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Wednesday, 25 May 2011
Dies ist der dritte Teil von "Wieso ist Hass in den USA salonfähig?". Den ersten Teil finden Sie hier, den zweiten Teil hier.


Jahrzehntelang lag die Inhaftierungsrate der USA bei 100 von 100.000. Mit anderen Worten: Von 100.000 Bürgern saßen 100 hinter Gittern, also 0,1%. Ähnlich war und ist es auch in anderen westlichen Ländern. In Deutschland, zum Beispiel, liegt die gegenwärtige Inhaftierungsrate bei 96 von 100.000.

Anfang der siebziger Jahre, nachdem Buchanan und Nixon die "war on crime" - Strategie eingeführt hatten, begann die Inhaftierungsrate der Vereinigten Staaten zu klettern. Heute liegt sie bei 754 von 100.000 und ist die höchste in der ganzen Welt. Die USA haben 5% der Weltbevölkerung, doch 25% aller Gefangenen in der Welt sitzen in Amerika ein. 2,38 Millionen Menschen sind dort inhaftiert, fast eine Million mehr als in China.

Aber wohlgemerkt: Die Kriminalitätsrate, also die Anzahl von Verbrechen pro Kopf der Bevölkerung, ist heute fast genau dieselbe wie vor vier Jahrzehnten! Die öffentliche Sicherheit, das Risiko ein Opfer des "crime" zu werden, hat sich keinen Deut verbessert. Die Inhaftierungsrate wurde um das Siebeneinhalbfache erhöht, ohne konkrete Resultate.

Mit anderen Worten: All die Millionen Menschen, die während der vergangenen 40 Jahre ins Gefängnis gebracht wurden, waren nichts mehr als politische Reklame für den "war on crime".

Natürlich sind zwei Drittel der Häftlinge schwarz oder braun (d.h., hispanisch), im Süden selbstverständlich mehr. In den Großstädten sind 50% aller jungen schwarzen Männer hinter Gittern, auf Kaution, oder auf Bewährung. Nun ja, diese Statistiken kennen Sie vermutlich.

Aber natürlich ist dies alles kein Beweis des Rassismus. Das ist ja gerade das Geniale am "war on crime"! Alle diese Schwarzen und braunen Menschen sitzen nicht wegen ihrer Hautfarbe im Gefängnis, sondern weil sie Verbrecher sind. Man darf sich also über sie entrüsten, man darf sie fürchten und hassen - ohne sich schämen zu müssen.

Und damit sind wir beinahe bei der Antwort der im Titel dieses Essays gestellten Frage angelangt: Wieso ist Hass in den USA salonfähig? Doch erst muss ich erklären, warum die Demokratische Partei keine effektive Strategie gegen den "war on crime" gefunden hat und bei diesem bösen Spiel sogar kräftig mitspielt.

Schauen wir uns den in Europa hoch angesehenen Demokratischen Präsidenten Bill Clinton etwas näher an. Er ist ziemlich typisch für Demokraten im Zeitalter des "war on crime": 1992 unterbrach er den Präsidentschaftswahlkampf um nach Arkansas zurück zu reisen, wo er immer noch Gouverneur war. Dort wollte er persönlich die Hinrichtung eines gewissen Ricky Ray Rector beaufsichtigen, einem Mann, der so geistig behindert war, dass er sich einen Teil seiner letzten Mahlzeit aufbewahren wollte, um sie nach seiner Exekution zu essen.

Während der Präsidentschaft Bill Clintons (1993-2001) wuchs die Zahl der Gefangenen von etwa 1,2 auf 2,0 Millionen Menschen, weil er über das Gesetz VCCLEA 2,7 Milliarden Dollar an Bundesstaaten verteilte, die mehr Gefängnisse bauten und die frühzeitige Entlassungen auf Bewährung abschafften. Auch erließ Clinton die Gesetze AEDPA und PLRA: Das erste beschnitt radikal das Recht auf Revisionsverfahren, das zweite machte es fast unmöglich, Justizvollzugsbeamte für Missstände und Repressalien verantwortlich zu machen. Clinton setzte also alles daran, den "war on crime" noch radikaler zu führen als die Republikaner.

Und alle Demokraten tun es ihm gleich, sie meinen keine andere Wahl zu haben - und vielleicht haben sie auch keine. Denn was wäre die Alternative? Man müsste der weißen Mehrheit erklären, dass der "war on crime" eine Fortsetzung der Rassentrennungsgesetze ist, und dass diese Rassentrennungsgesetze eine Fortsetzung der Sklaverei wären - dem Genozid an den Schwarzen. Man müsste sich der Vergangenheit stellen.

Weil das unmöglich ist, wird die schreckliche, bedrohliche Vergangenheit aggressiv verdrängt und geleugnet. In Virginia, wo Richmond, die ehemalige Hauptstadt der Konföderation, liegt, gibt es einen "Jefferson Davis Highway", benannt nach dem Präsidenten der kurzlebigen Südstaatenrepublik; das wäre in etwa so, als wenn es eine Adolf-Hitler-Autobahn in Berlin gäbe. Vor einigen Jahren wurde ein US-Nationalfeiertag zur Ehrung des Bürgerrechtlers Dr. Martin Luther King, Jr. eingerichtet; das ärgerte Virginia so sehr, dass man dort den "Lee/Jackson" - Tag einführte, um den zwei wichtigsten Südstaatengenerälen zu gedenken. Kann man sich vorstellen, in Bayern einen Feiertag zur Ehrung zweier wichtiger Nazigeneräle einzurichten?

Dass es beim "Jefferson Davis Highway" und beim "Lee/Jackson"-Tag darum geht, den Schwarzen zu zeigen, wer die Macht hat, ist natürlich allen Amerikanern, den schwarzen wie den weißen, bekannt. Nur darf das nie öffentlich zugegeben werden - genauso wenig wie man öffentlich zugeben darf, dass der "crime" gegen den man einen "war" führt, die schwarze Kriminalität ist. Nichts darf beim Namen genannt werden, nichts ist wie es scheint.

Erlauben Sie mir, noch ein weiteres Beispiel dieses rassistischen Versteckspiels anzuführen. Der erste Republikanische Präsident nach dem Desaster Nixon/Ford war natürlich Ronald Reagan, der den USA 1980 "morning in America", einen sonnigen Tagesanfang versprach. Eines seiner wichtigsten Ziele war die Abschaffung des Bundesbildungsministeriums, dem "US-Department of Education", dessen Aufgabe es ist, Schulen in den verschiedenen Bundesstaaten finanziell zu fördern und vor allem die Rassentrennung der Schulbezirke zu bekämpfen. Das läuft zumeist durch forcierte Busbeförderung weißer Schüler in "schwarze" Schulen und schwarzer Schüler in "weiße" Schulen.

Reagan und alle anderen Republikaner begründen die erhoffte Schließung des "Department of Education" mit den Kosten und mit dem Argument, dass die Bundesregierung den einzelnen Staaten nicht vorschreiben dürfe, wie sie Politik zu machen haben. Dieses Argument trägt den Namen "states' rights", die Rechte der Staaten - und es war genau dieses Argument, das 1861 zur Abspaltung der Südstaaten und zum Bürgerkrieg führte! Die Konföderation bestand auf "states' rights", doch Präsident Lincoln pochte auf Einheit. Jedes Schulkind weiß das, jeder Amerikaner versteht, dass Politiker, die von "states' rights" sprechen, direkt an die Geschichte der Konföderation, der Sklavenhalterrepublik, anknüpfen.

Und da behaupte noch jemand, den Amerikanern sei Geschichte unwichtig, nur die Zukunft sei entscheidend! Eher das Gegenteil ist wahr, das Land ertrinkt geradezu an seiner Geschichte. Der US-Bürgerkrieg wird immer noch gefochten, nur unter anderem Namen.

Bisher ist das "Department of Education" nicht abgeschafft worden, vermutlich weil die Fördergelder, die das "department" verteilt, noch wichtiger sind als die Rechte der Staaten. Doch die weiße Mehrheit weiß sich der Rassenintegrierung der öffentlichen Schulen auch auf andere Weise zu entziehen: indem sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken. In der Hauptstadt Washington DC zum Beispiel sind 94% der Schüler an öffentlichen Schulen schwarz oder braun, fast alle weißen Schüler gehen auf private Akademien.

