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Wednesday, 28 December 2011
Letzte Woche in Teil 1 habe ich geschrieben, dass ich Ihnen heute auch davon erzählen möchte, was zur selben Zeit geschah, als Gerichte damit begannen, Jugendliche wie Erwachsene zu behandeln.

"So schockierend diese Beispiele für Misshandlungen durch das Gefängnispersonal sind, sie sind bei Weitem nicht das Schlimmste an den Jugendgefängnissen ..."

So endete Teil 1. Jetzt mehr dazu ...

Noch verheerender sind die Auswirkungen des allgegenwärtigen Klimas von Angst und Gewalt, das durch die vielen Fälle von Übergriffen und Vergewaltigungen unter den Insassen selbst hervorgerufen wird. Die kalifornische Jugendbehörde berichtet von 4.000 schweren Gewaltverbrechen, die die 4.600 Schutzbefohlenen in den Jugendgefängnissen des Bundesstaates pro Jahr untereinander verüben. Und in Louisiana verhängen einige Richter aufgrund der Vielzahl der zu verzeichnenden Fälle von Vergewaltigungen, Übergriffen und Selbstmordversuchen in den zwei großen Jugendgefängnissen des Bundesstaates heute nur noch zögerlich Gefängnisstrafen gegen Jugendliche.

Die Folgen dieses gewalttätigen Umfelds liegen auf der Hand: Gerichtsexperten kamen nach einer Überprüfung der California Youth Authority (Kalifornische Jugendbehörde) zu dem Schluss, dass die Jugendlichen in diesen Einrichtungen "eher verdorben als gebessert werden". In Louisiana stellten Pflichtverteidiger fest, dass gerade die Klienten mit der dicksten Strafakte "fast immer das gesamte [staatliche] Jugendvollzugssystem hinter sich haben." Dr. Juan Sanchez erklärt: "Wenn die Kids aus den Einrichtungen kommen, sind sie wütender, härter, aggressiver, gewalttätiger und es ist noch schwieriger, sie auf den rechten Weg bringen."

Es gab einmal eine Zeit, da galten die USA wegen ihres fortschrittlichen Ansatzes als Vorreiter im Jugendstrafrecht. So wurden in Illinois und Colorado bereits 1899, und in den darauf folgenden 20 Jahren auch in den meisten anderen Bundesstaaten, Kinder- und Jugendgerichte eingeführt. Ende der 1960er-Jahre ersetzte man in Massachusetts die großen, gefängnisartigen "Training Schools" durch kleinere, gemeinschaftsbasierte Einrichtungen. Diesem Vorbild folgten auf Initiative des "Federal Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention" (Nationale Behörde für Jugendstrafrecht und Prävention von Jugendkriminalität) ab Mitte der siebziger Jahre auch die übrigen Bundesstaaten. Mit dem plötzlichen Anstieg der Kriminalitätsrate in Zusammenhang mit dem Crack-Aufkommen Ende der achtziger Jahre kam der Wendepunkt. Sozialwissenschaftler wie James Q. Wilson und John J. DiIulio Jr. malten damals Schreckensszenario von Zehntausenden von "devianten, straffälligen, … chaotischen, gestörten, vater-, gott- und arbeitslosen" Teenagern, die die Gesellschaft in Chaos stürzen würden voraus. DiIulio, der seine Meinung inzwischen geändert hat, erklärte im Jahr 2011: "Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich Verbrechensprävention proklamiert."

Stattdessen setzte sich in den USA immer mehr ein rein auf Bestrafung ausgerichteter Ansatz durch. Heute ist es in 40 Bundesstaaten und dem District of Columbia erlaubt, Minderjährige im Strafrecht wie Erwachsene zu behandeln. Dies geschieht oft in Form von "automatischen Transfers", bei denen der Richter keinen Einfluss auf die Entscheidung hat, wo der Fall verhandelt wird. In etwa der Hälfte dieser 40 Bundesstaaten können Minderjährige nicht nur im Fall von Gewaltverbrechen, sondern auch bei Eigentums- oder Drogendelikten als Erwachsende behandelt werden. Fakt ist, dass Minderjährige, die ihre Strafe in einem Erwachsenengefängnis absitzen müssen, achtmal häufiger Suizid begehen, fünfmal öfter Opfer von sexuellen Übergriffen werden und mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit vom Gefängnispersonal misshandelt werden als Jugendliche in Jugendgefängnissen.

Zur selben Zeit, in der Gerichte damit begannen, Jugendliche wie Erwachsene zu behandeln, entdeckten Wissenschaftler, wie sehr sich Jugendliche tatsächlich von Erwachsenen unterscheiden. Aktuelle Studien, bei denen man die Hirnaufnahmen von Teenagern analysierte, legen nahe, dass die Frontallappen – also die Region im Gehirn, die für die Abwägung von Risiken, die Urteilsbildung und die Regulierung von impulsivem Verhalten verantwortlich ist – bei den meisten Menschen erst etwa ab einem Alter von Mitte 20 voll ausgebildet sind. Dass "Heranwachsende unreif sind, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, sondern eine wissenschaftliche Tatsache, die in der Entwicklung ihres Gehirns begründet liegt", so die American Medical Association (Amerikanische Ärztevereinigung). Teenager sind – im wahrsten Sinne des Wortes – unfertig.

Diese Erkenntnisse werden jedoch im US-amerikanischen Justizsystem bei der Verurteilung junger Straftäter ignoriert. Derzeit verbüßen etwa 9.700 Häftlinge eine lebenslange Gefängnisstrafe für Delikte, die sie vor ihrem 18. Lebensjahr begangen haben, und 2.200 von ihnen haben kein Recht auf Bewährung. Nach Angaben von Human Rights Watch sind lebenslängliche Haftstrafen ohne Bewährung für Jugendliche nur in drei anderen Ländern auf der Welt zulässig. In Israel gibt es sieben solcher Gefangenen, in Südafrika vier und in Tansania einen. 59% der Jugendlichen, die in den USA zu einer lebenslänglichen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, sind Ersttäter und 60% sind schwarz.

