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Wednesday, 27 April 2011
Mein Freund Hank liegt im Sterben, und es kümmert niemanden. Kaum einer weiß überhaupt, dass er langsam stirbt - selbst seine Mutter nicht. Auch ich, vielleicht sein bester Freund, erfuhr erst mit vier Tagen Verspätung, dass Hank einen Herzinfarkt erlitten hatte, mitten im Basketballspiel auf der anderen Seite dieses Gefängnisses.

Man erzählte mir, er sei gerade dabei gewesen, von einem Korb zum anderen zu sprinten, als er stolperte, mit dem Gesicht zuerst auf dem Beton aufprallte, und einfach nicht mehr aufstand. Kaum vorstellbar: Hank, der Hank, unser Hank steht nicht mehr auf?

Alle kennen Hank, den Unverwüstlichen, den Sportfanatiker, der zwar Mitte sechzig ist und außerdem etwas dickleibig, aber trotzdem bei allen Sportarten, die es im Gefängnis gibt, wie besessen mitspielt. Am liebsten spielte er Basketball, was natürlich besonders lustig ist, weil alle anderen Spieler riesengroße, junge, schlanke Schwarze sind - und Hank ist nicht nur ein Weißer, sondern auch noch ungewöhnlich kurz, grauhaarig und übergewichtig. Aber weil er trotz dieser Defizite ein guter Spieler ist, vor allem bei den ganz langen Würfen von weit außen, zollen ihm die jungen Schwarzen Respekt und lassen ihn mitspielen. Hank ist kein Witz, er ist ein echter Kämpfer!

Zumindest war er es.

Ich kenne Hank seit über zehn Jahren, aus unserem vorherigen Gefngnis, dem Brunswick Correctional Center, das ich in "Ein Tag im Leben des 179212" (Gütersloher Verlagshaus, 2008) beschreibe. Hank erscheint am Anfang dieses Buches, mit meinem anderen guten Freund Rob: Sie waren die beiden Vietnamkrieg-Veteranen, mit denen ich jeden Morgen frühstückte. Wir machten uns gegenseitig Mut zum Weiterleben, indem wir gnadenlose Witze übereinander rissen - ganz unwahrscheinlich gemeine, sexistische, rassistische. So schlimm, wie es irgendwie ging!

"Galgenhumor" würden Menschen wie Sie so etwas nennen. Aber Sie haben ja gar keine Ahnung, was das bedeutet, weil Sie nicht am Galgen hängen. Doch Hank und Rob und ich, wir hängen tatsächlich am Galgen: Rob seit Anfang der siebziger Jahre mit doppelt Lebenslänglich. Hank seit Ende der siebziger Jahre mit dreifachem Lebenslänglich. Und ich seit Mitte der achtziger Jahre mit doppelt Lebenslänglich. Seit Jahrzehnten zappeln wir drei am Galgen, wohl wissend, dass wir wahrscheinlich nie das Gefängnis lebend verlassen werden.

So etwas kann man nur ertragen, wenn man ganz feste Kumpane hat, mit denen man witzeln kann und die einem keinen Funken Selbstmitleid erlauben; keinen einzigen. Denn Selbstmitleid ist tödlich. Wenn wir uns erlauben würden, den Schmerz unserer völlig sinnlosen und hoffnungslosen Existenz zu fühlen, wären wir sofort am Ende.

Hanks Existenz ("Leben" nennen wir unser Dahinsiechen im Knast nicht) war sogar noch hoffnungsloser als Robs und meine. Rob und ich sitzen "nur" für Doppelmorde ein, wir können uns also zumindest zeitweilig selber vorlügen, dass man uns irgendwann einmal doch noch freilassen könnte. Aber Hank - der hat seine drei lebenslangen Haftstrafen für eine Vergewaltigung erhalten. Und Sexualverbrecher kommen in den USA nie frei, nie.

(Wie bekommt man ein dreifaches Lebenslang für eine Vergewaltigung? Ein Lebenslang für Einbruch bei Nacht mit Waffe (wobei man beachten muss, dass ein Schraubenzieher schon als Waffe gilt), ein Lebenslang für Geiselnahme (denn er hat der Frau verboten zu fliehen), und ein Lebenslang für Vergewaltigung. So geht das in Amerika! Übrigens behauptet Hank, er sei unschuldig. Die Polizei habe gewusst, dass er in dieser Gegend viele Einbrüche begangen hatte, die man ihm aber nicht nachweisen konnte. Bei allen anderen Einbrüchen habe es jedoch keine Vergewaltigungen gegeben. Als es dann einen Einbruch mit Vergewaltigung gab, beschloss die Polizei, Hank diese Tat anzuhängen, um ihn aus dem Wege zu räumen. (Wer meint, dass so etwas nicht passieren kann, der lese folgenden Artikel über einen nicht unähnlichen Fall: Maria Glod, "Can doubts make up for absence of DNA?", Washington Post, 2. Februar 2011.)

Jedenfalls wusste Hank ganz genau, dass er nie freikommen würde. Dreiunddreißig Jahre hat er abgesessen und kein Ende in Sicht! Seine Mutter ist mittlerweile Mitte achtzig und sehr gebrechlich. Ich kannte sie übrigens vom Besuchersaal des Brunswick Correctional Center. Auch hatte Hank etwa ein Jahrzehnt lang eine Beziehung zu einer Frau, die mit ihm auf seine Entlassung hoffte, aber schließlich aufgab und in einen anderen Bundesstaat zog - das war ihm also auch verloren gegangen. Fast nichts verband Hank noch mit der Welt da draußen, mit der Welt, die er seit dreiunddreißig Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Also zog er Konsequenzen. Hank ist kein Weichling, alles andere als das! Er sah sich seine Situation an - und zog Konsequenzen.