Nicht nur Schulen wurden im Laufe des 40-jährigen "war on crime" fast vollkommen rassisch getrennt. Einer neuen soziologischen Studie zufolge sind auch die Wohnorte von Schwarzen und Weißen heutzutage schärfer nach Rasse getrennt als zu jeder Zeit seit der Erlassung der Bürgerrechtsgesetze 1964. Bei jedem Krieg gibt es eben eine ethnische Säuberung, eine Trennung der verfeindeten Seiten.

Doch diese Trennung wird, wie ich oben bereits erwähnte, nicht rassistisch begründet, sondern mit dem Verbrechen, mit dem genialen "war on crime". Schwarze müssen millionenfach ins Gefängnis wandern - weil sie Kriminelle sind. Weiße Kinder werden auf Privatschulen geschickt - um sie vor den verbrecherischen, drogendealenden "Gangs" der schwarzen Schüler zu schützen. Weiße Familien ziehen in Vororte, wo nur ihresgleichen leben - weil die Kriminalitätsraten dort niedriger sind, was auch die Versicherungsprämien senkt. Nie geht es um Rasse, immer nur ums Verbrechen.

Und Verbrecher darf man hassen - richtig kräftig, ohne jede Scham, denn sie sind böse.  Niemand spricht dagegen, genau das ist das Entscheidende, Republikaner und Demokraten sind sich einig. Um die Stimmen der weißen Mehrheit zu gewinnen, müssen Politiker beider Parteien die Kriegstrommel des "war on crime", in seinen verschiedenen, oft versteckten Formen, weiter rühren. Es gibt keine Alternative.

Das ist der eine Grund, warum der Hass in den USA salonfähig ist. Der andere Grund, übrigens auch der Grund, warum der Hass gerade jetzt überschäumt, ist natürlich Präsident Barack Obama selber. Er ist das größte und beste politische Geschenk, das die Republikaner seit der Erfindung des "war on crime" bekamen. In den Augen der Weißen ist Obama genau das, was sie alle fürchten: ein Schwarzer mit Macht, der (über die Steuern) nach weißen Portemonnaies greift. Er ist das personifizierte Schreckgespenst, das Nixons Berater Patrick Buchanan Anfang der siebziger Jahre an die Wand malte, um den "war on crime" auszulösen.

Nur ist Obama kein Schreckgespenst, wenn man mit diesem Wort einen unberechtigten Grund zur Furcht meint. Denn die Angst der Weißen hat ja einen sehr triftigen Grund: den Genozid an den Schwarzen, der nie eingestanden, geschweige denn gut gemacht wurde. Es gibt doch eine ganz objektive, 18 millionenfache historische Rechnung zu begleichen. Alle Weißen wissen von dieser ungesühnten Schuld, trotz - oder vielleicht gerade wegen - ihrer aggressiven Leugnung und Verdrängung.

Wie konnte Barack Obama unter diesen Umständen überhaupt die Präsidentschaftswahl 2008 gewinnen? Um diese Frage zu beantworten muss man sich in die demographischen Details der Wahlergebnisse einarbeiten und vor allem gutmenschliches Wunschdenken hinter sich lassen. Die Antwort ist unter US-Politologen seit der Wahlnacht bekannt: Um ihrer Entrüstung über die Unfähigkeit der Bush-Regierung Luft zu schaffen, ging eine überdurchschnittlich große Zahl von Weißen gar nicht erst zu den Wahllokalen. So wütend auf Bush, dass man für einen Schwarzen stimmt, kann man als Weißer gar nicht werden. Aber man kann sehr wohl wütend genug sein, um sich seiner Stimme zu enthalten, und dadurch einen Schwarzen gewinnen zu lassen.

Bezeichnenderweise gewann Obama nur bei einer einzigen weißen Wählergruppe die Mehrheit, nämlich bei jungen Weißen im Alter von 18 bis 29. Das muss man sich einmal klar machen: Obwohl ganz ungewöhnlich viele weiße Republikaner gar nicht an der Wahl teilnahmen, konnte Obama die vergleichsweise wenigen Weißen, die doch in die Wahllokale gingen, trotz allem mehrheitlich nicht auf seine Seite ziehen. Nur die Jungen - nebenbei, sie sind die kleinste weiße Wählergruppe - folgten ihm 2008.

Bei den Kongresswahlen im November 2010 hatte sich dann alles wieder eingerenkt, zurück zum status quo ante. Die Weißen gingen in den gewöhnlich großen Zahlen wählen, von Stimmenthaltung keine Spur. Und die jungen Weißen, die Schwarzen, und die hispanischen Einwanderer - Obamas "Regenbogen-Koalition" aus dem Jahr 2008? Erstens, und am wichtigsten: Zahlenmäßig sind alle diese Wählergruppen viel kleiner als die Weißen. Zweitens, und fast ebenso wichtig: Prozentual gehen weniger von ihnen zu den Wahllokalen als ältere Weiße, die fast ausnahmslos bei jeder Gelegenheit wählen gehen. Drittens: Junge, Schwarze und hispanische Bürger leiden besonders unter der Wirtschaftsflaute, waren 2010 also entmutigt.

Und viertens werden junge weiße Obama-Fans jedes Jahr älter, sie werden erwachsen. Irgendwann bekommen sie Kinder und müssen sich entscheiden: Sende ich meine eigene Tochter auf eine dieser schrecklichen öffentlichen Schulen, oder doch lieber auf eine Privatakademie, wo sie effektiv auf ein Universitätsstudium vorbereitet wird? Auch werden die jungen Weißen beizeiten ein Haus kaufen wollen, wobei sie entdecken, dass Hypothekenzinssätze in weißen Vororten niedriger sind, wegen den niedrigeren Kriminalitätsraten. Und zuletzt werden die jungen Weißen früher oder später Opfer eines Verbrechens werden, oder es wird einen Freund oder Kollegen treffen - und der Täter wird wahrscheinlich schwarz oder braun sein.

Auf diese Weise werden letztlich fast alle Weiße in den "war on crime" hineingezogen. Stück für Stück werden sie die graue Militäruniform eines Soldaten der Konföderation anziehen, sie werden anfangen von "states' rights" zu schwafeln, so wie es die Tea-Party-Bewegung so gerne tut. Genau wie Jefferson Davis, der Präsident der Sklavenhalterrepublik der Südstaaten, werden sie sich nicht vom verhassten Washington DC vorschreiben lassen wollen, wie sie zu leben haben. Die "Generäle" in diesem Krieg heißen nicht mehr Lee oder Jackson, sondern Sarah Palin und Jim DeMint.

In ihrem neuen, im November 2010 veröffentlichten Buch, "America By Heart", warf Palin Präsident Obama offen vor, er hasse Weiße (O-Ton: "hates white people"). Seit Sigmund Freud nennt man so etwas "Projektion". Fast zeitgleich gab Palin im Fernsehen bekannt, dass sie sich überlege, 2012 für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten anzutreten.

Ob sie nun die Republikanische Partei vertritt, oder ein anderer Weißer, ist letztlich Nebensache. Im Grunde ist alles Nebensache, denn in den Vereinigten Staaten darf man das wirklich Wichtige nie öffentlich beim Namen nennen. Das ist auch irgendwie verständlich, denn die Wahrheit ist einfach zu schrecklich.

Also wird weiter verdrängt und weiter gehasst. Und je länger man verdrängt und hasst, desto größer wächst die historische Schuld. Mit jedem Jahrzehnt ohne Sühne, ohne Wahrheit, wird der Berg der Schuld größer, bald hat sich ein Himalaya der Schuld auf Amerika gehäuft. Um so viel Schuld zu verdrängen braucht man natürlich noch mehr Hass - noch viel, viel mehr.

Schuld ohne Ende, Hass ohne Ende.
Posted by: AB AT 08:01 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 18 May 2011
Dies ist der zweite Teil von "Wieso ist Hass in den USA salonfähig?". Den ersten Teil finden Sie hier.


Nun möchte ich beschreiben, wie die weiße Mehrheit die roten und schwarzen Nachkommen der beiden Genozide behandelt. Bei den Indianern geht das leider sehr schnell, denn sie sind aus dem öffentlichen Leben der Vereinigten Staaten fast völlig verschwunden. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben sie ihre Identität als Indianer verloren und haben keinerlei politischen Einfluss.

