andauernd gingen Leutnants und andere Wächter hinein oder heraus, und gelegentlich auch Häftlinge. Einen davon kannte ich entfernt, er schien ziemlich nervös, als er hineinging, aber stolz und zufrieden, als er herauskam. Dabei machte er eine Bewegung, als ob er seine Lippen mit einem Reißverschluss schloss. Wer´s glaubt wird selig.

Übrigens wurde ich vor etwa sechs Monaten einmal selber ins Büro der Ermittler bestellt. In meinem Wohnabteil lebt ein Transvestit, und bei dem hatte man bei einer Durchsuchung der Zelle einen besonders schicken, schwarzen Büstenhalter mit Spitzen gefunden. Die Ermittler wollten wissen, wo der wohl herkam – schließlich konnte der nur durch eine Wächterin eingeschmuggelt werden. Wieso man meinte, dass ich etwas zur Beantwortung dieser Frage beitragen konnte, weiß ich nicht. Aber es war mal ein interessantes Erlebnis mit einem Ermittler zu sprechen, wenn auch nur kurz; er war erstaunlich höflich.

Auch der assistierende Ermittler, der am vergangenen Donnerstag die 52 Urintests durchführte, war eigentlich ungewöhnlich höflich, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele dieser unappetitlichen Prozeduren er über sich ergehen lassen musste. 52 Mal musste er den Knastausweis eines Gefangenen entgegennehmen, mit dem vom Computer vorgedruckten Formular vergleichen, selber unterschreiben, den Insassen unterschreiben lassen, und zuletzt den Insassen einen roten Klebestreifen unterschreiben lassen. Dann musste der assistierende Ermittler 52 Mal den Plastikbecher aus dem Plastiktütchen nehmen und mit dem Häftling in die Toilette gehen. Dort wurde der Deckel 52 Mal abgeschraubt und dem Gefangenen überreicht.

Dieser pinkelte dann hinein, bis der Becher halbvoll war, während der assistierende Ermittler ganz genau auf den Penis schaute. Warum? Weil der Keefe Gefängnisladen Waschpulver verkauft, welches Bleichmittel enthält. Wenn man sich dieses Waschpulver unter die Fingernägel reibt und beim Abgeben des Urins auf die Finger pinkelt, dann werden ein paar Körner des Waschpulvers in den Becher hinein gewaschen. Und weil das Pulver Bleiche enthält, verdirbt das den Test – angeblich. Ob das stimmt, weiß der Teufel, aber das Gerücht lebt fort, und es gibt immer wieder Gefangene, die auf diese Weise versuchen den Urintest zu manipulieren.

Aus diesem Grund stand also der assistierende Ermittler 52 Mal ganz eng seitlich von und leicht hinter den Insassen, die in die Becher pinkelten, und schaute ganz angestrengt auf die 52 Penisse. Sobald die Becher halb voll waren, gaben die Häftlinge die Becher an den Ermittler und entleerten ihre Blasen ins Klo, während der Ermittler die blauen Deckel wieder aufschraubte. Dann zeigte der Ermittler den Gefangenen die roten Klebestreifen, die sie vorher unterschrieben hatten, und klebte diese Streifen über die blauen Deckel an die Seiten der Becher – damit keiner behaupten könne, der Urin sei ausgetauscht worden.

Zuletzt verließen der assistierende Ermittler und die Insassen die Toilette und gingen zurück zum langen Holztisch, wo die Becher wieder in die Plastiktüten gesteckt wurden. Vorne an jeder Plastiktüte war eine kleine Tasche, wo die vorher ausgefüllten Formulare hineingesteckt wurden. Dann wurde an der Tüte oben eine Schutzfolie abgezogen und die Enden zusammengedrückt, um die Tüte zu versiegeln. Als 10 Tüten fertig waren, gab es immer eine kleine Unterbrechung, während der Ermittler durch eine Nebentür trat, um die 10 Tüten in einen Kühlschrank zu legen. Später würden alle 52 Tüten mit ihren Bechern zu einem Labor transportiert, wo sie analysiert werden würden.

Ich war einer der ersten Häftlinge, der den Urintest-Raum an diesem Morgen betrat. Weil ich vorgewarnt worden war, hatte ich bereits drei große Tassen Kaffee und ein Glas Wasser getrunken. Meine Blase fühlte sich also schon ziemlich voll an. Aber als ich die Toilette betrat und der assistierende Ermittler mir den Plastikbecher gab, konnte ich nicht pinkeln.

Lampenfieber. Aber kein gewöhnliches Lampenfieber.

Wer meine Bücher oder meinen Artikel "Verbrechen nach Verbrechen" (siehe "Information->Artikel" auf dieser Website) gelesen hat, der weiß, dass ich vor fast genau 20 Jahren beinahe vergewaltigt worden wäre. Als ich eines Tages aus der Dusche kam, warf mich ein riesiger schwarzer Bodybuilder namens Flickin' Joe gegen das Treppengeländer. Er hielt mich in einem Ringergriff, der "Double Nelson" genannt wird, sodass ich mich nicht bewegen konnte und er drückte sich von hinten an mich heran, um mich gegen das Geländer zu quetschen. Ich konnte seinen halb-erigierten Penis in meinem Kreuz fühlen, nichts lag dazwischen, außer dem dünnen Material seiner Bikeshorts.

Unten, auf der anderen Seite des Gemeinschaftssaals, konnte ich eine Wächterin in dem Kontrollraum sehen. Sie sah uns auch – aber tat nichts. Sie leckte ihren Finger und wandte die Seite in ihrer Boulevardzeitung, das werde ich nie vergessen.

Dann knurrte mein Angreifer mir von hinten ins Ohr: "Was machst Du, wenn ich dich jetzt in meine Zelle zerre?" Ich schrie irgendetwas – ich weiß nicht mehr was – und überraschenderweise ließ mich der Kerl los. Splitterfasernackt lief ich zu meiner Zelle und schlug die Tür hinter mir zu.

Natürlich konnte ich diesen Zwischenfall nicht dem Wachpersonal melden, denn dann hätte ich mich als Petze ge-"outet". Und Petzen leben nicht lange im amerikanischen Strafvollzug. Selbst wenn Flickin' Joe wider Erwarten in den Strafzellentrakt verlegt worden wäre, hätte er Gefolgsmänner, die ihn gerächt hätten – indem sie mich erst vergewaltigten und dann vermutlich töteten. Also hielt ich das Maul.

Jahrelang. Erst etwa 20 Jahre später konnte ich anfangen, anderen von diesem Erlebnis zu erzählen.