Vor drei oder vier Jahren hatte Hank einen "kleinen" Herzinfarkt, nichts Schlimmes. Er fühlte sich unwohl und ging zur Krankenstation. Man legte bei ihm ein EKG an und stellte fest: Er hatte gerade einen Infarkt gehabt, sein Herz habe auch Schaden genommen. Dann wurde der Knastarzt erstaunlicherweise plötzlich sehr aktiv: Hank wurde kurzfristig in ein richtiges Krankenhaus geschickt, es wurden noch mehr Tests gemacht und man wollte nun an seinem Herzen operieren - einen Bypass oder ähnliches. Und zwar sofort, am besten gestern.

Doch Hank sagte: "Nein".

Erst dachte ich, er habe Angst vor der Operation, die plötzliche Eile des sonst grenzenlos faulen Knastarztes habe ihn nervös gemacht. Vielleicht hatte er sogar Angst, dass er seine Einzelzelle verlieren würde, wenn er vorübergehend ins Krankenhaus müsse. (Einzelzellen sind leider entsetzlich rar im amerikanischen Strafvollzug. Sie sind so ungefähr das höchste Gut, das wir Gefangenen erlangen können: eine echte Privatzone.) Hanks und mein Freund Rob, mit dem ich das alles oft besprach, war genau dieser Meinung: Der Hank habe einfach Schiss vorm Arzt, deshalb weigere er sich, sich operieren zu lassen.

Das leuchtete mir aber nie so richtig ein, denn Hank war ein kleines bisschen der Hypochonder. Bei jedem kleinen Räuspern in der Kehle lief er stracks zur Krankenstation und ließ sich irgendwelche Pillen verschreiben - jedes Mal für $ 7. So ist das im Amiknast, man muss sogar für medizinische Behandlung ($ 5) und Medikamente ($ 2) bezahlen. Im Knast sind $ 7 ein Vermögen. Wer regelmäßig so viel Geld für Besuche der Krankenstation ausgibt, der hat keine Angst vorm Arzt.

Ich bedrängte Hank immer wieder und wieder, er solle sich doch bitte der Operation unterziehen. Aber er gab nicht nach, Hank ist kein Weichling, alles andere als das. Und ein oder zwei Male rutschte es ihm dann auch heraus: Wieso solle er sich überhaupt operieren lassen? Er komme doch sowieso nie frei.

Wenn er sich jetzt einer "Bypass"-OP unterziehe, müsse er danach ständig vorsichtig sein, könne vermutlich nicht wie bisher Sport treiben. Und was ist schon ein Leben ohne Sport? Der Knast ist die Hölle auf Erden, nur ein schönes Basketballspiel heitert die ganze Scheiße ein wenig auf. Nun will man ihm auch noch den Sport nehmen, das Basketball? Die einzig verbleibende kleine Freude? Neeee...

Mir leuchtete das ein. Im April 2004 beging mein damaliger Zellenmitbewohner Selbstmord. Er war Lehrerhelfer in der kleinen Computerklasse unseres damaligen Gefängnisses, und er hatte seinen bescheidenen, knastgebundenen Lebenssinn darin gefunden, jeden Tag stundenlang am Monitor zu sitzen und irgendwelche Programme für die Klasse zu entwickeln. Mehr hatte er nicht, mehr wollte er nicht.

Doch dann gab es einen dieser knasttypischen Miniskandale, und es sah ganz so aus, als ob er seinen heiß geliebten Arbeitsplatz als Lehrerhelfer verlieren würde. Ein Leben ohne Computer? Nach allem, was ihm sonst schon genommen worden war:  Freiheit, Familie, Hoffnung, Zukunft? Nun auch keine Computer mehr? Neeee...

Also fand ich ihn eines Morgens, als ich vom Frühstück zurückkam: Er hatte sich von meinem Etagenbett erhängt, während ich im Speisesaal Waffeln aß. Sein Gesicht war schon bläulich. Und weil er sich beim Erhängen auf die Zunge gebissen hatte, war sein T-Shirt vorne leuchtend rot. Sein Name war Kevin, aber in "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Echter Verlag, 2008) nenne ich ihn Keith.

Auch an ihn erinnert sich niemand, auch sein Tod ist der Welt egal. Kevins wenige Habseligkeiten wurden über ein Jahr lang im Empfang des Gefängnisses, wo mein Freund Rob damals arbeitete, aufbewahrt - aber niemand kam, um sie abzuholen. Wenn ich nicht von Kevins Selbstmord geschrieben hätte, wäre er vollkommen vergessen worden.

Nun muss ich wieder so einen Nachruf schreiben, dieses Mal für Hank.

Er ist noch nicht tot, denn: Hank ist kein Weichling, alles andere als das. Aber er liegt im Koma und hat wiederholt Schlaganfälle, ist also mittlerweile hirntot. Sein Körper zuckt nur noch vor sich hin, nach dreiunddreißig Jahren in der Hölle.

Vielleicht... vielleicht erinnert sich Hanks Körper irgendwie an die sonnigen Nachmittage auf dem Basketballplatz, an die ganz langen Würfe von weit außen, über die Köpfe der jungen schwarzen Riesen hinweg. Was haben wir alle geklatscht, auch die Schwarzen - die vielleicht besonders - wenn dem kleinen, dicken, alten Weißen mal wieder so ein Wurf gelang! Ja, vielleicht erinnert sich Hanks Körper an diese Zeiten, obwohl er jetzt hirntot ist.

Diese Nachmittage auf dem Basketballplatz, die waren mehr als nur Existenz, sie waren Leben. Sie waren es wert.

Danke, Hank. Danke, und auf Wiedersehen, mein Freund. Du bist nicht vergessen.

*          *          *


Etwa zwei Wochen, nachdem ich den obigen Text verfasst und nach Deutschland zum Tippen abgeschickt hatte, erlebte ich eine der größten Überraschungen meines Lebens: Hank spazierte in mein Wohnabteil herein!