Das Interessante ist, dass die Lage in Australien, Neuseeland und Kanada ganz anders ist: Dort haben die Ureinwohner, trotz vieler großer Schwierigkeiten, immerhin eine öffentliche Rolle und eine eigene Identität. Mich als Gefangenen beeindruckt dabei, dass die "Aborigines", die "Maori" und die "First People" gerade in den Justizsystemen dieser drei Länder Einfluss genommen haben, und zwar über die "restorative justice" - Bewegung. Selbst weiße Gerichte in Australien, Neuseeland und Kanada gehen immer mehr dazu über, Verbrechen nicht zu bestrafen, sondern Verbrecher und Täter und Opfer durch modernisierte Stammesriten miteinander zu versöhnen, Wiedergutmachungsrituale und -zahlungen durchzuführen, und letztlich Frieden zu stiften. Weiße Soziologen, besonders in Australien, haben wissenschaftlich belegt, dass "restorative justice" die Kriminalität effektiver bekämpft als weiße, westliche Justiz. Fazit: Die Ureinwohner dieser Länder werden zumindest gelegentlich, und vielleicht nur in Teilbereichen wie dem Justizsystem, aber immerhin - ernst genommen!

Übrigens gibt es auch in den USA eine sehr kleine "restorative justice"-Bewegung. Doch sie basiert auf christlichem Gedankengut, nicht auf den Riten der verschwundenen und vergessenen Indianer. Im Gegensatz zu den weißen Australiern, Neuseeländern und Kanadiern wollen weiße US-Bürger von den Ureinwohnern "ihres" Landes nichts lernen. Der Gedanke, die Indianer "First People", die ersten Menschen, zu nennen, so wie es in Kanada geschieht, wäre in den Vereinigten Staaten unvorstellbar. Dort sind die "First People" selbstverständlich die Kolonisten aus England.

Die Nachkommen des Genozids an den Schwarzen kann die weiße Mehrheit in den Vereinigten Staaten jedoch nicht so einfach ignorieren, weil es davon schlicht zu viele gibt. Also versucht die weiße Mehrheit seit 150 Jahren, sich die Schwarzen vom Leibe zu halten. Denn als Mitbürger sind die Mitglieder der schwarzen Minderheit nicht erwünscht, und auch nie erwünscht gewesen.

Der US-Bürgerkrieg (1861-1865) wurde ausdrücklich nicht mit dem Ziel geführt, die Sklaven zu befreien, sondern die Einheit der Nation wiederherzustellen, nachdem die Konföderation der Südstaaten versuchte, sich von den Nordstaaten zu trennen. Präsident Abraham Lincoln betonte wiederholt, es wäre ihm genauso recht, die Einheit der Nation wiederherzustellen mit Sklaverei wie ohne. Egal was er persönlich von der Sklaverei hielt, er konnte ihre Abschaffung nicht zum offiziellen Kriegsziel erklären, denn die weißen Soldaten der Nordstaaten waren natürlich nicht bereit, für die Freiheit irgendwelcher dahergelaufenen Schwarzen zu sterben. Bekannterweise erklärte Lincoln die Sklaven zum Ende des Krieges dann doch frei - jedoch nur solche auf dem Territorium der Konföderation, also auf dem Gebiet, das gar nicht unter seiner militärischen Kontrolle lag. Die  "Befreiung" der Sklaven war also wenig mehr als ein Versuch, einen Aufstand im Rücken seines militärischen Gegners auszulösen.

Nach dem Krieg führten sämtliche Südstaaten Rassentrennungsgesetze ein, die den sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der Sklaverei weiteren Fortbestand erlaubten. Das sogenannte "sharecropper"-System ermöglichte weißen Großgrundbesitzern, ihre schwarzen Landarbeiter mindestens genauso effektiv auszubeuten wie das ehemalige Sklavensystem. Wer aufmupfte, kam ins Gefängnis, denn das Justizsystem wurde als legales Kontrollsystem verwendet, und zwar mit besonderen, spezifisch gegen Schwarze ausgerichteten Gesetzen. Wenn das nicht half, gab es immer noch den Ku-Klux-Klan, der völlig ungehindert und relativ offen Lynchjustiz übte, ganz im Sinne der ehemaligen Hinrichtungen auf den Plantagen.

Im Norden wurden Schwarze zwar nicht so brutal ausgenutzt und geknechtet, doch natürlich gab es auch dort enorme wirtschaftliche, soziale und gesetzliche Diskriminierung. Die ersten Gettos entwickelten sich schließlich nicht im Süden, sondern in den vergleichsweise "besseren" Großstädten des Nordens! Dort waren Schwarze zwar von der weißen Mehrheit ausgegrenzt, oft bettelarm, und ständig von der (natürlich weißen, meist irisch-stämmigen) Polizei verfolgt. Doch zumindest mussten sie nicht auf den Feldern schuften, und es gab keinen Ku-Klux-Klan.

Die Rassentrennungsgesetze der Südstaaten wurden 1964 durch die Bürgerrechtsgesetze des Demokratischen Präsidenten Lyndon Johnson abgeschafft. Doch gerade die Abschaffung der offiziellen, gesetzlichen Diskriminierung, verbunden mit der dadurch ausgelösten Entschlossenheit vieler Schwarzer, ihre neuen Rechte auch einzufordern, führte zu einer neuen, heimtückischen Politik der Unterdrückung. Dabei wurde wieder einmal das Justizsystem eingesetzt.

Nachdem der Republikanische Präsident Richard Nixon 1968 ins Amt gewählt wurde, musste er zuerst die Beendung des Vietnamkrieges einleiten. Anfang der 70er Jahre, als dieses Projekt beinahe abgeschlossen worden war, entwickelte sein enger Berater Patrick Buchanan dann eine geniale politische Strategie für einen Ersatzkrieg: den "war on crime", den Krieg gegen das Verbrechen. Mit "crime" waren natürlich die aufmüpfigen Schwarzen gemeint, die in Großstädten wie Detroit Massenaufstände organisiert hatten, bei denen ganze Gettos und, schlimmer noch, auch weißes Besitztum abgefackelt wurden. Bei den meisten Weißen, im Süden wie im Norden, lösten die Fernsehaufnahmen protestierender und randalierender Schwarze tiefe, man möchte sagen: historische Ängste wach. Dies war der Sklavenaufstand, vor dem sie sich schon immer gefürchtet hatten! Und er geschah nicht im Süden, sondern im Norden, in den Großstädten - was den Beweis lieferte, dass Schwarze jedes bisschen Freiheit missbrauchen.

Nixons Stabschef H.R. Haldeman schrieb dazu in seinem Tagebuch, „[Nixon] betonte, man müsse der Tatsache ins Auge sehen, dass das ganze Problem eigentlich die Schwarzen seien. Der Schlüssel zur Lösung sei, ein System zu erfinden, dass das [Problem] erkennt – ohne es beim Namen zu nennen.“ (H.R. Haldeman, „The Haldeman Diaries: Inside the Nixon White House“, P.G. Putnam’s & Sons, 1994, Seite 53) Statt von Schwarzen zu sprechen, sprach man also von Verbrechern, doch jeder wusste, wer tatsächlich gemeint war. Und das System war das Justizsystem, genauer: das Gefängnissystem.

Unter Buchanans Strategie würde sich die Republikanische Partei zur Partei der Verteidigung der Weißen gegen die verbrecherischen Schwarzen aufschwingen. Das war in der Tat revolutionär, denn Präsident Abraham Lincoln, der doch den Krieg geführt hatte, der den Schwarzen ihre Freiheit brachte, war Republikaner gewesen! Deswegen hatte die Demokratische Partei seit dem Bürgerkrieg absolute politische Kontrolle im gesamten Süden, dem ehemaligen Territorium der Konföderation. Die weißen Wähler dort hatten dem Republikaner Lincoln nie verziehen.

Diese Südstaatendemokraten waren natürlich erzkonservativ und hatten wenig gemein mit den progressiven Demokraten im Nordosten oder im fernen Westen. Gerade deshalb war die Demokratische Partei innerlich immer gespalten. Also zielte Buchanans Strategie des "war on crime" darauf, diese Spaltung zu erweitern: Er hatte vor, den Demokraten den gesamten Süden zu stehlen, alle erzkonservativen Demokraten zur Republikanischen Partei zu überführen. Dafür brauchten die Republikaner nur die Angst vor dem "crime" zu schüren - vor dem Verbrechen, das unweigerlich mit den Schwarzen verbunden wurde.