Diese versuchte Vergewaltigung vor 20 Jahren hat mein Leben verändert. Fast sofort danach begann ich, Hanteln zu stemmen und zu joggen – denn ich wollte nie wieder so vollkommen hilflos sein. Beides, das Krafttraining und das Jogging, habe ich ununterbrochen bis auf den heutigen Tag gemacht.

Außerdem wurde ich etwa 5 Jahre lang zum Kredithai in meinem Wohnabteil, damals 72 bis 86 Insassen. Ich verlieh Süßigkeiten und Dosengetränke, die mit 50% Zinsen zurückgezahlt werden mussten. Dieses Geschäft erlaubte mir, zwei Häftlinge namens Chuck und Bunch als Schuldeneintreiber unter Vertrag zu nehmen – und das war der eigentliche Sinn und Zweck des Ganzen. Denn im Gefängnis ist es unehrenhaft, als Gefangener einem anderen Gefangenen Schutzgeld zu zahlen, damit er mir Flickin' Joe vom Fell hält – das würde mich als Schwächling kennzeichnen. Aber es ist vollkommen ehrenhaft, als Kredithai zwei schwarze Jungs als Schuldeneintreiber einzustellen, und mich auf diese Weise indirekt zu schützen. So verrückt ist das Knastleben.

Eine andere Folge der versuchten Vergewaltigung vor 20 Jahren ist, dass ich seitdem Lampenfieber bekomme, wenn irgendjemand hinter mir ist, wenn ich pinkele. Das kann in einer Doppelzelle schon ein ziemliches Problem sein, denn dort muss man ständig pinkeln, während der Zellengenosse auf seiner Pritsche liegt und TV sieht! Aber diese Schwierigkeit konnte ich überwinden, indem ich tief durchatmete und, wenn es besonders stressig war, ein kleines Lied zur Beruhigung in meinem Kopf "sang". Außerdem sind Zellengenossen ja keine Fremde, und wenn sie auf der Pritsche liegen, sind sie auch am anderen Ende der Zelle – also 2 oder 3 Meter entfernt vom Klo.

Beim alljährlichen Urintest ist das natürlich ganz, ganz anders.

Da steht der assistierende Ermittler so nahe neben mir, dass er mich fast berührt. Außerdem steht er leicht hinter mir, wie vor 20 Jahren Flickin' Joe. Und er ist nach vorne gebeugt und schaut mir ganz konzentriert auf den Penis. Tja, und im Gefängnis Buckingham kommt noch dazu, dass der assistierende Ermittler schwarz ist – wie Flickin' Joe.

Also bekomme ich Lampenfieber. Jedes Mal, seit 20 Jahren. Ich hasse das – und je mehr ich es hasse, desto weniger kann ich pinkeln. Alles nur wegen dieser versuchten (noch nicht mal einer echten) Vergewaltigung, die vor 2 Jahrzehnten stattfand, beziehungsweise beinahe stattfand.

Das ist die Macht der Vergangenheit. Darüber denke ich immer nach, wenn ich meinen Urintest jedes Jahr machen muss – wie gegenwärtig die Vergangenheit doch ist. Selbst Jahrzehnte später.

Und ich denke dabei auch jedes Mal an die Familie Haysom, die Angehörigen der Opfer Derek und Nancy Haysom in dem Mordfall, für den ich (fälschlicherweise, aber immerhin) verurteilt wurde. Der Doppelmord an diesen beiden Menschen ist ein so unglaublich viel schlimmeres Trauma als die versuchte Vergewaltigung an mir. Wenn ich 20 Jahre später immer noch so sehr unter den Folgen des letzteren leide – was müssen die Angehörigen von Derek und Nancy Haysom leiden! Für sie muss die Macht der Vergangenheit noch viel, viel schrecklicher sein als für mich.

Bei diesen Gedanken schäme ich mich dann wieder für die verwerfliche Rolle, die ich in dieser Geschichte spielte. Ich habe doch zum Trauma dieser unschuldigen Familienangehörigen entschieden beigetragen. Und das tut mir so leid.

Solche Gedanken helfen mir aber leider nicht, bei den allährlichen Urintests endlich in den Becher zu pinkeln. Man hat genau 2 Stunden Zeit, nachdem man das Formular unterschrieben hat (die Uhrzeit wird darauf vom assistierenden Ermittler notiert), um den Plastikbecher halbvoll zu bekommen. Am vergangenen Donnerstag war es 8:42 Uhr, als ich unterschrieb. Wenn ich also bis 10:42 Uhr nicht pinkelte, würde ich zum allerersten Mal in meiner 25 1/2–jährigen Knastkarriere einen Regelverstoß begehen.

Denn wenn man beim Urintest keinen Urin abgibt, gilt das als Schulderweis. Man kommt sofort in das Strafabteil und wird von dort in eine Strafvollzugsanstalt der höheren Sicherheitsstufe verlegt. Und für die nächsten Monate und Jahre kann man erwarten, fast im Wochentakt Urintests über sich ergehen lassen zu müssen.

Es war 10:30 Uhr, als ich endlich pinkeln konnte.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 47 der 52 Häftlinge abgefertigt worden, nur 5 von uns schafften es einfach nicht, in die Becher zu pinkeln. Als "Wiederholungstäter" in diesem Bereich kann ich berichten, dass dies vollkommen üblich ist: Es gibt immer rund 10% der Gefangenen die, wie ich, Lampenfieber bekommen. Dieses Mal gab es einen uralten weißen Knastopa, zwei junge weiße Frischlinge, einen ziemlich großen und stämmigen Ghettoschwarzen – und mich.

Ich war der erste "Versager", der es dann doch schaffte. Weil der assistierende Ermittler weiß, dass es immer welche gibt, die beim Pinkeln Probleme haben, wandte er sich ab und machte einen Schritt zurück, nachdem er mir den Becher gab. Das genügte mir schon: Ich konnte endlich "produzieren".

Denn ich hatte nicht länger das Gefühl, dass der Flickin' Joe sich von hinten über mich beugte, um mich in seine Zelle zu zerren.

Urintest bestanden. Öfz!
Posted by: AB AT 05:17 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 15 February 2012
Auf Initiative von Herrn Christoph Strässer (MdB, Mitglied des Bundestages) erhielt Jens' Freundeskreis am 8. Februar 2012 die besondere Gelegenheit, in einer Anhörung vor Mitgliedern des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestages für Jens um Unterstützung zu bitten. Wir möchten an dieser Stelle Herrn Strässer und den übrigen Abgeordneten sehr herzlich für das vertrauensvolle Gespräch danken, das von großer Betroffenheit und gegenseitiger Wertschätzung geprägt war.

Im heutigen Blog veröffentlichen wir den Bericht Herrn Strässers zu dieser Anhörung sowie Jens' persönliche Worte an die teilnehmenden Bundestagsabgeordneten.



