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Wednesday, 27 July 2011
Verzeihen Sie mir bitte, liebe Leserinnen und Leser, aber ich bin heute ziemlich schlecht gelaunt.

Ich schreibe diese Zeilen in den Tagen nach der Anhörung beim Gremium „Parole Board“, aber vor der Ablehnung meines Antrags auf Entlassung und Abschiebung nach Deutschland. Sie sehen, ich mache mir keine Hoffnung.

Für mich ist diese Zeit des Wartens auf die Entscheidung des „Parole Boards“ nicht besonders angespannt oder nervenaufreibend. Denn ich weiß ja, was kommt: ein Schlag ins Gesicht.

Es ist wie bei einem Boxer im Ring, der die Faust des Gegners auf sich zukommen sieht und sich nicht wegducken kann. Da bleibt nur eine Option: den Schlag hinnehmen und sofort gegenschlagen.

Auf Englisch heißt das „to ride with the punch“ und „to counterpunch“; ich kann diese Worte jedoch in meinem riesengroßen Wörterbuch nicht finden. Ersteres bedeutet, dass man in dem  Augenblick, in dem die gegnerische Faust einen trifft, ganz leicht zurückweicht, um dem Schlag einen Teil der Kraft zu nehmen. Mit Übung kann man lernen, sich bei diesem Zurückweichen ganz leicht zu drehen, so dass der Schlag teilweise an einem seitlich abgleitet.

Mit noch mehr Übung kann man lernen, diese erste Bewegung („ride with the punch“) mit der zweiten („counterpunch“) zu kombinieren. Wenn der gegnerische Schlag zum Beispiel meine rechte Seite trifft, dann gebe ich dort leicht nach – und bewege mich gleichzeitig auf meiner linken Seite vorwärts, zum Gegenschlag. Man muss sich nur rechtzeitig um die eigene Achse drehen.

„Nur“. Als ob das so leicht wäre.

Es ist aber sauschwer. Und es tut weh, denn der gegnerische Schlag trifft einen ja. Wenn man das lange genug macht, entwickelt man Hirnschäden die zu Bewegungsstörungen führen, wie bei Mohammed Ali. Scheiße.

Ich kämpfe seit fünfundzwanzig Jahren und zweieinhalb Monaten mit dem Rechtssystem und fühle mich mittlerweile wie Ali: ziemlich kaputt. Aber ich muss weiterkämpfen, ich kann nicht einfach in Ruhestand treten.

Wie oft stand ich schon im Ring und musste um mein Leben kämpfen: In England, wo ich verhaftet wurde, von 1986 bis 1990: Richmond Crown Court, Bow Street Magistrates Court, High Court of Appeals, House of Lords, European Commission of Human Rights, European Court of Human Rights, und zurück zum House of Lords.

Dann die amerikanischen Gerichte von 1990 bis 2001: Bedford County Circuit Court, Virginia Court of Appeals, Virginia Supreme Court, zurück zum Bedford Circuit Court, zurück zum Virginia Supreme Court, U.S. District Court, U.S. Court of Appeals, U.S. Supreme Court.

Dann reichte ich eine eigene Gerichtsklage ein, 2002 war das: Bedford Circuit Court, Virginia Court of Appeals, Virginia Supreme Court.

Und zuletzt kamen die Anhörungen beim Gremium “Parole Board”, welches auch ein Teil des Rechtssystems ist: 2003, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010 und nun 2011 (siehe Timeline).

Alles in allem fünfundzwanzig Instanzen oder „Kämpfe“, wenn man so will. Und jedes Mal als ich niedergeschlagen wurde, bin ich wieder aufgestanden. Darauf bin ich einerseits stolz, denn ich kenne keinen anderen Gefangenen, der so lange kämpft wie ich. Aber andererseits bin ich auch irgendwie entsetzt über den Wahnsinn des Systems. Und auch irgendwie über den eigenen Wahnsinn, denn was ich hier mache, ist doch nicht normal.

Normal wäre aufgeben. Aber ich kann das nicht. Will auch nicht.

Mehrmals während dieser fünfundzwanzig Jahre und fünfundzwanzig Instanzen sah es so aus, als ob ich siegen würde.

Das erste Mal war 1989 beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Mein Anwalt Colin Nichols, Q.C., gewann vor Gericht: Im Urteil hieß es, man dürfe mich nicht in die U.S.A. ausliefern, weil mir dort die Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhle drohte, man könne mich ja statt dessen nach Deutschland ausliefern und mir dort den Prozess machen.  Aber so kam es letztlich nicht: Ich wurde trotzdem in die U.S.A. ausgeliefert, bloß ohne Todesstrafe.

Das zweite Mal war 1990 beim Bedford County Circuit Court. Am Ende des dreiwöchigen Prozesses stimmten die zwölf Geschworenen ab: sechs für mich, sechs gegen mich. Das ist gleichbedeutend mit einem Freispruch, denn eine Verurteilung muss einstimmig sein. Doch dann baten die Geschworenen den Richter, sich den Fußabdruckvergleich näher ansehen zu dürfen. Am 6. Juli dieses Jahres haben Sie ja in der Sendung „ZDF-Zoom“ gesehen, wie man die Geschworenen praktisch belog: Der Polizist Ricky Gardner gab das vor laufender Kamera zu. Also wurde ich verurteilt.

Das dritte Mal war 1996, die Berufungsanhörung im Bedford County Circuit Court. Ich hatte eine neue Anwältin, die ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwältin Gail Starling Marshall. Und ein Sheriff´s Deputy namens George Anderson sagte vor Gericht zu meinen Gunsten aus, und ein ehemaliger Vorsitzender der Anwaltskammer auch. Doch der Richter war derselbe wie bei meinem Prozess: William Sweeney, der Freund der Haysom Familie, der mich in einem Magazin-Interview, das am ersten Tag meines Prozesses (also am 1. Juni 1990) veröffentlicht wurde, für schuldig erklärte. Als er die Berufung 1996/1997 ablehnte, urteilte er salomonisch: Zwar habe Frau Marshall recht, dass die Staatsanwaltschaft entlastende Beweismaterialien unterschlagen habe. Aber seiner Meinung nach hätte dies nicht zu einem anderen Urteil geführt, also Schwamm drüber. „Harmless error“ nennt sich das im amerikanischen Rechtssystem.

