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Wednesday, 30 November 2011
Diese Woche ist "lockdown/shakedown" im Buckingham Correctional Center: Alle 1.100 Insassen dieser Strafvollzugsanstalt bleiben in ihren Zellen eingeschlossen, bis der gesamte Knast durchsucht worden ist. Zweimal im Jahr finden diese "lockdown/shakedowns" statt, immer im April und im Oktober. Und wir alle - Häftlinge sowie Wächter - hassen sie zutiefst. Doch Strafe muss sein, hart aber fair.

Vor mehr als zwanzig Jahren, als ich meine Strafvollzugskarriere begann, waren diese Durchsuchungsaktionen richtige Razzien. Sie fanden viel häufiger statt, und dazu noch in unregelmäßigen Abständen, um uns Gefangene zu überraschen. Außerdem wurden unsere Habseligkeiten vorsichtig gefilzt, um Konterbande zu entdecken. Man machte sich also noch richtig Mühe, oder tat zumindest so.

Aber über die Jahrzehnte hinweg degenerierten die "lockdown/shakedowns" zu Ritualen, die - scheinbar zumindest - jedem Zweck entbehren. Zum Beispiel gibt es heutzutage keinerlei Überraschungseffekte mehr: Am Donnerstag der Woche davor, kommt nämlich immer eine enorme Lieferung Milch in kleinen Plastiksäckchen, die es in dieser Form nur bei Durchsuchungsaktionen zu trinken gibt, weil man uns statt im Speisesaal in unseren Zellen füttert.

Und die "Durchsuchungen" verdienen diese Bezeichnung gar nicht mehr, denn die Wächter berühren unsere Sachen überhaupt nur, wenn der Sergeant gerade an der Tür vorbeikommt. Früher, ach früher, in den guten alten Zeiten, da wurden die Inhalte der Schränkchen auf den Betten ausgekippt und alles, wirklich alles, wurde inspiziert. Danach sahen die Zellen aus, als ob durch sie ein Wirbelsturm hindurchgefegt sei und man fühlte sich hinterher so richtig geschändet.

Heutzutage fragt man sich eher: Was soll der Quatsch? Könnt ihr Schließer euch nicht wenigstens ein bisschen anstrengen?

Aber sie brauchen sich ja gar nicht mehr anstrengen, die Wächter, denn in den vergangenen zwanzig Jahren haben die Strafvollzugsbürokraten und Anstaltsleiter ausgetüftelt, dass man Gefangene mit psychologischen Methoden viel effektiver unter Kontrolle halten kann, als mit physischen Durchsuchungen. Man muss uns unsere Konterbande gar nicht mehr wegnehmen wie früher, denn dieser Schnickschnack gefährdet die ordentliche Arbeitsweise der Haftanstalt sowieso nicht.

Es ist sogar besser, wenn jeder Insasse irgendetwas Verbotenes in seinem Besitz hat, denn damit ist er immer und ständig der Anstaltsleitung ausgeliefert: Wenn man einen bestimmten Häftling aus irgendeinem Grund in die Strafzellen sperren will, ordnet man einfach eine Einzeldurchsuchung an und "findet" dann die Konterbande, die man beim "lockdown/shakedown" unberührt ließ.

Ich habe z. B. einen gelben Leuchtstift, mit dem ich Textpassagen markiere - unter anderem auch für diesen Blog. Doch gelbe und rosa Textmarker sowie rote Kugelschreiber (davon habe ich drei) sind verboten. Beim "lockdown/shakedown" ließ man sie mir, aber wenn man auf höherer Ebene entscheidet, dass ich in die Strafzellen muss, dann wird man diese Stifte "finden".

Allein der Besitz ist schon ein Regelverstoß. Aber man kann mich außerdem noch fragen, wer mir diese Stifte gegeben hat. Wenn ich nicht petze, dann stehe ich sofort unter Verdacht, Teil einer Verschwörung zu sein, möglicherweise sogar einen Wächter bestochen zu haben. Kann ja sein. Alles ist möglich, besonders bei einem berühmt-berüchtigten Promi-Knacki wie dem Söring!

Auf ganz ähnliche Weise kam ich übrigens 2004 etwa sechs Wochen lang in die Strafzellen, ohne jemals eines Regelverstoßes angeklagt worden zu sein. Der damalige Auslöser war eine positive Rezension meines zweiten Buches "An Expensive Way to Make Bad People Worse", die in der Zeitung der Landeshauptstadt "Richmond Times-Dispatch" veröffentlicht worden war. Das gefiel irgendjemandem in der Strafvollzugsbürokratie nicht, also wurde meine Zelle durchsucht und angebliche Konterbande gefunden.

Weil die scheinbare Konterbande jedoch in meinem Fall von meinem Boss bei meinem Knastjob genehmigt worden war, kam ich nicht wegen eines Regelverstoßes in die Strafzellen, sondern "unter Untersuchung". Nur wurde mir nie gesagt, wieso man mich "untersuchte" - eine Verschwörung? Unrechtmäßige Einflussnahme auf meinen Boss? - noch wurde ich jemals verhört. Fürwahr, eine seltsame "Untersuchung"!

Dieser Einschüchterungsversuch funktionierte bei mir nicht. Ich schrieb in den folgenden Jahren sechs weitere Bücher (das achte erscheint im März 2012), allerdings bin ich bekanntermaßen ein Vollidiot und außerdem resozialisierungsresistent. (N.B.: Das war ein Witz, liebe Leute - aber bestimmt werde ich noch viel darüber in der Kommentarspalte dieses Blogs lesen, nicht wahr? :-)) Was bei mir jedoch nicht zum erwünschten Effekt führte, gelang bei den allermeisten anderen Häftlingen schon. Sie kontrollieren sich praktisch selbst.

Der tatsächliche Zweck der "lockdown/shakedowns" ist also heutzutage ein psychologischer: Die Anstaltsleitung erinnert uns Insassen alle daran, dass wir vollkommen in der Macht der Wächter sind, dass man auch gaaaaanz anders mit uns umspringen kann - wenn wir uns nicht selbst überwachen. Um den Knastfrieden und den Modus Vivendi zu wahren, geben wir uns nun selbst einen kleinen "shakedown".

Seitdem die Lieferung Milch in den kleinen Plastiktüten ankam und somit feststand, dass diese Woche die Durchsuchungsaktion durchgeführt werden würde, lag auf einem der Tische im Gemeinschaftssaal alles Mögliche, was den ehemaligen Besitzern nun zu riskant geworden war: ein extra Paar Turnschuhe (wir dürfen nur ein Paar haben), ein CD-Spieler (vermutlich geklaut), ein paar Musikkassetten (für die Dinosaurier, die immer noch nicht auf CDs umgestiegen sind), ein Kissen, zwei Decken, mehrere Bibeln und Bücher, Magazine...  Wer Mut hatte, konnte sich selbst bedienen. Ansonsten landete das alles im Müll. Bei soviel Entgegenkommen brauchen die Schließer bei der "richtigen" Durchsuchung ein paar Tage später tatsächlich kaum noch etwas inspizieren.

Noch wichtiger als dieses freiwillige Ausmisten der Konterbande ist meiner Meinung nach jedoch, dass man uns wieder einmal trainiert, automatisch zu kuschen. Das geschieht im Gefängnis mehrmals täglich. Zum Beispiel bei den vielen Zählungen. Zwei WächterInnen betreten den Gemeinschaftssaal, blasen in ihre Trillerpfeifen, gehen an den Zellentüren vorbei und werfen einen kurzen Blick in die Zelle, um sicherzustellen, dass immer noch zwei Mann da sind.

Dabei müssen wir immer stehen - eine Novelle, die erst vor etwa fünfzehn Jahren eingeführt wurde. Bis dahin konnten wir im Bett liegen bleiben und mit einem Arm winken, um zu zeigen, dass wir noch am Leben waren. Doch seit anderthalb Jahrzehnten bin ich dermaßen darauf dressiert worden, beim Ertönen einer Trillerpfeife sofort aufzustehen, dass meine drei deutschen Besucherinnen im vergangenen Sommer peinlich davon berührt waren, s. Blogtext B55 "Besuch bei Jens im Sommer 2011".