Strässer trifft sich mit Freundeskreis und Anwälten von Jens Söring


Am 8. Februar 2012 empfing der Menschenrechtsausschuss des Bundestages unter Leitung Christoph Strässers den "Freundeskreis Jens Söring", seine Anwälte und die Lektorin. Mittels einer Telefonaufzeichnung (siehe unten) konnte Jens Söring die neuesten Entwicklungen in seinem Fall den Abgeordneten schildern. Die Abgeordneten sicherten dem Freundeskreis ihre Unterstützung zu und werden sich für die Auslieferung Jens Sörings nach Deutschland einsetzen.

Jens Söring sitzt seit über 25 Jahren in Virginia, USA, im Gefängnis für zwei Morde, die er bestreitet begangen zu haben. Seither wurden alle Bewährungs- und Begnadigungsversuche abgelehnt. Eine Auslieferung nach Deutschland stand vor wenigen Jahren kurz bevor, als der seinerzeitige Gouverneur einer Auslieferung zustimmte, die sein Nachfolger und derzeitige Gouverneur widerrief. Der Freundeskreis von Jens Söring und seine Anwälte kämpfen u.a. um die Auslieferung Jens Sörings nach Deutschland oder eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

 

             
Jens Sörings Worte an die Mitglieder des Menschenrechtsausschusses des deutschen Bundestages
Berlin, 8. Februar 2012

Der folgende Text ist die Abschrift der Telefonaufzeichnung von Jens, die Sie hier auch anhören (youtube) bzw. herunterladen (mp3-Format, 16 MB) können.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ganz besonders herzlichen Dank, dass Sie sich mit meinem Fall befassen. Bitte glauben Sie mir, dass ich Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen würde, wenn mir ein anderer Weg bliebe, als Sie um Hilfe zu bitten. In den 25 Jahren, 9 Monaten und 8 Tagen meiner Haft habe ich alles, wirklich alles unternommen, um mich aus eigener Kraft zu befreien. Aber es ist mir nicht gelungen.

Aus eigener Kraft habe ich es geschafft, nicht nur einen, sondern zwei ehemalige Stellvertretende Generalstaatsanwälte Virginias sowie den ehemaligen Bischof der Diözese Richmond als Fürsprecher zu gewinnen. Auch bin ich zum erfolgreichen, sogar preisgekrönten Schriftsteller geworden: Mein achtes Buch erscheint in drei Wochen beim Droemer Verlag.

Aber in Virginia, wie in fast allen US-Bundesstaaten, gilt: "life means life", lebenslänglich bedeutet lebenslänglich – also bis zum Tod. Das meint man hier wortwörtlich! Ohne Intervention von außerhalb Virginias komme ich nie frei. Nie.

Aus eigener Kraft ist es mir auch gelungen, neue Beweise zu sammeln, die – zumindest für unvoreingenommene Augen – meine Unschuld zwar nicht beweisen, aber doch höchst wahrscheinlich machen. Ich sage es Ihnen direkt: Ich habe die mir vorgeworfene Tat nicht begangen, ich bin unschuldig, ich habe nur die tatsächliche Mörderin, meine damalige Freundin, vor der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl retten wollen.

Kein einziges forensisches Beweismittel verbindet mich mit dem Tatort: Kein Fingerabdruck. Kein Fuß- oder Schuhabdruck. Kein Haar. Kein DNS. Nichts!

Ganz im Gegenteil: 1995 stellten zwei Experten fest, dass die Fußabdrücke am Tatort eher auf meine Freundin passten als auf mich. 2009 wurden DNS-Tests durchgeführt, die bewiesen, dass elf Blutspuren am Tatort definitiv von einem anderen Menschen, nicht von mir stammten. Und 2011 erschien ein Zeuge, der meine Freundin mit einem blutigen Messer sah – und einem jungen Mann, der definitiv nicht ich war.

Aber im virginianischen Rechtssystem gilt die berüchtigte "21-Tage-Regel", die es verbietet, neue Beweismittel wie die obigen vor Gericht zu bringen. Das hört sich verrückt an, ist aber wahr. Neue Beweismittel können nur in Gnadengesuchen eingesetzt werden – bei denen man jedoch vollkommen von der Willkür des Gouverneurs abhängt.

Und der Republikanische Gouverneur Virginias, Robert McDonnell, hat am 24. Mai letzten Jahres öffentlich erklärt, dass ich nie entlassen werden sollte. Das tat er, weil kurz zuvor sein Demokratischer Vorgänger und Intimfeind Timothy Kaine bekannt gegeben hatte, dass er sich ums Amt des US-Senators bewerben würde. McDonnell erkannte also eine Gelegenheit, meinen Fall politisch zu instrumentalisieren, um dem Demokraten Kaine zu schaden und dem Republikanischen Senatskandidaten George Allen zu helfen.

Das ist keine Theorie oder Anschuldigung meinerseits. Vor etwa drei Wochen, am 19. Januar, hielten führende virginianische Republikaner eine telefonische Pressekonferenz, bei der sie den Demokraten Kaine dafür angriffen, dass er vor zwei Jahren versucht hatte, mich nach Deutschland zu überstellen. Die Republikaner haben dabei ganz offen gesagt, dass sie das sogenannte "Wahlkampfthema Söring" zum Leitmotiv der Senatskampagne des Republikaners Allen machen würden.

Das wirklich Erstaunliche und Erschreckende ist, dass der führende Ermittler im Mordfall 1985 an dieser Pressekonferenz teilnahm und die Republikaner aktiv unterstützte. Ich bin zum Spielball der Politik geworden, und die Polizei spielt mit!

Das wirkt sich auch aufs virginianische Justizsystem aus. Mein Anwalt versucht seit Monaten, eine Gerichtsklage zu führen, um die versuchte Haftüberstellung vom Jahr 2010 doch noch auf juristischem Weg durchzusetzen. Erst überwies er die Klage an den höchsten Rechtsberater des Gouverneurs, doch dies wurde am 20. Dezember als unzulässig erklärt. Dann überwies mein Anwalt die Klage an den Generalstaatsanwalt Virginias – doch dieser weigerte sich Anfang Januar, die Klage auch nur entgegen zu nehmen. Nun müssen wir wohl eine "mandamus"-Klage führen, um die Gegenseite zu zwingen, die Haftüberstellungsklage überhaupt anzunehmen.

Der Grund für diese verrückte Behinderung der Gerichtsklage ist natürlich, dass das "Wahlkampfthema Söring" den Republikanern so nützlich ist. Was mit mir hier gemacht wird, hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun. Aus genau diesem Grund – also der restlosen Politisierung meines Falles durch die Republikaner – wende ich mich nun an Sie, an die deutsche Politik. Sachliche Argumente sind zum Scheitern verurteilt, es kann nur noch eine politische Lösung geben.

