HomeInformationTV-BerichteBücher von JensKontaktFacebookBlog


  Blog
  • Jens veröffentlicht unregelmäßig neue Blog-Texte. Alle bisherigen Blog-Texte finden Sie in der Liste aller Blogtexte.
  • Gerne können Sie Jens Ihre Kommentare zu den Blogtexten sowie Vorschläge für weitere Themen zukommen lassen unter info (at) jenssoering.de.
    Alle bisher bei uns eingegangenen Leser-Fragen sowie Jens' Antworten darauf finden Sie unter Kontakt->Flaschenpost.
Thursday, 30 December 2010
Ich dachte ich hätte alles, was ich zum Thema "Leiden" zu sagen habe, in meinem ersten Buch bereits gesagt. Doch nach meinen Erlebnissen im Jahr 2010 - ein Jahr des ganz entsetzlich schweren Leidens - kommt es mir nun in den Sinn, mich doch noch einmal mit diesem Thema zu befassen.

Damit möchte ich mich jedoch nicht von meinem ersten Buch irgendwie distanzieren. Ich bin weiterhin der Meinung, dass es gut, wahr und - was mir am wichtigsten ist - für andere Leidende hilfreich ist. Das wurde mir erst vor einigen Tagen wieder bestätigt, als ich einen Brief erhielt von einer Deutschen, die in Japan lebt und dort mit einem Jesuitenpater Zen übt. Sie hatte die deutsche Übersetzung des Buches gelesen: "Wiederhole schweigend ein Wort" (Gütersloher Verlagshaus, 2008). Das englischsprachige Original heißt "The Way of the Prisoner" (Lantern Books, 2003), was soviel bedeutet wie: "Der Weg des Gefangenen". Mir gefällt der englischsprachige Titel besser, er ist eine Anspielung auf "Der Weg des Pilgers", ein Klassiker der mystischen Literatur aus Russland.

Die Mystik, genauer gesagt: eine Art der christlichen Meditation, die in Amerika "Centering Prayer" und in Deutschland "das Gebet der Sammlung/Ruhe" genannt wird, sowie die Kontemplation, sind das eigentliche Thema dieses Buches. Ich gebe eine sehr genaue und vor allem praxisbezogene Anleitung, wie man diese Art der Meditation macht, und verbinde dies mit ausgiebigen Zitaten aus den Klassikern der mittelalterlichen Mystik: Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, "Die Wolke des Unwissens" und viele, viele mehr. Normalerweise werden diese Texte als Literatur gelesen, doch ich lese sie als Gebrauchsanweisungen, wie man meditiert. Und siehe da, sie sind erstaunlich nützlich!

Im letzten Drittel des Buches erzähle ich aus meinem Leben im Gefängnis, um eine Theorie unter Beweis zu stellen. Ich meine nämlich, dass die Meditation und das Leiden - also das Thema dieses Blogeintrags - eng miteinander verwandt sind.

Der Sinn der Meditation, des "Centering Prayer", und des Gebets der Sammlung/Ruhe ist die Kenose, die Selbst-Entleerung. Man übt sich innerlich darin, alle Bindungen an die Welt - die angeblich positiven wie die offensichtlich negativen - loszulassen. Das ist gar nicht leicht und oft sogar schmerzhaft, aber mit der Zeit merkt man, dass all die Dinge, die im Alltag so wichtig zu sein scheinen, tatsächlich gar nicht so wichtig sind. Sie binden einen nur fest, das Hoffen und die Angst, die (weltliche) Liebe und der Hass.

Je mehr man sich während der Meditation darin übt, diese Bindungen einfach ganz leicht und locker von einem wegfließen zu lassen, desto leichter wird es auch im Alltag, entspannter und offener zu werden. Man wird innerlich, gefühlsmäßig frei - was mir als Gefangenem extrem wichtig ist. Diese innere Öffnung erlaubt auch dem Heiligen Geist, in die Seele einzudringen, ein Prozess der im Christentum "Kontemplation" genannt wird.

All dies - die Entspannung, die innere Freiheit, letztlich die Kontemplation - werden nur durch die Selbst-Entleerung möglich: die Kenose. Das "Ich", das in gewissem Sinne unser eigentliches "Gefängnis" ist, muss aus dem Weg geräumt werden. Während jeder Meditationsperiode brechen wir also ein paar Backsteine mehr aus der "Knastmauer" des "Ichs" heraus.

Im dritten Teil meines Buches "Der Weg des Gefangenen" stelle ich die These auf, dass Leiden - wenn man "richtig" leidet! - den gleichen Effekt der Selbst-Entleerung entwickeln kann wie die Meditation, das Gebet der Sammlung/Ruhe. Menschen, die viel leiden müssen, haben deshalb beim Meditieren einen gewissen Vorteil, sie kommen schneller voran.

Am Beispiel meiner Erlebnisse im Gefängnis zeige ich, wie Leiden dieselbe drei-stufige Struktur (körperlich, emotional, intellektuell/existenziell) hat wie der klassische, drei-stufige Prozess der Selbst-Entleerung in der Meditation, dem Gebet der Sammlung/Ruhe. Hinweise darauf findet man zuhauf in der mystischen Literatur, den oben erwähnten Klassikern von Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, und so weiter - nur wurde dieser Aspekt kaum beachtet. (Letzteres ist allerdings weniger überraschend, denn die handfesten Tipps zur Meditation in diesen Texten werden auch immer übersehen - man liest sie nur als Literatur.) Die alte Weisheit, die ich im dritten Teil meines Buches wiederentdecke und auffrische, ist also: Leiden muss nicht nur etwas Negatives sein, es kann auch von Nutzen sein, wenn das Leiden zur Kenose führt - wenn man "richtig" leidet.

Wie leidet man "richtig"? Dazu gebe ich Tipps, die sich am Bild der Kreuzigung Jesu orientieren: Man sollte versuchen, bereitwillig, bewusst und altruistisch zu leiden. In gewisser Weise muss man das Leiden "umarmen" - nicht widerwillig sondern mit offenen Augen, und wenn nur irgendmöglich mit der Absicht, anderen dadurch irgendwie zu helfen. Das ist natürlich wahnsinnig schwer, denn man muss unbedingt auch ehrlich bleiben, man darf das Leiden nicht zu etwas "Gutem" verklären. Leiden ist schmerzhaft und schrecklich, es ist auf keinen Fall "gut"! Wenn irgendmöglich sollte Leiden vermieden werden, sonst ist man Masochist. Doch wenn Leiden völlig unvermeidbar ist, dann kann man dem Leiden etwas wirklich Gutes abgewinnen und auf diese Weise einen kleinen Sieg darüber gewinnen.

Davon handelt also "Der Weg des Gefangenen", mein erstes Buch, jenes von dem ich dachte, es enthielte alles, was ich zum Thema "Leiden" zu sagen habe. Doch das Jahr 2010, das sich nun seinem Ende nähert (ich schreibe diese Zeilen am 29. November), war dermaßen entsetzlich, dass ich das Bedürfnis habe, mich noch einmal zum Leiden zu äußern.