Vierzig Jahre später kann man sagen, dass diese Strategie ein umwerfender Erfolg geworden ist. Im ehemaligen Gebiet der Konföderation gibt es so gut wie keine weißen Demokratischen Politiker mehr, ein Drittel der Landmasse der USA liegt unwiderruflich fest in den Händen der Republikaner. Natürlich gibt es im Süden einige Wahlbezirke, deren Grenzen absichtlich so gezogen wurden, dass die Schwarzen auf diesen kleinen politischen Reservaten die Mehrheit bilden und einen schwarzen Demokraten ins Amt wählen können.

Das sind die Alibi-Schwarzen, die "beweisen", dass es im Süden keinen Rassismus mehr gibt. Doch gerade diese wenigen schwarzen Demokraten sind die bestmögliche politische Werbung für die weißen Republikaner, die in allen umliegenden Wahlbezirken gewählt werden. Weiße Wähler verbinden "Demokraten" mit "schwarz" und wählen automatisch für die Republikaner.

Die vergangenen 40 Jahre des "war on crime" brachten natürlich auch eine Revolution des Justizsystems mit sich, denn man musste schließlich konkrete Schritte gehen, um die Angst vor dem schwarzen Verbrechen anzuheizen. Von diesem Teil der Geschichte schreibe ich detailliert in meinen Büchern und Artikeln, wo Sie auch Fußnoten, Literaturhinweise und Quellen finden können. Vieles davon ist wohl auch in Deutschland bekannt.
Posted by: AB AT 08:02 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 11 May 2011
In der deutschen Presse wird heutzutage viel über den Niedergang der Vereinigten Staaten geschrieben. Was den deutschen Journalisten offensichtlich besonders ins Auge fällt, ist der offene, geradezu stolze Hass, der zum Beispiel bei den vor Kurzem abgeschlossenen US-Kongresswahlen überall zu sehen war. Als Beispiel einige Zeilen aus dem Artikel "Amerika, ein Schwächling" von Klaus Brinkbäumer, der im Oktober im "Spiegel" erschien:
"Obamas Regierung ist nicht perfekt, nicht annähernd. Aber sehr viel mieser,  auf vielen Ebenen schockierend ist der Zustand des Landes, die politische Dummheit ganzer Bundesstaaten und Systeme, die zunehmende Lust an der Selbstzerstörung. Die USA sind von Europa sehr viel weiter entfernt, als viele Europäer denken, die USA sind anders, ganz und gar. [.] Die deutschen Demonstranten, die gegen den Bahnhof "Stuttgart 21" angehen, [sind] die pure deutsche Harmlosigkeit, verglichen mit Amerikas Hassbürgern, den Waffennarren und Tea-Party-Demagogen, die Obama zuerst mit Hitler verglichen und Minuten später mit Stalin; verglichen mit Leuten, die kaum mehr denken können vor lauter Hass, Leuten wie dem Fernsehmoderator Glenn Beck, der sagte, Obama sei getrieben von der Sorge ums Gemeinwohl, was exakt jenes Denken war, das zu den Konzentrationslagern in Deutschland führte."
Meiner Meinung nach hat Herr Brinkbäumer recht: Es ist ganz besonders der Hass, der die Vereinigten Staaten von Europa, von Deutschland unterscheidet. Herr Brinkbäumer findet diesen Hass schockierend, doch das wirklich Schockierende ist, dass die allermeisten Amerikaner den Hass verständlich und berechtigt finden. Während des jüngst abgeschlossenen Wahlkampfes haben nicht nur die Republikaner, sondern auch die Demokraten den Wählern immer wieder bestätigt, dass sie ein "Recht" auf ihre Wut hätten, angesichts der andauernden Wirtschaftsflaute. Niemand trat dem Hass als solchen entgegen. Stattdessen versuchten beide Parteien, die Wut der Wähler auf die jeweils andere Partei zu lenken.

Dieses Mal waren es die Republikaner, die den Hass effektiver steuern konnten als die Demokraten. Doch man sollte nicht vergessen: Bei den zwei Wahlgängen davor, in den Jahren 2006 (Kongresswahlen) und 2008 (Präsidentschaftswahlen), waren es die Demokraten, die die Wut auf Präsident George W. Bush erfolgreich zum Sieg ritten. Der Hass auf Bush war 2008 so groß, dass fast jeder Demokratische Kandidat gewonnen hätte.

Wieso ist der Hass in den USA salonfähig? Ich glaube, die allermeisten Amerikaner stellen sich diese Frage nie, weil ihnen ihre Hasskultur als selbstverständlich und normal erscheint. Und die wenigen Amerikaner, die sich diese Frage doch stellen, sind zu nah am Problem dran - genau genommen, mitschuldig, siehe unten - um die Wahrheit zu erkennen. Ich hingegen bin einerseits Ausländer und Gefangener, also definitiv nicht Mitglied der US-Gesellschaft. Andererseits lebe ich seit 1977 mit nur einer längeren Unterbrechung in den Vereinigten Staaten und habe mich als Schriftsteller (5 Bücher und 45 Artikel) intensiv mit der Geschichte dieses Landes befasst. Erlauben Sie mir also den Versuch einer Erklärung des besonderen, jedoch typisch-amerikanischen Hasses zu wagen.

Meiner Meinung nach ist der immer schon latente, aber in den letzten Jahren immer offener gewordene Hass ein Produkt der historischen Schuld.

Die Amerikaner sagen gerne von sich selber, dass sie der Zukunft zugewandt seien; in den USA sei die Vergangenheit egal, man könne sie hinter sich lassen und einen neuen Start machen. Natürlich ist das völliger Unsinn, niemand kann die Vergangenheit hinter sich lassen. In Wahrheit ist die charakteristisch amerikanische Betonung der Zukunft eine Flucht vor der Vergangenheit, ein Wegwünschen der Geschichte, ganz spezifisch: ein Fliehen vor der Schuld.

Der Schuld woran? An den Genoziden an den Indianern und an den Schwarzen. Die Vereinigten Staaten wurden auf diesen beiden Genoziden gebaut, ohne sie gäbe es dieses Land gar nicht. Sie sind das historische Fundament der USA, und zugleich ihre Ursünde. Weil die Genozide beides sind, Fundament und Ursünde, darf man in den USA darüber nicht sprechen. Denn wenn man sich dieser Vergangenheit, dieser Geschichte stellt, dann muss man das ganze amerikanische Projekt, die Idee der USA, in Frage stellen. Und das geht natürlich nicht, das darf nicht sein.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich übrigens der von Deutschland verübte Holocaust von den beiden Genoziden der Vereinigten Staaten. Es gab ein Deutschland vor dem Holocaust, der Holocaust ist nicht das Fundament, auf dem dieses Land und diese Kultur gebaut wurden. Das ist sogar wahr für das heutige Deutschland, obwohl der Holocaust natürlich ein wichtiger Bestandteil der modernen deutschen Identität geworden ist. Machen sie ein Experiment: Stellen Sie sich vor, wie Deutschland heute aussehe, wenn es kein Drittes Reich gegeben hätte. Das ist schwer, aber zumindest theoretisch vorstellbar. Und genau das kann man von den USA eben nicht sagen!

Ohne den Genoziden an den Indianern und an den Schwarzen gäbe es gar keine Vereinigten Staaten auf dem nordamerikanischen Kontinent. Die englischen Kolonisten mussten gleich vom Anfang an die eigentlichen Eigentümer des Landes mit Waffengewalt vertreiben und töten, immer wieder und wieder. Der gesamte Süden der USA, von Virginia über Georgia bis Texas, hätte ohne die Millionen von schwarzen Sklaven gar nicht besiedelt werden können. Deshalb ist es unvergleichbar viel schwerer für Amerikaner, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als für Deutsche.

Natürlich tun sich auch Deutsche sehr schwer mit ihrer Geschichte, das weiß ich selbst als Auslandsdeutscher. In Deutschland darf zum Beispiel die Einmaligkeit des von Deutschen verübten Holocausts nicht in Frage gestellt werden. Doch ich muss Ihnen mitteilen, liebe deutsche Leser, dass die überwiegende Mehrheit amerikanischer Schwarzer gerade diese deutsche heilige Kuh zutiefst verletzend und übel rassistisch empfindet.