Außerdem wende ich mich an Sie, weil auch die Ehre und Seriosität der Bundesregierung im Spiel ist. Im Februar 2011 hat mich der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning im Gefängnis besucht und gab danach ein Interview an die dpa, in dem er öffentlich und ausdrücklich sagte, die Bundesregierung wolle mich befreien. Ein Rückzieher würde dem Ruf Deutschlands schaden.

Auch gibt es mittlerweile einen europapolitischen Aspekt. Anfang Januar schrieb der damalige Präsident des Europaparlaments, Jerzy Buzek, einen Brief an Gouverneur McDonnell, um meine Haftüberstellung zu erbitten – aus menschenrechtlichen Gründen. Hoffentlich wird sich auch der neue Europaparlamentspräsident, Martin Schulz, für mich einsetzen. Vielleicht könnten Sie ihn darum bitten?

Letztlich möchte ich Ihnen sagen, dass mir versichert worden ist, dass Mitglieder der Bundesregierung auf höchster Ebene persönlich an meinem Fall interessiert sind. Dafür bin ich sehr dankbar. Leider gibt es aber auch andere, die sich von mir distanzieren wollen. Zum Beispiel verschickt das Auswärtige Amt derzeit fast gleichlautende Briefe an Mitglieder des Bundestages, in denen behauptet wird, man sehe keine Möglichkeiten zum Tätigwerden, und der Schlüssel zu meiner Freiheit liege in Virginia.

Wenn dem so wäre, dann käme dies einem Todesurteil für mich gleich. Denn lebenslänglich bedeutet lebenslänglich – also bis zum Tod. Besonders in einem Fall, der gerade von den Republikanern auf groteske Weise instrumentalisiert wird.

Aber diese Behauptung des Auswärtigen Amts stimmt ja nicht. Nicht der Schlüssel, sondern das Schloss liegt in Virginia – und ein Schloss kann durch mehrere Schlüssel geöffnet werden. Man kann sogar Schlüssel anfertigen!

Auch stimmt es nicht, dass es keine Möglichkeiten zum Tätigwerden gibt. Der Gouverneur von Virginia, Robert McDonnell, bewirbt sich seit letztem Herbst sehr intensiv um die Republikanische Vizepräsidentschaftskandidatur. Dafür muss er seine außenpolitischen Fähigkeiten unter Beweis stellen – und dabei könnte ihm die deutsche Bundesregierung vielleicht helfen. Doch im November wurde mir vom Auswärtigen Amt gesagt, es habe keine Gespräche mit Gouverneur McDonnell gegeben, und es seien auch keine geplant, denn es sei "so schwer, an ihn heranzukommen".

Eine weitere Möglichkeit zum Tätigwerden bietet sich beim Staatsbesuch von US-Präsident Barack Obama. Der Demokratische Senatskandidat Timothy Kaine ist ein guter persönlicher Freund von Obama, außerdem braucht Obama ihn dringend im US-Senat. Da ich das größte Hindernis für Kaines Wahl bin, liegt es in Obamas persönlichem und politischem Interesse, mich aus dem Weg zu räumen.

Sie sehen also: Es gibt sehr wohl Möglichkeiten zum Tätigwerden! Man muss sie nur ergreifen wollen. Abwarten, Teetrinken und hoffen, dass sich etwas ändert wird leider nicht funktionieren: Nach der Senatswahl im November 2012 kommt nämlich im November 2013 die Gouverneurswahl in Virginia, wobei ich mit Sicherheit wieder zum Wahlkampfthema gemacht werde.

Vor 23 Jahren – als ich schon 3 Jahre in Haft war – ist es Menschen wie Ihnen gelungen, eine Mauer niederzureißen, die ewig stehen sollte. Heute bitte ich Sie: Tun Sie das wieder, reißen Sie die Mauer ein, die mich zu Unrecht gefangen hält!
Ich bin deutscher Staatsbürger, ich bin unschuldig, und ich sehne mich so nach meiner Heimat.
                               
                                        Jens Söring
Posted by: RZ AT 08:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 08 February 2012
Viele von Ihnen haben mich gebeten, einen Blogeintrag über Weihnachten im Gefängnis zu schreiben, also komme ich diesem Wunsch heute nach. "Heute" ist nämlich der 25. Dezember 2011, und diese Tatsache allein sollte Ihnen schon fast alles sagen. Für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere, also ein Arbeitstag: Ich schreibe Blogs, Briefe und Bücher von morgens bis abends, siehe B4 - "Mein Tagesablauf im Gefängnis". Der Gedanke, einen besonderen Blogeintrag zum Thema "Weihnachten im Gefängnis" zu schreiben, scheint mir also vollkommen absurd. Aber, gut, Ihr Wunsch, liebe Leserinnen und Leser, ist mir Befehl.

Fangen wir an mit dem Wort "Gefängnis" im Titel dieses Blogeintrags. Was ist der Sinn und Zweck des Gefängnisses?

Das Zufügen von Schmerz natürlich. Gefangene sollen leiden, zur Strafe für ihre Verbrechen.
Die spezifische Form des Schmerzes, die uns Gefangenen zugefügt wird, ist der Freiheitsentzug. Statt uns körperlich zu foltern, fügt man uns die psychologische Qual zu, unseren Willen nicht in die Tat umsetzen zu können – unsere Persönlichkeit nicht frei entfalten zu dürfen.

Das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist jedoch ein Grundbedürfnis jedes menschlichen Wesens. Die allererste Reaktion auf Freiheitsverlust ist fast immer Panik, gefolgt von wilden Versuchen, den eigenen Willen doch irgendwie durchzusetzen. Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als Sie vor einer verschlossenen Haustür standen: Haben Sie nicht ziemlich heftig an der Klinke gerüttelt?

Wenn man den eigenen Wünschen nicht nachgehen kann, fühlt man sich frustriert. Auf Frustration folgen unweigerlich Depression und Wut, völlig normale emotionale Reaktionen, die in der Natur "einprogrammiert" sind. Man fühlt sich hilflos, und man ist sauer auf denjenigen, der die Haustür verschloss.

Depression führt zu Versuchen, den inneren Schmerz zu lindern: Man geht um die Ecke zur Kneipe, schluckt ein Beruhigungsmittel oder raucht einen Joint. Alle drei dieser Optionen werden natürlich auch von Gefangenen in großem Stil genutzt, dazu kommen noch neurotische Verhaltensweisen wie Selbst-Ritzen (mit Rasierklingen usw.) sowie natürlich Suizidversuche.