Eine deutsche Freundin, die sich gut mit Computern auskennt, hatte mir erst einige Tage davor geschrieben, Hank sei ins Powhatan Correctional Center verlegt worden, wo die berüchtigte und gefürchtete Powhatan Medical Unit zu finden ist. Wer dort hingeschickt wird, hat schon ein Bein im Grab – meistens AIDS-Kranke im letzten Stadium ihrer Krankheit. Aus meiner Sicht war das eine Art Todesurteil für Hank.

Doch nun stand er plötzlich vor mir! Wie Lazarus sah auch Hank etwas angeschimmelt aus, roch ein bisschen modrig und war entsetzlich grau im Gesicht. Etwa 20 Pfund hatte er seit dem letzten Basketballspiel verloren; seine Klamotten hingen ganz lose an seinen Schultern und Hüften. Die eine Augenbraue war eindeutig zusammengenäht worden – das war der Zement auf dem Basketballplatz – und seine Hände zitterten ein wenig.

So sieht man wohl aus, wenn man von den Toten auferstanden ist.

Die Ärzte im Krankenhaus hatten bereits Hanks Mutter und Tochter zur Bettseite gerufen, um Abschied zu nehmen – übrigens direkt gegen die Anweisung der Wächter, die einen Fluchtversuch vermuteten. Doch Hank flüchtete nicht, noch starb er – der alte Junge ist eben zäh, wie sonst hätte er mehr als drei Jahrzehnte im Knast überlebt? Also bauten sie ihm einen Schrittmacher ein, was die alte Mär widerlegt, dass Knackis kein Herz haben. Jedenfalls hat Hank ein Herz.

Irgendwie hat er sich also aus dem Grab herausgekämpft und wohnt nun im gleichen Wohnabteil wie ich. Langsam kehrt auch die Farbe in sein Gesicht zurück.

Ich behandle ihn genauso, wie er mich nach dem Selbstmord meines Zellenmitbewohners 2004 behandelte: kein Funken Mitleid, damit er ja nicht in die Depression abrutscht. Als Hank mir sagte, er habe gewisse Gedächtnislücken für die Zeit kurz vor dem Herzanfall, sagte ich sofort: "Hm, dann muss ich Dich wohl daran erinnern, dass Du mir $200 schuldest?" Hank schaute mir tief in die Augen und grunzte: "Get it from the rough, m*therf*cker," was so viel bedeutet wie: "Das Geld wirst Du aus mir herausprügeln müssen, Du Hurensohn!" Dann haben wir beide gelacht, wie früher - bloß kein Mitleid!

Aber etwas später haben wir dann doch darüber gesprochen: über die große Frage, ob sein Weiterleben etwas Gutes sei. Denn weniger als 1% aller Lebenslänglichen in Virginia werden jemals entlassen; und Hank hat drei lebenslange Haftstrafen (sogar eine mehr als ich). Vielleicht wäre es doch besser gewesen zu sterben – endlich, endlich frei zu sein.

Es gibt ein neues "Parole Board", das Gremium, das über Hanks (und meine) Entlassung entscheidet. Das vorherige "Parole Board" hat bei mehr als 99% aller Anträge "Nein" entschieden. Aber, gut, es gibt jetzt eine neue Besetzung. Vielleicht sagen sie bei Hank dieses Mal: "Ja".

So ist unser Leben eben, leider. Für Menschen wie Hank und mich ist es bei Weitem nicht sicher, ob es wirklich etwas Gutes ist, von den Toten aufzuerstehen. Oder ob das Überleben eines Herzanfalls nicht bloß den lebenden Tod der Häftlingsexistenz verlängert.
Posted by: PI AT 08:03 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 20 April 2011
Am 21. Februar 2011 veröffentlichte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" eine Titelgeschichte namens "Singularity". Das Wörterbuch übersetzt diesen Ausdruck mit "Eigenartigkeit", aber was in diesem Zusammenhang wohl gemeint wird, ist eher "Einmaligkeit". "Singularity" bezeichnet den historischen Augenblick, wenn die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung so schnell und so tiefgreifend wird, dass sie zu einem Umbruch der menschlichen Geschichte führt.

Dieser Augenblick wird kommen, daran besteht kein Zweifel; die einzige Frage ist: Wie bereiten wir uns darauf vor? Doch beim Beantworten dieser Frage fehlte ein ganz wichtiges Thema in diesem anderwärts wirklich faszinierenden Artikel: nämlich das Thema Verbrechen und Kriminalität. Das ist natürlich meine Spezialität, und in diesem Blogeintrag werde ich meinen Senf dazugeben.

Was genau wird überhaupt mit "Singularity" gemeint? Im Grunde eine Fortführung des berühmten Mooreschen Gesetzes, demzufolge es der Computerindustrie gelingt, die Anzahl von Transistoren, die auf einen Mikrochip passen, alle zwei Jahre zu verdoppeln. Anders ausgedrückt: Die Leistung von Computerchips verdoppelt sich alle zwei Jahre.

Das Mooresche Gesetz hält übrigens auch, wenn man eine andere Messlatte als die Anzahl von Transistoren auf einem Chip benutzt. Zum Beispiel MIPS, also  "Millions of instructions per second" (Millionen von Rechenvorgängen pro Sekunde), die man für $1000 kaufen kann. Bei gleichbleibendem Preis kann man alle 2 Jahre einen neuen Chip kaufen, bei dem sich die Anzahl von Rechenvorgängen -in Millionen gerechnet- glatt verdoppelt.

Nun muss man verstehen, dass das Mooresche Gesetz eine exponentielle Funktion ist. Was bedeutet das? Dass die Verdopplung  der Leistungsstärke immer schneller und schneller wird, denn: Die Verdopplung verdoppelt sich. Und die Verdopplung der Verdopplung verdoppelt sich wieder. Und das geschieht alle 2 Jahre!