Dabei sind die Ergebnisse in den Bundesstaaten, die an dem rehabilitationsorientierten Ansatz festhielten, durchaus positiv. So lag in Missouri die Wiederinhaftierungsrate nach drei Jahren bei nur 8%. Als in Santa Cruz, Kalifornien, die Jugendinhaftierungrate um mehr als die Hälfte reduziert wurde, sank auch die Jugendkriminalität weiter. Scott MacDonald, der die Reform in der Stadt mit vorangetrieben hatte, erklärte: "Diese Kids nicht wegzusperren, führt nicht zu einem Anstieg der Kriminalität. Das ist die Realität."

Einzeln betrachtet, zeigt sich, dass weniger als 10% der jugendlichen Straftäter schwere, notorische Gewalttäter sind. Laurence Steinberg, Psychologieprofessor an der Temple University, glaubt, dass fast 95% der Heranwachsenden, die derzeit im Gefängnis sitzen, in Wohngruppen oder ähnlichen stationären Behandlungszentren besser aufgehoben wären. Die Haft würde nur "ihr antisoziales Netzwerk vergrößern und … ihre normale psychologische Entwicklung stören."

Also worum geht es eigentlich bei der "harten Linie" gegen Kriminalität? Nehmen wir die Giddings State School in Texas (Wikipedia ). Dort setzt man auf intensive Betreuung und Rehabilitation. "Von außen sieht Giddings wie ein freundlicher Ort aus", erklärt Stan DeGerolami, der früher Direktor einer staatlichen Schule war. Das Gelände wirkt wie ein College-Campus, die Insassen werden Studenten genannt und die Aufseher sind unbewaffnet. Doch drinnen ist es das "härteste Gefängnis in Texas", so DeGerolami.

Die Kinder haben hier keine leichte Zeit. Sie müssen sich sich selbst stellen. Sie müssen mit den Ereignissen umgehen lernen, die sie hierher brachten. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, was sie getan haben und die Verantwortung dafür übernehmen. Kinder, die das durchgestanden haben, kommen raus und werden nicht wieder straffällig. Das muss man laut rausschreien: Sie werden nicht wieder straffällig!

Giddings Rückfallquote nach drei Jahren liegt bei nur 10%.

In Missouri wird die bemerkenswerte Rückfallquote von nur 8% dadurch erreicht, dass dort jugendliche Kriminelle in kleinen, wohnhausartigen Einrichtungen untergebracht werden, deren Personal über einen College-Abschluss verfügt. Diese Aufseher sind mehr als nur "Schließer". Sie sollen eine positive, erzieherische und persönliche Beziehung zu den schutzbefohlenen Jugendlichen aufbauen. Die Gruppen bestehen aus neun bis zwölf Heranwachsenden und zwei Angestellten, die für die Dauer der Haftstrafe in einer Art alternativem Familienverband zusammen bleiben. Und die jährlichen Kosten für die Unterkunft eines Minderjährigen in dieser Art Einrichtung sind 10.000 bis 30.000 Dollar geringer als die Kosten im regulären Strafvollzug.

Da aber die Mehrheit der texanischen Jugendeinrichtungen nicht dieselben Ergebnisse wie Giddings erzielen, haben einige lokale Rechtsysteme effektive, auf Behandlung statt Bestrafung ausgerichtete, kommunale "Corrections Programs" ins Leben gerufen. Auch hier gilt: Der Schlüssel zum Erfolg ist eine langfristige, persönliche Beziehung. Dabei wird jedem Teenager ein Fallhelfer zur Seite gestellt, der sich zweimal täglich mit ihm trifft und nicht nur dafür sorgt, dass die gerichtlichen Auflagen erfüllt werden, sondern den Jugendlichen bei der Beantragung von Sozialleistungen und persönlichen Problemen unterstützt. Das Ergebnis sind geringere Rückfallquoten und niedrigere Kosten.

Der Oberste Gerichtshof der USA hat 2005 mit seiner Entscheidung im Fall Roper v. Simmons (Wikipedia ) die Todesstrafe für Straftäter, die zum Zeitpunkt ihrer Tat unter 18 Jahre alt waren, verboten. Vor dieser Entscheidung waren die USA eines von nur drei Ländern weltweit, in denen die Hinrichtung junger Menschen erlaubt war. (Die anderen beiden sind Pakistan und die Republik Kongo.)

Bis das Jugendstrafrecht der USA sich mit dem im Rest der Welt vergleichen kann, wird noch ein langer Weg zu gehen sein. Doch es bleibt zu hoffen, dass diese Gerichtsentscheidung ein Vorbote für einen gerechteren, faireren und umfassenderen Umgang mit jungen Kriminellen darstellt.
Posted by: TH AT 07:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 21 December 2011
Versäumnisse im Jugendstrafrecht

(Anmerkung: Am 18. September 2007 veröffentlichte das „The Christian Century“ Magazin meinen Artikel „Uncorrected“. Hier finden Sie den ins Deutsche übersetzten Artikel.)

Im Alter von 12 Jahren tötete Lionel Tate (Wikipedia ) seinen 6 Jahre alten Spielkameraden. Er wurde wegen schweren Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Fünf Jahre später, im Jahr 2004, hob das Berufungsgericht seine Verurteilung auf, und nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft wurde er aus der Haft entlassen. 2005 wurde er erneut verhaftet, nachdem er einen Pizzalieferanten ausgeraubt hatte. Jetzt verbüßt er eine 30-jährige Haftstrafe.