Ähnlich verhält es sich bei den drei täglichen Mahlzeiten im Speisesaal, wenn wir nicht gerade wegen eines "lockdown/shakedown" in den Zellen gefüttert werden. Jedes Mal, wenn wir den Speisesaal verlassen, müssen wir unsere Hände heben und uns von hinten von WächterInnen abtasten lassen.

Ich habe noch nie beobachtet, dass dabei etwas gefunden wurde - kein einziges Mal! Aber darum geht es ja auch gar nicht, sondern darum, dass man uns dreimal täglich daran erinnert: "Wir können euch jederzeit anfassen und begrapschen, ihr habt keinerlei Privatsphäre!"

Als Knechtungsmethode ist dieses unfreiwillig-freiwillige Sich-begrapschen-lassen unglaublich effektiv. Man übergibt sich in die Macht eines anderen und erlaubt ihm oder ihr widerstandslos Zugriff auf den eigenen Körper - und zwar von hinten, und immer mit dem obligatorischen Griff zwischen die Beine. Besonders im Knast wirkt das wie eine kleine Vergewaltigung, dreimal täglich, ohne dass man auch nur versuchen kann oder darf, sich zu wehren!

Wer so etwas mit sich machen lässt, der hat sich längst selbst eingestanden, dass er kein vollwertiger Mensch ist. Darum geht es: um das Eingeständnis, die Akzeptanz. Man trainiert uns zuzugeben, dass wir Untermenschen sind.

Die Steigerungsform dieser Dressurmethode ist die nackte Leibesvisitation, die nach jedem Besuch und - für die große Mehrheit der Insassen, die nie Besuch erhält - bei den "lockdown/shakedowns" durchgeführt wird. Wenn man als Mann im Gefängnis vor zwei unfreundlichen, offensichtlich angewiderten Männern (den Wächtern) einen Striptease hinlegen muss, trieft es natürlich nur so vor perverser Homoerotik, und die Nacktheit verstärkt das Gefühl der Verwundbarkeit enorm. Der Clou ist jedoch wieder, dass dieses Sich-ausziehen unfreiwillig-freiwillig und widerstandslos ist! Man hat mitgemacht.

Nach Besuchen ist diese Form der Erniedrigung besonders wichtig, weil der Gefangene ein oder zwei Stunden lang im Besuchersaal von Freunden und Familienmitgliedern als Mensch behandelt wurde. Damit der Häftling ja nicht auf solch dumme Gedanken kommt, von sich zu glauben, dass er tatsächlich Mensch sei, muss er danach besonders heftig an die Kandare genommen werden.

Genau wie beim "lockdown/shakedown" hat die Leibesvisitation nach dem Besuch einen rituellen Charakter. Jeder weiß, dass das Ganze keinen praktischen Zweck erfüllt: Der weitaus größte Teil der Drogen und Mobiltelefone wird durchs Wachpersonal ins Gefängnis geschmuggelt, nicht durch Freunde im Besuchersaal. Aber man will ja eigentlich keine Konterbande finden, sondern den Insassen abrichten.

Auch bei der Leibesvisitation während des "lockdown/shakedown" ist der Nutzen schwer erkennbar. Die Tür geht auf und zwei Schließer drängeln in die Zelle. Vier Mann in einem Raum, der eigentlich für einen Mann ausgelegt ist. Einem der beiden Gefangenen werden hinter dem Rücken Handschellen angelegt und er verlässt die Zelle, während der andere mit den beiden Wächtern in der Zelle bleibt. Jeder weiß, was als Nächstes kommt. Es ist eine Art Tanz mit bestimmten Schritten, die wir alle, Schließer und Häftlinge, auswendig kennen.

Zuerst ziehe ich das Hemd und die Hose aus, das geht schnell. Dann öffne ich den Mund und wackele mit der Zunge. Danach hebe ich die Arme, damit man meine Achselhöhlen inspizieren kann. Als Nächstes die Unterhose - die Socken hatte ich schon vorher ausgezogen, damit das Ganze schneller geht.

Nun, vollkommen nackt, muss ich in die Hocke gehen und husten, dann wieder aufstehen. In meiner vorherigen Haftanstalt wurde zeitweilig eine Prozedur eingeführt, bei der man mit der linken Hand den Penis nach links zog und mit der rechten die Hoden hoch und leicht nach rechts hob. So raffiniert ist man in meinem jetzigen Gefängnis anscheinend noch nicht. Zuletzt muss ich mich einmal im Kreis drehen und einen Fuß nach dem anderen ganz hoch heben, damit man die Sohlen inspizieren kann.

Während dieser ganzen nackten Hampelei werde ich ganz vorsichtig von beiden Schließern beobachtet, als ob sie tatsächlich erwarteten, irgendetwas zu finden. Nur was, bitte? In meiner fünfundzwanzigjährigen Strafvollzugskarriere habe ich noch nie von einem Fall gehört, dass man bei solch einer Leibesvisitation irgendetwas gefunden hat.

In meinem vorherigen Knast wurde einmal ein Experiment durchgeführt, welches in diesem Zusammenhang erwähnenswert ist. Bei einem "lockdown/shakedown" eskortierte man etwa zwanzig von uns Insassen unter Begleitung eines wild kläffenden, enormen Wachhunds zur Turnhalle. Dort stand ein Kreis von Wächtern, die alle auswärts blickten.

Wir Häftlinge mussten uns jeweils vor einem Schließer aufstellen, wie Tanzpartner in einem Reigen. Hinter unseren Rücken liefen Sergeants im Kreis und brüllten irgendwelche Befehle. Dann mussten wir Gefangene uns als Gruppe ausziehen, zwanzig splitterfasernackte Männer mit unseren uniformierten Wächtertanzpartnern - und heißa, los ging's! Mund auf, Zunge wackeln, Arme hoch, in die Hocke, husten, aufstehen, im Kreis drehen, einen Fuß nach dem anderen heben.

Natürlich haben wir alle dabei wie wild gegrinst und auf dem Rückweg von der Turnhalle zum Wohngebäude laut gefrotzelt. Aber tatsächlich war uns allen kotzübel.

Denn es ging ja gar nicht so sehr um den Gruppenstriptease, auch nicht darum, dass wir unter Einsatz eines Kampfhundes dazu gezwungen wurden. Nein, das Schreckliche und Beschämende war, dass wir unfreiwillig-freiwillig mitgemacht haben, keinen Widerstand leisteten. Ehrenhafter wäre es gewesen, uns niederknüppeln und zu den Strafzellen zerren zu lassen.

Das ist der Sinn und Zweck der "lockdown/shakedowns" und all der anderen psychologischen Kontrollmethoden: Man will uns innerlich brechen.

Um mit ganz wenigen Wächtern Kontrolle über 1.100 Insassen auszuüben, sind diese Methoden unglaublich effektiv. Nur gibt es dabei eine ironische Nebenwirkung: Häftlinge, die auf diese Weise entmenschlicht und erniedrigt wurden, können sich nach Jahren der Haft nicht einfach wieder in Menschen zurückverwandeln. Sie bleiben genau das, zu was man sie im Gefängnis dressiert hat: Untermenschen.

Ach ja, und übrigens Untermenschen mit viel, viel Wut auf angebliche Menschen.

Ich versuche, so gut ich kann, mich dieser menschlichen Entwürdigung zu entziehen, indem ich schriftstellerischen Widerstand leiste. Meine Bücher, meine englischsprachigen Artikel und dieser deutsche Blog sind meine Waffen, im Prozess der Entmenschlichung zurückzuschlagen.

Natürlich ist es vollkommen illusorisch zu glauben, dass ich dem amerikanischen Justizsystem mit meiner Schreiberei auch nur das allerkleinste Problemchen bereite. Aber ich hoffe sehr, ich muss daran glauben, dass ich irgendjemanden zumindest ein kleines bisschen ärgere. Ich brauche das, um meine Ehre zu retten.

Denn eines, was den Menschen zum Menschen macht, ist sein Ehrgefühl: "Hey, so was kannst du mit mir nicht machen!" Darum geht es wohl auch den Mitgliedern der "Occupy Wall Street"-Bewegung und der "Tea Party" sowie den Wutbürgern: das Gefühl, sich wehren zu müssen, einfach aus dem eigenen Selbstwert heraus.