Was dieses Jahr 2010 so schrecklich machte, ist, dass ich im Januar beinahe nach Deutschland überstellt und letztlich aus der Haft entlassen worden wäre - nach 24 Jahren hinter Gittern. Diese Website hat eine Seite, die sich mit der Haftüberstellung befasst, dort können Sie alle Details lesen. Am 12. Januar unterschrieb Gouverneur Timothy Kaine einen Brief an den US-Generalstaatsanwalt Eric Holder, in dem er ihn offiziell dazu aufforderte, mich nach Deutschland zu überstellen. Am 16. Januar trat der neue Gouverneur von Virginia, Robert McDonnell, das Amt an. Und am 19. Januar, seinem ersten Arbeitstag (Montag, der 18. Januar, war ein Feiertag), als eine seiner ersten Amtshandlungen, richtete Gouverneur McDonnell einen Brief an US-Generalstaatsanwalt Holder, in dem er die Aufforderung seines Vorgängers, mich nach Deutschland zu überstellen, zurückzog.

So etwas war in der 234-jährigen Geschichte des Bundesstaats Virginia noch nie geschehen: Ein Gouverneur nahm den Gnadenakt seines Vorgängers rückwirkend zurück. Meine Anwälte waren darauf nicht vorbereitet, weil so etwas noch nie vorgekommen war! Wenn der neue Gouverneur prinzipiell etwas gegen Haftüberstellungen gehabt hätte, dann hätte er einen neuen Gesetzesentwurf beim virginianischen Parlament einbringen können, um das zukünftig zu verbieten - das wäre eine "normale" politische Reaktion gewesen. Doch was er dann mit mir tat, war - jedenfalls bis dahin - unvorstellbar gewesen.
   
Gleichzeitig mit dem Brief, der meine Haftüberstellung platzen ließ, erließ der neue Gouverneur am ersten Tag im Amt eine weitere Anordnung: Herr McDonnell befahl, dass alle Raststätten auf Virginias Autobahnen, die sein Vorgänger Herr Kaine wegen der Haushaltskrise am Ende seiner Amtszeit schließen ließ, nun wieder geöffnet würden. In Herrn McDonnells Augen war mein Leben, meine Freiheit also etwa so wichtig wie öffentliche Toiletten.
 
Mir wurde später gesagt, dass diese beiden Entscheidungen Robert McDonnells teils persönliche Rache an, teils ein politischer Angriff auf Timothy Kaine waren. Während der Amtszeit Gouverneur Kaines war Bob McDonnell der Generalstaatsanwalt Virginias, und die beiden Politiker entwickelten eine tiefe gegenseitige Abneigung aufeinander. Außerdem war Kaine nicht nur der Gouverneur Virginias sondern auch noch der Parteivorsitzende der Demokratischen Partei, also einer von Präsident Barack Obamas wichtigsten Alliierten bei den kommenden Kongresswahlen im November 2010. Der Republikaner McDonnell konnte es sich anscheinend nicht entgehen lassen, dem - auch persönlich verhassten - Demokraten Kaine kräftig vors Schienenbein zu treten.

Mit mir. Ich war der Tritt gegen Kaines Schienenbein. Ich und die öffentlichen Toiletten.

Was mir im Laufe des Jahres 2010 so große Schwierigkeiten bereitet hat, ist, dass das alles so völlig unnötig war. Gouverneur McDonnell hätte seinen Vorgänger Kaine auch auf andere Weise politisch angreifen können, oder meinetwegen auf gleiche Weise (also mit mir) - aber nur verbal, ohne meine Überstellung rückgängig zu machen. Er hätte meine Zukunft nicht zerstören müssen, nichts zwang ihn dazu!

Damit unterscheidet sich meine jetzige Inhaftierung - also nach der geplatzten Haftüberstellung - von den fast 24 Jahren Haft davor. Letztlich war die gesamte Zeit von meiner Verhaftung am 30. April 1986 bis zu Gouverneur Kaines Anordnung der Haftüberstellung am 12. Januar 2010 irgendwie verständlich. Denn ich hatte ja widerrechtlich die tatsächliche Mörderin Elizabeth Haysom geschützt und die Polizei belogen! Natürlich sind 24 Jahre Haft für so etwas völlig überzogen; nach amerikanischem Recht war das, was ich tatsächlich tat, nur ein Vergehen, kein Verbrechen, und hätte mit nur einem Jahr Haft bestraft werden sollen. Doch es leuchtet mir ein, dass eine atemberaubende Dummheit wie meine zu 24 Jahren Haft führen kann. In gewissem Sinne war das unvermeidbar. Ich hatte es mir selber eingebrockt.

Doch das, was Gouverneur Robert McDonnell mir am 19. Januar 2010 angetan hat, ist etwas anderes. Das war nicht eine Folge meiner Dummheit 1985/1986. Es folgte nicht irgendwie "zwingend" auf das Vergehen, das ich als 18-Jähriger beging. Meine Inhaftierung seit dem 19. Januar 2010 war und ist vermeidbar, unnötig.

Diese Vermeidbarkeit, diese Unnötigkeit meines jetzigen Leidens nimmt dem Leiden seine Würde, seinen Sinn. In meinem Buch "Der Weg des Gefangenen" schrieb ich davon, wie man unvermeidbares Leiden so akzeptieren kann, dass es dem Prozess der Selbst-Entleerung, der Kenose dient. Dadurch könne man dem Leiden Sinn geben, man kann einen kleinen Sieg darüber gewinnen.

Und das ist auch alles wahr - bei unvermeidbarem Leiden, also Leiden, dem man sich stellen muss. Nur Idioten oder Masochisten streben nach Leiden, solcher Unfug hat mit Selbst-Entleerung und Kenose nichts zu tun. Nie würde ich jemandem raten, absichtlich zu leiden, weil ihn das zu einem "besseren" Menschen macht! Wenn irgendmöglich sollten Leiden vermieden werden.

Und das ist es, was mich jetzt so schmerzt: Mein gegenwärtiges Leiden hätte spielend leicht vermieden werden können, im Januar! Es ist also das, was Amerikaner "bullshit" nennen: absurder Quatsch, Unfug, Dreck.