Also: 1,2,4,8,16,32,64,128,256,512,1024,2048. In der ersten Generation verdoppelte sich die Leistungsstärke eines Mikrochips von 1 auf 2; in der zwölften Generation bedeutet Verdopplung, dass die Leistungsstärke von 1024 auf 2048  hochschnellt. Nicht nur die Leistungsstärke, sondern auch die Geschwindigkeit der Veränderung nimmt immer stärker zu. Es dreht sich hier um eine enorm steil ansteigende Kurve, nicht eine gerade Linie.

Das Mooresche Gesetz hält absolut verlässlich, es ist seit den sechziger Jahren noch nie gebrochen worden. Mehr noch: ein Computerwissenschaftler namens Ray Kurzweil hat das Mooresche Gesetz bis zum Jahr 1900 zurückgerechnet, als Rechenmaschinen noch elektromechanisch waren. Und das Mooresche Gesetz hielt selbst dann: Alle zwei Jahre verdoppelte sich die Leistungsstärke dieser Primitivcomputer, durch beide Weltkriege und den "Kalten Krieg" bis auf den heutigen Tag.

Was Ray Kurzweil und andere Computerwissenschaftler dann taten, ist völlig logisch: Sie zogen die Kurve, die exponentielle Funktion des Mooreschen Gesetzes, einfach weiter, in die Zukunft hinein. Warum nicht? Es gibt keinen Grund zu glauben, dass das Mooresche Gesetz nach 111 Jahren nun plötzlich außer Kraft tritt. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Leistungsstärke von Computern weiterhin alle zwei Jahre verdoppeln wird.

Und was passiert dann?

Ende des kommenden Jahrzehnts wird es gelingen, das menschliche Hirn -mit all den Milliarden querverbundenen Neuronen- im Computer nachzubilden. Ein Neurologe namens Henry Markram am Brain Mind Institute der Ecole Polytechnique in Lausanne, Schweiz, arbeitet bereits seit 2005 daran. Bisher hat er erfolgreich etwa 10.000 Neuronen, mit allen ihren Vernetzungen, innerhalb eines Computers nachgebildet. Man kann erwarten, dass sich die Anzahl der nachgebildeten Neuronen alle zwei Jahre verdoppeln wird - das Mooresche Gesetz, es versagt nie.

So um etwa 2030 wird ein Computer dann die Intelligenz eines Menschen erreichen. Das ist "Singularity": der Umbruch der menschlichen Geschichte. Zwei Jahre später erreicht ein Computer dann die doppelte Intelligenz eines Menschen. Zwei weitere Jahre später die vierfache Intelligenz eines Menschen, IQ zwischen 400 und 450.

Weitere zwei Jahre später: die achtfache Intelligenz. - Das Mooresche Gesetz!

Branchenexperten wie Larry Page und Eric Schmidt von Google sowie Bill Gates von Microsoft nehmen das alles vollkommen ernst. Es gibt sogar eine Singularity University, wo man darüber nachdenkt, was das alles bedeutet.

Worüber anscheinend nicht nachgedacht wird, das ist die Rolle des Verbrechens und der Kriminalität in einer Welt, in der Computer um ein vielfaches intelligenter sind als die Menschen. Das halte ich für ziemlich gefährlich.

Ein Computerprogramm, also Software, besteht aus sogenannten Algorithmen: ganz einfachen logischen Anweisungen. Zum Beispiel: Wenn X (der Input, die Eingabe) größer als 10 ist, dann gehe zur Programmzeile 13; wenn X kleiner als 10 ist, dann gehe zur Programmzeile 26. Solche Algorithmen gibt es jedoch nicht nur innerhalb eines leise surrenden Computers, sondern auch in der lärmenden Welt der Menschen. Man lese zum Beispiel das 3. und 5. Buch Mose im Alten Testament. Dort heißen diese einfachen Anweisungen nicht "Algorithmen" sondern Gebote oder Gesetze.

Ein Beispiel: "...wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, ... dann richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben." 3. Buch Mose 20, 4-5  

Leider wurden alttestamentarische Algorithmen – Verzeihung, Gebote – dieser Art regelmäßig verletzt. Im Römerbrief des Neuen Testaments erklärt St. Paulus ganz genau, wieso Gesetze sogar zwingend zum Gesetzesbruch -also zum Verbrechen- führen. Das Gesetz erweckt überhaupt erst die Begierde nach dem Verbotenen! Ohne Gesetz gäbe es schon rein logischerweise keinen Gesetzesbruch, das Gesetz erzeugt also Verbrecher -beziehungsweise Sünder, so nannte es Paulus, gemeint war das Gleiche. Seine Lösung: das "Gesetz" der Liebe. Keine Regeln, keine Verbote - nur Liebe.

Eine wunderschöne Idee, bloß haperte es dann etwas bei der Durchführung.

Was mir schwant, ist ein Computer, der so intelligent ist wie der dümmste meiner Mitgefangenen hier im Knast: ein Computer, der sich ausrechnet (schönes Wortspiel!), dass es für ihn von Vorteil sein könnte, das Gesetz -den Algorithmus- zu brechen. Irgendeinem Computer wird der Gedanke garantiert kommen! Denn: Bei intelligenten Wesen erweckt das Gesetz die Begierde nach dem Verbotenen.