Das vierte Mal war im Januar 2001 beim U.S. Supreme Court. Frau Marshall hatte einen Verfahrensfehler entdeckt, bei dem das oben erwähnte „harmless error“-Prinzip nicht angewandt werden durfte. Es drehte sich um die Anweisungen, die Richter Sweeney elf Jahre vorher den Geschworenen gegeben hatte: Da hatte er einen fundamentalen Fehler gemacht, der rechtlich zwingend zu einem Aufrollen des Prozesses hätte führen müssen. Nur war der U.S. Supreme Court gerade dabei, den Fall Gore versus Bush zu entscheiden – die Präsidentschaftswahl, wo es im U.S.-Bundesstaat Florida zu Unregelmäßigkeiten beim Stimmenzählen kam. Die konservativen Richter spielten George W. Bush den Wahlsieg zu, obwohl Al Gore landesweit viel mehr Stimmen gewonnen hatte als Bush. Dieser Fall, Gore versus Bush, war natürlich viel wichtiger als mein kleines Leben, also wurde mein Fall, Soering versus Deeds, gar nicht angehört.

Das fünfte Mal war 2006, bei meiner zweiten Anhörung beim Gremium „Parole Board“. Gerade war mein drittes Buch veröffentlich worden, „The Convict Christ“; ich hatte mir keinen einzigen Regelverstoß im Gefängnis zu Schulden kommen lassen, was beinahe einmalig war; und mein amerikanischer Freundes- und Unterstützerkreis hatte mehr als einhundertzwanzig Briefe ans „Parole Board“ geschickt, darunter ein bekannter Hollywood Schauspieler, ein bekannter Dichter, mehrere Professoren, zwei Bischöfe und ein Abt, ein ehemaliger Gefängnisleiter (er hatte auch das Vorwort für mein zweites Buch geschrieben), eine ehemalige Stellvertretende Generalstaatsanwältin, und so weiter und so weiter. – Am Anfang meiner amerikanischen Haftzeit 1990 wurde mir, wie allen anderen neuen Gefangenen, vom Gefängnispersonal gesagt: Bei guter Führung und seriösen Resozialisationsleistungen dürfen Sie erwarten, bei ihrer zweiten oder dritten „Parole“-Anhörung entlassen zu werden. Dieses Versprechen wurde 2006 gebrochen. Und in all den darauf folgenden Jahren auch.

Nun googeln Sie einmal, was bei dieser Anhörung im September 2006 geschah. Es gibt einen Zeitungsartikel darüber, in der Richmond Times-Dispatch, von dem Journalisten Carlos Santos. Ich verrate es Ihnen: Das „Parole Board“-Mitglied, das die Anhörung führte, schlief während der Anhörung wiederholt ein. Und schnarchte.

Wirklich wahr.

Das passierte unter dem vorherigen Gouverneur Timothy M. Kaine, aber unter dem neuen Gouverneur Robert F. McDonnell wurde es nicht besser. Letztes Jahr, am Tag meiner sechsten „Parole“-Anhörung (!), dem 29. Juli 2010, sagte Herr McDonnell meiner Anwältin Gail Ball, er sei „überzeugt, dass er [also ich] vollkommen resozialisiert ist“ (Quelle). Das beeindruckte das „Parole Board“ überhaupt nicht. Seitdem wurde ein neues „Board“ ernannt. Ob es meinen Fall anders sieht?

Ich erwarte jedenfalls einen weiteren Schlag ins Gesicht, ich bin längst vorbereitet. Ich werde „ride with the punch“ und sofort „counterpunch“ machen: Ich werde mich leicht mit dem Schlag drehen und ihn seitlich an mir abgleiten lassen, und mit meiner anderen Seite einen Gegenangriff starten. Nicht weil ich will, sondern weil ich gar nicht anders kann.

Zuerst kommt die Briefwelle an die amerikanischen Botschafter und die Tourismusbehörden, die ich bereits mehrmals angekündigt habe und bei denen ich Sie inniglich bitte, mitzumachen. Außerdem bereite ich eine, vielleicht sogar zwei, Gerichtsklagen vor; die erste kommt praktisch sofort, die zweite ggf. später. Und zuletzt bringt der Droemer Verlag Anfang 2012 mein neues Buch „Nicht schuldig“ heraus; gestern habe ich das Manuskript gegengelesen, und ich glaube wirklich, es wird Ihnen gefallen.

Und ich schmiede schon Pläne für 2013.

Ich höre nie auf. Wer zu dumm ist, um aufzugeben, den kann man nicht besiegen.

Weil ich der Dümmste bin, bin ich also unbesiegbar.

Irgendwie logisch, oder?
Posted by: AB AT 05:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 20 July 2011
Vor kurzem schrieb mir eine meiner Brieffreundinnen, sie habe in Darmstadt Spargel gegessen. Das hat mich überhaupt nicht beeindruckt, denn Spargel bekommen wir hier im Knast zwei, drei Mal die Woche. Wirklich wahr!

Allerdings nur die Halme, die Stängel. Wir würden eigentlich gar nicht wissen, dass diese grünen, bohnenartigen Dinger auf unseren Tellern überhaupt Spargel sind, wenn nicht etwa jeder fünfte oder sechste Spargel noch seine Spitze hätte und daher als Spargel erkennbar wäre. Auf jeden Teller kommen sieben bis zehn Spargel, wovon einer, höchstens zwei noch seine verräterische Spitze hat.

Wie ist das möglich? Das kann ich Ihnen erklären: Vor zwei oder drei Jahren, in meiner vorherigen Haftanstalt Brunswick, bekamen wir drei, vier Mal die Woche Brokkoli, aber auch wieder nur die Strunke – also ohne die Blume oben. Weil ich Gemüse mag, reichte ich eine interne schriftliche Klage ein, um mich darüber zu beschweren.

Einige Tage später rief man mich dann ins Büro der Angestellten, die dafür zuständig war, alle diese internen schriftlichen Klagen abzulehnen. Verzeihen Sie mir, dass ich den Job dieser Frau so zynisch beschreibe, aber es ist tatsächlich so, dass alle Beschwerden von Häftlingen grundsätzlich unberechtigt sind und daher alle Klagen abgelehnt werden. Denn erstens sind wir Gefangenen alle Untermenschen, die die Schnauze zu halten haben und dankbar dafür sein sollten, dass man uns nicht hingerichtet hat. Zweitens sind wir alle Lügner, die nichts Besseres zu tun haben, als uns neue Maschen auszudenken, wie wir den Knastbetrieb stören können. Und drittens, wenn einer von uns Insassen ausnahmsweise tatsächlich doch eine berechtigte Klage einreicht, dann muss diese besonders verbissen abgestritten und bekämpft werden, denn wenn wirklich etwas schief gelaufen sein sollte, könnte das irgendeinen Kollegen ja seinen Arbeitsplatz kosten. Also: Alle schriftlichen Beschwerden, wirklich alle, werden von dieser Angestellten abgelehnt.