Für viele ist Lionel Tate der lebende Beweis dafür, dass einige jugendliche Straftäter einfach unverbesserlich sind. Doch andere sehen in ihm einen von vielen Jugendlichen, denen nicht gedient ist mit einem Strafvollzugssystem, das nur bestraft und nicht hilft. Tate hatte immerhin fünf Jahre in der Obhut dieses Systems verbracht und ein vom Gericht bestellter Psychologe erklärte später bedauernd: "Wir hatten eine echte Chance", sein Leben zu verändern. "Das Richtige wäre gewesen, diesem jungen Mann eine helfende Hand zu reichen."

Stattdessen verlor sich Tate in einem Jugendstrafsystem, das den Kindern nicht die Hilfe geben kann, die sie benötigen. Im Jahr 1995 – das letzte Jahr, für das landesweite Zahlen verfügbar sind – saßen 1,7 Million Jungs und Mädchen im Gefängnis, und in einigen Staaten, z. B. in Texas, sind die Inhaftierungsraten seitdem um 73% gestiegen. An einem gewöhnlichen Tag sind in den USA über 105.000 Jugendliche hinter Gittern, und über 11.000 dieser Minderjährigen verbüßen ihre Haft in Gefängnissen für Erwachsene.

Die Rückfallquote bei diesen Jugendlichen liegt bei 80% (zum Vergleich: die landesweite Rückfallquote bei Erwachsenen beträgt 67,5%). Die Haftunterbringung eines Jugendstraftäters für ein Jahr kostet den Bundesstaat Kalifornien 80.000 Dollar. 90% dieser Jugendlichen werden nach ihrer Haft erneut straffällig. Im ganzen Land wird jedes Jahr mehr Geld für die Haftunterbringung von Kindern ausgegeben als für die Bildung an öffentlichen Schulen!

Genau wie bei der Verbrechensrate bei Erwachsenen, die zwischen 1973 und 2003 unverändert blieb, gab es auch in der Jugendkriminalitätsrate keine langfristige Steigerung, die die drastische Ausweitung des Strafvollzugs für Jugendliche erklären würde. Laut des National Crime Survey (Nationale Erhebung zur Kriminalität) blieben die Zahlen von schweren Jugendstraftaten zwischen 1973 und 1989 relativ konstant. Nachdem sie zwischen 1989 und 1993 um ein Drittel anstiegen, gehen sie seitdem stetig zurück. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts sank die Zahl der Festnahmen von Minderjährigen in Zusammenhang mit schweren Straftaten um 44%, im Fall von Mord um 70%.

Manche mögen dies als Beweis dafür ansehen, dass die Strategie des „harten Durchgreifens“ im Jugendrecht Früchte trägt. Doch Barry Krisberg vom National Council on Crime and Delinquency (Nationaler Rat für die Bekämpfung von Kriminalität und Verbrechen) argumentiert, dass der Rückgang in der Jugendkriminalität "einsetzte, bevor die härtere Linie im Jugendstrafrecht überhaupt umgesetzt wurde" – und auch bevor viele der derzeit existierenden Jugendgefängnisse gebaut wurden. Stattdessen sei der Rückgang in der Jugendkriminalität auf einen demographischen Rückgang der Zahl der jungen Menschen zurückzuführen, den Wirtschaftsboom in den 1990er-Jahren und das Ende der Crack-Kokain-Ära.

Die öffentliche Entrüstung über Schießereien zwischen schwarzen Crack-Dealern trug damals zu einer zunehmenden Rassendiskriminierung im Justizsystem bei: Afroamerikanische Jugendliche stellen 15% der Gesamtjugend dieses Landes, aber 44% der minderjährigen Gefängnisinsassen. Ein Großteil dieser Kinder sitzt seine Zeit in einem Erwachsenengefängnis ab. Auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Arten von Straftaten häufiger von Minderheitenangehörigen begangen werden, belegen regionale und landesweite Studien, dass afroamerikanische Jugendliche für ein- und dieselbe Straftat häufiger verhaftet oder festgenommen werden als weiße. Außerdem erhalten schwarze Kinder häufiger (bei Drogendelikten 48 Mal mehr) und längere (41% länger) Gefängnisstrafen als weiße.

Warum dieser Unterschied? In einer 1999 im American Sociological Review veröffentlichten Studie heißt es, dass „Probation officers“ (Bewährungshelfer) bei der Beurteilung der jugendlichen Straftäter dazu tendieren, weiße Teenager als Opfer der Umstände anzusehen, während den schwarzen häufig ein kriminelles Wesen zugeschrieben wird (Zusammenfassung der Veröffentlichung )

Neben der besorgniserregenden Rolle, die rassistische Stereotypen in der Rechtsprechung spielen, stellt auch der Umgang mit psychischen Erkrankungen ein Problem dar. So wie Erwachsenengefängnisse oft als psychiatrische Kliniken zweckentfremdet werden, sind auch Jugendstrafanstalten "de facto zu Psychiatrien für psychische kranke Jungendliche geworden", erklärt Dr. Ken Martinez vom New Mexico Department of Children, Youth and Families (Abteilung Kinder, Jugend und Familie; Quelle ).

In einem Bericht der Annie E. Casey Foundation heißt es, dass 80% der jugendlichen Straftäter unter diagnostizierbaren psychischen Störungen leiden. In den meisten Vollzugsanstalten sind psychisch Kranke zusammen mit den "normalen" Gefängnisinsassen inhaftiert.

Die in den Jugendgefängnissen herrschenden Bedingungen sind Ausdruck der "harten Linie" im Strafrecht. Um das Leben der jungen Straftäter zu verändern, wird wenig getan.