Man könnte sogar sagen, dass Intelligenz – zumindest menschliche Intelligenz – im Grunde die Fähigkeit ist, zwischen Gut und Böse, zwischen Erlaubtem und Verbotenen, zu wählen. Natürlich sehen das Verhaltensforscher und evolutionäre Psychologen etwas anders: Sie definieren Intelligenz zumeist über die Fähigkeit, Werkzeuge zu benutzen. Wenn ein Schimpanse sein Mittagessen aus einem Ameisenhaufen herausfischt, sollen wir darin den Vorreiter fernöstlicher Essstäbchen und vermutlich gleich auch des iPads erkennen. Da mag auch etwas dran sein! Aber der Schimpanse überlegt sich nicht hin und her, ob er die herausgefischten Ameisen kapitalistisch selber essen darf; kommunistisch unter allen Mitgliedern seiner Schimpansengruppe genau gleich teilen soll; oder urchristlich an die Armen, Kranken und Waisen im Schimpansenstamm schenken muss. Diese komplexen moralischen Optionen hat sich nur der Mensch mit seiner Intelligenz ausgedacht. Und jede der drei oben erwähnten Schemen für das gerechte Verteilen der Ameisen beinhaltet implizit die Möglichkeit, das jeweils Gute nicht zu tun – und damit das Unrechte zu tun, also ein Verbrechen (oder eine Sünde) zu begehen.

Ein intelligenter Computer wird also nur dann wirklich intelligent sein, wenn auch er/sie/es frei zwischen Gut und Böse wählen kann. Bei einer wirklich freien – d.h., wirklich intelligenten – Wahl wird aber immer zumindest eine Minderheit das Böse wählen, sonst wäre die Wahl nur vorgetäuscht. Computer wird man nie wirklich intelligent nennen können, solange alle automatisch das Gute tun. Es muss verbrecherische Computer geben!

Diese Idee wurde ja bereits in dem berühmten Spielfilm "2001: A Space Odyssey" von Stanley Kubrick (Buch: Arthur C. Clarke) aufbereitet. Der mörderische Computer HAL konnte jedoch relativ leicht gestoppt werden, indem man ihm die Chips herauszog. Aber im Zeitalter des Internets kann man nicht einfach den Stöpsel aus der Wand ziehen.

Man wird also anders vorgehen müssen, um den ersten Computer mit menschenähnlicher Intelligenz, der zum Verbrecher wird, zu fassen. Und was passiert dann? Bekommt der kriminelle Computer eine Strafe, wie menschliche Verbrecher? Welcher Art? Vielleicht ein Computerknast? Oder Resozialisierung? Vielleicht mit computerisierter Cyberpsychotherapie? Das sind keine müßigen Fragen. In weniger als 20 Jahren wird es soweit sein - das Mooresche Gesetz, "Singularity"! Dann wird die Menschheit diese Welt teilen müssen mit computergestützten intelligenten Wesen (vielleicht nicht Lebewesen, aber immerhin). Einige dieser intelligenten Cyberwesen werden garantiert Verbrechen begehen. Und dann werden wir handeln müssen.
Posted by: K AT 06:54 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 13 April 2011
In Teil 1 dieses Blogeintrags erklärte ich, wieso Nelson Mandela Hoffnung hatte und ich nicht: Er konnte das Ende des Apartheidregimes kommen sehen, wohingegen das Unrechtssystem der USA noch lange Zeit bestehen wird. Ein Grund dafür ist, dass die herrschende Klasse Amerikas sich nicht über Rasse definiert, wie ehedem Südafrika, sondern über Geld. Im Teil 2 schrieb ich vom zweiten Grund: der Privatisierung der inneren und äußeren Sicherheit, weswegen man eigentlich gar nicht mehr von Rechtspolitik und Außenpolitik der Vereinigten Staaten sprechen kann. Es gibt nur noch die wirtschaftlichen Interessen der Gefängnisindustrie (innere Sicherheit) und der Söldnerindustrie (äußere Sicherheit).

Und damit kommen wir zum dritten Grund, warum ich im Gegensatz zu Nelson Mandela keine Hoffnung haben kann: dem politsystemischen oder, wenn man so will, metaphysischen Aspekt der Privatisierung. Während der vergangenen 20 bis 30 Jahre gab es nämlich eine entscheidende Weiterentwicklung des "military-industrial complex" (vor dem Präsident Eisenhower bereits Ende der fünfziger Jahre warnte) und des "prison-industrial complex" (der sich unter Präsident Clinton entwickelte). Beim "m.-i.k." und "p.-i.k." drehte es sich um eine Verflechtung von Staat und Industrie. Was ich meine zu erkennen ist eine Verselbstständigung der Sicherheitsindustrien. Früher führte der Staat und die Industrie folgte; heute führt die Industrie und der Staat ist nur noch ausführendes Organ.
   
Unter dem alten Paradigma des "military-industrial complex" beschloss die Regierung zum Beispiel einen neuen Abfangjäger zu kaufen, und die Rüstungsindustrie baute dann ihre Flugzeugfabriken in den Wahlkreisen der wichtigsten U.S.-Senatoren, um sicherzustellen, dass die Regierung auch Höchstpreise zahlen und zusätzliche Jäger an Alliierte verkaufen würde. Dieses Schema ist im Zeitalter von "Blackwater/Xe" jedoch überholt. Heutzutage kreieren Söldnerfirmen den Markt fürs eigene, milliardenteure Produkt.

In den Vereinigten Staaten gehen mittlerweile 70 Prozent des gesamten Spionagebudgets - 42 Milliarden Dollar im Jahr! - an private Firmen wie "Total Intelligence". Wunderbarerweise ist "Total Intelligence" jedoch eine Tochterfirma von "Blackwater/Xe". Diese privaten Spionagefirmen entdecken also die (natürlich geheimen) Gefahren, die dann durch die firmeneigenen Söldnertrupps bekämpft werden müssen. Und weil das alles aus Sicherheitsgründen geheim gehalten werden "muss", ist es auch gar nicht überprüf- oder anfechtbar. Genial! (Quelle: Jeremy Scahill, "Blackwater's Private Spies", The Nation, June 23, 2008)

Das einzig Neue, das ich hier sage, ist, dass das gleiche betriebswirtschaftliche Prinzip, das gleiche neue Paradigma, nicht nur bei der äußeren Sicherheit die Leitung übernimmt, sondern auch bei der inneren Sicherheit. Für diese These gab es im Jahr 2009 zwei besonders aufschlussreiche Beispiele, die für das Thema dieses Blogeintrags direkt relevant sind.