Man kann mich dazu zwingen - und wird es während dieses "lockdown/shakedowns" wieder tun - mich nackt auszuziehen und dieses scheußliche Tänzchen für die Wächter aufzuführen. Aber man kann mich nicht dazu zwingen, das alles ohne Protest zu akzeptieren. Noch kann ich schreien - auf Papier, in diesem Blog!

Ich danke Ihnen allen sehr herzlich, dass Sie mir das ermöglichen. Sie ermöglichen meinen Glauben, meine Hoffnung, dass man mich noch nicht völlig untergekriegt hat. Noch nicht.

Dankeschön.
Posted by: PI AT 06:44 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 23 November 2011
Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich von einer fixen Idee beseelt bin: dem Gedanken, dass die Art und Weise, in der eine Gesellschaft mit Justizfragen umgeht, besonders viel über diese Gesellschaft und ihre Mitglieder aussagt. Bei der Kriminalität geht es um ganz große menschliche Themen: Freiheit und ihren Missbrauch, Recht und Rechtsstaatlichkeit, Gewalt, Schwäche, Schuld, Sühne, Rache, Verzeihung... Meiner Meinung nach geben die Einstellung zu und Handhabung von diesen Fragen einen tiefen Einblick in die Seele eines Landes, beziehungsweise eines Menschen.

Heute möchte ich Ihnen zwei solche Einblicke in die Seele der Vereinigten Staaten von Amerika geben. Ich meine, das sollte ganz allgemein für all jene Leser interessant sein, die sich mit Außenpolitik beschäftigen. Und jene Leser, die spezifisch an meinem Schicksal interessiert sind, können am Folgendem vielleicht erkennen, mit welcher Mentalität ich seit fünfundzwanzig Jahren zu kämpfen habe.

Kürzlich brachte die Zeitung "USA Today" einen Bericht über die rasant steigende Anzahl von Häftlingen mit lebenslangen Haftstrafen (Quelle: Kevin Johnson, "Prison populations hinder budget cuts", USA Today, October 21, 2011). Zwischen 1984 und 2008 stieg die Zahl der Lebenslänglichen landesweit von 34.000 auf ca. 140.000. In Bundesstaaten wie Kalifornien und New York sitzen rund ein Fünftel aller Insassen lebenslange Haftstrafen ab. Die Kosten einer einzigen lebenslangen Haft können leicht $1 Millionen übersteigen.
 
Mittlerweile erkennen einige Politiker die Lebenslänglichen als eine finanzpolitische Gefahr in Zeiten hoher Haushaltsdefizite. Aus Sorge, man könne deswegen die Entlassung auf Bewährung ("parole") für Lebenslängliche wieder einführen, meldete sich Joseph Cassilly, ehemaliger Präsident der landesweiten Staatsanwaltsvereinigung (Nation District Attorneys Association) zu Wort: "Wie wollen Sie einem Kriminalitätsopfer oder einem überlebendem Familienmitglied, das dachte, dass lebenslänglich wirklich lebenslänglich bedeutet, so was erklären?" (oben im gleichen Artikel der USA Today).

Zehn Tage später lieferte die Zeitung "USA Today" eine Antwort auf diese Frage auf Seite 1: Mehr als ein halbes Dutzend Bundesstaaten (darunter zwei der bevölkerungsstärksten, Kalifornien und Illinois) bekämpfen ihre Haushaltsdefizite dadurch, dass sie eine Reihe von Verbrechen zu Vergehen umklassifizieren. Dadurch sparen sie bei der strafrechtlichen Verfolgung, den Gerichtskosten und besonderes der teuren Inhaftierung in Gefängnissen. (Quelle: Kevin Johnson, "Property crimes given a 2nd look", USA Today, October 30, 2011)

Bei den ehemaligen Verbrechen, die nun keine mehr sind (nur noch Vergehen, für die man höchstens Geldstrafen bekommt) dreht es sich um diverse kleine Diebstahlsdelikte, also was man üblicherweise Beschaffungskriminalität nennt. Mit anderen Worten: Drogenabhängige bekommen nun eine Art Freibrief, kräftig klauen zu gehen, um sich ihren täglichen Fix zu finanzieren. Denn jeder Ladenbesitzer weiß, dass die Polizei sich gar nicht um die Aufklärung von Vergehen kümmern kann, die "Cops" müssen sich auf richtige Verbrechen konzentrieren. Also ruft man zukünftig die Polizei gar nicht mehr, wenn man Opfer eines Diebstahls wird.

Das wird die Drogendealer mächtig freuen, denn Fixer mit Geld sind gut fürs Geschäft. Aber alternde Lebenslängliche wie ich, deren endlose jahrzehntelange Haft mehr als $1 Millionen pro Mann (oder Frau) kostet, bleiben weiter hinter Gittern. Obwohl das Statistikamt des U.S. Bundesjustizministeriums sowie das Institut "The Sentencing Project" schon vor Jahren festgestellt haben, dass Lebenslängliche die zweitniedrigste Rückfallquote haben (die niedrigste Rückfallrate haben interessanterweise Sexualverbrecher, Quelle: Patrick A. Langan and David J. Levin, "Recidivism of Prisoners Released in 1994" Bureau of Justice Statistics, 2002; Marc Maurer et al, "The Meaning of 'life'", The Sentencing Project, 2004).

Seit der Ausrufung des Krieges gegen die Kriminalität ("war on crime") durch Präsident Richard M. Nixon Anfang der siebziger Jahre hat man immer wieder und wieder solche schwachsinnigen Entscheidungen bei Justizfragen getroffen. Auf diese Weise schaukelte sich die Anzahl der Gefangenen in den Vereinigten Staaten während der vergangenen vierzig Jahre von  300.000 auf 2,3 Millionen hoch.
Über die politischen Gründe schrieb ich in B19 und B20, "Opferschutz geht vor Täterschutz"; die historischen Ursachen erklärte ich in B37, B38 und B39 "Wieso ist Hass in den USA salonfähig?"; und mit den finanziellen Motiven befasste ich mich in B31, B32 und B33, "Warum ich nicht Nelson Mandela bin - Die Privatisierung der inneren und äußeren Sicherheit und das Ende des Staates".

Heutzutage hat das "Land der Freiheit" die meisten Häftlinge der Welt: 751  Insassen pro 100.000 Einwohner,weit mehr als das zweitplatzierte Russland. (Deutschland hat 96 pro 100.000 und liegt dabei im europäischen Durchschnitt.) Amerika behaust rund ein Viertel aller Gefangenen der Welt, hat aber weniger als 5% der Weltbevölkerung. (Quellen: siehe Fußnoten zu Jens Soering, "The Color of Crime and Punishment", Justice Reflections (U.K.), JR178, Issue 25/2010, auf der "Information->Artikel" Seite dieser Webseite.

Vielen Politikern in den Vereinigten Staaten ist bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Der ehemalige Republikanische  Vorsitzende des Unterhauses des U.S. Kongress ("Speaker of the House of Representatives") Newt Gingrich, der sich gegenwärtig um die Republikanische Präsidentschaftskandidatur bewirbt, hat die Gruppe "Right on Crime Campaign" mitbegründet, um konservative Politiker davon zu überzeugen, dass sich etwas ändern muss. (Quelle: Newt Gringrich and Pat Nolan, "Prison reform: A smart way for states to save money", Washington Post, January 7, 2011). Und der gegenwärtige Demokratische U.S. Senator von Virginia, Jim Webb, hat mehr als 100 Organisationen davon überzeugt, eine geplante Justizreformkommission zu unterstützen, darunter Kriminalitätsopfergruppen, die landesweite Sherrifsvereinigung, die Anwaltskammer der USA, dutzende Großstadtbürgermeister und viele, viele mehr.

Ein parteiübergreifender Konsens! Da wird sich doch endlich etwas ändern, oder?

Am 19. Oktober 2011 gelang es den Republikanern im U.S. Senat, die Einberufung der Justizreformkommission zu verhindern. In letzter Minute lief unter anderem Webbs langjähriger Republikanischer Freund John McCain (der 2008 für die Präsidentschaft gegen Barack Obama kandidierte) zur Gegenseite über. Noch wichtiger als die dringend benötigte Reform des Justizapparats, noch wichtiger als die Loyalität und Freundschaft zu Webb war – der Hass auf Obama und die Parteidisziplin. (Quelle: David Rogers, "GOP scuttles justice review in Senate", politico.com, October 20, 2011;  Wesley P. Heston, "GOP defeats Webb's bill on justice", Richmond Times-Dispatch, October 21, 2011.)