Für mich ist das eine neue Form des Leidens: Leiden, das ich nicht irgendwie auf meine eigene Dummheit zurückführen kann, das letztlich nicht für mich verständlich ist. "Bullshit"-Leiden eben. Seit dem 19. Januar 2010 ist mein Leben "bullshit". Und ich muss Ihnen gestehen: Ich weiß nicht, wie ich damit fertig werden soll. "Der Weg des Gefangenen" hilft mir nicht mehr. Ich fühle mich...verloren.
Posted by: BF AT 08:00 am   |  Permalink   |  Email
Thursday, 23 December 2010
Am 28.11.2010 veröffentlichte die Internetplattform WikiLeaks Hunderttausende diplomatische Fernschreiben, Protokolle und Memos des U.S. State Department, dem amerikanischen Auswärtigen Amt. Diese Dokumente enthielten unter anderem abschätzige und beleidigende Bewertungen anderer Staatsoberhäupter, darunter dem englischen, französischen, italienischen und russischen. Auch wurden US-Diplomaten angewiesen, ihre internationalen Kollegen zu bespitzeln: Kreditkarten- und Handynummern anderer Diplomaten sollten gesammelt werden, sowie Fingerabdrücke auf Cocktailgläsern und sogar Haarproben.

In den amerikanischen und europäischen Medien wurde all dies als peinlicher Skandal beschrieben. Bezeichnenderweise hat sich die US-Außenministerin Hillary Clinton jedoch nicht für die Unverschämtheiten in den diplomatischen Papieren entschuldigt. Statt dessen verwies sie darauf, dass diese Dokumente für den internen Gebrauch der US-Regierung verfasst wurden, die Beleidigungen also nie die Ohren ihrer Opfer erreichen sollten. Und natürlich rief sie zu größerer Geheimhaltung auf und kritisierte WikiLeaks Mitbegründer Julian Assange.

Kurz danach stellte Interpol einen internationalen Haftbefehl für Assange aus, weil ihm in Schweden ein Sexualverbrechen vorgeworfen wird. Und Amazon, auf dessen Servern die WikiLeaks-Plattform gespeichert wurde, erteilte der Enthüllungswebsite einen Platzverweis: Ab sofort müsse WikiLeaks einen anderen Hostcomputer finden.
Alles klar? Von wegen!

Ich lebe seit fast 25 Jahren im Gefängnis, der perfektionierten totalitären Gesellschaft. Hier gibt es Menschen, die absolute Macht haben und Untermenschen, die ihnen völlig ausgeliefert sind. Weil es vergleichsweise wenige Herrscher und eine Überzahl Untermenschen gibt, müssen die Herrscher Gewalt und Manipulation anwenden, um Kontrolle auszuüben. Menschen, die so etwas interessiert – und ich bin einer von ihnen -, können im Gefängnis ganz genau beobachten, wie eine Minderheit effektiv und effizient eine Mehrheit knechten kann. Dafür gibt es Methoden und Prozeduren!

Und diese totalitären Methoden und Prozeduren, die man sozusagen "sauber" im Labor des Gefängnisses studieren kann, werden natürlich auch in Ihrer Welt, der angeblich freien, angewandt. Denn auch bei Ihnen herrscht ja eine verschwindend kleine Minderheit über eine riesige Mehrheit, durch Gewalt und Manipulation – genau wie bei uns. Nur ist das in Ihrer Welt nicht ganz so offensichtlich, weil es bei Ihnen mehr Ablenkungen von der brutalen Realität gibt. Sie sehen Ihre „Gefängniswächter“ nicht, weil Sie so viel Kabelfernsehen und Internetklimbim haben. Aber Gefangene sind Sie auch.

Davon handelt ja dieser Blog: Von der Idee, dass meine und Ihre Welt gar nicht so anders sind, dass die gleichen Kontrollmechanismen in beiden Welten angewandt werden. Mein erster Blogeintrag zum Beispiel beschrieb die Parallelen zwischen Hartz-IV Regelsatzangleichungen und Knastjobs; dann kamen noch Einträge über Überwachungskameras und Hunger. Wieder andere Einträge beschrieben die propagandistische Begleitung und Unterstützung der Kontrollmechanismen: Die Darstellung von Kriminalität und Verbrechen in den Medien, in Kürze werden Sie etwas über die Opferschutzbewegung lesen können und so weiter und so fort.

Doch all dies sind sozusagen interne Beispiele meiner These, sie finden alle innerhalb einer Gesellschaft statt. In diesem Blogeintrag möchte ich einen neuen Gedanken aufgreifen: Auch internationale Beziehungen laufen über dieselben Kontrollmethoden und -prozeduren wie im Gefängnis. Selbst auf diplomatischer Ebene, zwischen Staaten, gibt es eine mächtige Minderheit, die durch Gewalt und Manipulationen eine machtlose Mehrheit knechtet. Und die dazu eingesetzten Vorgehensweisen sind genau dieselben, die die Gefängniswächter hier bei mir hinter Gittern anwenden.

Darum dreht es sich meiner Meinung nach bei der angeblichen WikiLeaks-"Enthüllung". Mit den Gänsefüßchen will ich andeuten, dass es gar keine tatsächliche Enthüllung gab: Das war Absicht, das war Methode. Und ich habe diese Methode schon so oft im Gefängnis beobachtet.

Erlauben Sie mir, Sie in die Geheimnisse effektiver und effizienter Knechtung einzuweisen.

An erster Stelle kommt natürlich Gewalt. Sie ist immer notwendig, doch sollte sie so selten wie möglich eingesetzt werden, denn letztlich ist Gewalt ineffizient und gefährlich. Per definitionem sind die Herrscher in der Minderheit, also können sie gar nicht alle Mitglieder der unterworfenen Mehrheit direkt, durch Gewaltanwendung, kontrollieren. Die Herrscher können immer nur einzelne Sklaven niedermachen, indem sie ihre Kräfte vorübergehend konzentrieren. Dafür müssen die Herrscher jedoch anderswo kurzfristig Kräfte abziehen, was dort dann die Kontrolle, die Machtausübung gefährdet. Deshalb sollte Gewalt nur als Ultima Ratio eingesetzt werden.

Viel, viel effizienter und letztlich auch effektiver ist die Androhung von Gewalt. Mit der Drohung von Gewalt können Herrscher unvergleichbar viel mehr Untermenschen in Schach halten als mit tatsächlicher Anwendung von Gewalt. Damit die Sklaven aber auch wirklich Angst haben, muss die Drohung natürlich glaubhaft sein – weshalb es gelegentlich absolut notwendig ist, Gewalt tatsächlich auszuüben. Jedes Mitglied der unterworfenen Mehrheit muss überzeugt werden: Die Gewalt kann jederzeit auch mich treffen! Dieses Gefühl der Unsicherheit ist ein besonders effektiver Kontrollmechanismus, weil Menschen die Unsicherheit kaum ertragen können. Um sich davor zu retten, werden fast alle Knechte sich den Befehlen der Herrscher mit vorauseilendem Gehorsam unterwerfen.