Aus der Sicht schwarzer Amerikaner ist die Lage ganz einfach: Der Holocaust an ihren Vorfahren nahm etwa 18 Millionen menschliche Leben. Sie nennen den Genozid an den Sklaven übrigens ganz absichtlich "Holocaust", um darauf aufmerksam zu machen, dass beide rassistisch motivierte Genozide waren. Angesichts der Leichenberge und des gemeinsamen Tatmotivs fragen sie: Wieso ist ein Holocaust an Weißen (den europäischen Juden) mehr "einmalig" als ein Holocaust an Schwarzen (den Sklaven)? Aus ihrer Sicht ist das purer Rassismus: Irgendwie sollen hier weiße Leben mehr wert sein als schwarze!

Bitte senden Sie mir keinen kritischen "Comment", falls Sie diese Ansicht echauffiert, ich gebe hier nur wieder, was schwarze Amerikaner zu diesem Thema sagen und schreiben. Was mir im Zusammenhang mit diesem Blogeintrag wichtig erscheint, ist lediglich die Tatsache, dass die Nachfahren der Opfer des Genozids an den Schwarzen ihn tatsächlich als solchen ansehen - dass er zumindest in ihren Augen ein "echter" Holocaust war. Damit will ich darauf hinweisen, dass meine These plausibel ist: Zumindest schwarze Amerikaner würden mir sofort zustimmen, dass die Genozide an den Sklaven und an den Indianern eine absolut zentrale, im wahrsten Sinne des Wortes grundlegende Stellung in der amerikanischen Geschichte und Identität einnehmen. Die schwarzen und roten Opfer wissen, was die weißen Täter verdrängen.

Weil die beiden amerikanischen Genozide von der weißen Mehrheit in den USA totgeschwiegen werden, ist vermutlich auch in Deutschland nicht viel darüber bekannt. Mit Indianern verbinden Sie wahrscheinlich Winnetou, mit der Sklaverei womöglich "Vom Winde verweht". Doch die Realität sah anders aus. In den folgenden Absätzen möchte ich Ihnen statt langweiliger Zahlen lieber einige impressionistische Eindrücke vermitteln, was den Indianern und Schwarzen angetan wurde. Ihre Bauchschmerzen werden Sie wissen lassen, ob es tatsächlich Genozid war.

Um den weißen Einwanderern Raum zu schaffen, kam es zum Beispiel immer wieder zu Zwangsumsiedlungen der Indianer, bei denen Massensterben nicht nur ein Nebeneffekt war, sondern das eigentliche Ziel. Das bekannteste Beispiel war der "Weg der Tränen" ("trail of tears") der Cherokee, die 1838 als Stamm gezwungen wurden, mitten im Winter (!) über die Appalachen Bergkette von Georgia in den Westen zu wandern. Dabei kamen Abertausende Alte, Frauen und Kinder auf dem Weg im Eis und Schnee um, und viele mehr starben nach ihrer "Ankunft" im Nichts - denn bezeichnenderweise wurden keinerlei Vorbereitungen getroffen, um Überlebende am angeblichen Ziel der Völkerwanderung aufzunehmen. Noch infamer war die Zwangsumsiedlung von Wüstenindianern wie den Apachen in die feuchten, tropenartigen Sümpfe Floridas. Dass sie dort gar nicht überleben konnten, war der U.S.-Kavallerie, die den Abtransport übrigens per Gleis in Viehwagen organisierte, natürlich wohl bekannt.

Ich erwähne hier Zwangsumsiedlungen an erster Stelle, weil sie an europäische Genozide des zwanzigsten Jahrhunderts erinnern. Doch es wurden auch klassische militärische Straffeldzüge gegen die Indianer durchgeführt, deren Ziel oft die Zeltlager der Frauen und Kinder waren. Erst wurden die Krieger vom Lager weggelockt, dann wurden die Zivilisten niedergemetzelt. Die bekanntesten Beispiele solcher Massaker waren "Sandy Creek" (1864) und "Wounded Knee" (1890). Weil sich der blondhaarige General George Armstrong Custer gerade mit solchen Angriffen einen Namen gemacht hatte, zeigten ihm die Indianer bei der berühmten Schlacht "Little Big Horn" keine Gnade: Sie sahen ihn als Frauen- und Kindermörder.

Außerdem gab es damals schon die Privatisierung von regierungsamtlichen Aufgaben: Agenten der U.S.-Regierung zahlten Kopfgeld an Privatpersonen für jeden Indianer, den sie töteten. Auf diese Weise wurde übrigens das Skalpieren erfunden - nicht von den Indianern, sondern von den weißen Bürokraten, als Beleg für die Abrechnung des bezahlten Mordes. Es gab regelrechte Preislisten, aufgeteilt nach Stämmen und Alter (für Kinder gab's weniger Geld). Denn das offizielle, erklärte Ziel der U.S.-Regierung war damals die "manifest destiny", die gottgewollte Ausbreitung der weißen Rasse gen Westen bis zum pazifischen Ozean. Wer dem weißen Lebensraum im Weg stand, musste sterben.

Beim Genozid an den Schwarzen wurden die Opfer nicht sofort und direkt getötet, sondern zu Tode gearbeitet. Wer bezweifelt, ob dies ein "echter" Genozid war, der sehe sich zeitgenössische Skizzen der Laderäume der Sklavenschiffe an - diese waren es, die mir die letzten Zweifel nahmen. In langen Reihen aneinandergekettet lagen die Menschen dort in Etagenbetten, eine Schicht über der anderen, wie . nun, genau wie Insassen auf den Fotos der Konzentrationslagern! Besonders die Etagenbetten in den KZs hatten einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, weil es dort nicht die geringste Privatzone gab. Irgendwie - vielleicht weil ich selber Gefängnisinsasse war - empfand ich das als Abgrund der Menschenverachtung, diese Betten berührten mich ganz persönlich! Und nun sah ich in den Skizzen der Sklavenschiffe sehr ähnliche Pritschen, und wieder trafen sie mich ins Herz. Aus meiner Sicht sind die Etagenbetten im KZ und die Laderäume in den Sklavenschiffen ein Indiz, dass die Täter sich im Geiste schrecklich ähnelten.

Ein ähnliches Déja-vu-Erlebnis hatte ich, als ich zeitgenössische Berichte über die Hinrichtung von fortgelaufenen und wieder eingefangenen Sklaven las. Vermutlich ist auch in Deutschland bekannt, dass solchen Sklaven gewöhnlicherweise Gliedmaße amputiert wurden. Doch manche Sklavenhalter zogen es vor, bei solchen Gelegenheiten alle Sklaven auf der Plantage zum Appell antreten zu lassen und die Wegläufer zur Abschreckung öffentlich zu exekutieren. Dabei zeigten sie sich erfinderisch: Manche Sklaven wurden lebendigen Leibes verbrannt, andere wurden lebend gehäutet. Beim Lesen solcher Berichte dachte ich sofort an die Hinrichtung eines Kindes im KZ, wie sie Elie Wiesel in "Nacht" beschrieb. In beiden Fällen wurden die Leichen der Opfer übrigens mehrere Tage lang zur Schau gestellt, damit die Lektion auch wirklich gelernt wurde.

Zuletzt möchte ich noch kurz auf das Thema "Kinder" eingehen. Das mag etwas überraschend sein, denn beim Genozid denkt man gewöhnlicherweise an den Tod, das Ende des Lebens, nicht an Kinder, die am Anfang des Lebens stehen. Vielleicht können wir diesbezüglich die Definition des Genozids etwas erweitern, zumindest in diesem Blogeintrag.

Beim Lesen über die Sklaverei war ich besonders darüber schockiert, dass die Sklavenhalter ihre männlichen und weiblichen Sklaven dazu zwangen, neue Sklaven zu zeugen. Ich scheue mich davor, sie Kinder zu nennen, was sie natürlich rein biologisch waren. Rechtlich jedoch waren sie keine Kinder, keine kleinen Menschen, sondern eine Ware, das Eigentum der Sklavenhalter: Von Geburt an konnten sie verkauft werden.

Das Entsetzliche dabei ist, was dieser Umstand dem Begriff und dem Verständnis der Familie antat. Schließlich wussten die Eltern, dass sie sich nicht aus freiem Willen dazu entschlossen hatten, eine Familie zu gründen, sondern dass sie wie Zuchttiere dazu gezwungen wurden, Nachwuchs zu zeugen. Nicht die Emotion der Liebe oder die Institution der Ehe verband die Eltern miteinander, sondern der Befehl ihrer Eigentümer. Das vergiftete sowohl die Beziehung zwischen Mann und Frau als auch die Beziehung der Eltern zum Kind, das gar nicht ihres war, weder rechtlich noch gefühlsmäßig. Denn das Kind war nicht das Produkt der Liebe sondern das Produkt des Befehls.