Als Argument gegen die Einberufung der Kommission führten die Republikaner die sogenannten "states' rights" an, die Rechte der Bundesstaaten. Worum es sich dabei dreht, erkläre ich näher in dem oben erwähnten Blogeintrag "Wieso ist Hass in den USA salonfähig?". Kurz gefasst: Im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 beriefen sich die südlichen Sklavenhalterstaaten auf die "states' rights", die Rechte der individuellen Bundesstaaten, die Sklaverei zu erlauben, unabhängig von den Wünschen der bösen U.S.-Bundesregierung in Washington.

Jeder Amerikaner weiß das, jeder Amerikaner versteht, dass wenn der Begriff "states' rights" fällt, die gewaltsame Unterdrückung der schwarzen Minderheit durch die weiße Mehrheit gemeint ist. Auch weiß jeder Amerikaner, dass rund zwei Drittel aller Gefängnisinsassen schwarz oder braun sind. (Quelle: siehe den oben erwähnten Artikel "The Color of Crime and Punishment".) Wenn das Justizsystem reformiert werden sollte, würde das also bedeuten, dass massenweise schwarze und braune Verbrecher entlassen würden.

Das erweckt besonders im Süden der USA die historischen weißen Ängste vor dem Sklavenaufstand. Es ist genau dieser Albtraum, den die Republikaner gezielt seit Nixons Zeiten ausnutzen, um bei den Wahlen weiße Stimmen zu sammeln.

"[Nixon] betonte, man müsse der Tatsache ins Auge sehen, dass das eigentliche Problem die Schwarzen seien", erinnerte sich Nixons Stabschef H.R. Haldeman. "Der Schlüssel zur Lösung sei, ein System zu erfinden, das das [Problem] erkennt – ohne es beim Namen zu nennen." (Quelle)

Dieses "System" ist natürlich das Justizsystem, und glücklicherweise musste es gar nicht erfunden werden – nur ganz strak ausgebaut, von 300.000 auf 2,3 Millionen. (Quelle: H.R. Haldeman, "The Haldeman Diaries: Inside the Nixon White House", P.G. Putnam & Sons, 1994, Seite 53.)

Lustigerweise ist vielen, vielleicht sogar den meisten Amerikanern vollkommen bewusst, dass die Republikaner ganz gezielt Rassismus und Angst vor Verbrechen vermischen, um damit auf Stimmenfang zu gehen. Spätestens seit der berühmt-berüchtigten "Willie Horton"- Fernsehreklame während dem Präsidentschaftswahlkampf 1988 (Spot auf youtube) wird so etwas ja vollkommen offen gemacht, der Erfinder der "Horton"-Reklame Lee Atwater wurde dafür sogar als politisches Genie gefeiert. Das bezeichne ich oben als lustig, weil die Manipulation trotzdem funktioniert, obwohl alle wissen, welches böse Spiel hier getrieben wird.
 
Als Wahlkampfthema "zieht" die Angst vor schwarzen Verbrechern eben immer wieder, selbst wenn die Instrumentalisierung für jeden zu sehen ist. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, wie sich die Lage in den Vereinigten Staaten zu meinen Lebzeiten ändern könnte. Der amerikanische Bürgerkrieg endete vor 146 Jahren, doch die Weißen haben immer noch Angst vor dem Sklavenaufstand und klammern sich an den "states' rights" fest, um 2,3 Millionen ihrer Mitbürger in Ketten zu halten. Wenn 146 Jahre nicht genügen, wann soll sich das jemals ändern?

Und was hat das alles mit mir zu tun?

Schauen Sie sich einmal den folgenden Blogeintrag der virginianischen Zeitung "Roanoke Times" vom 23. März 2011 an : "Could Jens Soering be the Willie Horton of 2012?".
Posted by: KS AT 06:52 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 16 November 2011
In den beiden ersten Teilen dieses Blogeintrags erzählte ich die Geschichte meines Freunds Hank, den ich erstmals im B35 - "Von den Toten auferstanden?", vorstellte.

Zuerst beschrieb ich Hanks Kindheit, unter anderem die entsetzlichen Misshandlungen durch seinen schwer alkoholkranken Stiefvater: Einmal versuchte dieser sogar, Hank zu erhängen. Auch erzählte ich, wie Hank fast unabsichtlich zum Einbrecher wurde, als seine Tochter einen Nachbarn beschuldigte, Fotos von ihr und ihren Freundinnen machen zu wollen.

Dann beschrieb ich Hanks kriminelle Karriere als Serieneinbrecher in New Jersey, wo er sich auf Waffenraub spezialisiert hatte. Nach einer kurzen Haftstrafe zog er zurück nach Virginia und beging eine neue Serie von Einbrüchen in den reichen Vororten der Stadt, in der er Jahrzehnte davor bettelarm aufgewachsen war. Wieder wurde er erwischt – und dieses Mal wurde er, unter anderem für eine mögliche Vergewaltigung, mit drei lebenslangen Haftstrafen bestraft.

Hanks Knastkarriere begann im berüchtigten Gefängnis "500 Spring Street", auch genannt "The Walls", welches architektonisch der Haftanstalt in dem bekannte Film "Shawshank Redemption" ("Die Verurteilten") ähnelte. "The Walls" wurde 1990 abgerissen. Dort wurde damals fast jede Woche ein Insasse ermordet, auch Hank sah zwei solche Morde mit eigenen Augen.

Weil er bereits vierunddreißig Jahre alt war, als er dort ankam, wurde er glücklicherweise nicht vergewaltigt, was in jenen Zeiten eine Art Begrüßungsritual war. Wer meine Bücher gelesen hat, weiß, dass ich selber kurz nach meiner Ankunft im ebenfalls berüchtigten Mecklenburg Correctional Center 1991 nur knapp einer Begrüßungsvergewaltigung entkam.

1982 wurde Hank von "The Walls" ins Brunswick Correctional Center verlegt. Ich traf ihn dort im Jahr 2000, und wir verbrachten die nächsten neun Jahre im selben Wohnabteil, bis dieses Gefängnis aus Kostengründen geschlossen wurde. Nun wohnen wir wieder im selben Wohnabteil, im Buckingham Correctional Center – ein unglaublicher Zufall, wenn man bedenkt, dass die Strafvollzugsbehörde Department of Corrections in Virginia mehr als vierzig Gefängnisse hat, und dass es im Buckingham Correctional Center zwanzig Wohnabteile für die 1.100 Häftlinge gibt.

Als Hank 1982 im Brunswick Correctional Center ankam, gab es in ganz Virginia nur fünf oder sechs Gefängnisse, und diese waren auch nicht so absurd überbelegt wie heute. Ziemlich bald konnte Hank in eine Einzelzelle ziehen, was er als den großen Wendepunkt seines Lebens bezeichnet. Zum ersten Mal konnte er in Ruhe über sich und sein Leben nachdenken. Er war siebenunddreißig Jahre alt.

1983 schrieb er einen Brief an die Leiterin der Organisation Parents Anonymous, die Kindesmisshandlungen durch Ausbildung gefährdeter Eltern verhindern wollte. Am Frauengefägnis Goochland Correctional Center führte diese Organisation Kurse für inhaftierte Mütter durch.

Hank gelang es mit Hilfe einer Sozialarbeiterin, einen der Kurse zum ersten Mal in ein Männergefängnis zu bringen. Damals gab es noch Sozialarbeiter in Haftanstalten; heutzutage gibt es nur noch den Titel, doch der Job besteht ausschließlich darin, die Gefährlichkeit und damit die Sicherheitsstufe der Insassen zu begutachten und dokumentieren.