Ausnahmen gibt es allerdings immer, was natürlich für die Herrscher sehr gut ist. Ungehorsame Untermenschen liefern den Herrschern nämlich die Gelegenheit, ein Exempel zu statuieren, die Androhung der Gewalt glaubhaft zu machen und die Mehrheit der Sklaven einzuschüchtern. So wichtig ist diese öffentliche, gewalttätige Abstrafung unfolgsamer Knechte, um die Kontrolle der Minderheit über die Mehrheit zu festigen, dass die Herrscher "ihre" Rebellen und Kriminellen gelegentlich sogar erfinden müssen. Der Masse der Untermenschen muss immer wieder und wieder beigebracht werden: Wenn ihr euch nicht benehmt, werdet ihr genauso niedergemacht wie diese Bösewichte!

Diese Lektion erteilt man am besten dadurch, dass die Gewaltanwendung ganz unverhältnismäßig ist. Sie sollte viel brutaler als eigentlich notwendig sein, wirklich schockierend und schrecklich. Das jagt den Sklaven richtig große Angst ein!

Auch ist es sehr hilfreich, nicht alle Details der Abstrafung publik werden zu lassen. Angst hat nämlich viel mit Vorstellungskraft und Fantasie zu tun: Man stellt sich vor, was kommen könnte. Aus der Perspektive der Herrscher ist es also gut, die Knechte nicht alles wissen zu lassen, damit sie sich so richtig schön ausmalen können, wie fürchterlich und grausam die Ungehorsamen büßen müssen. Dabei ist es dann hilfreich, Gerüchte zu säen, um den Angstfantasien Nährstoff zu geben. Man könnte zum Beispiel über WikiLeaks... aber nein, da eile ich voraus!

Also, das Obige war die Theorie der Knechtung, wenden wir uns nun ein paar konkreten Beispielen zu. In meinem Gefängnisabteil gab es vor einigen Tagen eine Schlägerei zwischen zwei Insassen, die eine Intervention der sogenannten "tactical unit", der Eingriffstruppe der Wächter, auslöste. Urplötzlich waren 15 bis 20 behelmte Hünen mit Schildern, Schlagstöcken und Pfefferspray da und schlugen die zwei kämpfenden Insassen zu Boden. Pfefferspraywolken waberten durchs ganze Abteil, es wurde laut geschrien und herum gerannt, die zwei unfolgsamen Sklaven wurden an Hand und Fuß in Ketten gelegt und obwohl sie sich gar nicht mehr wehrten, wurden sie von je sechs Herrschern aus dem Abteil herausgetragen.

So etwas habe ich seit einigen Jahren nicht so direkt und hautnah miterlebt – wie gesagt, Gewalt wird selbst im Gefängnis überraschend wenig angewandt. Das Ganze war ja auch für die Herrscher gefährlich, denn um so viel Macht auf dieses eine Abteil zu konzentrieren, mussten Wächter aus allen anderen Abteilen des Gefängnisses abgezogen werden. All zu oft dürfen die Herrscher so etwas nicht riskieren!

Das wirklich Wichtige an diesem Einsatz der "tactical unit" war jedoch nicht, diesen einen Kampf zwischen zwei Insassen zu unterbrechen, sondern: Ein Exempel zu statuieren, um uns Untermenschen Angst einzujagen. Durch diesen einen Einsatz wurden die anderen 50 bis 60 Mann in diesem Abteil sehr effektiv eingeschüchtert und unter Kontrolle gebracht. Das ist effizient!

Die Unverhältnismäßigkeit der Gewaltanwendung – 15 bis 20 Wächter für 2 Insassen – war ein wichtiges Bestandteil des Erfolgsrezepts, sowie auch die Tatsache, dass die beiden Ungehorsamen sofort weggebracht wurden. Nachdem die Tür zum Abteil sich hinter ihnen schloss, konnten wir anderen gar nicht sehen, was den zwei Kämpfern sonst noch angetan wurde. Wie lange blieben sie in Ketten gelegt, bis ihnen die Gelegenheit gegeben wurde, das ätzende Pfefferspray aus ihren Augen zu waschen? Wurden sie in den Strafzellen noch einmal vermöbelt, oder ließ man sie allein? Solche Fragen sollten wir uns stellen, das ist ein Teil der totalitären Methode.

Nun ein Beispiel aus Ihrer Welt: Die Bürgerproteste beim Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21". Was ist das Wichtigste daran? Dass der Einsatz von unverhältnismäßiger Gewalt – Wasserkanonen, Pfefferspray, Schlagstöcke – im Fernsehen gezeigt wird! Sie, alle Bürger Deutschlands, sollen das sehen. Aus der Sicht der Herrscher ist es gut, dass Sie sich entrüsten und das alles mit Ihren Freunden durchsprechen, immer wieder und wieder. Was letztlich hängen bleiben wird, ist nämlich die Angst: In Zukunft werden Sie und Ihre Freunde es sich sehr genau überlegen, ob Sie bei ähnlichen Protesten in Ihrer Stadt mitmachen werden. Denn Pfefferspray ätzt schrecklich!

Und jetzt ein Beispiel aus der internationalen Arena: der Irakkrieg. Natürlich war der eigentliche Kriegsgrund nie die vorgebliche Gefahr der Massenvernichtungswaffen, das ist seit Jahren bekannt. Was vielleicht in Deutschland weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass bereits 2003 – also schon vor Kriegsbeginn – in den USA ganz öffentlich die Idee besprochen wurde, dass man die gesamte islamische Welt zum vorauseilenden Gehorsam zwingen könnte, indem man ein einziges arabisches Land angreift und besetzt. Dabei zitieren die Amerikaner sogar ein arabisches Sprichwort: "Schlag den Hund um seinem Eigentümer Angst einzujagen".

Um diese Strategie durchzuführen, hätte eigentlich jedes beliebige arabische Land dienen können. Doch man wählte den Irak, weil er so schwach zu sein schien, und weil man das Schreckgespenst der Massenvernichtungswaffen an die Wand malen konnte. Das war ein schrecklicher Irrtum: Wie oben erwähnt, ist tatsächliche Gewaltanwendung ein ineffizienter und gefährlicher Kontrollmechanismus.

Viel effektiver ist die Androhung der Gewalt und so gesehen war der Irakkrieg trotz allem ein Erfolg für die USA. Seitdem riskiert nämlich kein anderes arabisches Land, die Wut dieser durchgedrehten, schießwütigen Amis auf sich zu ziehen. Um zu vermeiden, der nächste Saddam Hussein zu werden, kooperieren alle arabischen Staatsoberhäupter, ausnahmslos, mit dem CIA und dem US-Militär. Sie sind durch den Irakkrieg eingeschüchtert worden – genau wie wir Gefangenen durch den massiven Einsatz der "tactical unit" in meinem Abteil.

Doch Gewalt und die Androhung der Gewalt sind nur das Fundament, die Ecksteine der effektiven Knechtung. Um eine versklavte Mehrheit über längere Zeiträume in Schach zu halten, muss die herrschende Minderheit viele andere Kontrollmechanismen einsetzen. Mich fasziniert die Vielfalt dieser Methoden: Hoffnung, Liebe, Sex, Gott, alles kann eingesetzt werden und wird auch tatsächlich eingesetzt, um die Untermenschen zu unterwerfen. Doch in diesem Blogeintrag möchte ich mich auf die absichtliche Beleidigung konzentrieren, denn darum dreht es sich meiner Meinung nach bei der angeblichen WikiLeaks-Enthüllung der amerikanischen diplomatischen Papiere.