Nehmen wir folgende Beispiele:
  • In Kalifornien berichteten vom Gericht bestellte, unabhängige Experten von Isolationszellen, die "verschmutzt waren mit Blut, Schleim und Fäkalien". Der Schulunterricht wurde in einem Raum mit kleinen Käfigen abgehalten, in denen die Schüler einzeln saßen.
  • In New York City gibt es für die 19 Jugendgefängnisse der Stadt nur einen einzigen Vollzeit-Arzt. Dieser Arzt und der Jugendrechtsbeauftragte wurden jeweils wegen Missachtung des Gerichts belangt, weil sie es unterlassen hatten, ihren Schutzbefohlenen die verschriebenen HIV-Medikamente und Psychopharmaka zu geben.
  • In Miami (Dade County), Florida, stellte man bei einer Grand Jury-Untersuchung fest, dass "Dutzende der Angestellten im Jugendvollzug bereits selbst einmal verurteilt oder festgenommen wurden." Dies war ans Licht gekommen, nachdem in einer Jugendhaftanstalt ein Junge "unter schrecklichen Schmerzen auf einer Betonliege" gestorben war, weil die zwei Krankenschwestern vor Ort ihm nicht geholfen haben.
  • In Mississippi führte eine Untersuchung des Justizministeriums zur Aufdeckung "nicht nachverfolgter Fälle von Misshandlung der Insassen durch das Personal, darunter tätliche Angriffe und die Anwendung chemischer Sprays", sowie "die Verwendung von Fußfesseln, das Anketten an Eisenstangen sowie längere Isolation von selbstmordgefährdeten Jugendlichen in dunklen Räumen ohne Licht, frische Luft oder sanitäre Einrichtungen."
So schockierend diese Beispiele für Misshandlungen durch das Gefängnispersonal sind, sie sind bei Weitem nicht das Schlimmste an den Jugendgefängnissen...

Nächste Woche in Teil 2 von "Unverbesserlich" werde ich Ihnen dann davon erzählen, was zur selben Zeit geschah, als Gerichte damit begannen, Jugendliche wie Erwachsene zu behandeln.
Posted by: TH AT 06:40 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 14 December 2011
Die Knastnutten sind sauer, die Buchmacher auch. Unter den Kredithaien sind die Meinungen geteilt, aber Stress ist im Allgemeinen immer schlecht fürs Geschäft. Denn Stress führt zu Prügeleien, und Prügeleien führen zu "Kurzurlauben" in den Strafzellen. Und wer in den Strafzellen sitzt, kann seine Rechnungen nicht begleichen.

Wieso sind die Nutten und Wettspieler sauer, warum sorgen sich die Kredithaie um den Gemütszustand ihrer Kunden? Weil vor einigen Tagen eine Bekanntmachung an den Tafeln in allen Gemeinschaftssälen angeschlagen worden ist: Im nächsten Monat steigen die Preise im Keefe-Knastladen pauschal um 3,5%! Wenn man mit seinem Knastjob nur 25 Cents die Stunde, also rund 30 Dollar im Monat verdient, ist das ein mittelgroßes Desaster.

Denn Gehaltserhöhungen hat es in virginianischen Gefängnissen seit achtzehn Jahren nicht mehr gegeben. Ich erinnere mich noch gut, dass Schokoladentafeln damals 25 Cents kosteten; heute werden 55 Cents dafür verlangt, ab nächsten Monat dann 57 Cents. Das ist bitter.

Vor allem ist es deshalb bitter, weil die Gefängnisküchen damals so große Portionen und so gute Qualität servierten, dass man leicht ohne Essenseinkäufe im Knastladen überleben konnte. Fühlte man sich schlecht und verletzte man sich, gab es Aspirin und Pflaster umsonst vom Kontrollraum. Richtige, feste Stiefel und lange Unterwäsche bekam jeder, sodass auch mittellose Insassen im Winter auf den Sportplatz gehen konnten. Am Sonntag erhielten alle Häftlinge, arm oder reich, einen frankierten Umschlag, damit sie kostenlos ihren Familien schreiben konnten. Und im Büro des Sergeant gab es immer Wegwerfrasierer, Zahnbürsten, extra Klopapier und sogar Duschlatschen.

Doch seit die Knastläden vor etwa zehn Jahren privatisiert, also an die Firma Keefe verpachtet wurden, ist das alles verschwunden. Denn es würde ja die Profite schmälern – für Keefe und die Strafvollzugsbehörde, die sich die Profite im Verhältnis 60:40 teilen.

Heutzutage kann man vom Essen in den Gefängnisspeisesälen schlicht nicht überleben: Man bekommt ganz genau 2.200 Kalorien pro Tag, aber nur, wenn man jede der ganz genau drei verfaulten Kartoffeln, den klitzekleinen, unreifen Apfel und die einsame, geschmacklose, graue Soja-und-Truthahn-Bulette herunterwürgt. Zum Vergleich: Früher gab es zwei echte Hamburger und Fritten, und einmal die Woche sogar eine Banane!

Heute kosten Aspirin und Pflaster 9 Dollar, also fast ein Drittel des Monatsgehalts: 5 Dollar für den Besuch bei der Krankenschwester, dann je 2 Dollar für Pille und Verband. Fairerweise muss ich erwähnen, dass Keefe diese 9 Dollar nicht bekommt – sondern die Firma Prison Health Services, denn die medizinische Versorgung wurde auch privatisiert.

Statt Stiefeln kriegen Gefangene heute ganz dünne Plastikpantoffeln, und lange Unterwäsche gibt es überhaupt nicht mehr. Das heißt: Natürlich gibt es Stiefel (82,05 Dollar) und lange Unterwäsche (14,62 Dollar), aber eben nur für Häftlinge mit Geld. Wer keines hat, der geht von November bis April nicht auf den Sportplatz, weil es draußen zu kalt ist.