Wut, die zweite Folge von Frustration, führt zu Aggressionen gegen andere. Selbst wenn man es selber war, der die Haustür verschloss und den Schlüssel verlor, verprügelt man lieber die Ehefrau oder verschickt gehässige e-Mails über den Vorgesetzten am Arbeitsplatz, nicht wahr? Im Gefängnis drückt sich Aggression ganz ähnlich aus: Die Doofen starten Schlägereien und die Intelligenteren schreiben Beschwerden an die Gefängnisleitung. (Die ganz Intelligenten schreiben Blogs und Bücher, versteht sich! ;-))

Wenn man Menschen lange genug dem Freiheitsentzug und dem damit verbundenen Trio "Frust, Depression und Wut" aussetzt, entwickeln sich fast unweigerlich Zwangsneurosen (meiner Erfahrung nach haben mindestens zwei Drittel aller Gefangenen einen Sauberkeitsfimmel oder ähnliches) oder richtige, handfeste Geisteskrankheiten (das Statistikamt des US-Bundesjustizministeriums spricht von 20-22% aller Häftlinge). Natürlich haben Menschen, die Gesetze brechen und im Strafvollzug landen sehr oft schon psychologische Probleme, bevor sie überhaupt das Gefängnis betreten, also kann man nicht sagen, dass Freiheitsentzug die einzige Ursache für die hohe Geisteskrankheitsrate unter Insassen ist. Doch wenn man Menschen, die sowieso schon labil sind, jahrelang erhöhtem Frust, Depression und Wut aussetzt, darf man sich nicht wundern, wenn viele in der Folge darunter psychisch zusammenbrechen.

Tendenziell, in der letzten Konsequenz, führt Strafvollzug also zu Suizid, Mord und Wahnsinn. Man könnte sogar sagen: Das Gefängnis "funktioniert" optimal, es erreicht seine Ziele in qualitativ höchster Form, wenn die Gefangenen sich selber umbringen, andere töten oder psychotisch werden. Vermutlich hat Ihnen das noch niemand so direkt gesagt, also sind Sie jetzt etwas schockiert. Aber jeder, der direkte Erfahrung mit Gefängnissen hat, weiß das.

Der Titel meines zweiten (englischsprachigen) Buches, welches 2004 veröffentlicht wurde, lautet übersetzt: "Ein teurer Weg, böse Menschen noch schlechter zu machen". Gemeint war natürlich der Strafvollzug. Der Titel stammt aber nicht von mir, sondern von einer Studie ("white paper") der britischen Regierung aus den 80er Jahren. Wie gesagt, alle wissen es, nur spricht man unter höflichen Leuten nicht so offen darüber.

Soweit also zum letzten Wort im Titel dieses Blogeintrags, "Gefängnis"; nun zum ersten Wort, "Weihnachten". Vor kurzem schickte mir eine Freundin ein Interview mit dem Rapper Bushido, in dem er sagte, dass er Weihnachten feiere, obwohl er Muslim sei, weil ihm dieses Fest eine Gelegenheit gebe, Zeit mit seiner Familie zu verbringen und ihnen Geschenke zu geben. Wir Häftlinge sind in dieser Hinsicht überhaupt nicht anders als Bushido! Auch wir sehnen uns zu Weihnachten nach unseren Familien und wollen sie irgendwie glücklich machen.

Aber wir sind von unseren Familien getrennt. Das erzeugt gerade zu Weihnachten Frust, Depression, Wut und Wahnsinn, und zwar in (noch) erhöhter Form.

Deshalb gab es in den "guten alten Zeiten" des Strafvollzugs die Tradition des Weihnachtssuizids: Jedes Jahr versuchte irgendjemand, sich zu erhängen, und manchmal gelang es auch. Aber in den letzten beiden Jahren wurde diese Tradition gebrochen und ich muss Ihnen ganz ehrlich gestehen, dass ich das vermisse. Dies ist mein sechsundzwanzigstes Weihnachten hinter Gittern, für mich gehört der Weihnachtsselbstmord einfach dazu, wie das Anknipsen der Lichter am Weihnachtsbaum.

Mir ist bewusst, wie verrückt sich das anhört, aber es ist die Wahrheit. Auch ich fühle mich zu Weihnachten besonders deprimiert und der alljährliche Weihnachtssuizid war irgendwie ein äußerlicher Ausdruck meiner eigenen Gemütslage: "Ja, so beschissen ist unser Leben, so wie dieser Selbstmordkandidat fühle ich mich auch." Diese Bestätigung meiner eigenen Gefühle fehlt mir nun irgendwie.

Und mir kommt dabei der Gedanke: Vielleicht hat sich letztes und dieses Weihnachten niemand erhängt, weil nun endlich ich dran bin. Turnusmäßig bin ich an der Reihe und ich verkorkse den ordentlichen Ablauf des Universums, indem ich mich meinem Schicksal verweigere und den Mumm nicht aufbringe, mich endlich selber aufzuknüpfen. Was ja eigentlich meine Pflicht wäre, dem Universum gegenüber.

Ich will Ihnen etwas verraten: Solche Gedanken kommen nicht nur mir zu Weihnachten. Es gibt keinen einzigen Insassen, der zu Weihnachten nicht mit dem Selbstmordgedanken spielt – keinen einzigen. Manchmal besprechen wir das sogar untereinander, wie wir uns fühlen. Und wie schön es wäre, wenn der Schmerz endlich aufhören würde.

Man kann also sagen: Gerade zu Weihnachten "funktioniert" das Gefängnis besonders gut, es erfüllt sein Planziel mit höchster Effizienz. Als Steuerzahler sollten Sie stolz darauf sein!

Es gibt noch andere Weihnachtstraditionen hinter Gittern, zum Beispiel das große festliche Trinkgelage, welches die Wächter unterbinden wollen, weil es zu Prügeleien führt. Dieses Jahr war es Abteil C-1 in dieser Haftanstalt, wo riesige Mengen an selbstgebrautem Alkohol gefunden wurden.

Außerdem gibt es die allweihnachtliche Schlägerei. Dieses Jahr fand sie im Abteil A-2 statt, dort stritt man sich über die Fernbedienung des großen Fernsehers im Gemeinschaftssaal. Normalerweise würde man sich wegen so etwas nicht unbedingt prügeln, aber - wie gesagt - zu Weihnachten ist der Frust erhöht, also auch die Wut, also auch das Potenzial für Schlägereien.

In Gefängnissen der höheren Sicherheitsstufe kommen dabei auch selbstgemachte Messer (sogenannte "shanks") ins Spiel, was tödlich enden kann. Noch einmal: Zu Weihnachten ist der Strafvollzug eben optimiert.

Dabei helfen die Wächter kräftig mit. Im Abteil A-1 gibt es einen Gefangenen, der zu Weihnachten zum allerersten Mal Besuch von seinen Kindern erhalten sollte. Sie sind 14 und 16 Jahre alt, er hat sie noch nie gesehen. Sein Bruder fuhr hunderte von Meilen vom US-Bundesstaat New Jersey nach Virginia, um die Kinder zu ihrem Vater zu bringen.