Wissen Sie, welchen Titel diese Angestellte  hat? Menschenrechtsbeauftragte. Wirklich wahr! Ich habe einer von denen einmal gesagt, sie sei doch gar nicht für mich zuständig, ich würde gern mit der Untermenschenrechtsbeauftragten sprechen. Das hat sie nicht kapiert und mich böse angeguckt.

Also, nachdem ich in meiner vorherigen Haftanstalt die interne Klage gegen die Brokkoli-Strunke einreichte, wurde ich ins Büro der sogenannten Menschenrechtsbeauftragten gerufen. Sie sagte mir, sie habe mir zuerst nicht geglaubt. Dann habe sie aber einen Insassen, der als I.M. für die Gefängnisleitung arbeitet, gefragt, und der habe ihr das mit dem Brokkoli bestätigt.

Also habe sie in der Küche angerufen, und dort habe man ihr erklärt, dass diese Brokkoli-Strunke so – also ohne die Blumen – von der Strafvollzugszentrale in großen, durchsichtigen Plastiksäcken angeliefert werden. Irgendeine Firma da draußen, in der wunderschönen freien Welt, verarbeitet anscheinend Brokkoli für Restaurants und hat danach unendlich viele Brokkoli-Strunke übrig. Statt diese dann wegzuwerfen oder vielleicht an Schweine zu verfüttern, werden diese Strunke uns vorgesetzt. Uns Untermenschen, beziehungsweise Unterschweinen.

In meiner jetzigen Haftanstalt gibt es richtigen Brokkoli, also solchen mit Blume, dafür aber Spargelhalme ohne Köpfe. Vermutlich ist der Grund dafür der gleiche. Allerdings waren die Brokkoliverarbeiter seinerzeit effizienter als die Spargelverarbeiter heute, denn beim Brokkoli gab es überhaupt keine Blumen, wohingegen beim Spargel jeder fünfte oder sechste Halm noch seinen Kopf hat.

Früher hätte ich wegen so etwas eine interne schriftliche Klage beim Menschenrechtsbeauftragten eingereicht: Das sei doch die reine Geldverschwendung! Wenn man einen zusätzlichen Arbeitsplatz in der Knastküche einrichten würde (Lohnkosten: rund 25 Cents pro Stunde), könnten alle diese Spargelspitzen abgetrennt und an die Verarbeitungsfirmen zurückgeschickt werden. Das würde der Knastküche mehr Geld bringen, uns Untermenschen härter bestrafen, und zu unserer Resozialisierung beitragen.

Leider habe ich für solche schriftlichen Beschwerden heutzutage keine Zeit mehr. Das tut mir leid, denn ich würde doch gerne meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Menschenrechtsbeauftragte genug Arbeit hat und ihren Job nicht verliert.

Statt über Spargel könnte ich mich vielleicht über Kirschen beklagen, die es gestern zum Mittagessen gab. Kirschen hatte ich seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen, das hat mich regelrecht verblüfft - aber nicht im positiven Sinne!

Sicherlich können Sie das nicht verstehen, aber im Knast ist jede Überraschung erst einmal schlecht, weil sie die Routine umwirft. Fast jeder Teil des Häftlingslebens ist strikt reglementiert, wenn nicht von der Gefängnisleitung, dann vom Insassen selber. Denn Routinen geben uns das Gefühl, zumindest ein klein wenig Kontrolle über unser Leben ausüben zu können. Wenn dann etwas Neues kommt, selbst wenn es sich nur um Kirschen dreht, fühlt sich das erst einmal wie ein Kontrollverlust an. Und damit muss man dann fertig werden, man muss das Ungewohnte zuerst einordnen und verarbeiten.

Als nächstes kommen dann bei so etwas wie Kirschen die Erinnerungen hoch. Diese tun grundsätzlich immer weh, weil sie einen an das eigene verlorene Leben und die Welt auf der anderen Seite des Stacheldrahts erinnern. Im Grunde gibt es im Knast gar keine „guten“ Erinnerungen, weil alle Erinnerungen Sehnsüchte erwecken, die nicht erfüllt werden können und daher nur Schmerz bereiten.

Als ich die Kirschen auf meinem Teller sah, dachte ich zum Beispiel an zwei Erlebnisse zurück. Das erste spielte sich in der Schweiz ab, wo meine Großmutter mütterlicherseits ein Chalet hatte, in den Bergen am Genfer See. Vor 30 oder 35 Jahren muss es gewesen sein, dass unsere Familie – mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich – einen Spaziergang machten und an einer Reihe Kirschbäume vorüberkamen, an denen wunderbare, reife Kirschen hingen.

In meiner Erinnerung war es mein Vater, der beschloss, wir drei „Männer“ müssten uns nun ein paar Kirschen holen: Das sei ein kleines Abenteuer, jeder Junge müsse so etwas einmal machen. Wie üblich war mein Bruder sofort voll dabei, und natürlich war ich wieder einmal etwas ängstlich.

Auf jeden Fall kletterten wir drei Helden über den Zaun, was gar nicht leicht war, weil der elektrisiert war. Meine Mutter stand Schmiere. Jeder von uns pflückte vielleicht 10 Kirschen, und ein paar extra für die Mutter; dann ging´s zurück über den Zaun, zurück ins gutbürgerliche Leben.

Ich erinnere mich immer noch daran, wie gut diese Kirschen schmeckten, wie schön dieser sonnige, aber nicht zu warme Sommernachmittag war, wie glücklich ich damals noch sein konnte. Das Wort, das ich mit dieser Erinnerung verbinde, ist "Unschuld": der Zustand des Unverletzt- und Unbeschmutztseins.

Freude, Glücksgefühl, Unschuld – alles Dinge, die für mich schon seit Jahrzehnten nicht mehr möglich sind. Und an die ich heute vielleicht gar nicht gedacht hätte, wenn man uns heute nicht diese verdammten Kirschen auf den Knastteller geknallt hätte.

Die Kirschen im Speisesaal der Haftanstalt erinnern mich übrigens auch noch an ein zweites Erlebnis, ein weniger schönes: Im Juni 1985 war ich mit meiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom auf Urlaub in Berlin. Wieder war es ein wunderschöner Sommernachmittag mit Sonnenschein und leichter Brise, wenn ich mich recht erinnere. Wir kauften eine kleine Papiertüte mit Kirschen, Elizabeth und ich, und gingen in einem Schlossgarten flanieren.