Von 1983 bis 1996 führte Hank, mit Hilfe einer Reihe von Sozialarbeitern und -arbeiterinnen, das Programm "MiLK" am Brunswick Correctional Center durch und gewann dafür sogar drei von der Strafvollzugsbehörde verliehene Preise. (Solche Preise gibt es heute selbstverständlich nicht mehr.) Das Akronym "MiLK" stammte vom Goochland Frauengefängnis, wo es für "Mothers in Love with Kids" stand; bei Hank wurde "Mothers" zu "Men". Gefangene, die teilnehmen wollten, mussten neun Kurse zu Themen wie Kindererziehung, Ernährung, Entwicklung, Erste Hilfe, Psychologie und vieles mehr belegen. Weil Häftlinge damals noch nicht die allseits verhassten und letztlich vergessenen Sündenböcke der U.S.-Gesellschaft geworden waren, gelang es Hank, alle möglichen Experten, zum Beispiel vom nahe gelegenen St. Pauls College, dazu zu bewegen, diese Kurse zu leiten.

Selbst das Wachpersonal des Brunswick Correctional Center machte mit, manchmal als Lehrer (zum Beispiel die Krankenschwestern: Erste Hilfe) und manchmal sogar als Schüler. Damals war so etwas noch erlaubt; Jahrzehnte später, als ich eine Tai Chi Klasse im Brunswick Correctional Center leitete, wurde zwei Wächtern, die teilnehmen wollten, das Mitmachen verboten: Das sei Fraternisierung mit dem Feind.

Sobald die inhaftierten Teilnehmer alle neun Kurse absolviert und die dazugehörenden Tests bestanden hatten, durften sie ein Mal alle drei Monate an einem besonderen Besucherabend teilnehmen. An diesem Abend brachten die (meist ehemaligen) Ehefrauen der Gefangenen die Kinder zum Besuchersaal – und ließen sie dort bei den Insassen und den Sozialarbeitern und -arbeiterinnen. Die Ehefrauen gingen in einen anderen Raum, wo es auch für sie Kurse zu verschiedenen erziehungsrelevanten Themen gab.

Der Clou war also, dass Väter die Gelegenheit hatten, allein mit ihren Kindern zu sein (abgesehen von den Sozialarbeitern und -arbeiterinnen). Denn bei normalen Besuchen ist es immer so, dass die Erwachsenen miteinander sprachen, während die Kinder wahllos im Besucherraum herumliefen und sich langweilten. Auf diese Weise konnte man als inhaftierter Vater keine gute Beziehung zu den eigenen Kindern entwickeln und aufrecht erhalten.

Natürlich konnten sich die Ehefrauen einiger der "MiLK"-Teilnehmer die Reise und möglicherweise nötige Hotelübernachtung nicht leisten. Deshalb sammelte das Programm Spenden im Besuchersaal bzw. verkaufte Kaffee und Gebäck. Armut durfte kein Grund dafür sein, dass ein Vater seine Kinder nicht wenigstens alle drei Monate zu sehen bekam.

Zeitweilig gab es bis zu fünfzig Teilnehmer am "MiLK"-Programm, das entsprach damals fast 10% der Häftlingsbevölkerung des Brunswick Correctional Center. Hank sagte mir, dass dieses Programm für viele Insassen zu einem der wichtigsten Lebensinhalte wurde.

Sicherlich war das für ihn der Fall. In den Jahren 2000 bis 2009 hatte ich die Gelegenheit, alle vier von Hanks Kindern (sowie auch seine deutsche Mutter) im Besuchersaal des Brunswick Correctional Center kennen zu lernen; die Kinder sind etwa in meinem Alter. Und im Vergleich zu fast allen anderen Gefangenen, die keinerlei Beziehung zu den eigenen Kindern haben, ist es schon erstaunlich, wie herzlich Hanks Kinder mit ihm umgehen.

Alle vier sind übrigens erfolgreiche Menschen geworden und haben längst eigene Kinder – in einem Fall sogar einen Enkel. Ich habe ein Foto von Hank mit seinem Urenkel, kurz nach dessen Geburt; damals war ich der offizielle "Hof-Fotograf" im Besuchersaal, das war mein Knastjob.

Genauso wichtig wie die Festigung seiner Beziehung zu seinen Kindern findet Hank aber auch, was er durch die "MiLK"-Kurse über sich selbst, seine eigene Entwicklung als Kind und sogar seine Verbrechen lernte. Das dauerte Jahre, natürlich, aber mit der Zeit begann er tatsächlich zu verstehen, wieso er damals in den siebziger Jahren diesen unwiderstehlichen Drang zum Einbrechen entwickelte, diese Sucht nach dem "high" des scheinbar großen Geldes.

Doch 1996 wurde das "MiLK"-Programm, wie fast alle Programme dieser Art, durch den damaligen Republikanischen Gouverneur von Virginia George F. Allen beendet. Es war dieser Gouverneur, der 1995 die frühzeitige Entlassung auf Bewährung – das sogenannte "parole" – abschaffte, weswegen Hank und ich nicht freikommen können.

(Nebenbei: Regelmäßige Leser dieses Blogs und meiner Bücher wissen, dass Häftlinge wie Hank und ich, die vor 1995 verurteilt wurden, weiterhin regelmäßige "parole"-Anhörungen bekommen – nur wird "parole" eben so gut wie nie gewährt. Das im Februar 2011 ernannte "parole board" des Republikanischen Gouverneurs von Virginia Robert F. McDonnell hat die Entlassungsrate auf rund 2% gesenkt, bis dahin wurden "großzügig" rund 4% entlassen.)

1996 war eine große Zeitenwende im amerikanischen Strafvollzug. Zum Beispiel erließ 1996 der U.S.-Präsident Bill Clinton auf Bundesebene zwei Gesetze, die die Leben der Gefängnisinsassen ganz unbeschreiblich erschwerten: Die Gesetze PLRA und AEDPA.

Durch das PLRA wurde es für Gefangene fortan praktisch unmöglich, sich juristisch gegen selbst die gröbsten Rechtsbrüche, Brutalitäten und Vernachlässigungen durch das Wachpersonal zu wehren. Und das AEDPA machte es fast unmöglich, Unrechtsurteile im Bundesgerichtssystem wieder aufzurollen.

Zu den angeblich nicht vorhersehbaren negativen Folgen dieser schrecklichen Gesetze, PLRA sowie AEDPA, gibt es mittlerweile ausführliche Berichte von Ausschüssen des U.S.-Kongress, aber natürlich ändert sich gar nichts. Denn wenn man als U.S.-amerikanischer Politiker Menschen wie Hank und mir etwas weniger als unerbitterliche Härte zeigt, wird man von der Gegenseite sofort als "soft on crime", zu weich dem Verbrechen gegenüber, angegriffen.

In dieser Atmosphäre ist es natürlich unmöglich, ein Programm wie "MiLK" fortzuführen. Es beruht ja auf dem anachronistischen Gedanken, dass Häftlinge auch Menschen sind – also Wesen, die sich ändern können, manchmal sogar zum Guten, und zwar durch Beziehungen mit anderen Menschen.

Zum Beispiel durch Beziehungen mit den eigenen Kindern. Oder Beziehungen zu Professoren vom St. Paul´s College. Oder "fraternisierenden" Beziehungen zu Sozialarbeitern und -arbeiterinnen, die in Hanks Fall sogar seine Kinder zum Gefängnis brachten. Damals, in den achtziger Jahren.

Wenn man jedoch Menschen wie Hank und mich gar nicht mehr als Menschen erkennen will oder kann, dann ist es auch unmöglich, Beziehungen mit uns einzugehen. Denn wir sind ja irgendwie gar nicht da, jedenfalls nicht als Mensch – nur als Hassobjekt.

Deshalb liegt mir so viel daran, dass Sie, meine Leser, Hank auch als Menschen sehen. Ich entschuldige seine Verbrechen damit überhaupt nicht! Was er seinen Opfern antat, war Unrecht, er ist alles andere als ein Engel. Nur ist er auch kein Teufel, kein Untermensch.

Hank ist jetzt im dreiunddreißigsten Jahr seiner Haft. Er wird im Gefängnis sterben. So endet heutzutage der "American dream".
Posted by: AB AT 06:28 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 09 November 2011
Im ersten Teil dieses Blogeintrags erzählte ich die Geschichte meines Freundes Hank, den ich erstmals in B35 - "Von den Toten auferstanden?", vorstellte.