Natürlich brachte er die nötigen Formulare mit, die alle Besucher ausfüllen müssen, siehe B55 – "Besuch bei Jens im Sommer 2011". Auch brachte er die besonderen Formulare mit, für minderjährige Kinder, die ohne ihre Mütter zu Besuch kommen: Diese Formulare müssen von den Müttern unterschrieben und notariell beglaubigt werden. Alles war in Ordnung, sicherlich!

War es aber doch nicht. Die "normalen" Besucherformulare kann man mitbringen, aber die "besonderen" Formulare für minderjährige Kinder müssen vorher an die Gefängnisleitung geschickt werden. Nur steht das nicht auf dem Formular aufgedruckt, das muss einem gesagt werden. Irgendwie hatte der Gefangene im Abteil A-1 das nicht so richtig mitbekommen.

Als sein Bruder also gestern, am 24. Dezember, beim Gefängnis ankam, wurde er nicht in den Besuchersaal gelassen. Ausnahmen gibt es natürlich nicht, auch nicht zu Weihnachten. Der Bruder fuhr unverrichteter Dinge mit den Kindern nach New Jersey zurück und sagte es heute Morgen dem Häftling im Abteil A-1 am Telefon. Mittlerweile weiß die ganze Haftanstalt davon und vibriert geradezu mit Hass auf die Wächter. Ich übrigens auch.

Was aber nur beweist, dass das Gefängnis seinen Auftrag erfolgreich erfüllt, nicht wahr?

Andere kleine Knastszenen zu Weihnachten….

Der Zellenmitbewohner meines Freundes Hank (siehe B62, B63, B64 – "American Dream, Teil 1, 2 und 3"), der muslimische Bodybuilder, sitzt heute Nachmittag mitten im Gemeinschaftssaal und weint unkontrolliert. Seine Schwester kam ihn zu Weihnachten besuchen und teilte ihm mit, seine Mutter sei verstorben. (Das geschah mir 1997.)

Mein Zellenmitbewohner, der PTBS-gestörte Marinesoldat (siehe B12 – "Dieses Mal schoss er zurück") verkriecht sich seit einer Woche in der Zelle, verlässt sie kaum noch, schaut nur noch Fernsehen, verbringt den ganzen Tag und fast die ganze Nacht vor der Glotze. Zwei Mal im Jahr bekommt er an je zwei Tagen Besuch von seinen Eltern aus dem US-Bundesstaat Florida, gestern war der zweite Besuch. Das macht ihn immer fix und fertig, weil dies sein einziger Kontakt mit der Außenwelt ist.

Zu jeder anderen Zeit, im alltäglichen "Knasttrab", kann er die Eltern und die Außenwelt vergessen, er wird nicht damit konfrontiert, dass er das Gefängnis nie lebend verlassen wird. Aber wenn die Eltern kommen, kann er sich dieser Wahrheit nicht verweigern: Sein Leben ist jetzt schon vorüber, er ist zum Gespenst geworden. Im Grunde ist er tot.

Da hilft nur: Erstens, ganz viel Fernsehen gucken (was im Endeffekt ein Betäubungsmittel ist). Zweitens, irgendeine Schlägerei anzetteln. Und drittens, wahnsinnig werden. Er macht alle drei.

Vorgestern gelang ihm das Kunststück, sich in zwei vollkommen unnötige  Streitereien zu verwickeln, glücklicherweise ohne sich zu prügeln. Und er klammert sich verzweifelt an eine vollkommen abstruse juristische Verschwörungstheorie, die sogenannte "sovereignty"-Bewegung, von der er sich verspricht, sich irgendwie freikaufen zu können: Er glaubt, die US-Notenbank hat einen spezifischen Pfandbrief auf seinen Namen ausgeschrieben, den er einlösen kann, wenn er seine Unabhängigkeit von der US-Regierung erklärt, und so weiter. Wahnsinn eben! Aber es ist alles, was er hat, außer dem Fernsehen.

Und was mache ich zu Weihnachten? Statt den üblichen 24 Runden auf dem Sportplatz jogge ich 33, um den zusätzlichen Frust abzubauen. Denn ich bin ja nicht doof, ich verstehe wie Gefängnis "funktioniert" und was in mir vorgeht, ich weiß mich davor zu schützen. Joggen und Klimmzüge und Liegestütze sind hauptsächlich psychologische Waffen, die mich vor einem vollständigen Kollaps bewahren.

Und natürlich schreibe ich viel: Ich sublimiere meine fast grenzenlose Wut in literarische Aktivität. Die Tatsache, dass ich es als Häftling geschafft habe, in neun Jahren (2003-2012) neun Bücher (inklusive den beiden neuen im März und April 2012) veröffentlichen zu lassen, sollte Sie wissen lassen, wie groß meine (erfolgreich sublimierte!) Wut tatsächlich ist. Auch die Tatsache, dass ich selbst am Weihnachtstag keine Pause mache, sondern diesen Blogeintrag schreibe, sagt viel über mich und meine Wut aus.

Und natürlich über das Gefängnis. Auftrag erfüllt!

Wobei ich fairerweise zugeben muss, dass ein großer Teil meiner derzeitigen weihnachtlichen Wut auf die saublöde Entscheidung der doofen Richterin am 20. Dezember zurückzuführen ist. Davon schrieb ich vor kurzem im B74 – "Gerichtsentscheidung des 20 Dezember 2011". In meinem Fall darf man dem armen, missverstandenen Gefängnis also nicht die ganze Schuld für meine Wut geben, finde ich.

Über meine Depression (Selbstmordgedanken) und Wut (Blogs und Bücher) habe ich nun geschrieben, was zur Frage führt: Bin ich auch irgendwie wahnsinnig? So wie mein Zellenmitbewohner, der sich das angebliche Recht auf "seinen" Pfandbrief von der US-Notenbank erstreiten will?

Manchmal beschleicht mich dieser Gedanke schon, besonders nach einer weiteren gerichtlichen Niederlage wie jener am 20. Dezember. Ich glaube, die meisten Menschen würden sagen, es sei "verrückt", in so einer Situation, gegen solch schamlose Gegner wie dieses virginianische (Un)rechtssystem, weiter für meine Freiheit zu kämpfen. Aber ist es auch im klinischen, psychiatrischen Sinne geisteskrank?

Manchmal bin ich mir nicht sicher.

Zurzeit setze ich fast meine ganze Hoffnung darauf, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich für mich einsetzt. Ich weiß, dass ihr mein Fall bekannt ist, und sie hat einem meiner Unterstützer gesagt, dass sie an mich denkt. Aber hilft sie mir auch? Und darf ich auf Frau Merkel hoffen?