Mir scheint dies schrecklicher zu sein als der "einfache" Tod. Die Cherokeekinder, die in den Pässen durch die Appalachen in den Armen ihrer Mütter erfroren; die Mädchen, die beim "Sandy Creek" unter weißer Flagge die Zelte verließen, und dann von der US-Kavallerie niedergeschossen wurden; selbst die Kinder im KZ, die am Bahngleis ihren Eltern entrissen wurden und alleine starben - sie alle wurden irgendwann in ihren viel zu kurzen Leben doch geliebt! Aber die Sklavenkinder, deren Eltern gezwungen worden waren, sie zu zeugen, und die sich schon aus emotionaler Selbsterhaltung nicht leisten konnten, ihre unfreiwilligen Abkömmlinge zu lieben, das sie doch jederzeit verkauft werden konnten - wurden diese Sklavenkinder jemals geliebt? Vielleicht ein bisschen, zumindest von ihren Müttern, wenigstens ganz am Anfang. Aber echte, rückhaltlose, bedingungslose, lebenslange Elternliebe bekamen sie nie.

Vielleicht passt so etwas nicht in die rein juristische Definition des Genozids, doch vom Gefühl her passt dieses Etikett. Zwar wurden die Sklavenkinder nicht körperlich umgebracht - sie sollten schließlich in den Baumwollfeldern zu Tode gearbeitet werden - aber seelisch wurden sie sehr wohl getötet. Oder man könnte auch sagen, dass sie seelisch nie geboren wurden, dass sie doch nie echte Liebe bekamen. Bereits im Mutterleib, bevor sie je auf die Welt kamen, waren sie schon keine Menschen. Und sie hatten nie eine Chance, welche zu werden.
Posted by: AB AT 08:02 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 04 May 2011
Einer meiner Freunde, der Verwalter dieser Webseite, hat mich gebeten, einen Blogeintrag zu schreiben über meine Beziehung zu Elizabeth Haysom. Wie kam es dazu, dass ein scheinbar vernünftiger und intelligenter Mensch wie ich, sich dazu verleiten lassen konnte, die Schuld für das Verbrechen, das Elizabeth begangen hatte, auf sich zu nehmen? Wie konnte ich damals so unwahrscheinlich schwach sein, wenn ich jetzt so unwahrscheinlich stark bin? (Mein Freund, der Verwalter dieser Webseite, meint, dass ich außergewöhnlich stark bin, weil ich während der vergangenen 25 Jahre nicht nur nicht zugrunde gegangen bin, sondern als Mensch und Schriftsteller eine gewisse Größe erreicht habe. Über diese Einschätzung meiner Person kann man natürlich unterschiedlicher Meinung sein!) Und wie konnte Elizabeth Haysom damals, als sie 21 war, schon so unglaublich stark sein, dass sie einen 18-jährigen Hochbegabten-Stipendiat wie mich dazu verleiten konnte, sein Leben für sie zu opfern? War sie eine Art weiblicher Svengali?

Ich finde, dies sind gute Fragen. Also werde ich versuchen, sie in diesem Blogeintrag zu beantworten. Aber ich muss gleich zu Anfang gestehen, dass mir der Gedanke, darüber nun schreiben zu müssen, keine große Freude bereitet. Ich habe vor allem das erste Jahrzehnt meiner Haft damit verbracht, mich ganz besonders intensiv mit Fragen wie dieser zu befassen – übrigens teilweise auch mithilfe eines Psychiaters, den mein Vater bezahlte. (Während meiner dreieinhalbjährigen Auslieferungshaft von 1986 bis 1990 konnte ich etwa zwei Jahre lang monatlich eine Stunde mit einem Psychiater sprechen.) Aber auch in den Jahren danach – zuletzt zum Beispiel mehrere Monate lang im Jahr 2008 – gab es immer mal wieder Phasen, während denen ich mich sehr intensiv mit dem Thema meiner Beziehung zu Elizabeth und der Verwicklung in ihr Verbrechen befasste. Für mich ist das alles mehr oder weniger leidig, aber ich verstehe schon, dass andere mehr darüber wissen wollen.

Also, ich bin letztlich zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht im üblichen Sinne "hörig" war und mich von Elizabeth Haysom zu irgendetwas verleiten ließ. Natürlich weiß ich, dass dies das allgemeine Urteil über meine Beziehung zu Elizabeth ist: Sie war älter und sehr erfahren, ich war jünger und besonders unreif (und jungfräulich). Also gelang es ihr, mich um ihren Finger zu wickeln wie ein Teufelsweib in einem film noir. Diese Einschätzung tendiert dazu, Elizabeth zu be- und mich zu entlasten. Also wäre es aus meiner Sicht praktisch, mich dieser Interpretation anzuschließen. Dann wäre Elizabeth die Böse und ich das arme Opfer. Nur stimmt das so nicht ganz.

Meiner Meinung nach gab es in unserer Beziehung keine „Verführerin“ und keinen „Verführten“. Ich glaube, das wirklich Tragische war, dass wir beide – aus völlig verschiedenen Gründen – zu jener Zeit ganz entsetzlich schwach waren. Wir waren beide völlig labil und haltlos. Es saß niemand am Steuer.

Bei mir vermuten Außenstehende natürlich am ehesten Schwäche, und das ist auch größtenteils richtig. Aber es war meiner Meinung nach keine besonders große oder ungewöhnliche Schwäche, und sie wurde nicht von Elizabeth verursacht oder verstärkt.

Während der vergangenen 25 Jahre sind in Amerika viele Studien über den Geisteszustand von Studenten veröffentlich worden. Diese Untersuchungen haben wissenschaftlich belegt, was die meisten Studenten (und Professoren und Eltern) schon wussten oder zumindest ahnten: Studenten leiden besonders häufig an klinischen Depressionen und anderen Neurosen, aber auch vermehrt an schizophrenen Episoden. Das alles hat natürlich viel mit dem Alter der Studenten zu tun sowie der Tatsache, dass sie zum ersten Mal unabhängig – d. h. außerhalb des Schutzes des Elternhauses – leben müssen. Das Studium ist eine schöne, aufregende Zeit, aber auch eine Zeit großer Unsicherheit, enormen Leistungsdrucks und Angst. Wen wundert es da schon, dass viele Studenten eine „schwierige Phase“ durchlaufen – die sich aber in fast allen Fällen ohne größere Probleme wieder legt.

Ende 1984/Anfang 1985, als ich mich in Elizabeth Haysom „verliebte“, war ich in genau solch einer Phase. Ich war Hochbegabten-Stipendiat an einer Eliteuniversität, also erwartete ich von mir selber (und andere erwarteten es auch!), dass ich genau wie an der „Highschool“ zielstrebig einen akademischen Erfolg nach dem anderen erreichen würde. Und „erfolgreich“ im Sinne von „guten Noten“ war ich auch! Meine „schwierige Phase“ war nie so schwierig, dass meine Noten darunter litten. Aber zeitweilig kam mir die Zielstrebigkeit abhanden. Ich fühlte mich unsicher und verloren.

Ich hatte mein Studium im Herbst 1984 mit der Absicht begonnen, Psychologie zu studieren. Das entpuppte sich aber sehr schnell als Fehler. Dieser Traum war also aus: Einige Zeit lang wusste ich einfach nicht, was ich studieren will! Doch meine „schwierige Phase“ war relativ kurz: Bereits im Sommer 1985 entwickelte ich mithilfe des Dekans für Hochbegabtenstipendiaten ein neues „double major“ (kombiniertes Hauptfach), nämlich Betriebswirtschaft und Chinesisch. (Soweit ich weiß, hat die Universität meinen Plan für dieses „double major“ später auch anderen Studenten angeboten – obwohl der Erfinder, ich, mittlerweile im Knast saß.) Meine Zeit der großen Unsicherheit und Ziellosigkeit und Depression dauerte also nur ein Semester lang: das Frühjahrssemester 1985. Leider hat genau in diesem Semester Elizabeth ihre Eltern ermordet, und zwar am 30. März 1985.

Im Sommer 1985 fand ich dann einen Weg aus meiner „schwierigen Phase“. Es begann mit einem „double major“ und war aber damit noch lange nicht beendet. Denn im Herbst 1985 begaben sich Elizabeth und ich erfolgreich auf die Flucht, weil die Polizei mittlerweile ausbaldowert hatte, dass sie etwas mit dem Mord ihrer Eltern zu tun hatte.