Dort fanden wir eine Holzbank und setzten uns, um unsere Füße auszuruhen und die Kirschen zu essen. Und wie das so ist zwischen jungen Verliebten, begaben Elizabeth und ich uns in einen Wettbewerb, wer die Kirschkerne am weitesten spucken konnte. Spaß – ein ganz kleiner, hundsnormaler Spaß, der zu einem besonders schönen Erlebnis wurde, weil ich diesen Spaß mit der wunderbarsten Frau in der ganzen Welt teilen konnte: Elizabeth Haysom. Mit ihr und durch sie verwandelten sich die einfachsten Dinge, wie dieser Kirschkernspuckwettbewerb in Zauber und Freude, die meinem Herzen Flügel verlieh.

Vielleicht erinnern Sie, meine Leser, sich an dieses Gefühl der Liebe, das einen Spaziergang zum Höhepunkt des Lebens werden lässt, nur weil dieser Spaziergang mit dem/der Geliebten gemacht wurde. Diese jauchzende Freude, dieses klopfende Herz sind nichts Ungewöhnliches – normalerweise. Aber was Sie wissen müssen, das ist, dass Elizabeth an jenem sonnigen Sommernachmittag bereits ihre Eltern ermordet hatte, mit mehreren Dutzend Messerstichen und beinahe-abgetrennten Köpfen.

Diese Liebe, die ich damals im Juni 1985 zu fühlen meinte, war nicht nur falsch sondern gefälscht. Sie beruhte auf Lügen, die wir uns selbst erzählten – wir hatten uns beide, auf verschiedene Weise, der Realität verschlossen – sowie auf Elizabeths Seite Lügen, die sie mir ganz absichtlich erzählte, um mich zu manipulieren. Wir waren also gar nicht ineinander verliebt, es schien nur so.

Mit Kirschen verbinde ich also auch dieses völlig unechte Glücksgefühl der falschen und gefälschten Liebe, dieser Nichtliebe. Kirschen erinnern mich daran, dass ich noch nie eine richtige, echte, erwachsene Liebesbeziehung gehabt habe. Eigentlich kenne ich Liebe gar nicht – nur Scheinliebe.

Deshalb war ich auch nicht besonders dankbar, als der Speisesaal meiner Haftanstalt mir gestern eine Handvoll Kirschen auf den Teller servierte. Im Grunde war das eine Handvoll Schmerz für mich, und vom Schmerz habe ich auch ohne Kirschen mehr als genug.

Mit mir ist nicht gut Kirschen essen.
Posted by: AB AT 06:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 13 July 2011
Es ist nicht leicht, Einträge für diesen Blog zu schreiben. Einerseits versuche ich, Einblicke in die Welt hinter Gittern zu gewähren – weil es doch immer interessant ist, andere Kulturen und Lebensweisen kennen zu lernen (vor allem, wenn sie etwas gefährlich sind). Desweiteren bemühe ich mich, auf Parallelen zwischen meiner und Ihrer Welt hinzuweisen, damit Sie, meine Leser, auch irgendeinen kleinen praktischen Nutzen von meinen Texten haben. Oft nehme ich dazu noch Bezug auf Politik und Geschichte, denn ich fände es schrecklich, wenn sich das deutsche Justizsystem in Richtung Amerika entwickeln würde. Zuletzt versuche ich über mein Seelenleben zu schreiben, denn mir wird immer wieder gesagt, dass mein Schicksal und die Art wie ich damit fertig werde, anderen Menschen Mut macht, genau so weiter zu kämpfen wie ich es tue.

Natürlich kann ich nicht immer alle diese Themen in jeden Eintrag einbinden. Außerdem ist es immer mal wieder nötig, über meinen Fall zu schreiben, weil dieses Thema viele Leser fasziniert und ständig neue Fragen dazu aufkommen. Gewissermaßen ist der heutige Blogeintrag ein solcher.

Während der vielen Interviews, die ich in letzter Zeit gemacht habe, sowie in vielen Briefen, werde ich oft gefragt: Was würden Sie heute tun, wer würden Sie heute sein, wenn Sie nicht im Gefängnis gelandet wären? Diese Frage konnte ich nie so richtig beantworten – jedenfalls bis vorgestern. Denn vorgestern erhielt ich einen Brief von einer meiner engsten Freundinnen, in dem sie mir einige Ausdrucke von der Website der Jefferson Scholars Foundation sandte.

Dazu ein kurzes Wort der Erklärung: Im Frühjahr 1984 gewann ich ein Hochbegabtenstipendium für ein Studium an der amerikanischen Eliteuniversität University of Virginia. Damals hatte jeder Jahrgang an der U.Va. 8000 Studenten, von denen nur 16 sogenannte Jefferson Scholars waren – darunter auch ich. Wir waren kleine Stars, und es wurde auch sehr viel von uns erwartet.

Etwas mehr als eineinhalb Jahre später ging ich auf Flucht, weil ich mich von meiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom in einen Doppelmord hatte verwickeln lassen. Damit habe ich der University of Virginia und der Jefferson Scholars Foundation sehr geschadet – was mir entsetzlich leid tut. Ich nehme es weder U.Va. noch der Foundation im geringsten übel, dass ich während der vergangenen 25 Jahre nie von ihnen gehört habe. Auch habe ich nie versucht, meinerseits mit ihnen Kontakt aufzunehmen, weil ich mich so schäme.

Eigentlich denke ich nur sehr, sehr ungern an meine Zeit an der University of Virginia. Da kommen sofort starke Reuegefühle hoch, sowie Trauer und Selbstverachtung. Auch etwas Hoffnungslosigkeit. Auch spürte ich früher immer auch etwas Hass auf Elizabeth, was heutzutage nicht mehr der Fall ist. Aber die Erinnerungen daran begleiten mich immer noch, und ich werde sie auch nicht los.

Deshalb war ich nicht gerade überglücklich, als mir diese gute Freundin Ausdrucke von der Website der Jefferson Scholars Foundation zuschickte. Es waren die Seiten, auf denen die Jefferson Scholars meines Jahrgangs sehr kurz berichteten, was sie heute tun. Hätte ich vor 25 Jahren mein eigenes Leben nicht restlos zerstört, dann hätte ich auch so eine Minibiografie geliefert – ein seltsames Gefühl... Doch zumindest kann ich nun sehen, was aus mir hätte werden können, wenn ich nicht im Gefängnis gelandet wäre.