Um Sklaven zu halten, muss man sie ständig erniedrigen. Man muss sie immer wieder und wieder wissen lassen, dass sie schwach und machtlos sind und sich von ihren Herrschern alles gefallen lassen müssen. In dieser Hinsicht ist es sogar hilfreich, wenn die Knechte ihre Herrscher etwas hassen; denn der Hass ist ja ein Zeichen dafür, dass sie sich ihrer Machtlosigkeit bewusst sind.

Meistens sollte diese Erniedrigung nicht zu weit getrieben werden, damit der Hass der Untermenschen nicht überschäumt und zur konkreten Auflehnung gegen die Herrscher führt. Doch selbst wenn so etwas doch einmal passiert, bietet das bloß eine weitere Gelegenheit zur demonstrativen Gewaltanwendung. Herrscher wissen alles zu nutzen.

Im Gefängnis wird diese Methode tagtäglich angewandt. Zum Beispiel werden wir Insassen viermal am Tag in den Zellen gezählt und müssen dazu aufstehen. Es gibt eigentlich gar keinen Grund, warum wir aufstehen müssen – zählen könnte man uns auch während wir sitzen oder liegen – aber die vier Zählungen bieten vier Gelegenheiten, uns zum widerwilligen Gehorsam zu zwingen. Es ist gut für die Menschen, dass wir Sklaven uns viermal täglich darüber ärgern, aufstehen zu müssen. Unser Ärger erinnert uns daran, dass wir Sklaven sind und gehorchen müssen.

Ähnlich ist es mit der Anrede. Wir Insassen werden von den Wärtern immer nur mit Nachnamen angesprochen. „Söring, kommen Sie mal her!“ Doch wir müssen die Wärter mit "Mr." oder mit dem Dienstgrad ("Sergeant" oder "Lieutenant" oder was auch immer) ansprechen. In unseren Augen ist das jedes Mal eine Beleidigung, eine Erniedrigung! Aber wir nehmen es zähneknirschend hin – und werden auf diese Weise an unsere Versklavung gewöhnt. Gerade dieses Herunterschlucken des eigenen Ärgers ist es, was uns knechtet – und das ist es, was die Herrscher durch solche absichtlichen, kleinen Beleidigungen erzeugen wollen.

Genau daran dachte ich, als ich von der WikiLeaks-Veröffentlichung der amerikanischen diplomatischen Papiere hörte. In diesen Tagen geht es David Cameron, Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi genau wie mir! Sie werden öffentlich gedemütigt als "Leichtgewicht", "Kaiser ohne Kleider", und "nutzlos, eitel und ineffektiv" - doch sie dürfen keine Entschuldigung fordern, sie können nicht zurückschimpfen oder sonstwie ihrer Wut Ausdruck verschaffen. Stattdessen werden sie alle Präsident Obama beim nächsten Gipfeltreffen ins Gesicht lächeln müssen und so tun, als ob alles in Ordnung sei. Sie müssen es! Denn Obama ist der Herrscher, und sie sind die Knechte. Ganz wie bei mir im Gefängnis.

Mit der WikiLeaks-Veröffentlichung ist den Amerikanern also ein großer Coup gelungen. Der ganzen Welt haben sie wieder einmal gezeigt, wer wirklich Macht hat – und wer nicht. Nur die Vereinigten Staaten können die Staatsoberhäupter anderer Länder reihenweise, sozusagen en masse, ohrfeigen – ohne sich dafür entschuldigen zu müssen! Denn genialerweise wurde WikiLeaks nicht nur die Datei mit den diplomatischen Papieren, sondern auch die Verantwortung zugespielt. Außenministerin Clinton kann sich deshalb sogar in die Opferrolle werfen und die selben Staatsoberhäupter, die ihre Diplomaten beleidigt haben, um Verständnis und Mitgefühl bitten. Einfach schrecklich, dieser Geheimnisverrat!

Sie meinen, es gäbe keine Hinweise darauf, dass dies alles Absicht war? Da bin ich anderer Meinung!
  • Erstens muss man bedenken, wer öffentlich beleidigt wurde – und wer nicht. Zum Beispiel gab es über das chinesische Staatsoberhaupt Hu Jintao anscheinend kein einziges kritisches Wort in den gesamten 250.000 Dokumenten, die WikiLeaks überreicht wurden. Wenn man sich überlegt, wie geradezu besessen die Amerikaner heutzutage von der gefährlich wachsenden Macht der Chinesen sind, muss einen dieser Umstand schon recht nachdenklich stimmen.
    Interessanterweise wurde übrigens auch die Regierungschefin des in amerikanischen Augen mächtigsten Landes in Europa fast überhaupt nicht beleidigt: "Selten kreativ" war anscheinend das Schlimmste, was US-Diplomaten zu Bundeskanzlerin Angela Merkel einfiel. Die wirklich üblen Verleumdungen wurden an die Staatsoberhäupter zweitrangiger Länder gerichtet. Wie sagten es die Amerikaner 2003 bei den Vorbereitungen zum Irakkrieg? "Schlag den Hund um seinem Eigentümer Angst einzujagen!" Mit anderen Worten: "Frau Merkel, wenn Sie nicht spuren, ohrfeigen wir Sie genauso öffentlich, wie wir es mit den Herren Cameron, Sarkozy und Berlusconi taten!"
  • Zweitens sehe ich in der Qualität der bei WikiLeaks veröffentlichten State Department Depeschen einen weiteren Hinweis darauf, dass die „Enthüllung“ geplant wurde. Von den 250.000 diplomatischen Papieren waren nämlich nur 15.000 als "geheim" eingestuft, und bloß 4.300 als "streng geheim". Ganz offensichtlich wurde rigoros vorsortiert, was WikiLeaks bekam – und was nicht.
  • Drittens ist es doch mehr als verdächtig, dass das US-Militär uns glauben machen will, dass wieder einmal ein einfacher Gefreiter namens Bradley Manning an allen drei großen WikiLeaks-"Enthüllungen" ganz allein Schuld sei: den Irakkrieg-Dokumenten, den Afghanistankrieg-Dokumenten und nun den State Department-Dokumenten. Haben wir diese Geschichte nicht schon einmal gehört? Ach ja, beim Abu Ghraib-"Skandal" – auch da waren es angeblich nur ein paar Gefreite und Feldwebel, die alles ganz allein taten, ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten. Wer´s glaubt, wird selig.
Natürlich beweisen die drei obigen Argumente noch lange nicht, dass die WikiLeaks-Veröffentlichung absichtlich geschah, um amerikanische Macht zu beweisen und Staatsoberhäupter quer durch die Welt daran zu erinnern, wer Herrscher ist und wer Knecht. Es könnte alles Zufall gewesen sein! Schließlich wusste der Eingreiftrupp der Wächter in meinem Gefängnis auch nicht, dass sich an jenem Tag zwei Insassen in meinem Abteil prügeln würden, womit sich dem Eingreiftrupp die Gelegenheit bot, die beiden ganz schrecklich zu verprügeln und die anderen Männer im Abteil dadurch einzuschüchtern. Auch dieser Zwischenfall war in gewisser Weise ein Zufall.