Hanks Familie wanderte 1952 von Deutschland nach Amerika aus, doch das große Glück fand Hank dort nicht: Sein schwer alkoholkranker Stiefvater quälte ihn schrecklich, unter anderem versuchte er, Hank zu erhängen. Nach seinem Umzug nach New York gelang es Hank, über seine Schwiegermutter, die "italienischer Abstammung" war, einen der heißbegehrten Arbeitsplätze im New York Department of Sanitation zu ergattern, welches damals von der Mafia kontrolliert wurde.
 
1972 beschuldigte Hanks älteste Tochter den Nachbarn, er wolle Fotos von ihr und ihren Freundinnen machen, worauf Hank in das Haus des Nachbarn einbrach, um die Kamera zu finden. Zwar gelang ihm das nicht, aber "zur Rache" nahm er Wertgegenstände im Wert von sechs bis siebentausend Dollar mit – ein unbeabsichtigter finanzieller Erfolg, der auf Hank den gleichen Effekt wie ein Drogen-"high" hatte.
 
Zum ersten Mal in seinem Leben war er "reich". Nun konnte Hank es sich sogar leisten, auf Pferderennen zu wetten, eine besonders beliebte Form der Unterhaltung unter den Familien "italienischer Abstammung", mit denen er in New York in einem der typischen italienisch - amerikanischen Arbeiterviertel wohnte. Im Gegensatz zu seiner Kindheit in Danville, Virginia, war er in New York kein Außenseiter mehr, sondern "one of the fellas", einer der Jungs, der einen dicken Rollen Geldscheine in der Tasche hatte. Der "American Dream" war endlich auch für Hank wahr geworden.

Also wurde er professioneller Serieneinbrecher. In den nächsten sechs bis acht Monaten, also 1972 bis 1973, beging er mindestens sechzig Einbrüche in dem an New York angrenzenden U.S.-Bundesstaat New Jersey. Hank war eine Ein-Mann-Verbrechenswelle.

Dabei machte ihm das Einbrechen an sich überhaupt keinen Spaß, sagte er mir, im Gegenteil: Es war gefährliche Arbeit, die er so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, jedes Mal. Was Hank wichtig war, was ihm dieses drogenähnliche "high" gab, das war das viele Geld, und was es ihm bedeutete: endlich, endlich angekommen zu sein.

Fast jeden Abend fuhr Hank in seinem Auto in wohlhabenden Nachbarschaften herum und suchte nach "guten" Häusern. Die waren abends leichter zu erkennen als tagsüber, weil in leerstehenden Häusern keine Lichter eingeschaltet waren: Dunkle Fenster bedeuteten, dass die Einwohner abwesend waren.

Sobald er eines dieser dunklen Häuser entdeckt hatte, schaute Hank sich die Nachbarhäuser an: Waren die vielleicht auch dunkel? Gab es große Hecken, die ein Haus vom nächsten trennten und es den Nachbarn schwer machen würden, Hank beim Einbruch zu sehen? War die Tür der Garage offen oder geschlossen? Lag die Tageszeitung auf der Veranda, weil die Eigentümer auf Reise waren?

Hatte Hank einmal ein "gutes" Haus entdeckt, parkte er sein Auto einige Straßen weiter und ging zu Fuß zum Haus zurück. Meist trug er dabei selber eine Tageszeitung. Als er beim Haus ankam, drückte er auf die Klingel: Wenn jemand die Tür öffnete, hatte er eine Geschichte parat, irgendwas über ein Inserat in der Zeitung, die er mit sich trug.

Wenn niemand die Tür öffnete, ging Hank um die Seite des Hauses herum und warf schnell einen Blick in die Garage, um zu sehen, ob wenigstens eines der Autos nicht da war. Die Hintergärten waren gerade in wohlhabenden Nachbarschaften fast immer mit hohen Hecken oder Zäunen umgeben, so dass er viel Zeit hatte, unbeobachtet durch die Hintertür einzubrechen. In jenen Zeiten waren die Hintertüren außerdem oft einfach nicht abgeschlossen.

Selbst teure Häuser hatten damals meist billige Türschlösser, die man innerhalb von Sekunden mit einem Schraubenzieher öffnen konnte, indem man ihn in die Ritze zwischen Tür und Rahmen steckte. Sollte das nicht gelingen, war gleich neben der Tür immer ein Küchenfenster, welches entweder halb offen war oder wieder mit dem Schraubenzieher leichtens geöffnet werden konnte.
 
Sobald Hank im Haus war, öffnete er zuerst einmal die Vordertür und ein Fenster, damit er sofort einen Notausgang hatte, falls die Eigentümer zurückkehrten. Was er am meisten fürchtete, war, von den Besitzern der Häuser überrascht zu werden: Das geschah Hank zwei Mal und beide Male rannte er so schnell, wie ihn seine kurzen Beine tragen konnten.

Im Haus suchte er nach Wertgegenständen, die er leicht transportieren konnte: Geld, Schmuck und vor allem Schusswaffen. New York hatte nämlich schon damals sehr restriktive Schusswaffengesetze: Der Wert einer Pistole verdreifachte sich, sobald man sie über den Hudson River von New Jersey nach New York transportierte.

Besonders die Verwandten und Freunde von Hanks Schwiegermutter, der Dame "italienischer Abstammung", kauften Hank alles ab, was er ihnen brachte – zu besten Preisen. Und glücklicherweise besaßen die Hauseigentümer in wohlhabenden Nachbarschaften immer nagelneue Pistolen und Revolver, die sie praktischerweise (für Hank!) immer am selben Ort "versteckten": in der obersten Schublade in der Kommode gleich neben dem Bett.

Nur etwa fünf Mal kam Hank ohne Beute zurück. Bei diesen Gelegenheiten hatte er nämlich versehentlich die Schlafzimmer der Kinder betreten. Der Anblick der Spielzeuge und Kinderbetten ließ ihn übel werden, er konnte nicht weitermachen und floh.

Natürlich merkte die Polizei in den Bezirken New Jerseys, die an New York angrenzten, dass die Zahl der Einbrüche in ihrer Gegend plötzlich emporschnellte. Vermutlich setzte man eine SOKO ein, denn eines Abends wurde Hank bei einem seiner Ausflüge in eine wohlhabende Nachbarschaft New Jerseys gestoppt: Schließlich trug sein Auto ein New Yorker Nummernschild. Bei der Durchsuchung seines Wagens entdeckte man den Dienstausweis eines Polizisten und dessen Schusswaffe, die Hank bei einem seiner jüngsten Raubzüge erbeutet hatte.

Von den mehr als sechzig Einbrüchen konnte man ihm vierzig anlasten. Weil er auf Kaution entlassen worden war, riet ihm der Richter, er solle möglichst viele der gestohlenen Waffen zurück bringen, dann würde er eine niedrigere Haftstrafe erhalten.

Hank brachte ihm etwa fünfzehn und der Richter hielt sein Wort: Er verhängte achtzehn Monate Haft, wovon Hank nur neun absitzen musste. Fast die ganzen neun Monate durfte er außerhalb des Gefängnisses arbeiten: als Müllwagenfahrer fürs Strafvollzugsystem, wie vormals, als er noch beim New York Department of Sanitation jobbte.

1974 wurde Hank entlassen und kehrte zu seiner Ehefrau und den vier Kindern zurück. Doch war er so verlegen und beschämt, dass er in eine tiefe Depression fiel, die etwa drei Jahre dauerte. Schließlich raffte Hank sich 1977 auf und zog mit seiner Familie zurück nach Virginia, nach Martinsville, einem Städtchen in der Nähe von Danville, wo seine Mutter immer noch wohnte.

Dort fand Hank auch Arbeit, die allerdings extrem saisonbedingt war. In den Wintermonaten gab es einfach kein Geld. Also entschloss er sich, wieder klauen zu gehen.

Hank fuhr also abends in den wohlhabenden Stadtteilen von Danville herum, dem Ort, an dem er Ende der fünfziger Jahre aufgewachsen war. In diesen reichen Gegenden Danvilles wohnten damals jene Kinder, mit denen er zwar zur Schule ging, aber zu denen er nie den sozialen Anschluss gefunden hatte – wegen der Armut seiner Familie und der psychosomatischen Beschwerden, welche ich im ersten Teil dieses Blogeintrages erwähnte. Hanks abendliche Raubzüge waren also eine Art Reise in seine Vergangenheit.