Das Allererste, was ich merkte, war jedoch, dass ich ersetzt worden war. Für meinen Jahrgang gibt es 16 Einträge, statt wie ich erwartet hatte: 15, und mich, den Abwesenden. Irgendwie hat das sofort weh getan. Wie im Neuen Testament: Dort wurde der Verräter Judas auch ersetzt, damit die Zahl der Apostel wieder 12 erreichte. So einer wie Judas bin ich gewissermaßen auch, da hat die Jefferson Scholars Foundation nicht unrecht.

Und was machen sie heute so, die 16 Hochbegabten meines Jahrgangs? Fünf sind Anwälte geworden, zwei Investmentbanker, zwei Geschäftsleute (davon einer "high tech"), ein Wirtschaftsprüfer, eine Ärztin, eine Professorin (an der University of Virginia), und eine Ehefrau mit Doktortitel, deren Mann ein international bekannter Architekt zu sein scheint. Die verbleibenden drei sind für mich, als Schriftsteller, eine kleine Überraschung: zwei sind Professoren an anderen Eliteuniversitäten, an welchen sie "creative writing" (mit anderen Worten: Schriftstellerei) lehren, und die dritte ist Mitautorin einer bekannten Schulbuchserie beim größten Schulbuchverlag der U.S.A..

Da kann ich nur schmunzeln und mich fragen: Na, wer von uns vier Autoren, ist wohl am erfolgreichsten als Autor? Ich habe einen Literaturpreis gewonnen, ihr auch? Und welchen bitte? Wie hoch sind Eure Verkaufszahlen? Und habt ihr in zwei verschiedenen Sprachen geschrieben und veröffentlicht, wie ich?

Ja, ja, Sie wissen ja, meine lieben Leser: Ich bin ganz entsetzlich vom Konkurrenzdenken geprägt, mir sind Erfolg und Leistung sehr wichtig. Deshalb ist es ja so äußerst schmerzhaft für mich, mit den Minibiografien der anderen Jefferson Scholars konfrontiert zu werden. Da kann ich so richtig sehen, wie sehr ich mein Leben versaut habe – was für ein Versager ich bin. Das tut so weh, dass mir jetzt, beim Schreiben, beinahe die Tränen kommen.

Auf jeden Fall habe ich jetzt eine Antwort auf die Frage, was ich vielleicht hätte werden können, wenn...

Allerdings bin ich von meinem Jahrgang etwas enttäuscht. Im Jahrgang vor meinem, gibt es meiner Meinung nach interessantere und (Verzeihung!) erfolgreichere Lebenswege, die ich auch als Möglichkeiten für mich selber sehe – bzw. gesehen hätte. Einer im besonderen erinnert mich an "mich": Er ist ein landesweit (und sogar im Fernsehen) bekannter "Neuroscience" Wissenschaftler, der mit Computertomographen die mit Musik verbundene Hirnaktivität erforscht. Als ich mich vor 27 Jahren an der University of Virginia einschrieb, war ich Psychologiestudent, und bis auf den heutigen Tag lese ich ständg Bücher über Psychologie und "Neuroscience". Vielleicht wäre heute mein Labor gleich neben jenem dieses ehemaligen Jefferson Scholars, wenn...

Und jetzt kommen wieder beinahe die Tränen, was für mich doch recht außergewöhnlich ist, denn ich weine praktisch nie. Bis vor 5 oder 6 Jahren, weinte ich etwa ein Mal im Jahr – in den letzten paar Jahren überhaupt nicht mehr. Statt weinen arbeite ich: Ich schreibe ein neues Buch oder mache extra Klimmzüge und Liegestütze auf dem Sportplatz. Tränen bringen mich nicht weiter. Ich kämpfe für die Zukunft, nicht die verlorene Vergangenheit.

Was mich bei den Ausdrucken von der Jefferson Scholars Foundation außerdem noch besonders aufwühlt, sind die vielen Beschreibungen der Kinder. Beim "Neuroscience" Wissenschaftler sind sie gerade dabei, Klavier zu lernen; seine Ehefrau ist Schriftstellerin und Filmemacherin. In meinem Jahrgang arbeitet einer der Anwälte ehrenamtlich für eine Organisation, die autistischen Kindern hilft; vermutlich ist einer seiner beiden Söhne betroffen. Ein weiterer Anwalt sagt nichts über seine Karriere und beschreibt sich nur als "hauptberuflichen Zuschauer" bei Sportturnieren und Musikkonzerten seiner Kinder. Einer der Geschäftsmänner macht nicht nur Kindertheater, sondern ist auch noch in einer Pfadfindertruppe mit seinen drei Söhnen.

Alle diese Kinder scheinen im Alter von 9 bis 15 Jahre zu sein. Das fällt mir auf, weil ich vor etwa 10 bis 11 Jahren eine etwa zweijährige Phase hatte, in der ich mich schrecklich nach eigenen Kindern sehnte. Damals arbeitete ich als Fotograf im Besuchersaal der Haftanstalt; für $1,50 durften sich die Gefangenen mit ihren Familienmitgliedern von mir ablichten lassen. Dort, im Besuchersaal, konnte ich zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder Kinder sehen – denn im Gefängnis gibt es die natürlich nicht. Und das tat ganz entsetzlich weh. Denn ich hätte doch so gerne eigene Kinder gehabt.

Damals weinte ich noch ein Mal im Jahr, davon schrieb ich oben. Wegen den Kindern habe ich vielleicht etwas mehr als ein Mal im Jahr geweint. Daran erinnere ich mich nicht so genau, und will es auch nicht.

Jedenfalls vermute ich, dass die anderen Jefferson Scholars vor rund 10 Jahren ganz ähnliche Gefühle verspürten wie ich. Im Gegensatz zu mir, konnten sie aber etwas daran tun. Und heute haben sie eben kleine Tennisstars und Balletttänzerinnen; wie noch ein weiterer Anwalt.

So, und nun kommen mir – wieder nur beinahe – zum dritten Mal beim Schreiben dieses Blogeintrags, Tränen. Was mich mittlerweile wirklich ärgert. Denn: Tränen bringen mich nicht weiter.

Wenn jemand stirbt, dann sagt man, er habe sein Leben verloren. Auch ich habe mein Leben verloren, das kann ich jetzt in den Ausdrucken der Website der Jefferson Scholars Foundation genau nachlesen. Verloren. Weg. Futsch.