Was jedoch kein Zufall war, das war die Art und Weise, in der die Herrscher diesen Zufall ausnutzten, um Angst zu verbreiten und ihre Macht über uns Sklaven auszuweiten. So ist es bei uns im Gefängnis, so ist es bei Ihnen in der "freien" Welt.
Posted by: AB AT 08:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 15 December 2010
Einer meiner ersten Blogeinträge (B6 - Terrorismusprozess in Stuttgart-Stammheim: Sind Terroristen wirklich nur gewöhnliche Verbrecher?) handelte von dem Terrorismus-Prozess ehemaliger RAF-Mitglieder und meinen eigenen Erfahrungen mit irischen, arabischen, indischen und ceylonesisch Terroristen im "A secure" Abteil der Haftanstalt "H.M.P. Brixton" Ende der achtziger Jahre. Heute möchte ich auf das Thema "Terrorismus" zurück kommen, weil mein gegenwärtiger Zellenmitbewohner gerade im Begriff ist, der sogenannten "Nation of Islam" beizutreten. Ich kann also aus naher Sicht beobachten, wie ein relativ netter und friedlicher Mensch radikalisiert wird. Und wie hilflos ich dabei bin, diesem Prozess entgegen zu wirken.

Gleich vorweg möchte ich sagen, dass die "Nation of Islam" (N.O.I.) keine terroristische Organisation ist, sondern eine schwarz-amerikanisch politisierte Form des Islam, die heutzutage meistens friedfertig ist. Ursprünglich, also in den sechziger Jahren, war die N.O.I. allerdings ziemlich gewalttätig, nicht nur im bewaffneten Kampf gegen das verhasste "weiße Amerika", sondern auch in internen Machtkämpfen. Der Gründer Malcolm X wurde durch eine Verschwörung seiner Rivalen getötet. Heutzutage führt Louis Farrakhan, der sich gerne "Minister" nennen lässt, die N.O.I.

Vor einigen Jahren organisierte Minister Farrakhan den in Amerika berühmten "Million Man March" auf Washington D.C., um schwarze Männer dazu aufzurufen, stolz auf sich selber zu sein, ihre Frauen und Kinder besser zu behandeln, ehrlicher Arbeit statt Kleinverbrechen nachzugehen und so weiter. Das hörte sich für weiße Ohren so gut an, dass man schnell vergaß, dass uniformierte  N.O.I.-Verbände in den schwarzen Gettos großer amerikanischer Städte völlig offen massive Einschüchterungskampagnen  gegen asiatische Ladenbesitzer führen, um sie zum Auszug zu zwingen. Schwarze sollen völlig unter sich bleiben, die "weißen Teufel" (und gelben wohl auch) müssen vertrieben werden!

In den Gefängnissen der Vereinigten Staaten ist die N.O.I. natürlich auch vertreten. Dort führt sie sich auf wie viele andere Gruppen von Gefangenen, die kaum einen anderen Zweck haben, als rivalisierende Gruppen zu bekämpfen. Bei den Gangs sind es die "Bloods" gegen die "Crips", bei den religiösen Insassen sind es die sunnitischen Muslime gegen die N.O.I.-Mitglieder und so weiter. Auch die hispanischen Häftlinge sind in solchen, sich gegenseitig bekriegende Gruppen zersplittert. "Eme" gegen "MS13", zum Beispiel. Und alle, die schwarzen und die braunen und sogar die gelben, alle sind sie gegen die wenigen paar Weiße, die sich ins Gefängnis verirrt haben. Denn laut dem Statistikamt des U.S.-Bundesjustizministeriums ist die Bevölkerung der Justizvollzugsanstalten zu zwei Dritteln farbig.

Zwei meiner besten Freunde in meinem vorherigen Gefängnis - dem Brunswick Correctional Center, das ich in meinem Buch "Ein Tag im Leben des 179212" (Gütersloher Verlagshaus, 2008) beschrieb - waren ehemalige Mitglieder der N.O.I. Beide Männer hatten viele, viele Jahre in dieser Gruppe verbracht, waren sogar in Führungspositionen aufgestiegen. Doch mit der Zeit erkannten sie, dass die N.O.I. "spirituelles Gift" sei - so nannten sie es jedenfalls. Sie sagten mir, die N.O.I. sei eigentlich nichts anderes als ein schwarzer Ku-Klux-Klan. Bei dem berühmt-berüchtigten KKK wird Hass auf alles Schwarze in pseudoreligiöser Weise geschürt, mit brennenden Kreuzen und so weiter. Und bei der N.O.I. sei es genau so, bloß sei die Religion und die zu hassende Hautfarbe anders.

Wenn es draußen regnet, meint das KKK-Mitglied, die Schwarzen seien Schuld am schlechten Wetter. Wenn es draußen schneit, meint das N.O.I. Mitglied, dass die Farbe des Schnees ein weiteres Zeichen der weißen Verschwörung gegen alles Farbige ist. So sehen es jedenfalls meine beiden Freunde, die ehemaligen N.O.I.-Mitglieder, beziehungsweise Führer.

Übrigens habe ich auch heute Bekannte, die N.O.I.-Mitglieder sind und andere, die dem sunnitischen Islam angehören (und die einander hassen!). Glücklicherweise bin ich nämlich kein "echter" Weißer, denn ich bin ja kein Mitglied des "weißen Amerikas", sondern Deutscher. Deutsche sind keine Rassisten, sagen mir die inhaftierten N.O.I.-Mitglieder und die Sunniten, weil jeder schwarze Gefangene mindestens ein Familienmitglied hat, das irgendwann auf einer U.S.-Militärbasis in Deutschland stationiert war und von der überaus großen Freundlichkeit der "German Fräuleins" schwärmt. An alle diese "German Fräuleins" richte ich hiermit ein herzliches "Dankeschön", ihr Ruf hat mein Leben im Gefängnis sehr viel weniger gefährlich gemacht!

Bei meinen Gesprächen mit meinen Bekannten unter der N.O.I. und den Sunniten habe ich einen Eindruck davon gewinnen können, wie sie die Welt sehen. Und die Männer, die ich kennen gelernt habe, sind in der Tat von Hass getrieben. Aus meiner Erfahrung hinter Gittern darf man natürlich keine Schlüsse ziehen über die N.O.I und den sunnitischen Islam in Ihrer Welt, der freien. Es ist sehr gut möglich, dass der Hass, den ich wiederholt beobachtet habe, nur bei den inhaftierten Angehörigen dieser Religionen zu finden ist.