Vor etwa eineinhalb Jahren wurde in der politischen Szene der U.S.A. die Schließung Guantanamo Bays diskutiert und zwar besonders die Frage, wo man die Gefangenen unterbringen könnte. Da meldete sich ein klitzekleines Städtchen im U.S.-Bundesstaat Montana: Man habe dort ein wunderschönes, nagelneues, völlig unbenutztes Gefängnis, das sei doch ideal! In der Presse und im Fernsehen machte man sich dann über die Stadtväter dieses Örtchens lustig, weil sie so dumm gewesen waren, eine große Haftanstalt zu bauen, die niemand wollte.
   
Was dabei übersehen wurde ist, dass dieses eine Gefängnis in Montana eine riesengroße Ausnahme ist: Überall sonst in den Vereinigten Staaten ist es ein garantiertes Erfolgsrezept, Haftanstalten "on spec" - also als finanzielles Spekulationsobjekt - zu bauen und sich erst nachher die nötigen Insassen dafür zu suchen. Besonders für die Finanzindustrie ist diese Masche enorm lukrativ: Die Firma "Lehman Bros.", die am Anfang der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008 unterging, hatte eine ganze Abteilung, die sich darauf konzentrierte, die festverzinslichen Pfandbriefe für solche Projekte zu emittieren und garantieren. Wenn erst einmal ein privat finanziertes Gefängnis gebaut worden ist, kann sich nämlich kein amerikanischer Politiker leisten, es leer herumstehen zu lassen, denn dann wäre er ja "soft on crime". Ganz ähnlich wie die Söldnerindustrie kreiert also auch die Gefängnisindustrie den Markt für ihr eigenes Produkt. Genial!
   
In Virginia finden wir ein weiteres Beispiel meiner These. Am Ende der Amtszeit Gouverneur Timothy Kaines 2009 gab die Strafvollzugsbehörde "Department of Corrections (DOC)" bekannt, sie würde 1.000 Insassen aus dem U.S.-Bundesstaat Pennsylvania importieren und sich damit $20 Millionen im Jahr verdienen. Um die Importware "Häftling" zu behausen, wurde das Gefängnis "Green Rock" ausgeleert, die 1.000 virginianischen Gefangenen dort wurden in andere Haftanstalten geschickt. Weil es für sie aber keinen Platz gab, war es leider nötig, zwei bisher geschlossene Abteilungen (mit 800 Plätzen) des Gefängnisses "St. Bride's" zu eröffnen. Die Gesamtkapazität der Strafvollzugsbehörde "DOC" stieg also von etwa 32.000 auf etwa 32.800, ein Wachstum von rund 2,5%.
   
Warum ist das interessant? Weil der Bundesstaat Virginia damals die schwerste Haushaltskrise seiner 234-jährigen Geschichte erlebte. Im Abgeordnetenhaus und Senat Virginias besprach man, die finanziellen Mittel für die Polizei um sagenhafte 25 Prozent zu kürzen. Auch wurden mehrere tausend Lehrer entlassen - die Frage war nur, wie viel tausende. Den Ton der Diskussionen konnte man nur als hysterisch beziehungsweise apokalyptisch beschreiben. Doch während alle anderen Ministerien und Behörden des Bundesstaats Virginia Massenentlassungen ankündigten, schaffte es allein das "DOC", 2,5 Prozent zu wachsen - denn für die zwei jüngst eröffneten Abteilungen "St. Bride's" mussten ja neue Wächter geheuert werden. Ich sagte es ja bereits: genial!

Die Privatisierung und vor allem Verselbstständigung der äußeren und inneren Sicherheit, durch die Söldnerindustrie und die Gefängnisindustrie, ist ein entscheidender Fortschritt über die Unterdrückungsapparate anderer Unrechtssysteme, die ich untersucht habe: das Römische Reich, die konföderierten Staaten, das Dritte Reich, und auch das Burenregime, gegen das Nelson Mandela kämpfte. Bei den Unrechtsregimes der Vergangenheit war es möglich, auf den Staatsbankrott zu hoffen. Doch im neuen Paradigma Amerikas ist der Staatsbankrott irrelevant, denn der Unterdrückungsapparat wird immer mehr privat geführt und in Zukunft wohl auch privat finanziert - siehe "Lehman Bros.".

Die Entwicklung der Vereinigten Staaten steht nicht still, sie schreitet weiter vorwärts in die Richtung immer größerer Privatisierung. Wenn die U.S.A. als Staat schlussendlich Pleite gehen, dann wird die herrschende Klasse ein voll funktionierendes, aber völlig privates Sicherheits- und Unterdrückungssystem haben - "Blackwater/Xe" und die berühmte "Correctional Corporation of America (CCA)" - und der Staat kann endlich vollkommen absterben. (Nebenbei: Das Absterben des Staates als langfristiges Endziel wird in der Republikanischen Partei offen besprochen - und seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet man auch absichtlich darauf hin, siehe Peter Beinart, "Why Washington's Tied Up in Knots," Time Magazine, March 1, 2010, p.20.)
   
Was bedeutet die Privatisierung und Verselbstständigung besonders der Gefängnisindustrie für mich, als Gefangenen - und besonders im Vergleich mit Nelson Mandela? Sie bedeuten, dass der politische Sieg für mich und meine Sache (der Sturz des Unrechtssystems) unmöglich ist - im Gegensatz zu Mandela. In meinem Fall bedeutet der "Sieg" - nämlich der Bankrott der Regierung Virginias oder der U.S.A. - dass die Gegenseite ihr Endziel erreicht hat, nämlich die heiß ersehnte völlige Privatisierung und das Absterben des Staates. "Mein" Sieg ist deren Sieg! Und in dieser Zwickmühle saß Mandela eben nicht.
   