Frankierte Umschläge wurden vor vielen Jahren abgeschafft, etwa zeitgleich mit der Einführung der privatisierten Telefonsysteme in den Gemeinschaftssälen.

Wenn ich eine Freundin im benachbarten Bundesstaat North Carolina anrufe, verlangt die Firma Global Tel*Link sagenhafte 14 Dollar dafür; in Strafvollzugssystemen ohne privatisierten Telefonservice würde das selbe Gespräch 2 bis 3 Dollar kosten. (Um Ihre Frage zu beantworten: Natürlich darf ich nicht nach Deutschland anrufen!)

Was Hygieneartikel betrifft, so bekommt man heutzutage ein Stück Seife und eine Rolle Klopapier pro Woche – und sonst nichts. Stellen Sie sich das einmal vor: Wenn Sie mittellos sind und sich keine Duschlatschen vom Keefe-Knastladen kaufen können (2,61 Dollar), dann müssen Sie barfuß in die Knastdusche! Allein in meinem Wohnabteil von (rund) fünfzig Mann leben zwei Geisteskranke, die wiederholt dabei erwischt wurden, in der Dusche zu scheißen. Und wo wir schon beim Scheißen sind: Egal was kommt, eine extra Rolle Klopapier kriegt man einfach nicht. Denn man kann sie sich ja von Keefe kaufen, zu 1,14 Dollar (also etwa viereinhalb Stunden Arbeit).

Fazit: Jeder Häftling braucht dringend eine zusätzliche Einkommensquelle, um die jämmerlichen 30 Dollar Gehalt aus dem Knastjob aufzustocken. Deshalb prostituiert man sich, oder organisiert Wettspiele, oder wird zum Kredithai. Irgendwo muss die Knete ja herkommen!

Und nun steigen die Preise bei Keefe. Jeder Dollar wird noch härter umkämpft werden.

Seit einiger Zeit beobachte ich, dass die Nutten in meinem Abteil nun "französisch" stehend an der Zellentür erledigen - vermutlich weil man auf diese Weise Kunden schneller abfertigen kann. Früher, ach früher, in den guten alten Zeiten, da waren Knastprostituierte eher Mätressen, die kleinen "Ehedramen" waren der halbe Spaß… Aber das war eben nicht effizient! Heutzutage geht's nur noch um's Geld.

Letzte Woche gab es eine kleine Schlägerei zwischen zwei Buchmachern auf dem Sportplatz, auch denen ist effizientes Geldverdienen äußerst wichtig. Peng, peng, peng, der eine Minimafioso sackte bewusstlos zu Boden, der andere spazierte ganz lässig weiter, als ob gar nichts geschehen wäre. Wie üblich hat wohl niemand über die Überwachungskameras kontrolliert, denn die Eingreiftruppe stürmte nicht hinzu. So ist das eben im professionellen Wettspielgewerbe: Es geht um "königliche" Summen, 30 oder 40 Dollar, für so "viel" Geld ist jedes Mittel recht.

Selbst die Kredithaie liegen im finanziellen Clinch: In meinem Abteil liefern sich "Z" und "H" einen heftigen Wettbewerb über die Zinsen - "Z" ist bei kurzfristigen Anleihen billiger, "H" bei langfristigen. Ich wette auf "Z", denn im heutigen unsicheren finanziellen Klima sind langfristige Darlehen zu riskant. "H" wird wohl noch einen Rettungsschirm brauchen!

Sobald Keefe die neuen, höheren Preise einführt, wird es vermutlich auch mehr Räubereien geben. Nichts ist leichter, als in eine Zelle hineinzukommen, die einem gar nicht gehört: Man geht zum Schlitz am Kontrollraum und ruft, "Offene Tür 105!", und schon ist man drin. Die Wächterin im Kontrollraum muss alleine nicht nur ein, sondern zwei Wohnabteile überwachen, das sind 64 Zellen mit (normalerweise) 128 Insassen! Glücklicherweise sind entweder mein Zellenmitbewohner oder ich fast immer in unserer Zelle – nur eben bei Mahlzeiten nicht, und das ist natürlich genau die Zeit, zu der die meisten Einbrüche verübt werden. Es könnte also brenzlig werden in den kommenden Monaten, ziemlich brenzlig.

Unser einziger Trost: Auch für die Strafvollzugsbehörde wird es zurzeit finanziell brenzelig. Seit zwei Jahren vermietet der Bundesstaat Virginia das Gefängnis Green Rock an den Bundesstaat Pennsylvania und bekommt für die Behausung der 970 pennsylvanischen Häftlinge dort etwa 22 Millionen Dollar im Jahr. (Corinne Reilly, "Pennsylvania to reclaim prisioners housed in Virginia", Virginian Pilot, September 30, 2011). Damit bezahlt Virginia nicht nur die Gehälter der Green Rock Wächter, sondern subventioniert auch noch die anderen 44 Gefängnisse Virginias. Doch nun holt Pennsylvania seine Insassen zurück, und in Virginia gibt es fortan eine Haushaltslücke von 22 Millionen Dollar. Dies würde zu "bedeutenden Kürzungen" im gesamten Strafvollzugssystem führen, gab Direktor Howard Clarke bekannt.

Viele von uns Gefangenen sehen einen Zusammenhang zwischen dem Abzug der pennsylvanischen Häftlinge und den kurz darauf folgenden Preiserhöhungen bei Keefe.  Irgendwo muss die Knete herkommen!

Aber das grundliegende Problem der Finanzierung des Strafvollzugssystems Virginias und der Vereinigten Staaten wird dadurch nicht gelöst. Ganz im Gegenteil: Das grundsätzliche Problem ist doch genau jenes, dass Firmen wie Keefe, Prison Health Services, Global Tel*Link und Privatknastfirmen wie GEO und Correctional Corporation of America (CCA) so wunderbar am Strafvollzug verdienen können!