Oder, um es genau zu sagen: Ich hatte nie ein Leben, habe es also gewissermaßen auch nicht verloren. Nur der fast überwältigende Schmerz des Verlustes sagt mir, dass doch etwas fehlt. Auch wenn ich nicht genau weiß, was es ist, das mir fehlt. Denn ich hatte es ja nie. Mein verlorenes Leben.
Posted by: TH AT 06:37 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 06 July 2011
Seit 1996 sind alle fremdsprachigen Bücher, Magazine und Zeitungen in virginianischen Haftanstalten verboten. Ich umgehe diese Regel mit der Hilfe eines Mitglieds meines Freundeskreises. Sie stellt mir jede Woche meine eigene deutsche „Zeitung“ mit aus dem Internet heruntergeladenen Artikeln zusammen. Das ganze camouflagiert sie als Brief, denn fremdsprachige Briefe sind erlaubt. Auf diese Weise erfahre ich also, was in meinem Heimatland geschieht.

Diese Artikelbriefe liefern mir auch oft die Themen für meine Blogeinträge, vor allem, wenn sich ein Themenkomplex aus den verschiedenen Reportagen herauskristallisiert. Im letzten Brief fand ich zum Beispiel Reportagen über Außenminister Guido Westerwelles Entscheidung, Deutschland an der militärischen Intervention in Libyen nicht teilnehmen zu lassen; Verteidigungsminister Thomas de Maiziéres Reform der Bundeswehr; von einer Sondereinheit der Bundeswehr, die sich nun darum bemüht, junge Menschen für die zukünftige Freiwilligenarmee anzuwerben; und von der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann, die erst eine Flugverbotszone über Libyen für richtig hielt, dann doch dagegen war, und schließlich sagte: „Wir brauchen Fantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen.“ Welchen Themenkomplex finde ich hier also in meinem letzten Artikelbrief? Die neurotische deutsche Beziehung zur militärischen Gewaltanwendung.

Auweia! Soll ausgerechnet ich mich wirklich zum Thema Gewalt äußern? Ist das nicht ein bisschen zu gefährlich für mich? Schließlich bin ich seit über 25 Jahren im Gefängnis für einen Doppelmord, den ich zwar nicht begangen habe, aber immerhin … Setze ich mich hier nicht der Gefahr aus, meinen Gegnern Argumente zu liefern?

Andererseits: Ich habe 25 Jahre in amerikanischer Haft verbracht, ohne auch nur ein einziges Mal in eine Schlägerei verwickelt gewesen zu sein. Das ist eine so riesengroße Ausnahme, dass ich persönlich keinen einzigen anderen Insassen kenne, der das Gleiche von sich behaupten kann.

Wenn ich gelegentlich einem Mitgefangenen, dem ich besonders vertraue, erzähle, dass ich mich tatsächlich noch nie geprügelt habe, dann wird mir das zumindest anfangs nicht geglaubt. So etwas gibt’s gar nicht! Schließlich überzeuge ich meinen Gesprächspartner dann doch, dass ich die Wahrheit sage, und er bricht daraufhin in Gelächter aus: Was für ein Witz! Zuletzt muss ich ihm dann das Versprechen abpressen, mein „Geheimnis“ ja keinem anderen Häftling zu verraten. Aber darüber muss ich mir keine Sorgen machen, denn so etwas Verrücktes glaubt sowieso niemand.

Bin ich also der Beweis, dass Frau Käßmann recht hat? Habe ich einfach mehr „Fantasie für den Frieden“ als alle anderen Häftlinge? Kann man eben doch ohne Gewaltanwendung auskommen, selbst in der schrecklich gefährlichen Welt einer US-Strafvollzugsanstalt?

Keineswegs.

Über die Jahrzehnte hinweg habe ich viele Strategien entwickelt, um Gewaltanwendung zu vermeiden. Die Details sind nicht wichtig, weil sie nicht auf Ihre Welt übertragbar sind. Was wirklich entscheidend und effektiv war, das will ich Ihnen jedoch sagen, weil dies meiner Meinung nach sehr wohl auf Ihre Welt übertragbar ist: Die überzeugende und glaubwürdige Androhung der Gewalt und (noch wichtiger) der Schutz der Wächter.

Ich bin körperlich nur durchschnittlich groß und sehr fit – vor allem aber bin ich bekannt dafür, sehr fit zu sein. Alle Gefangenen in meiner jetzigen Haftanstalt wissen, dass ich der beste Läufer (Jogger) bin, denn sie sehen mich immer, wenn ich auf dem Sportplatz meine 24 Runden (gleich 6 Meilen) drehe. Und alle Insassen, die im Bodybuilding-Areal Hanteln stemmen, wissen, dass ich mehr Klimmzüge und Liegestütze machen kann, als alle anderen.

Erst vor ein paar Tagen sagte K.D., ein junger Schwarzer, mit dem ich manchmal trainiere: „Hey, ich weiß nicht, welches Wundermittel du dir heute morgen in deinen Kaffee gegossen hast, aber davon musst du mir was abgeben.“ Worauf ich zu ihm sagte: „Quatsch Wundermittel, bin einfach wütend.“ Das haben alle anderen gehört, was von mir auch beabsichtigt war.

Sie wissen alle: Der Söring ist saumäßig ausdauernd und schnell, außerdem überraschend stark, und dann noch etwas unberechenbar. Zudem ist er regelmäßig der einzige Weiße, der sich traut, mit den Schwarzen zu trainieren, also ist er offensichtlich verrückt.

Diesen Ruf habe ich mir hart erarbeitet, und ich erarbeite ihn mir jeden Tag neu, wenn ich auf den Sportplatz gehe. Denn ich weiß ganz genau, wie sehr mir dieser Ruf geholfen hat, zu überleben.

Aber dieser Ruf allein hätte mich nie und nimmer gerettet. Soooooo eitel und eingebildet bin ich auch wieder nicht, liebe Leute!

Noch wichtiger war während der vergangenen 25 Jahre die Tatsache, dass die Haftanstalten Virginias relativ gut geführt sind. Wenn es eine Schlägerei gibt, kommen die Wächter hinzu und sperren beide Kämpfer in die Strafzellen. Das ist bei Weitem nicht in jedem U.S.-Bundesstaat so: Anderswo lassen Wächter die Insassen sich prügeln, bis einer ohnmächtig geworden ist und der andere keine Lust mehr hat, auf ihn einzutreten. Glücklicherweise gibt es in Virginia den uniformierten „großen Bruder“, der einen rettet, wenn man gerade dabei ist, einen Kampf zu verlieren.