Ironischerweise ist dieses Weihnachten - wie gesagt: mein sechsundzwanzigstes hinter Gittern - also beinahe ein "echtes" Weihnachten, in dem Sinne, dass ich auf den Weihnachtsmann warte. Beziehungsweise auf die Weihnachtsfrau. Die Bundeskanzlerin. Wenn das nicht lustig ist…..

Ich wünsche Ihnen allen nachträglich ein frohes Weihnachten.
Posted by: AB AT 06:30 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 01 February 2012
Heute, der 11. Januar 2012, war wieder mal ein besonders schlechter Tag für die Gefangenen der Vereinigten Staaten. Warum? Weil der Gouverneur des US-Bundesstaates Mississippi, Haley Barbour, 200 Insassen, darunter 14 Mörder, begnadigt hat. Das summiert sich zwar zu weniger als 0,01% (d.h. einem hundertstel Prozent) der 2,38 Millionen Häftlinge dieses Landes (siehe Gefängnissystem der USA), aber die Entrüstungswelle, die gegenwärtig durch die Medien läuft, ist längst übergeschwappt.

"Was sagen denn die Opfer dazu?", entrüstet sich die Moderatorin Soledad O´Brien bei den Frühstücksnachrichten von CNN. "Gibt es denn nicht irgendeinen Weg das rückgängig zu machen?", fuhr sie den eilig herbeigerufenen Rechtsexperten Jeffrey Toobin an.

Dieser war so entsetzt, dass er anscheinend vergessen hatte sich die Haare zu kämmen und den Schlaf aus den Augen zu wischen. Blinzelnd und stotternd erwiderte er: "Nein, leider nicht. Das Einzige was den Opfern bleibt, ist, sich in den Medien auszulassen."

Und dann sprach Herr Toobin aus, was ich und jeder andere politisch interessierte Mensch in Amerika schon längst gedacht hatte: "Vor einigen Monaten noch wurde Haley Barbour als möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei gerade von den 'sozialen Konservativen' umworben. Heute können wir jedoch mit Sicherheit sagen: Herr Barbour wird nie Präsident der Vereinigten Staaten werden."

Frau O´Brien gelang es gerade noch, sich auf die Zunge zu beißen, bevor das "Gott sei Dank" herausrutschte.
 
Falls irgendein anderer amerikanischer Gouverneur mit dem Gedanken gespielt haben sollte, ein paar Gefangene zu begnadigen, wird er es sich nun schleunigst anders überlegen. Gnade bedeutet den politischen Tod. In meinen Büchern und in diesem Blog habe ich mich ausgiebig damit befasst, wie es dazu kam, dass Gnade zu einem Schmutz- beziehungsweise Schimpfwort wurde:
  • Im Unterhaltungsfernsehen und im "Reality TV" werden Kriminelle dämonisiert - als vollkommen anders, fremd und nicht menschlich dargestellt - weil das die Quoten steigert. Doch leibhaftigen Teufeln kann man natürlich keine Gnade zeigen. Siehe Blogbeiträge B7, B10, B23 - Die Darstellung von Verbrechen und Kriminalität in den Medien.
  • Während der vergangenen dreißig Jahre hat die Opferrechtsbewegung nicht nur im Justizsystem enormen Einfluss gewonnen, sondern sogar andere Bereiche der sozialen Rechtsprechung vereinnahmt. Jede Art von Gnade oder Milde – alles andere als unerbittliche Härte – wird als Beleidigung und Nichtachtung der Opfer dargestellt, so auch heute bei Gouverneur Barbour. Siehe B19, B20 – Opferschutz geht vor Täterschutz.
  • Mit Angst und Panikmache lassen sich am leichtesten Wahlen gewinnen, und die Medienindustrie verdient gleich mit! Weil Angst politisch so gut "funktioniert", kann Gnade nur Sand im politischen Getriebe sein, siehe B29 – Die zehn Methoden der politischen Panikmacher und die fünf Filter der Medien.
  • Mächtige wirtschaftliche Interessen verdienen prächtig an den $69 Milliarden, die die USA jedes Jahr für den Strafvollzug ausgeben. Jeder begnadigte und entlassene Insasse ist ein verlorener "Kunde", dessen Abwesenheit vom vergitterten "Hotel Haftanstalt" den Profit schmälert. Siehe B31, B32, B33 – Warum ich nicht Nelson Mandela bin – Die Privatisierung der inneren und äußeren Sicherheit – und B 68 - Irgendwo muss die Knete herkommen – Wie man in Amerika am Strafvollzug Geld verdient.
  • Die Ursünden Amerikas sind der Genozid an den Indianern und die Versklavung der Schwarzen. Die historische Schuld an diesen Verbrechen wird rigoros verdrängt und geleugnet, was dazu führt, dass Schwarze erst durch die "Jim Crow" - Gesetze und nun durch den Justizapparat weiter unterdrückt worden sind; siehe auch Michelle Alexander, "The New Jim Crow", The New Press, 2010. Aus psychologischen Gründen ist es weißen Amerikanern deshalb unmöglich, den schwarzen Opfern dieser jahrhundertelangen, systematischen Tyrannei, Gnade zu zeigen. Denn eigentlich sind es doch die Weißen, die Gnade und Verzeihung brauchen! Siehe B 37, B 38, B 39 – Wieso ist Hass in den USA salonfähig?
  • Weil die amerikanische Mittelschicht seit über dreißig Jahren wirtschaftlich absteigt - und die Gründe dafür nicht versteht - sucht sie nach Sündenböcken, an denen sie ihren Frust abreagieren kann. Diese Prügelknaben hat sie in den "live" im Fernsehen übertragenen Skandalprozessen gefunden: Aha, da sind sie, die "Bösen"! Siehe B 49 – Schlimmer als in Diktatorenstaaten, Teil 1.
  • Zurzeit sind die Vereinigten Staaten einer seltsam-melancholischen Nostalgie verfallen, man wünscht sich zurück in die guten alten Zeiten, als die USA das "stärkste" Land der Welt waren. Nun besteht Gnade ja gerade daraus, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schreiten. Doch genau dies hat man in Amerika verlernt. Siehe B67 – Zurück in den Knast, zurück in die Vergangenheit.

Wie jeder andere Schriftsteller bin natürlich auch ich fest davon überzeugt, dass ich besonders clever bin und in meinen oben genannten Texten die verschiedenen Gründe für die extreme Gnadenlosigkeit der Amerikaner ausgeleuchtet habe. Aber ich muss Ihnen gestehen:
Letztlich bin ich doch immer fassungslos über die Hassausbrüche, selbst intelligenter Amerikaner, wenn ein politischer Autist wie Haley Barbour die Todsünde begeht einem Unmensch Gnade zu zeigen.