Dieses Mal gelangen ihm nur etwa zehn Einbrüche, sagte er mir, bevor er 1979 wieder eines Abends von einer SOKO der Polizei gestoppt wurde. Und wie in New York wurde er wieder mit Diebesgut erwischt: Zehntausend Dollar in Bargeld.

Doch die Polizisten warfen ihm viel Schlimmeres vor.

Bei einem seiner letzten Einbrüche hatte Hank wie üblich an der Vordertür eines dunklen, lichtlosen Hauses geklingelt. Als niemand antwortete, ging er zur Hinterür und brach sie schnell auf. Doch sobald er das Haus betrat, stand plötzlich eine neunzehnjährige junge Frau vor ihm.
 
Sie holte gerade zum Schreien aus – also griff Hank sie beim Arm und zog sie ins Wohnzimmer, wo er ihr sagte, sie solle sich hinsetzen und still bleiben. Dann öffnete er eine Schublade, begann darin herumzusuchen – und besann sich: Was mache ich hier? Also befahl Hank der jungen Frau noch einmal, bloß nicht zu schreien und floh.

Ausgerechnet dieses Mal erinnerte sich einer der Nachbarn an die Marke und Farbe des Autos, das Hank fuhr und auf diese Weise kam man ihm auf die Schliche. Im Gegensatz zu New Jersey kam er in Danville nicht auf Kaution frei; denn natürlich erfuhr die Staatsanwaltschaft, dass dieser Bursche vierzig – was, wirklich, vierzig ?!? - Einbrüche in New Jersey begangen hatte, deren Hauptziel offensichtlich der Waffenraub gewesen war.
 
Und nun wurde dieser Ganove hier in einer friedlichen, ländlichen Gegend Virginias gefasst, mit einer enormen Summe Bargeld in der Tasche (Zehntausend Dollar waren 1979 ein Vermögen). Noch schlimmer: Er hatte sich an einer "unserer" Frauen vergriffen, der wohlgeborenen, noch jungfräulichen Tochter einer reichen Familie am Ort.

Bei einer Gerichtsanhörung die vor der offiziellen Anklageerhebung stattfand - einem sogenannten "preliminary hearing" - sagte die junge Frau, Hank habe sie "möglicherweise" vergewaltigt, "es könnte sein". Das reichte: Er wurde angeklagt, einen Einbruch mit Waffe begangen zu haben (die Waffe war der Schraubenzieher), sowie Entführung (weil er die junge Frau ins Wohnzimmer gezogen hatte), und zuletzt Vergewaltigung.

Hanks Strafverteidiger sagte ihm, dass die Höchststrafe für jedes dieser Verbrechen lebenslänglich sei, was bedeutete, dass er siebzehn Jahre absitzen müsse, bevor er die frühzeitige Entlassung auf Bewährung - das sogenannte "parole" - beantragen könne. Aber wenn Hank sich vor Gericht schuldig erkläre, würde er nur siebenundsechzig Jahre bekommen, wovon er bloß zehn absitzen müsse. Dies sei also seine Wahl: siebzehn Jahre oder zehn?

Hank wählte die zehn: Vor Gericht erklärte er sich schuldig. Doch der Richter verhing nicht die abgemachten siebenundsechzig Jahre (die zehn gleichgekommen wären), sondern das Dreifach-Lebenslänglich. Denn – so stellte es sich später heraus – der Richter war der direkte Nachbar von einem von Hanks anderen Einbruchsopfern in Danville.
 
Was den Richter natürlich in dieser Angelegenheit mit der jungen Frau überhaupt nicht befangen machte. Ganz und gar nicht.

Im nächsten Teil dieses Blogeintrages erzähle ich die Geschichte von Hanks Knastkarriere in den Jahrzehnten seit 1979.


                                                       Ein Nachwort

Liebe Leser, bitte schreiben Sie mir nicht in die  Kommentarspalte dieses Blogs, dass ich Hanks kriminelle Karriere mit "zu viel" Sympathie für den Täter beschrieben habe - dass ich "nicht genug" über das Leiden der Opfer gesagt habe. Ich bin mir dessen bewusst und es war Absicht.

Heutzutage werden Verbrechen meines Erfahrens nach ausnahmslos aus der Perspektive der Opfer betrachtet, beschrieben und verstanden.
 
Das ist im Allgemeinen legitim, denn die Opfer – auch die Opfer von Hanks Verbrechen – sind unschuldig und haben ihr Leiden nicht verdient. Selbstverständlich sollen und müssen unsere Sympathien zuerst den Opfern gelten!

Meines Erachtens nach ist es jedoch ein Fehler – letztlich sogar für die Opfer! - sich ausschließlich auf die Perspektive der Opfer zu begrenzen. Denn auf diese Weise lernt man nichts über die Täter.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, auch die Perspektive der Täter zu betrachten, beschreiben und verstehen – denn nur so kann man effektiv Verbrechen verhindern, damit es weniger zukünftige Opfer gibt. Um eine Krankheit zu heilen, muss man die Ursache – den Bazillus oder Virus – untersuchen; aber dabei hilft uns eine mitfühlende Beschreibung der subjektiven Leiden des Kranken wenig.

Bei Verbrechen ist der "Bazillus" ein Mensch wie Hank. Um zu verhindern, dass es in Zukunft mehr "Hanks" gibt, muss man sich mit seiner subjektiven Erfahrung und Perspektive befassen, um ihn und seine Taten zu verstehen.

Das bedeutet noch lange nicht, dass man seine Taten gutheißt! Ich heiße sie bestimmt nicht gut, ich stamme aus einer relativ wohlhabenden Familie, wir waren einmal (in Florida, im Sommer 1979) selber Opfer eines Einbruchs. Also habe ich quasi persönliche Grüne, Hank verstehen zu wollen.
 
Außerdem finde ich es einfach menschlich faszinierend, wie sich die Biographie eines Serieneinbrechers entwickelt. Dies ist eine Geschichte, die Sie in dieser Form nirgends sonst zu lesen bekommen! Denn überall sonst hört man ausnahmslos die Perspektive der Opfer, die wirklich die wichtigere ist.

Aber es ist nicht die einzige. Dieses eine Mal kommt eben die andere Perspektive: Hanks.
Posted by: KS AT 05:49 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 02 November 2011
Viele Leser haben mich gebeten, mehr aus dem Leben meines Freundes Hank zu erzählen, von dem ich in B35 - "Von den Toten auferstanden?", schrieb. Sie erinnern sich: Er ist der kleinwüchsige, dickleibige Gefangene Mitte sechzig, der so gerne Basketball spielte – bis er dabei einen Herzinfarkt erlitt. Zwar wurde sein Leben gerettet, aber weil er, wie ich, einer der Todgeweihten ist, sind wir uns überhaupt nicht sicher, ob dies etwas Gutes war.

Nun muss Hank mit mir und den anderen Lebenslänglichen nämlich weiter auf den Tod warten: Hinrichtung nach Ratenplan, eine Existenz ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne Freude. Na ja, eine Freude hatte Hank ja – das Basketball spielen – aber nun, wegen des Herzinfarkts und des Schrittmachers, ist ihm auch das genommen worden. Also sitzt er den ganzen Tag im Gemeinschaftssaal herum und bastelt Geburtstagskarten, die er anderen Häftlingen verkauft.

Vor zwei Tagen habe ich mich zu ihm gesetzt und ihn interviewt, während er kleine rote Herzen ausschnitt für seine "Ich liebe Dich" Karten – ein großer Hit bei seiner Kundschaft, besonders den jungen Insassen, die noch nicht so richtig kapiert haben, dass der Knast jede Beziehung letztlich zerstört. Bei seiner Arbeit erzählte Hank mir also von seinem Leben und ich schrieb so schnell ich konnte mit.

Hank heißt tatsächlich Henri und kam im Februar 1945 in der Nähe von Braunschweig zur Welt, der Sohn eines französischen Zwangsarbeiters und einer achtzehnjährigen Deutschen. Weil sein Vater längst verschwunden war, tat sich seine Mutter mit einem Jugoslawen zusammen und zog nach Aachen. Anfang der fünfziger Jahre beantragte die Familie dann eine Sponsorschaft, um nach Amerika ziehen zu können.