Die letztere Hypothese ist möglich - aber ich muss fairerweise darauf hinweisen, dass es auch gegenteilige Beweise gibt, nämlich die vielen schwarzen Häftlinge, die Christen sind. Sie hatten und haben unter dem offensichtlichen und real existierenden Rassismus des "weißen Amerika" nicht weniger gelitten als die schwarzen Insassen, die dem sunnitischen Islam und der N.O.I. beitraten. Doch die schwarzen Christen sind keineswegs vom Hass auf alles Weiße getrieben, ganz im Gegenteil. Der wöchentliche christliche Gottesdienst ist so ungefähr der einzige Ort im Gefängnis, wo Schwarze und Weiße sich nicht automatisch und sofort in separate Gruppen trennen, sondern sich demonstrativ vermischen. Es geht also sehr wohl anders.

Aber - wiederum fairerweise - muss gesagt werden, dass Hass auf das "weiße Amerika" eine völlig verständliche Reaktion ist, wenn man -wie ich (siehe oben!)- kein Mitglied der herrschenden Rasse ist und sich in die Lage der schwarzen Brüder der USA hineinversetzt. Die Vereinigten Staaten sind eine zutiefst rassistische Gesellschaft, die sich ihrer Vergangenheit nie gestellt hat: In der Hauptstadt Washington D.C. gibt es ein "Holocaust Museum", das dem deutschen Massenmord an den Juden gedenkt, aber keine Gedenkstätte für den Massenmord, die Verschleppung und Versklavung schwarzer Amerikaner durch weiße. Alle Schwarzen, selbst die völlig ungebildeten, die mit mir im Gefängnis sitzen, nennen das, was ihren Vorfahren angetan wurde, einen "Holocaust". Nur dürfen sie das nie öffentlich sagen, weil dann sofort der große Aufschrei der Weißen kommt, die sich vor Forderungen nach finanzieller Wiedergutmachung fürchten. Also herrscht ein riesengroßes Schweigen, damit die schreckliche historische Wahrheit nie beim Namen genannt werden muss - ein Phänomen, das gerade uns Deutschen bestens bekannt ist.

Weil die Wahrheit verschwiegen und verheimlicht wird, treibt der Rassismus immer neue Blüten. Oben erwähnte ich bereits, dass zwei Drittel der U.S.-Gefängnisbevölkerung farbig ist. Auch die obszönen Hasstiraden der "Tea party" auf Präsident Barack Obama während der jüngst abgeschlossenen Kongresswahlen sind zumindest teilweise auf seine Hautfarbe zurückzuführen. Schwarze Amerikaner wissen und verstehen fast alles; weiße strengen sich unwahrscheinlich (und zumeist erfolgreich) an, nichts davon zu sehen. Unter Soziologen ist bekannt, dass die Rassen heutzutage noch weiter getrennt voneinander leben als Anfang der sechziger Jahre, bevor die Gleichberechtigung der Schwarzen vom U.S. Präsidenten Lyndon B. Johnson gesetzlich durchgesetzt wurde. Wohnviertel, Schulbezirke, Einkaufszentren und Kirchen sind ausschließlich weiß, oder völlig schwarz. In der Hauptstadt Washington D.C., zum Beispiel, sind 94% aller Schüler an öffentlichen Schulen farbig; fast alle weißen Kinder gehen auf Privatschulen. Selbst die schwarze Mittelklasse hat ihre eigenen Enklaven, sogar ihre eigenen Universitäten und bekommt Weiße selten zu Gesicht. Alle wissen das - auch die Weißen, zumindest unterbewusst. Und wie.
Und niemand spricht davon, nichts ändert sich.

Wie kann man dann jemandem wie meinem Zellenmitbewohner, den ich am Anfang dieses Blogeintrags erwähnte, übelnehmen, dass er langsam zum N.O.I. konvertiert, sich dem Hass hingibt und zunehmend radikalisiert wird?

Natürlich wird es ihm nicht helfen, wahrscheinlich wird es ihm irgendwann sogar einmal schaden. Aber zumindest gibt die N.O.I. meinem Zellenmitbewohner eine Erklärung und eine Rechtfertigung für seine Wut - für das Gefühl, dass ihm übel mitgespielt wurde, sein ganzes Leben lang. Denn, in der Tat, ihm wurde sogar sehr übel mitgespielt! Er hatte nie eine reelle Chance, ein gutes Leben zu führen und ein volles Mitglied der Gesellschaft zu werden.

Bei der N.O.I. jedoch ist er endlich ein volles Mitglied der Gruppe. Und die Gruppe sagt ihm: Deine Wut ist berechtigt! Je wütender Du wirst, desto mehr wirst Du Teil von uns, der N.O.I.! Der Trick dabei, die psychologische Masche, die das Ganze so erfolgreich macht, ist, dass ein dumpfes Gefühl intellektuell bestätigt und gerechtfertigt wird. Die Wut wird ernst genommen, sie wird in gewisser Weise geehrt. Mit der Hilfe der N.O.I. ergibt die Wut endlich Sinn; die Wut ist sogar vernünftig! Und weil Amerika tatsächlich zutiefst rassistisch ist, kann man der intellektuellen Rechtfertigung der Wut nicht beikommen, jedenfalls nicht durch intellektuelle Argumentation.

Wieso gelang es meinen beiden oben erwähnten Freunden im Brunswick Correctional Center, die N.O.I. nach vielen Jahren zu verlassen? Weil sie endlich sahen, dass sie nur ein Spiegelbild ihres Feindes waren: ein schwarzer Ku-Klux-Klan, der Weiße hasst. Aber meine Freunde konnten mir nicht erklären, wie sie zu dieser Einsicht kamen - oder wie sie die Kraft fanden, sich Schritt-für-Schritt von der N.O.I zu trennen. Es geschah einfach so, sagten sie mir.

Diese beiden sind allerdings ganz außergewöhnliche Menschen, weswegen ich sie auch Freunde nenne. Es gibt nur wenige wie sie. Und deshalb kann man von ihrer Erfahrung und ihrem Werdegang leider auch kein allgemeines Entradikalisierungsprogramm ableiten. Ihr Vorbild kann meinem jetzigen Zellenmitbewohner, der gerade in die N.O.I. hineinschlittert, nicht helfen.

Also werde ich genau das tun, was das "weiße Amerika" seit den sechziger Jahren immer mehr tut. Ich werde ausziehen, in eine andere Zelle. Ich werde mich räumlich von meinem schwarzen Zellenmitbewohner trennen - und ihm damit eine weitere Rechtfertigung für seine Wut liefern, einen weiteren Beweis, dass man Weißen (selbst Deutschen!) nie trauen kann. Das tut mir leid, aber ich kann auch nicht länger mit ihm in einer Zelle leben.