Die USA geben 69 Milliarden (nicht Millionen, sondern Milliarden) Dollar im Jahr aus, um 2,3 Millionen Insassen in Strafvollzugsanstalten zu behausen. ("Editorial: Prison reform overdue", Newport New Daily Press, September 26, 2011.) Aber nur Unschuldslämmer und Naivlinge sehen das als Problem. Tatsächlich sind diese 69 Milliarden Dollar eine ganz wunderbare Gelegenheit, kräftig Geld zu verdienen.

Am 22. Juni 2011 veröffentlichte das Justice Policy Institute eine Studie namens "Gaming the System: How the Political Strategies of Private Prison Companies Promote Ineffective Incarceration Policies". Dort wird belegt, dass Firmen wie GEO und CCA 835.514 Dollar an Politikern auf Landesebene sowie 6.092.331 Dollar an Politiker auf Bundesstaatsebene verteilen, um Gesetze zu erlassen, die immer mehr Menschen hinter Gitter schicken.

Auf der "Information->Artikel"-Seite dieser Website finden Sie zum gleichen Thema meinen Artikel „Correctional Capitalism in the Land of the Free“, in dem ich unter vielem anderen belege, dass die Wirtschaftslobbyistenorganisation "ALEC" in den  neunziger Jahren landesweit die Abschaffung der Entlassung auf Bewährung ("parole") durchsetzte – auf Wunsch der Firma CCA. Denn: Je mehr Gefangene, desto mehr Knete.

Es geht eben nicht um Recht und Gerechtigkeit, auch geht es nicht um die Bekämpfung der Kriminalität. Bereits 2007 gab Brian Roehrkasse vom U.S. Justizministerium bekannt, dass die Kriminalitätsrate in jenem Jahr "die niedrigste Kriminalitätsrate … in mehr als dreißig Jahren" war (Dan Eggen, "Violent Crime, a Sticky Issue for White House, Shows Steeper Rise", Washington Post, September 25, 2007). Und in den vier Jahren seit 2007 fiel die Krminalitätsrate noch weiter! (Associated Press, "Violent, property crimes continue fall", Richmond Times-Dispatch, September 20, 2011). Selbst einer der führenden Wissenschaftler am Statistikamt des U.S.-Justizministeriums gab kürzlich zu, dass die Inhaftierung von 2,3 Millionen Menschen in Amerika "nicht wirklich mit steigender Kriminalität" zu tun habe, sondern "wie wir auf die Kriminalität reagierten", (Andrew Romano, "Jim Webb´s Last Crusade", Newsweek Magazine, September 2011 / The Daily Beast).

Man reagierte auf die Kriminalität, indem man sie zur Geschäftsgrundlage machte, zum "big business", zum Profitzentrum. Und nichts daran wird sich ändern. Am 19. Oktober 2011 blockierten die Republikaner im U.S.-Senat die Einrichtung einer Kommission, die das Justizsystem  untersuchen und Reformvorschläge machen sollte (William P. Hester, "GOP defeats Webb´s bill on justice", Richmond Times-Dispatch, Oktober 21, 2011). "Die aufwieglerischen Argumente (der Republikaner) spotten jeder vernünftigen Erklärung", sagte danach U.S. Senator Jim Webb, die treibende Kraft hinter dieser Initiative. Glaubt er wirklich, dass es keine vernünftige Erklärung gibt? Kann Senator Webb so naiv sein?

Herr Webb, irgendwo muss die Knete herkommen, fragen Sie jede Knastnutte!
Posted by: AB AT 05:40 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 07 December 2011
Vor einigen Tagen erhielt ich Besuch von einem meiner amerikanischen Freunde – einer der Menschen, der es mir einfach unmöglich macht, vom Amerikakritiker zum Amerikafeind zu werden. Übrigens sieht er sein eigenes Land ähnlich kritisch wie ich, mit einer Art verzweifelter Fassungslosigkeit und Entsetzen über die sich immer schneller drehende Abwärtsspirale. Im Gegensatz zu mir hat dieser Freund von mir allerdings noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass die zu befürchtende Apokalypse doch noch irgendwie abgewandt werden kann.

Vielleicht kommt das davon, dass er Pastor ist: Reverend Bill heißt er, seit rund dreißig Jahren leitet er ein sogenanntes "halfway house", ein kirchlich finanziertes Heim für entlassene Gefangene, die keine Familien und Freunde haben, die sie aufnehmen. "Onesimus House" nennt sich dieses Heim, nach dem entlaufenen Sklaven Onesimus, um dessen christliche Wiederaufnahme und Verzeihung der Apostel Paulus in einem seiner Briefe am Ende des Neuen Testaments bittet. Auch Reverend Bill bittet um Wiederaufnahme und Verzeihung von reuigen Sündern: nämlich den ehemaligen Häftlingen.

Bei einer Gefängnisbevölkerung von 2,4 Millionen landesweit werden in den Vereinigten Staaten rund 800.000 jedes Jahr aus den verschiedenen U-Haft-, Kurzhaft- und Strafvollzugsanstalten auf Kreis-, Bundesstaat- und Bundesebene entlassen (Informationen zum Gefängnissystem der USA). Das stelle man sich einmal vor: Jedes Jahr fluten 800.000 Menschen aus dem Knast raus und in die freie Welt rein! Im Bundesstaat Virginia sind es rund 20.000.