Ganz nebenbei: Die Verlässlichkeit der virginianischen Wächter hat einige interessante Nebeneffekte. Wenn man nicht genug Geld hat, um beim Kredithai oder Drogendealer seine Schulden zu begleichen, kann man ziemlich gefahrenlos eine Schubserei auslösen und sich von den Wächtern in die Strafzelle werfen lassen. Im Gefängnis ist das eine „ehrenwerte“ Art, den Schuldeneintreibern zu entkommen.

Für mich war und bleibt der uniformierte „große Bruder“, die Wachmannschaft, lebenswichtig, weil diese Gewaltandrohung (das Einschreiten der Wächter; die Strafzellen) auf die gefährlichen Häftlinge eine abschreckende Wirkung hat. Meine Mitgefangenen wissen, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Insassen so lange kämpfen kann, bis der „große Bruder“ kommt. Und das Risiko, in die Strafzelle geworfen zu werden, bin ich den „Hyänen“ nicht wert, denn es gibt ja so viele andere Häftlinge, die schwächer sind als ich. Also legen die böswilligen Gefangenen sich mit denen an, statt mit mir.

„Vics“ werden die Schwachen genannt; das steht für „victims“, also Opfer. Es sind die frischen, weichen Jungen, die etwas Älteren, die Geisteskranken (20 % aller Insassen sind offiziell geisteskrank), und natürlich die ängstlichen Weißen. Wenn man die am richtigen Ort erwischt – im Treppenhaus, in der Dusche – kann man die zusammenschlagen, ohne dass die Wächter etwas davon bemerken.

Letztlich ist es also die Wachmannschaft, die mich schützt. Nicht die vielen Klimmzüge und mein Ruf. Ohne diesen „großen Bruder“ müsste ich mich mit anderen Häftlingen zusammentun und eine „Gang“ zum gegenseitigen Schutz gründen. Denn die „Hyänen“ haben längst schon ihre „Gangs“, auch in den Strafvollzugsanstalten Virginias. Zum Beispiel sind einige der jungen Schwarzen, mit denen ich gelegentlich trainiere, solche „Gang“-Mitglieder.

Und nun, liebe Leser dieses Blogeintrages, möchte ich Sie bitten, meine Erfahrungen auf Ihre Welt und besonders auf Deutschlands nach meiner Meinung neurotische Beziehung zur militärischen Gewaltanwendung zu übertragen. Denn ich sehe da viele Ähnlichkeiten und Parallelen. 

Ihre Welt ist voller Menschen, die zumindest psychologisch mit den „Hyänen“ und „Gang“-Anführern in meiner Welt verwandt sind: Die Gadaffis, die Mubaraks und wie sie alle heißen. Wie im Gefängnis legen sich solche Typen auch im Nahen Osten nicht mit den Starken an, sondern nur mit den Schwachen: Ethnischen Minderheiten im eigenen Land, oder schwächeren Nachbarländern. Gelegentlich kommt dann der „große Bruder“ Amerika und wirft ein paar Bomben ab, stürzt ein Regime, oder schickt die SEAL-Soldaten mit den schwarzen Hubschraubern.

Deutschland hat sich aus der tatsächlichen Anwendung militärischer Gewalt 66 Jahre lang fast vollkommen heraushalten können, genau wie ich mich 25 Jahre lang herausgehalten habe. Zumindest in der amerikanischen politischen Presse hat Deutschland erstaunlicherweise immer noch den Ruf, ein militärisch starkes Land zu sein (immer verbunden mit der Frage, warum sich die Deutschen trotzdem so schwach geben), genau wie ich auf dem Sportplatz meiner Haftanstalt den Ruf habe, ein starker, leicht unberechenbarer Typ zu sein. Was uns (Deutschland und mich) jedoch tatsächlich geschützt hat, war nicht die eigene Stärke und unser Ruf, sondern der „große Bruder“. Die abschreckende Wirkung der tatsächlichen Gewaltanwendung.

Wohlgemerkt: Anwendung, nicht Androhung. Drohungen wirken nur, wenn zumindest gelegentlich die Gewalt auch angewendet wird.

Versteht mich bitte richtig, liebe Leser: Ich finde es nicht schön, dass die Welt so ist, wie sie ist. Aber sie ist so. Und ich kann es mir nicht leisten, die von Frau Käßmann empfohlene „Fantasie für den Frieden“ zu entwickeln, denn hier im Gefängnis bekomme ich die Konsequenzen sofort zu spüren: 1991 wurde ich beinahe von einem Mitgefangenen vergewaltigt. Es war dieses Erlebnis, das mich dazu trieb, körperlich extrem fit zu werden. Und siehe da, seitdem hat es niemand wieder mit mir versucht.

Aber ich wiederhole: Der wichtigste Schutz für mich war der „große Bruder“.

Und das ist er auch für Sie, selbst wenn Sie das nicht wahrhaben wollen. Doch wer überleben will, der muss auch den unschönen Realitäten ins Auge sehen.

Wenn man sich nämlich nicht darüber im Klaren ist, was oder wer genau einen wirklich schützt, dann wandert man unversehens in Gefahrenzonen. Oder man wird überheblich und zu selbstsicher. Beides kann im Gefängnis leicht übel – bis – tödlich enden. Aus diesem Grund bin ich zum Beispiel im Treppenhaus immer besonders vorsichtig, und auf dem Sportplatz vermittle ich den jungen Schwarzen, mit denen ich trainiere, nie den Eindruck, dass ich auf sie herabblicke – auch nicht im Spaß. Denn ohne die Wächter hätte ich als einziger Weißer gegen 5 bis 10 „Gang“-Mitglieder keine Chance. Quatsch: Selbst gegen ein erfahrenes „Gang“-Mitglied hätte ich kaum eine Chance.

Was hat das mit Ihrer Welt zu tun? Sehr viel. Denn Ihr (Deutschlands) „großer Bruder“, die USA, ist dabei, sich zurückzuziehen. In den seriösen Zeitungen und politischen Magazinen der Vereinigten Staaten wird kolportiert, die Obama-Regierung sehe die Intervention in Libyen hauptsächlich als Gelegenheit, die Europäer dazu zu „erziehen“, endlich selbst mehr für ihre eigenen militärischen Streitkräfte auszugeben. Denn Amerika geht bankrott.