Der Auslöser: Im Juni 1985 säuberten Elizabeth, einige ihrer Geschwister und eine Freundin ihrer Mutter das Haus, in dem ihre Eltern ermordet worden waren. Bei den Säuberungsarbeiten beobachtete die Freundin von Elizabeths Mutter Elizabeth dabei, wie sie ihren Schuh auszog und ihren Fuß mit dem blutigen Sockenabdruck auf dem Fußboden verglich. Das meldete die Freundin von Elizabeths Mutter der Polizei. Und die fing dann an, immer mehr Fragen zu stellen – bis wir uns entschieden, zu fliehen.

Unsere Flucht aus Amerika nach Europa gelang unter anderem deshalb, weil ich sie mit meiner üblichen Zielstrebigkeit und perfekten Planung durchführte. Nächstes Jahr wird ein großer deutscher Verlag mein sechstes Buch auf den Markt bringen, in dem ich unter anderem zum ersten Mal erzähle, was Elizabeth und ich während unserer sechsmonatigen Flucht erlebten. Wir finanzierten unsere Reisen mit Scheckbetrügerei - aber nicht irgendeiner, sondern einer relativ „intelligenten“.

Meiner Meinung nach ist jede Art Verbrechen nicht nur unmoralisch, sondern vor allem saudumm. Ich schäme mich für die Scheckbetrügerei und finde sie nicht intelligent. Aber wenn man, wie Elizabeth und ich, gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, während man auf internationaler Flucht ist, dann ist Scheckbetrügerei das am wenigsten saudumme, also vergleichsweise „intelligenteste“ Verbrechen. Denn es ist gewaltlos, und meistens wird man nicht erwischt.

Der Scheckbetrug, den ich entwickelte, hatte u. a. mit gefälschten Führerscheinen, Personalausweisen und beglaubigten Fotokopien von Pässen zu tun, die wir uns in Thailand besorgt hatten. Eigentlich konnte nichts schief laufen! Aber Elizabeth schaffte es, einen Fehler zu machen, der zu unserer Verhaftung am 30. April 1986 führte; sie hatte wirklich keine große Begabung als Verbrecherin! Die Details sind hier nicht weiter wichtig. Was im Zusammenhang mit dem Thema dieses Blogeintrages relevant ist, das ist die Tatsache, dass ich – nicht Elizabeth – diese vergleichsweise „intelligente“ Variante der Scheckbetrügerei entwickelte. Und ich führte sie mit Elizabeths Beteiligung durch.

Ganz nebenbei möchte ich bei dieser Gelegenheit auf einen meiner Meinung nach wichtigen Umstand hinweisen. Als Scheckbetrüger tut man so, als ob man jemand anderes ist. Ich hatte mir selber einen gefälschten Führerschein, Personalausweis sowie eine Passkopie auf den Namen Christopher Platt Noe ausgestellt. Unter diesem Namen wurde ich verhaftet. Diesen Scheckbetrug habe ich begangen, da leugne ich keineswegs meine Schuld. Nun aufgepasst! Ganz kurz nach meiner Verhaftung habe ich praktisch das Gleiche noch einmal getan: Ich habe so getan, als ob ich jemand anderes bin. Denn ich habe der Polizei gesagt, ich sei der Mörder von Elizabeths Eltern. Das war genauso eine Lüge wie die Lüge, ich sei Christopher Platt Noe. Wie gesagt, das nur nebenbei.

Dann landete ich im Gefängnis, einem Ort, der gerade für Neuankömmlinge unwahrscheinlich gefährlich ist. Wer nur die geringste Schwäche zeigt, wird hier sehr schnell zum Opfer. Doch ich habe es geschafft, 25 Jahre in dieser Welt zu verbringen, ohne ein einziges Mal in eine Schlägerei verwickelt zu werden oder einem Vergewaltiger zum Opfer zu fallen. (1991 wurde ich beinahe vergewaltigt – aber eben nur beinahe.)

Gerade die ersten paar Jahre sind die gefährlichsten: eine Zeit, während der ich zusätzlich noch unter dem Stress stand, dass man mir mit der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl drohte. Solcher Stress macht einen natürlich angreifbar, jedenfalls im Knast. Aber ich habe das alles fast ohne Kratzer überlebt – u. a. deshalb, weil meine Mitgefangenen keinerlei Schwäche bei mir entdecken konnten.

Glauben Sie mir, sie haben sehr hart nach Schwäche gesucht, meine lieben Mitgefangenen! Jahrelang gab es täglich, oft sogar mehrmals täglich, Versuche, mich unter Druck zu setzen. Doch es gelang ihnen nicht. Und das bedeutet schon etwas – mehr als Sie als Außenstehende jemals erahnen können. Sie sehen, ich bin ziemlich stolz darauf. Verzeihen Sie mir bitte. Oder eben nicht, das ist mir in diesem Fall gleich. Denn ich weiß ganz genau, was ich geleistet habe.

Zurück zum Thema: Der Hauptgrund, warum ich nicht als Opfer Elizabeths tauge, warum ich nicht den „Verführten“ spielen kann, ist, dass ich ganz genau weiß (und aller Welt erzählt habe), was in den frühen Morgenstunden des 31. März 1985 geschah. Elizabeth hatte mir gerade gestanden, dass sie ihre Eltern umgebracht hatte. Sie sagte mir, die Drogen seien schuld. Und ihre Eltern hätten es ja verdient – eine Anspielung darauf, dass Elizabeths Mutter (unter Mitwissen ihres Vaters) sie sexuell misshandelt und sogar Aktfotos von ihr gemacht hatte. (Siehe Blogeintrag B14: „Ich bin mir zu 100 % sicher, dass Sie, Herr Söring, die Tat verübt haben.“) Dann sagte mir Elizabeth, ich müsse ihr ein Alibi geben. Ich solle der Polizei sagen, sie habe die ganze Nacht mit mir verbracht.

Und ich habe sofort "Nein" gesagt.

Das tut niemand, der "hörig" ist, der "verführt" wurde.

Ich sagte Elizabeth "Nein", denn meiner Meinung nach hätte die Polizei mir nicht geglaubt. Schließlich war ich Elizabeths Freund, ihr Geliebter. Also würde die Polizei sofort vermuten, dass ich lüge, um sie zu schützen.

Dazu sagte Elizabeth erst einmal nichts.

Und dann war ich es, der auf eigene Faust und ohne irgendeine Anweisung ihrerseits auf die "geniale" Idee kam, die Schuld für Elizabeths Verbrechen auf mich zu nehmen. Ich kann mich da nicht herausreden: Es war nicht Elizabeths Manipulation, sondern meine bodenlose Dummheit.

Natürlich war es schrecklich manipulativ von Elizabeth, dass sie mein Angebot dann annahm. Und natürlich spielte bei mir eine gewisse Hörigkeit dabei mit, dass ich überhaupt so ein Angebot machte. Aber ich will es mir nicht so leicht machen – und Sie sollten es mir nicht so leicht machen! – mich als reines Opfer einer extrem manipulativen Verführerin zusehen.

Und damit sind wir beim Thema "Elizabeth" angekommen. Wer war sie überhaupt?

1986, ganz am Anfang unserer Haft, diagnostizierten zwei englische forensische Psychiater eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie pathologisches Lügen bei Elizabeth (damals hieß das noch Borderline-Schizophrenie). Während der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte habe ich viele, teilweise auch sehr technische Bücher darüber gelesen. Soweit man sich als Laie in diese komplexe Materie einarbeiten kann, habe ich das getan.

Meiner Meinung nach hatten die beiden Psychiater vollkommen recht: Elizabeth ist geradezu ein Paradebeispiel einer „BPD“ (auf Englisch: „borderline personality disorder). Die meisten BPDs sind übrigens weiblich.

Das grundlegende Problem der BPDs ist, dass sie zweierlei Grenzen („border“ bedeutet Grenze) nicht effektiv ziehen können: Die Grenze zwischen sich selber und anderen Menschen, und die Grenze zwischen der Wirklichkeit und der Fantasiewelt, in die sie sich manchmal flüchten. Die erste Grenzunsicherheit ist die wichtigere: BPDs pendeln ständig dazwischen, sich viel zu eng an andere Menschen zu klammern – und genauso plötzlich wieder vor ihnen zu fliehen. Entweder vergöttern sie andere Menschen oder sie verteufeln sie.