Und niemand will sie haben. Die allermeisten Gefängnisinsassen verlieren während ihrer Haft sämtlichen Kontakt zu ihren Familienmitgliedern. Bei einer allgemeinen Arbeitslosenquote von etwa 9% (bei Schwarzen rund 16%) bekommen sie natürlich keine Jobs. Und wenn sie für Drogendelikte einsaßen, was ja bei etwa 50% der Fall ist, haben sie lebenslang den Anspruch auf Essensmarken ("food stamps") und öffentliche Behausung verloren; das war übrigens eine von vielen schlauen rechtspolitischen Ideen des in Europa so beliebten ehemaligen U.S. Präsidenten Bill Clinton.

Deshalb landen die allermeisten entlassenen Häftlinge auf der Straße, in Zeltkolonien im Wald hinter dem WalMart Laden, unter den Autobahnbrücken (siehe Artikel in der Miami NewTimes ). Im U.S. Bundesstaat Florida ist es sogar so, dass Richter entlassenen Sexualstraftätern anordnen, unter bestimmten Autobahnbrücken wohnen zu müssen. Dort werden sie von Bewährungsbeamten ("parole agents") täglich gezählt. Auch gibt es dort, unter der Autobahnbrücke für Sexualstraftäter, Generatoren, um die Akkus der elektronischen Fußfesseln / Bewegungsmelder aufzuladen.
 
Aus diesen Gründen braucht sich mein Freund Reverend Bill nie zu sorgen, dass ihm die Kunden für sein "Onesimus House" ausgehen könnten. Er hat eine Warteliste, die Jahre lang ist. Denn er hat nur etwa zwei Dutzend Betten für die oben erwähnten 20.000 Insassen, die jedes Jahr aus den Strafvollzugsanstalten Virginias herausfluten.
 
Als Reverend Bill mich vor einigen Tagen besuchte, erzählte er mir von Joe, einem seiner großen Erfolge. Joe hatte 18 Jahre für bewaffneten Bankraub abgesessen. Niemand wurde verletzt, und weil er am Tatort verhaftet wurde, ging auch kein Geld verloren. Trotzdem gewährte ihm das Gremium "parole board" keine frühzeitige Entlassung auf Bewährung, er saß die gesamte Haftstrafe ab.

Dann machte Joe das volle Programm bei Reverend Bills "Onesimus House" mit, und zwar so erfolgreich, dass Reverend Bills Pastorenkollege dem ehemaligen Bankräuber und Gefangenen Joe einen Job anbot: als Hausmeister und Handwerker in ihrer Kirche. Das machte er ganz phantastisch, alle Mitglieder der Gemeinde fanden ihn wunderbar. Abends nahm er Kurse, um sich als Klimaanlagenreparateur ausbilden zu lassen – ein Job mit Zukunft. Joe fand sogar eine Partnerin in der Kirchengemeinde, mit der er eine Verbindung einging – endlich ein bisschen Liebe.

Auf dem Heimweg von einer Party stoppte die Polizei jedoch Joe und seine Freundin und verlangten einen Alkoholtest. Da machte Joe einen dummen Fehler: Er weigerte sich. Denn er hatte bei der Party etwas zu viel getrunken und hatte Angst.

Dafür bekam Joe 10 Tage Kurzhaft im Kreisgefängnis. Seinen Job in der Kirche konnte er behalten, auch sein Studienplatz ging nicht verloren. Alles in Ordnung?

Nein. Denn nun meldete sich die Bewährungsbeamtin. Bewährung? Wieso? Joe hatte doch jeden letzten Tag seiner Haftstrafe abgesessen!

Doch es hatte eine Gesetzesnovelle gegeben, die Joe nicht mitbekommen hatte: Selbst jene ehemaligen Häftlinge, die vom Gremium "parole board" nicht frühzeitig auf Bewährung entlassen wurden, bleiben trotzdem zwei Jahre lang unter der Kontrolle der Bewährungsagentur. Zwar müssen sie sich nicht melden, aber sie können kontrolliert und jederzeit wieder ins Gefängnis geworfen werden.
 
Joes Fall kam also vor den neuen Vorsitzenden des Gremiums "parole board", den Chairman Bill Muse, unter dessen Obhut mein Fall am 24. Juli 2011 auch abgelehnt wurde (siehe Information->Parole2011). Es gab ein sogenanntes "revocation hearing", eine Anhörung also, ob Joe zurück in den Knast müsse.

Natürlich kam Reverend Bill vom "Onesimus House", sowie sein Pastorenkollege, der Joe den Job als Hausmeister und Handwerker der Kirche gegeben hatte. Viele Mitglieder der Gemeinde schrieben Unterstützerbriefe, und Joes Freundin selbstverständlich auch. Glücklicherweise ist Chairman Muse ein eifriger Christ, das sagt er jedem, der es wissen will, auf seiner Facebook-Seite. Sicherlich würde er Joe nicht wieder hinter Gitter bringen!

Doch, natürlich tat er das. Denn Strafe muss sein, hart aber fair.

Als Reverend Bill mich besuchen kam, war er ganz verstört, denn er hatte im Computersystem der Strafvollzugsbehörde nachgesehen, wie lange Joe nun absitzen müsse. Reverend Bill konnte es kaum fassen: Im Computer stand 10 Jahre. Bis 2021! Das könne doch nicht wahr sein, meinte er. Ich habe noch nicht gehört, was das Ergebnis von Reverend Bills weiteren Recherchen zu Joes Fall ergab. Natürlich hoffe ich, dass es irgendeinen Fehler gab und Joe nicht ein weiteres Jahrzehnt im Gefängnis verbringen muss. Aber ich persönlich kenne einen Gefangenen, der 16 weitere Jahre hinter Gitter kam, weil er auf Bewährung versuchte einen Marihuana-Joint zu kaufen. Ein Joint gleich 16 Jahre...