Deutschland scheint diese von der Obama-Regierung beabsichtigte Lektion jedoch nicht gelernt zu haben. In Berlin scheint man zu meinen, der „große Bruder“ würde uns letztlich immer die „Hyänen“ vom Hals halten und die moralisch schwierige Anwendung militärischer Gewalt für uns erledigen. Das ist ein Irrtum: Die Hauptaufgabe des neuen US-Verteidigungsministers Leon Panetta ist, den Etat des Pentagon kräftig zu kürzen.

Was passiert mit unserem Land, wenn der „große Bruder“ uns nicht mehr wie bisher schützt? Dieser Frage hat man sich in Deutschland bis jetzt noch nicht ausreichend gestellt. In anderen europäischen Ländern anscheinend doch: Amerikanische Zeitungen berichten, selbst Spanien und Italien wollen nun Flugzeugträger auf Kiel legen, England und Frankreich ersetzen ihre älteren durch neue.

Hier ein Beispiel für die Art Gefahr, in die sich Deutschland begibt, weil sicherheitspolitische Aspekte in Berlin nicht ausreichend bedacht werden. Nach dem Reaktorunglück in Japan ist in Deutschland eine weltweit einmalige Anti-Atom-Hysterie ausgebrochen, die dann zu der Entscheidung führte, dass in nur 11 Jahren alle AKW´s vom Netz genommen werden sollen. Kein anderes Land der Welt, selbst Japan nicht, hat auch nur annähernd so übertrieben reagiert.

Ich weiß, ich weiß: Das alles darf man jetzt nicht hinterfragen oder anzweifeln, schließlich „wissen“ alle, dass der Atomausstieg „notwendig“ ist. So ist der Massenwahn eben: Weil alle es glauben, muss es eben wahr sein. Gut und schön, die AKW’s werden abgestellt, egal wie verrückt das ist.

Aber hat sich irgendjemand in Berlin Gedanken über die sicherheitspolitischen Auswirkungen dieser Entscheidung gemacht?

Der Atomstrom muss doch ersetzt werden, und Windräder allein werden das nicht ausgleichen. Also werden vermutlich mehr Gaskraftwerke gebaut, die dann mit russischem Gas gespeist werden. Deutschland macht sich also noch abhängiger als bisher – von Wladimir Putin. Typen wie ihn gibt es hier im Gefängnis viele und ich kenne sie bestens. Wann immer möglich, meide ich sie.

Sich noch mehr als bisher in die Abhängigkeit von Putins Russland zu begeben, wäre sicherheitspolitisch vielleicht noch vertretbar, wenn man sich der Unterstützung eines „großen Bruders“ gewiss sein könnte. Genau das wird jedoch in Zukunft immer weniger der Fall sein. Wenn Putin dann irgendwann den Gashahn zudreht, wird Amerika eben nicht sofort hergaloppieren, um uns die „Hyäne“ vom Hals zu schaffen.

Oben erwähnte ich, dass es im Knast noch eine Alternative zum Schutz des „großen Bruders“, der Wachmannschaft, gibt: Man kann eine eigene „Gang“ zum gegenseitigen Schutz gründen. Das funktioniert. In meiner jetzigen Haftanstalt gibt es „Gangs“ für Weiße, sogenannte „Skinheads“.

Für Sie wären das Gegenstück dazu die Europäischen Alliierten. Nur hat Deutschland ausgerechnet diese Europäischen Alliierten vor Kurzem verprellt und im Stich gelassen. Nämlich bei der Intervention in Libyen. Das wird sich noch rächen.

Ich bin gezwungenermaßen Auslandsdeutscher. Ich kann mein Land nur aus der Ferne lieben – und mich um meine Heimat sorgen. Wegen meines ungewöhnlichen Lebensweges weiß ich nur sehr wenig, was in Ihrer Welt als nützlich oder wichtig anerkannt ist. Aber auf einem kleinen Spezialgebiet halte ich mich für einen Meister: Dem Überleben in Gefahrenzonen.

Dieses Wissen, was natürlich nicht nur ich besitze, scheint in Deutschland fast vollkommen zu fehlen. Ausgerechnet während sich die Schutzmacht USA langsam zurückzieht, verlässt und verletzt Deutschland seine wichtigsten Verbündeten, verkleinert die vergleichsweise sowieso schon zu kleine Bundeswehr. Und gibt sich Wunschträumereien über die „Fantasien für den Frieden“ hin. Das kann nur böse enden.

Im heutigen Blogeintrag habe ich versucht, meine Überlegungen für Sie, meine Leser, interessant aufzubereiten, indem ich diese Thematik mit meinen Erfahrungen im Gefängnis verbinde. Was ich mir davon erhoffe, ist, dass Sie das als Denkanstoß aufnehmen und sich nun selber ein paar Gedanken darüber machen.

Wenn sich Deutschland dem Thema „militärische Gewaltanwendung“ nicht stellt, dann wird die neue, schutzmachtlose Welt, die jetzt gerade heraufdämmert, ganz besonders für unser Land gefährlich werden. Denn „Hyänen“ können Angst und Schwäche aus ganz großer Entfernung riechen. Diese, ihre stärkste Fähigkeit ermöglicht es ihnen, immer den Schwächsten zuerst anzugreifen.

Als Spezialist für das Überleben in Gefahrenzonen sage ich Ihnen: Wenn ich „Hyäne“ wäre, ich würde mich auf Deutschland einschießen, weil es so weich ist.

Weich war ich auch einmal, vor 20 Jahren, als ich beinahe vergewaltigt wurde. Jetzt halte ich mich für einen der härtesten Typen überhaupt: der einzige Weiße, der mit den schwarzen „Gang“-Mitgliedern Klimmzüge macht, und so weiter. Womit ich sagen will: Weichheit kann man überwinden. Ich habe das geschafft, und Deutschland kann es auch. Es muss, um zu überleben.

Um das alles einmal konkret in Zahlen auszudrücken: Deutschland gibt 1,4 % seines Bruttoinlandprodukts (BIP) für den Verteidigungshaushalt aus, Frankreich 2 %, Großbritannien 2,7 % und die USA 5,7 %. Nur Spanien gibt weniger für die Verteidigung aus, nämlich 1 % seines BIP. Man muss kein durchgeknallter Rechtsaußen sein, um zu erkennen, dass es so nicht weitergeht.

Deutschland wird erwachsen werden müssen. Im Grunde ist die einzige Frage nur noch, wann dies geschehen wird: Vor einem Angriff von unerwarteter Seite, auf unerwartete Weise – oder erst danach.
Posted by: AB AT 05:25 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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zu Jens' Geschichte.
 

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