Nichts lieben BPDs mehr, als eine große Szene zu machen. In ihren zwischenmenschlichen Beziehungen werden sie oft sehr manipulativ, meist ohne irgendein strategisches Ziel dabei zu haben. (Ganz allgemein fällt ihnen planen sehr schwer, sie leben von Tag zu Tag.) Außerdem lügen BPDs ständig - und das auch des Öfteren ziemlich grundlos. Meistens glauben sie ihre eigenen Lügen zumindest teilweise. Sie leben teilweise in einer Fantasiewelt, in der alles schöner und größer und aufregender ist, als in der langweiligen Wirklichkeit.

Weitere Symptome: Als Jugendliche laufen BPDs oft von zuhause weg. Viele sind bisexuell oder „sexuell ambivalent“. Sehr oft werden sie drogenabhängig. Und viele begehen ritualisierte Selbstverstümmelung (z. B. fügen sie sich selbst eine Reihe von kleinen Schnittwunden am Unterarm o. ä. zu.) Interessanterweise werden BPDs meistens nicht gewalttätig gegen andere – meistens, wohlgemerkt. Noch etwas Interessantes: Weibliche BPDs werden oft Opfer von Gewaltverbrechen, besonders von Vergewaltigungen. Vermutlich rührt dieser Umstand daher, dass BPDs sehr oft Beziehungen mit Männern eingehen, von denen sie gezielt ausgenutzt werden – so z. B. zwischen Zuhälter und Prostituierter.

Das alles hört sich ziemlich schrecklich und sogar abstoßend an, nicht wahr? Ein Fachbuch über neue Behandlungsmethoden für BPDs geht im Vorwort sogar detailliert auf diese Widerwärtigkeit ein: Therapieversuche bei BPDs schlagen wegen der Manipulativität der Patientinnen fast immer fehl, weswegen die meisten Psychiater und Psychologen BPDs so schnell als möglich an einen Kollegen weiterreichen. Selbst unter Experten sind BPDs so verschrien, dass sie nichts mit ihnen zu tun haben wollen!

Was man sich jedoch immer und immer wieder in Erinnerung rufen muss, ist, dass BPDs sehr oft als Kinder sexuell misshandelt wurden. Wenn man die ganze obige Liste von Symptomen noch einmal durchliest vom Standpunkt eines kleinen Kindes, das geschändet wird, dann leuchten alle diese negativen Verhaltensweisen ein – als Schutzmechanismen!

Auf Elizabeth trafen alle, aber auch alle oben aufgeführten Symptome zu:
  • Sie vergötterte und verteufelte ihre Eltern– sogar mehr oder weniger gleichzeitig! Vor Gericht wurden Briefe von ihr vorgelesen, bei denen diese bizarre Kombination von Emotionen ganz klar zu sehen war. – Mich vergötterte Elizabeth zuerst. Seit 1987 verteufelt sie mich.
  • Elizabeth machte ständig Szenen – inkl. der Szene, als sie mir den Mord gestand! Bei ihr war ständig Drama, was ja auch sehr unterhaltsam sein kann.
  • Vor Gericht wurde ein Brief von Elizabeth vorgelesen, in dem sie sich bei mir für ihre vielen Lügen und ihre ständige Prahlerei und Angeberei entschuldigte. Das ist also nicht nur ein Vorwurf von mir, sondern aktenkundig belegt. – Elizabeth erfand andauernd irgendwelche Geschichtchen, meist sehr unterhaltsame. Und viele davon glaubte sie zumindest zeitweilig selbst.
  • Als Jugendliche lief Elizabeth von ihrem englischen Internat weg und trampte eineinhalb Jahre lang kreuz und quer durch Europa mit ihrer lesbischen Freundin Melissa. Die beiden schliefen mit allen und jedem, die ihnen Heroin gaben – mit anderen Worten, sie waren Amateurprostituierte. Das Schönste am Heroin, sagte mir Elizabeth, sei der Schmerz des Nadelstichs…
  • Elizabeth behauptete, sie sei während ihrer Zeit an einem Schweizer Internat vergewaltigt, später von ihrer Mutter jahrelang sexuell misshandelt, und auch während ihrer Zeit als freischaffende Heroinprostituierte mehrfach vergewaltigt worden. Einiges davon ist wohl auch wahr. Irgendwann nach ihrer Auslieferung von England nach Amerika, so um 1987, erzählte sie der Polizei sogar, ich hätte sie vergewaltigt.
Aus meiner Sicht ist das interessanteste Symptom der BPDs, dass sie nicht richtig planen können. Sie leben von Tag zu Tag – ganz so wie ein Kind, das misshandelt wird, leben muss, um psychologisch damit fertig zu werden. Diese Unfähigkeit zum Planen merkte ich an Elizabeth schon 1985 und 1986, nicht erst im Rückblick. Immer war ich es, der irgendwelche Vorhaben organisieren musste! Zum Beispiel unsere Flucht von Amerika nach Europa 1985. Und auch den Scheckbetrug mit den vielen gefälschten Papieren 1986.

Im Rückblick, in den Jahren nach meiner Verhaftung, erkannte ich, dass die Morde an Elizabeths Eltern eine ungeplante Tat waren. Das sieht man natürlich schon an der „Wahl“ der Tatwaffe: ein Steakmesser, das wohl auf dem Esszimmertisch lag, an welchem der Angriff begann! (Das Steakmesser wurde nach der Tat abgewaschen und in eine Schublade des Esszimmertisches zurück gelegt, aber sog. Luminol-Tests deckten Blutreste am Messer auf.) In Amerika sind Schusswaffen so leicht erhältlich – ganz besonders in Virginia, wo es ständig sog. „gun shows“ gibt, bei denen jedermann gegen Bargeld und völlig ohne Ausweis sofort auf der Stelle Pistolen und Gewehre kaufen kann! – dass selbst die simpelste Planung eines Doppelmordes mit dem Kauf einer Schusswaffe angefangen hätte. Doch Elizabeth griff im Drogenrausch nach dem Steakmesser auf dem Tisch – völlig ohne Planung, "typisch BPD".

Ich halte die Planlosigkeit der Haysom-Morde durch die BPD-Elizabeth im Zusammenhang mit dem Blogeintrag für wichtig, weil die ursprüngliche Frage doch war: Wie konnte Elizabeth damals dermaßen manipulativ gewesen sein, dass sie mich dazu verleiten konnte, die Schuld für ihr Verbrechen auf mich zu nehmen? Die Antwort ist: Das war gar nicht der Fall! Als BPD war Elizabeth in der Tat extrem manipulativ – aber ohne Planung. Sie manipulierte praktisch gezwungenermaßen, also wie bei einer Zwangsneurose. Sie konnte gar nicht anders! Aber mich nach Plan zu manipulieren, mit der Absicht, ein strategisches Ziel zu verfolgen, nämlich dass ich die Schuld auf mich nahm – dazu war sie gar nicht fähig!

Oben schrieb ich im Zusammenhang mit der Scheckbetrügerei, dass Elizabeth wirklich keine große Gabe zur Verbrecherin hatte. Das sieht man daran, wie sie meinen relativ "intelligenten" Scheckbetrugsplan vermasselte, was dann zu unserer Verhaftung führte. Und man sieht es auch an dem Doppelmord an ihren Eltern, der nicht nur unwahrscheinlich grausam war, sondern – ich bitte um Verzeihung – aber denken Sie bitte an das Thema dieses Blogeintrages – einfach schlampig. Einen "sauberen", gut geplanten Doppelmord kann eine BPD gar nicht begehen! Aber solch eine unordentliche, spontane, schlecht durchgeführte Tat wie dieser Doppelmord – das ist genau das, was man von einer BPD im Drogenrausch erwarten kann.

Ich hoffe, damit habe ich die Fragen meines Freundes, dem Verwalter dieser Webseite, die vielleicht auch Ihren Fragen sind – ausreichend beantwortet. Ich will solchen Fragen ja nicht davonlaufen, ich will mich der Wahrheit stellen so gut ich kann. Vielleicht habe ich nicht alles zu 100% richtig erkannt, selbst nach 25 Jahren noch nicht. Aber ich behaupte nicht von mir, dass ich unwahrscheinlich intelligent bin – nur unwahrscheinlich stark.
Posted by: BF AT 08:08 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

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