In Virginia werden Monat für Monat rund dreimal so viele entlassene Häftlinge ins Gefängnis zurückgeschickt - also "parole revoked" - wie gegenwärtige Insassen auf Bewährung entlassen - also "parole granted" - werden. Wenn man die Gefangenen dazu rechnet, die entlassen werden, nachdem sie jeden Tag ihrer Haftstrafe abgesessen haben - also "mandatory release", wie Joe - dann bleibt die Anzahl der Häftlinge fast genau gleich!
Für den Chairman Bill Muse, der rund 120.000 USD im Jahr verdient, ist das ein perfektes System: Er wird immer Arbeit haben, solange er nur immer "nein" sagt.

Und Reverend Bill, der sich sein kärgliches Einkommen von verschiedenen Kirchen zusammenbetteln muss, natürlich auch. Wenn Sie mehr über Reverend Bill und "Onesimus House" wissen möchten, dann kaufen Sie sich mein viertes Buch "Church of the Second Chance", dort widme ich ihm ein ganzes Kapitel.

Heute musste ich an Reverend Bill denken, weil ich eine Rezension von Thomas Friedmans neuestem Buch, "That Used To Be Us", las. Friedman ist einer der bekanntesten Journalisten und Autoren Amerikas – so bekannt, dass selbst Der Spiegel ihm vor kurzem einen Artikel widmete. In seinem neuesten Buch appelliert er an seine Landsleute, sich doch auf ihre ehemaligen Tugenden zu besinnen.

Was mir dabei auffiel, war, wie rückwärtsgewandt diese Idee ist: Amerika soll sich dadurch retten, indem es zur angeblich gloriosen Vergangenheit zurückblickt. Dabei ist Friedman eher linksgerichtet, was man doch normalerweise mit zukunftsorientiertem, progressiven Gedankengut verbindet. Und die U.S.A. selber waren doch früher einmal das Land der Zukunft, wo man die Geschichte und die eigene Vergangenheit hinter sich lassen konnte um den Neuanfang zu wagen.

Auch auf der konservativen Seite ist man in Amerika vollkommen rückwärtsgewandt. Die Tea Party Bewegung ist geradezu fixiert auf und  besessen von dem Gedanken, dass die mehr als 200 Jahre alte Verfassung "U.S. Constitution" der einzig akzeptable Maßstab für alle gegenwärtigen Probleme ist. Demzufolge ist Krankenversicherung ein Werk des Teufels (weil es die zur Zeit George Washingtons nicht gab), und jeder Bürger muss unbedingt seine / ihre eigenen Handfeuerwaffen haben und möglichst mit sich tragen (weil diese Waffen vor 200 Jahren eingesetzt wurden, um die Kolonialmacht Großbritannien rauszuwerfen). Die Tea Party Anhänger verkleiden sich sogar bei jeder Gelegenheit in der Tracht der ursprünglichen Einwohner der Stadt Boston, wo die erste Tea Party während des Unabhängigkeitskrieges abgehalten wurde.

Rechts wie links, fast alle Amerikaner sind heutzutage rückwärtsgewandt. Auch der Vorsitzende des Gremiums "parole board", Chairman Bill Muse. Ihm ist völlig egal, dass Joe sich erfolgreich in der Gegenwart etabliert hatte, als der von der Gemeinde geliebte Hausmeister und Handwerker seiner Kirche. Auch ist Herrn Muse völlig egal, dass Joe gute Zukunftsaussichten hatte, durch seine Ausbildung als Klimaanlagenreparateur und der Beziehung zu seiner neuen Freundin. Das Einzige was zählt - der einzig akzeptable Maßstab - ist die Vergangenheit: Joes Bankraub vor rund zwanzig Jahren.

Meiner Meinung nach kommt jedoch eine Gesellschaft auf diese Weise nicht weiter.  Was mich dabei besonders madig macht ist, wie anders die Orientierung an der Geschichte gerade in Deutschland gehandhabt wird. Ich bin richtig neidisch darauf, wie gut Sie, meine Leserinnen und Leser es in Deutschland haben.

Soweit ich das aus der riesigen zeitlichen und geographischen Entfernung erkennen kann (ich habe Deutschland seit 1986 nicht mehr gesehen), kommt man bei Ihnen der Zukunft zumindest im Vergleich mit den U.S.A. viel aufgeschlossener entgegen. Jüngstes Beispiel: der Erfolg der Piratenpartei bei den Wahlen in Berlin! So etwas schon beinahe rührend Zukunftgläubiges und geradezu Hoffnungsvolles wäre in Amerika zurzeit völlig undenkbar.
 
Selbst die deutschen Konservativen stellen sich der Zukunft, die CDU unterzieht sich ja gerade selber einem innerparteilichen Modernisierungsprozess. Auch wagt die CDU die große Energiewende, hin zu den Technologien der Zukunft. Und die Konservativen versuchen, trotz oder wegen der Eurokrise, das Projekt "Europa" mit mehr internationaler Zusammenarbeit voranzutreiben anstatt in nationale Egoismen zurück zu fallen. All dies mag man nun mögen oder nicht, aber man kann doch zumindest nicht bestreiten, dass die allgemeine Richtung in Deutschland vorwärts ist, in die Zukunft.

Im Gegensatz dazu blickt man in den U.S.A. in die Vergangenheit: Statt Piratenpartei, eine Tea Party, die an den Unabhängigkeitskrieg erinnert. Statt Windmühlen und Solar, eine neue Super-Pipeline für fossilen Teerschlamm von Kanada quer durch Amerika nach Texas (übrigens ein Lieblingsprojekt des Gouverneurs und Republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry). Statt internationaler Integration zurück in die Isolation.

Und für Reverend Bills Freund Joe:

Statt einer zweiten Chance, zurück in den Knast, zurück in die Vergangenheit.
Posted by: KS AT 06:01 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



 Hier finden Sie eine
Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

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