Durch einen jüdischen Restaurantbesitzer in Danville, einem Städtchen im Süden des U.S. Bundesstaates Virginia , gelang es Hanks Familie im Juni 1952, per Schiff zum berühmten Ellis Island zu reisen. Er erinnert sich noch heute daran, wie er die Freiheitsstatue durchs Bullauge sah. Die nächsten zehn Jahre verbrachte die Familie in Danville, wo Hanks Stiefvater für den Restaurantbesitzer arbeiten musste.
 
Leider war Hanks Stiefvater ein schwerer Alkoholiker, der seine Ehefrau und sein Stiefkind, Hank,  entsetzlich malträtierte, seinen eigenen Sohn (Hanks Halbbruder) jedoch verwöhnte. Unter anderem peitschte er Hank mit einem Elektrokabel aus (das scheint eine übliche Form der Kindesmisshandlung zu sein) und er zwang ihn dazu, auf kleinen, scharfen Steinen zu knien, bis seine Knie bluteten. Dies und vieles andere geschah jedoch nur, wenn der Stiefvater betrunken war.
 
Das Schlimmste, was er Hank je antat, war die versuchte Erhängung. Eines Tages nahm er seinen Stiefsohn auf die Veranda und knüpfte eine Schlinge ans Ende eines Seils, genau wie es die Henker im Wilden Westen taten; das kannte Hank aus den Cowboyfilmen und -comics. Dann sagte sein Stiefvater ihm, nun sei er dran, er würde ihn erhängen.

Als der Stiefvater sich umdrehte, um das Seil über einen Balken zu werfen, riss Hank aus: Er lief so schnell er konnte so weit weg wie möglich. Da war er gerade 12 oder 13 Jahre alt. Als er nach einigen Tagen nach Hause zurück kam, wurde er natürlich ganz besonders schlimm ausgepeitscht.

Der andere Aspekt des Familienlebens, der Hank zu schaffen machte, war die erdrückende Armut. Wegen des Alkoholismus des Stiefvaters gelang der Familie nie der wirtschaftliche Aufstieg, sogar beim Essen und bei der Kleidung war alles immer vom Ärmsten. Dies waren die Zeiten des großen ökonomischen Booms in den U.S.A., welcher es selbst einfachsten Arbeiterfamilien, wie jenen von Hanks Freunden, ermöglichte, sich etwas Luxus zu leisten. Nur Hanks Familie schaffte es nicht, sie waren immer bettelarm.

All dies führte bei Hank zu sehr peinlichen psychosomatischen Beschwerden, die er mich gebeten hat, meinen deutschen Lesern nicht näher zu erklären.

Er sagte mir, unser Gespräch sei das erste Mal seit seiner Kindheit in den fünfziger Jahren, dass er einem anderen Menschen davon erzählt habe. Aber er erlaubte mir, Ihnen zu sagen, dass es so etwas gegeben habe – bis er fünfzehn war, und seine Mutter sich vom Stiefvater trennte.

Auch darf ich Ihnen sagen, dass diese psychosomatischen Beschwerden seine ganze Kindheit vergiftet haben. Nie konnte er sich trauen, an solch gewöhnlichen Kindheitsunternehmungen teilzunehmen, wie zum Beispiel die Nacht im Hause eines Freundes zu verbringen oder zelten zu gehen oder ähnliches. Denn dann hätten seine Freunde sein peinliches Problem entdeckt.

Also konnte Hank nie mitmachen, er war immer Außenseiter. Als der terroristische Stiefvater endlich verschwand, verschwanden die psychosomatischen Beschwerden zwar auch – aber dann war er schon fünfzehn und hatte den sozialen Anschluss verpasst. Mit siebzehn hatte Hank genug und reiste nach New York, so weit weg vom südlichen Kleinstadtleben wie nur irgend möglich.

Das war 1962. Die nächsten zwei Jahre war er zeitweilig obdachlos und schlug sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durch, bis er 1964 eingezogen wurde, um in Vietnam den "American dream" zu verteidigen. Die U.S. Army bildete Hank zum Mechaniker aus, und er verbrachte sein Jahr in Vietnam damit, jede auch nur erdenkliche Art von Verbrennungsmotor zu reparieren; vom kleinen Jeep bis zum riesigen Generator.
 
Nach seiner Rückkehr vom Krieg im Juni 1965 heiratete Hank und hatte in schneller Reihenfolge vier Kinder, während er nun besserbezahlte Jobs als Automechaniker fand. 1971 gelang es ihm sogar, einen der begehrten gewerkschaftlich abgesicherten Arbeitsplätze im berühmten New York Department of Sanitation zu ergattern.

Mit anderen Worten, er wurde Müllman – aber in den siebziger Jahren verstand jeder Amerikaner, dass New Yorker Müllmänner keine normalen Müllmänner waren. Damals war das New York Department of Sanitation von der Mafia kontrolliert, die "Müllmänner" verdienten sich goldene Nasen, weil die Gewerkschaften vollkommen von der Mafia unterwandert waren.

Wie gelang Hank dieser soziale Aufstieg?

Seine Schwiegermutter war, sagen wir es höflich, "italienischer Abstammung". Was ja vieles bedeuten kann, nicht wahr?

1971 wurde Hank auch endlich eingebürgert. Dabei hatte er die Gelegenheit, seinen Nachnamen zu ändern – das heißt, den Namen des verhassten Stiefvaters, der ihn als Kind so gequält hatte, endlich abzulegen. Aber er wollte das seinen vier Kindern nicht antun, sie waren alle zwischen zwei und sechs Jahren alt, wie sollte er ihnen das erklären?

Also unterließ Hank es - und bereut das bis heute, sagte er mir.

1972 erzählte Hanks älteste Tochter seiner Ehefrau, dass der Nachbar Fotos von ihr und ihren kleinen Freundinnen machten wollte. Die Mutter besprach das mit den Müttern der anderen Mädchen, und sie gingen als Gruppe zur Ehefrau des Nachbarn. Natürlich kam es zum Eklat, es gab keine Lösung.

Zwar hatte Hanks Stiefvater ihn nie sexuell misshandelt, aber in die gleiche Richtung lief es doch, also konnte Hank diese Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen. Er brach also in das Haus des Nachbarn ein, um die Kamera und möglicherweise die Fotos zu finden. Das gelang ihm nicht – aber "zur Rache", so sagte mir Hank, nahm er einige der Wertgegenstände mit.

"Zur Rache" wofür? - fragte ich Hank, als ich ihn vierzig Jahre später im Gemeinschaftssaal unseres gegenwärtigen Gefängnisses für diesen Blogeintrag interviewte. Schließlich hatte der Nachbar noch keine Fotos von Hanks Tochter und ihren Freundinnen gemacht. Und eine Kamera und andere Fotos fand Hank auch nicht. Also "zur Rache" wofür?
 
Hank wusste die Antwort, aber es fiel ihm schwer, sie zu geben: Rache am eigenen Vater.

Auf jeden Fall gelang es Hank, die Wertgegenstände aus dem Haus des Nachbarn für sechs bis siebentausend Dollar zu verkaufen – eine enorme Summe im Jahr 1972. Das Geld hatte auf ihn dieselbe Wirkung wie eine enorme Ladung Drogen, sagte mir Hank. Wegen des Alkoholismus seines Stiefvaters hatte er selbst es bisher vermieden, sich zu betrinken oder zu kiffen – selbst in Vietnam nicht. Aber die sechs bis siebentausend Dollar waren wie ein "high", das ihn nicht mehr locker ließ.

Mit vier Kindern und einer Ehefrau reichte Hanks Einkommen von New York Department of Sanitation nur für die üblichen wöchentlichen Ausgaben. Sparen konnte er nichts, finanziell trat er auf der Stelle und kam einfach nicht voran. Zwar waren er und seine Familie nicht so bettelarm wie in seiner Kindheit in Danville, aber wirklich entschieden besser ging es ihm in New York auch nicht.
 
Doch das änderte sich nun durch den Überraschungserfolg des eigentlich unabsichtlichen Einbruchs. Plötzlich war Hank zum allerersten Mal in seinem Leben "reich".
 
Im nächsten Teil dieses Blogeintrags erzähle ich die Geschichte von Hanks kurzer aber erstaunlich intensiver krimineller Karriere als professioneller Serieneinbrecher.
Posted by: KS AT 06:46 am   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



 Hier finden Sie eine
Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

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