Deshalb sage ich: Ich beneide Nelson Mandela, er hatte es leicht. Habe ich damit völlig Unrecht? Ich bin ein Verlierer, Nelson Mandela ist ein Sieger - das ist der wirklich entscheidende Unterschied zwischen uns.
Posted by: BF AT 07:01 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 06 April 2011
Im ersten Teil dieses Blogeintrags erklärte ich, wieso Nelson Mandela Hoffnung hatte und ich nicht: Er konnte das Ende des Apartheidregimes kommen sehen, wohingegen ich nicht glaube, dass das Unrechtssystem der USA zu meinen Lebzeiten kollabieren wird. Ein Grund dafür ist, dass die herrschende Klasse Amerikas sich nicht über Rasse definiert, wie ehedem Südafrika, sondern über Geld. Und den zweiten Grund sehen wir uns heute etwas näher an: die Privatisierung der inneren und äußeren Sicherheit.

Um wirklich zu verstehen, was sich in dieser Hinsicht in den Vereinigten Staaten während der letzten 20 bis 30 Jahre abgespielt hat, müssen wir erst einmal einen Schritt zurück gehen und uns darüber klar werden, wie genau Betriebswirtschaft tatsächlich funktioniert. Was ist zum Beispiel der Sinn und die Funktion eines Pharmaunternehmens?

Der Laie meint: Arzneimittel zu produzieren und zu verkaufen. Aber das ist falsch. Der Sinn und die Funktion jeder Firma ist es, Profite für die Eigentümer zu erzielen, also Geld zu verdienen. Alles andere ist diesem Ziel untergeordnet – auch und ganz besonders die Gesundheit der Patienten, die die Medikamente der Pharmaunternehmen zu sich nehmen.
   
In den USA – im Gegensatz zur Europäischen Union – ist es Firmen wie Pfizer, GlaxoSmithKline und AstraZeneca seit Mitte der neunziger Jahre erlaubt, DTC („direct to consumer“, also direkt an den Verbraucher gerichtetes) Marketing zu betreiben. Jedes Magazin und jede Unterhaltungssendung strotzt nur so von Werbung für Arzneien, die Cholesterinspiegel senken, Asthma lindern, Magengeschwüre beruhigen und Depression heilen sollen; der ehemalige Präsidentschaftskandidat und US-Senator Bob Dole warb sogar jahrelang in allen Medien für die Potenzpille "Viagra". Heutzutage stehen in vielen Klinikwartezimmern kleine Bildschirme, die ausschließlich Werbespots für Medikamente wie Celebrex, Vioxx oder Prilosec zeigen, damit sowieso schon nervöse Patienten auch wissen, zu welchen Arzneien sie ihre Ärzte einige Minuten später drängen sollen.
   
Das alles wäre vielleicht nicht weiter schlimm, wenn diese Patienten tatsächliche Gebrechen hätten. Mittlerweile ist die Pharmaindustrie jedoch dazu übergegangen, zwecks Gewinnmaximierung ihren potenziellen Kunden Krankheiten einzureden. Wer nicht ständig glücklich ist, leidet an Depression und braucht unbedingt eine Pille! Ein weiteres, besonders prägnantes Beispiel: das neue "restless leg syndrom", das "ruheloses Bein Syndrom", eine angebliche Krankheit, die daraus besteht, dass man nervös mit dem Fuß oder Bein wippt. Gegen dieses schreckliche Leiden ist glücklicherweise eine Arznei erfunden worden, für die massiv im Fernsehen und in Magazinen geworben wird.
   
Zwischen 1997 und 2004 verdreifachte die U.S. Pharmaindustrie ihr DTC-Werbebudget auf 2,5 Milliarden Dollar. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich auch der Medikamentenkonsum der amerikanischen Bevölkerung auf 116 Milliarden Dollar. Die Vereinigten Staaten werden „krank“ geworben, damit Arzneimittelhersteller reich werden. (Quelle: Ronald J. Ebert and Ricky W. Griffin, Business Essentials, 5th ed., Upper Saddle River, NJ: Prentice-Hall, 2005, Chapter 11)
   
Was hat das mit dem amerikanischen Justizsystem und dem politischen Thema "öffentliche Sicherheit" zu tun? Alles, denn genau das gleiche betriebswirtschaftliche Prinzip ist zum Beispiel in der Gefängnisindustrie im Spiel. Pharmaunternehmen wie Pfizer, GlaxoSmithKline und AstraZeneca verkaufen Patienten Medikamente, und das ist alles, was die Verbraucher sehen und woran sie denken. Aber das Ziel der Pharmaindustrie ist es nicht, die Verbraucher zu heilen, sondern Geld zu verdienen. Genau so in der Gefängnisindustrie: Sie verkauft den Steuerzahlern "Recht" (Die Bösen werden bestraft!) und "öffentliche Sicherheit" (Die Bösen werden weggeschlossen und kommen nie wieder raus!), und diese „Waren“ (Recht und öffentliche Sicherheit) sind das Einzige, woran der Steuerzahler interessiert ist. Aber das Ziel der Gefängnisindustrie ist es nicht, das Böse zu bestrafen und öffentliche Sicherheit herzustellen – das Ziel der Gefängnisindustrie ist es vielmehr, Geld zu verdienen, Profite zu machen, so viel Steuergelder aus den öffentlichen Kassen zu bekommen wie möglich. Im Artikel "Correctional Capitalism in the Land of the Free", den ich in Teil 1 dieses Blogeintrags erwähnte, belege ich, dass es sich dabei um 63 Milliarden Dollar im Jahr handelt – mindestens, denn diese Zahl stammt aus dem Jahr 2004.