Vor zwei Jahren wurde Timothy Kaine ganz ähnlich beschimpft und sogar von Parteifreunden angegriffen, weil er mich nur nach Deutschland überstellen (noch nicht einmal begnadigen!) wollte. Im Februar 2010 gab es eine einstimmige Resolution des Parlaments von Virginia - 92 zu 0! - in der sich alle Politiker, ausnahmslos, gegen meine Überstellung aussprachen. Das war ein Novum in der (damals) 234-jährigen Geschichte dieses Bundesstaates – aber es lag auch irgendwie voll im Trend. Gnade ist einfach unmöglich, vollkommen unannehmbar.
 
Und dies gerade in dem Land, das sich stolz das "christlichste" der ganzen Welt nennt. Womit gemeint wird, dass sich ein höherer Prozentsatz der amerikanischen Bevölkerung "Christ" nennt, als in anderen (zumindest industrialisierten) Staaten. Aber irgendwie schaffen es amerikanische Christen, nur das Alte Testament zu lesen - "Auge um Auge, Zahn um Zahn" - und das Neue Testament unbeachtet zu lassen. - siehe Matthäus 5, 38-42, wo Jesus gleich am Anfang spezifisch dieses alttestamentliche Rachegebot aufhebt.
 
Mit den theologischen Irrwegen und Ursachen, die dazu führten, habe ich mich im ersten Kapitel meines vierten Buches befasst ("The Church of the Second Chance", Lantern Books, 2008); es dreht sich um eine missverstandene Erlösungstheorie des Jean Calvin, die über die Puritaner und den Prediger Jonathan Edwards in den Kolonien verbreitet wurde. Auf Englisch nennt sie sich "penal substitution theology". Kurz gefasst:
  1. Gott ist vollkommen gerecht.
  2. Weil er vollkommen gerecht ist, muss er jede Sünde bestrafen, ohne Ausnahme.
  3. Doch weil Gott auch gnädig ist, hat er sich den Trick ausgedacht, alle Strafe, die wir sündigen Menschen verdienen, auf das Haupt seines gekreuzigten Sohnes zu legen.
  4. Denn Strafe muss sein, hart aber fair.
  5. Die praktische Konsequenz: Wenn selbst Gott Strafe nicht erlassen kann (er kann sie nur auf seinen Sohn verlagern), dann dürfen auch "gute" Christen keine Strafe erlassen. Hart aber fair!

Wer mir nicht glaubt, dass es sich tatsächlich so mit dem amerikanischen Christentum verhält, der besorge sich aus dem Internet die berühmte Predigt des Jonathan Edwards: "Sinners in the Hands of an Angry God". Diese Predigt hat Jonathan Edwards zu einem Popstar der Kolonialzeit gemacht, sie wird immer noch millionenfach als Traktat gedruckt und verteilt, irgendwo in den USA wird sie an jedem Sonntag gepredigt. Man nennt das: "Old time religion" - der Glaube der guten alten Zeit. Amerikanischer als Jonathan Edwards geht’s gar nicht!

Und trotzdem, trotzdem, will es mir irgendwie nicht in den Kopf: Wie kann man sich Christ nennen, und so gnadenlos sein? So clever wie ich bin, das kapiere ich nicht.

Was ich jedoch sehr wohl kapiere, ist, warum Gouverneur Barbour so viele Häftlinge begnadigte. Am Anfang seiner Amtszeit war er strikt gegen jede Form der Gnade, er lehnte alle Anträge ab. Doch in Südstaaten wie Mississippi ist es üblich, dass lebenslange Gefangene, die keine Einträge in ihren Disziplinarakten haben, die Gartenarbeit im Gouverneurspalast verrichten, die Limousine putzen, nach Gartenfesten aufräumen, und so weiter. Dabei lernt vermutlich erst einmal die Gemahlin des Gouverneurs, und dann der Gouverneur selber, diese Lebenslänglichen kennen. Schließlich ist man neugierig; wie die allermeisten Menschen hat auch ein Gouverneur einen leibhaftigen Mörder noch nie aus nächster Nähe gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen.

Und siehe da: Das sind gar keine Teufel in Menschengestalt! Gerade Mörder sind (meiner Knasterfahrung nach) meistens ziemlich normale Menschen, die in einem unglücklichen Augenblick (oft unter Alkoholeinfluss) etwas Schreckliches taten, was ihnen auch Jahrzehnte später noch leid tut. Genau das wissen natürlich auch die Wächter und die Gefängnisleitung – deshalb suchen sie sich gerade Lebenslängliche aus, um im Gouverneurspalast den Rasen zu mähen! Tja, und wenn der Gouverneur auch nur ein kleines wenig aufgeschlossen ist, merkt er das ebenso: Das sind tatsächlich Menschen.

Die "Gefahr" der Begegnung, der persönlichen Erfahrung mit, und Beziehung zu den schrecklichen "Monstern", wird anderswo vermieden. So zum Beispiel in Virginia: Hier dürfen sich noch nicht einmal die Mitglieder der Gnadenkommission ("parole board") mit den Insassen treffen, über deren Entlassung sie entscheiden (beziehungsweise nicht entscheiden – zurzeit werden weniger als 2% entlassen). Statt dessen schickt man einen Mitarbeiter (einen "parole interviewer"), der ein zwanzigminütiges Gespräch führt und dann den Mitgliedern der Gnadenkommission eine Mail schickt. Doch an einer Mail kann man die Menschlichkeit des jeweiligen Häftlings nicht erkennen.

Wenn ein Gefangener nur eine Mail ist, dann kann er einfach weggeklickt werden. So geschah es zuletzt mit mir am 24. Juli 2011, einem Sonntag, an dem 55 Insassen, die "parole" - Anträge gestellt hatten, einfach weggeklickt wurden. Abgelehnt – alle, ohne Ausnahme.

Ich vermute mal, so wird es in Mississippi in Zukunft auch gemacht. Das Risiko, dass ein verrückter Gouverneur plötzlich hunderte von Gefangenen begnadigen könnte, wird man gar nicht wieder haben wollen. Schließlich wollen die meisten Gouverneure nach ihrer Amtszeit US- Senatoren oder sogar US-Präsident werden! Und das geht nicht, wenn man die Todsünde "Gnade" begeht.
 

Spätmeldung, nach Abschluss dieses Blogeintrages:

Der Demokratische Generalstaatsanwalt Mississippis hat bekannt gegeben, dass er versuchen wird, die Begnadigungen des Republikanischen Gouverneurs juristisch zu kippen. Na, dann Prost: Und "God bless America".
Posted by: KS AT 06:53 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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