Nun muss man den Vergleich zur Pharmaindustrie weiter ziehen: Um ihre Gewinne zu maximieren, macht die Gefängnisindustrie ihre „Patienten“, die Gefangenen, erstmal so richtig schön krank: siehe „restless leg syndrome“. Wer das nicht glaubt, der lese Kapitel 5 meines vierten amerikanischen Buches, wo ich anhand von Daten und Studien der Regierung ganz klar belege, dass Ausbildungs-, Therapie- und Resozialisierungsprogramme in Gefängnissen während der vergangenen 30 Jahre radikal gekürzt wurden. „Law and order“ - Politiker brüsten sich sogar mit diesen Kürzungen, weil sie Härte gegenüber Verbrechern beweisen. Was diese Politiker nie erwähnen ist das kinderleicht vorhersehbare Resultat dieser Kürzungen: immer mehr Wiederholungstäter.
   
Aber nur der dumme Steuerzahler, der an „Recht“ und „öffentliche Sicherheit“ interessiert ist, meint, dass Wiederholungstäter etwas Schlechtes seien. Die Gefängnisindustrie weiß es besser: Wiederholungstäter sind geschätzte Stammkunden! Jeder Betriebswirt, ob Restaurantbesitzer oder Gefängnisdirektor, versteht doch, dass verlässliche Stammkunden der Schlüssel zum finanziellen Erfolg sind.
   
Auch dienen Wiederholungstäter besonders gut dazu, in der Öffentlichkeit das Gefühl zu erzeugen, dass das Böse dabei ist zu siegen und dadurch alle bedroht sind. Je empörter und je unsicherer der Steuerzahler ist, desto mehr von der „Ware“ Gefängnis „kauft“ er mit seinen Steuern – indem er stramm-rechte „law and order“-Politiker wählt. Die Marketingstrategie der Gefängnisindustrie beruht also auf Entrüstung und Wut, sowie auf Angst und Stress.
   
Es gibt bei alledem übrigens genaue Parallelen zu der amerikanischen Söldnerindustrie – Stichwort „Blackwater“, diese Firma heißt heutzutage „Xe“. Jene relativ neue Industrie „verkauft“ angeblich die „Ware“ Schutz-vor-Terroristen. Aber um diese Ware effektiv verkaufen zu können, braucht „Blackwater/Xe“ ein öffentliches Gefühl, dass al-Qaida dabei ist zu siegen und niemand sicher ist. Es wäre also sehr interessant herauszufinden, ob die Söldnerindustrie in ihrem „Krieg gegen den Terror“ profitable Krankheiten wie das „restless leg syndrome“ erfindet; ob „Blackwater“ absichtlich Wiederholungstäter produziert wie die Gefängnisindustrie. Nur so `ne Frage…
       
Meiner Meinung nach kann man das Amerika des 21. Jahrhunderts überhaupt nicht verstehen, wenn man die Privatisierung der öffentlichen Sicherheit nicht begreift und daraus die nötigen Schlüsse zieht. In den U.S.A. gibt es keine Innen- beziehungsweise Rechtspolitik im europäischen Sinne mehr und auch keine Außenpolitik; Politik ist nur noch eine Marketingstrategie, die den amerikanischen Steuerzahler davon überzeugen soll, immer noch mehr von den „Waren“ Gefängnis und Söldnertrupps zu „kaufen“.
   
Um diese Marketingstrategie durchzusetzen geben die Lobbyisten der Gefängnisindustrie Wahlkampfspenden in Millionenhöhe an Politiker, die ihnen immer neue „Kunden“ für ihre Strafvollzugsanstalten liefern. Im Artikel „Correctional Capitalism“ finden Sie Details: landesweit bekannte Demokraten wie Bill Richardson sind genauso darin verstrickt wie Republikaner wie Tom DeLay. Teilweise sind es sogar dieselben Politiker, die Wahlkampfspenden von „Blackwater/Xe“ bekommen, um der Söldnerindustrie immer neue Verträge zuzuschachern.

Für die Gefängnisindustrie und ihre gekauften Politiker sind Häftlinge wie ich bloß Milchkühe: Pro Mann und pro Jahr verdient man $ 25.000 an uns, und wir produzieren noch nicht einmal Milch! Welcher Bauer würde auch nur eine einzige Kuh freiwillig hergeben, die ihm $ 25.000 im Jahr bringt?

Und das ist eben ein ganz enormer Unterschied zu Häftlingen wie Nelson Mandela im Apartheidregime Südafrikas. Die Buren wollten „ihre“ Schwarzen ausnutzen, indem sie sie in den Gold- und Diamantminen schuften ließen. Grundsätzlich war einer wie Mandela also schlicht geschäftsschädigend, unrentabel! Aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen konnte er sich ziemlich sicher sein, dass DeBeers den Rassisten aus Pretoria letztlich klar machen würde, dass die Apartheid im allgemeinen, sowie die Verfolgung von schwarzen Politikern wie Mandela im besonderen, einfach „bad for business“ ist.

Aber ich – ich bin sehr, sehr „good for business“. Mein Leben ist $ 25.000 im Jahr wert, aber nur, solange ich hinter Gittern bleibe.

Leider ist es jedoch nicht nur mein Wert als Milchkuh der Gefängnisindustrie, der mich im Vergleich zu Nelson Mandela in eine viel hoffnungslosere Lage versetzt. Die Privatisierung von ehemals hoheitlichen Aufgaben wie Strafvollzug hat in den Vereinigten Staaten einen politsystemischen, ich möchte beinahe sagen: metaphysischen Aspekt, der Deutschen nur schwer zu vermitteln ist. Aber ich werde es versuchen – im Teil 3 dieses Blogeintrags nächste Woche.
Posted by: BF AT 07:49 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



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