Und ich frage mich: Gibt es eine Parallele zwischen meinen Erfahrungen mit meinem Zellenmitbewohner und dem Problem der radikalisierten islamischen Jugendlichen in Ihrer Welt?

Posted by: AB AT 07:00 am   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 08 December 2010
Dass die Bevölkerung aller Industrienationen altert, ist natürlich weit bekannt. Aber wussten Sie, dass auch die Gefängnisbevölkerung altert? In den Vereinigten Staaten, dem Land, in dem ich inhaftiert bin, wird geschätzt, dass in 10 bis 15 Jahren bis zu 25% aller Gefangenen als ältlich ("elderly") eingestuft werden müssen.

Normalerweise benutzen amerikanische Soziologen den Ausdruck "elderly", wenn sie auf Menschen Bezug nehmen, die mehr als 65 Jahre alt sind. Doch der durchschnittliche Häftling hat oft Gesundheitsprobleme, die mit Drogenkonsum zu tun haben, also altert er schneller als rechtschaffene Bürger in der freien Welt. Hinter Gittern bezieht sich der Terminus „elderly“ also auf Insassen, die mehr als 55 Jahre alt sind – und aussehen, als ob sie 65 oder mehr wären.

Einer dieser Knastopas versuchte vor etwa einer Woche, in eine Zelle in meinem Abteil einzuziehen. Ich kannte Mike, der Mitte 60 ist, aus meinem vorherigen Gefängnis, wo er einen Herzanfall und eine vierfache Bypassoperation hatte. Seitdem nimmt er ein Blutverdünnungsmittel, das manchmal zu Schwindel führt. In einem anderen Abteil dieses Gefängnisses wurde ihm vor zwei oder drei Wochen wieder einmal schwindelig: Er fiel hin, schlug mit dem Kopf auf den Betonboden und holte sich dadurch Prellungen im Gesicht, die wegen dem Blutverdünnungsmittel ganz besonders abscheulich aussahen. Aber da greife ich schon etwas vor, verzeihen Sie mir.

Zurück zum Schwindelanfall: Als Mike hinfällt, machen sich natürlich alle anderen Gefangenen aus dem Staube, denn niemand will Gefahr laufen, dass ein Wächter ihm vorwirft, diesen alten Insassen angegriffen zu haben. Also bleibt Mike erst einmal liegen und röchelt ein bisschen vor sich hin.

Ganz nebenbei: Mike ist nicht nur ein Mörder, sondern auch noch ein echt fieser Kerl. Sie brauchen also überhaupt kein Mitleid mit ihm haben, während er da im Knast auf dem Boden liegt und sein verdünntes Blut in seinem Gesicht aufläuft und ihn wie ein Monster aussehen lässt. Er hat´s verdient.

Wegen der Haushaltskrise im Bundesstaat Virginia sind mittlerweile auch viele Posten im Gefängnis gestrichen worden. Jedes Mal, wenn ein älterer Wächter in Ruhestand tritt – oder wenn eine junge Wächterin gefeuert wird, weil sie mit einem Gefangenen a bissl zu freundlich wurde – wird er/sie nicht durch einen neuen Wächter ersetzt, sondern durch Videokameras: Die Kameras kosten nämlich viel weniger als lebendige Wächter. Aus der finanziellen Perspektive mag das auch ganz einleuchtend sein, nur helfen die neuen Videokameras dem Mike überhaupt nicht, während er sich halb-ohnmächtig auf dem Boden wälzt und vor sich hin blutet. Er braucht eben einen echten Wächter.

Und der kommt dann auch endlich, nach 20 oder 30 Minuten und bringt Mike zur Krankenstation. Dort muss er erst einmal $5, also fast ein Viertel seines monatlichen Gehalts, von seinem Knastjob zahlen; dann erst untersucht ihn die Krankenschwester. Natürlich stellt sie fest, dass Mike kerngesund ist, schließlich simulieren alle Häftlinge grundsätzlich, ohne Ausnahme, immer.

Bloß sind da leider diese schaurigen, vom Blutverdünnungsmittel erzeugten Prellungen im Gesicht. Wer hat ihm ins Gesicht geschlagen, will der Wächter nun wissen? Mike soll petzen, sonst wird er ins Strafabteil geworfen, weil er den Regelverstoß eines anderen Insassen (des Angreifers) verdeckt.

Nun ist Mike ja nicht nur eine Petze, sondern in unserer vorherigen Justizvollzugsanstalt war er sogar ein hauptamtlicher IM der Gefängnisleitung. Ich glaube, ich erwähnte schon, was für ein fieser Typ er ist? Auch in dieser Situation würde Mike liebend gern petzen - das sagt er mir später, er ist gar nicht scheu – aber ironischerweise gibt es dieses Mal niemanden, den er anschwärzen kann. Er hatte eben einfach nur einen Schwindelanfall, wegen des Blutverdünnungsmittels!

Nur kann und darf das jetzt, beim Verhör durch den Wächter in der Krankenstation, nicht wahr sein, denn die Krankenschwester hat ja gerade eben festgestellt, dass Mike wie immer kerngesund ist und bloß simuliert. Fazit: Mike lügt, also kommt er ins Strafabteil.
Zwei oder drei Wochen später kreuzt er dann in meinem Abteil auf. Wegen dem Blutverdünnungsmittel sieht sein Gesicht immer noch aus wie eine Fastnachtsmaske – und es ist dieses abscheulich verstellte Gesicht, welches sein neuer Zellenmitbewohner als Allererstes sieht. Natürlich dreht er durch.

Dabei ist dieser Gefangene, Mikes neuer Zellenmitbewohner, gar nicht so ein schlechter Kerl. Er ist ein ziemlich typischer schwarzer Drogendealer aus dem Ghetto. Mitte 20 (also etwa 40 Jahre jünger als Mike), laut, brutal, völlig ungebildet, emotional verroht, und ständig wütend. Wütend auf wen? Auf das "weiße Amerika" natürlich, die weiße Gesellschaft, die ihm von Geburt an jede Chance nahm, ein anständiges Leben – oder zumindest einen dicken BMW und eine Goldkette – zu haben.

An das „weiße Amerika“ kommt der junge, schwarze Drogendealer allerdings nicht heran, also rächt er sich an den Weißen, die er erreichen kann: „white motherfuckers“ wie Mike. Mit den rot-lila-gelben Prellungen im Gesicht sieht Mike sogar aus wie ein "weißer Teufel". So nennen die Mitglieder der von Malcolm X gegründeten „Nation of Islam“ alle Weißen. So einer kommt diesem jungen Schwarzen nicht in die Zelle!
Mike packt seine paar Habseligkeiten also gar nicht erst aus, sondern geht sofort zum Wächter im Kontrollraum und meldet ihm, dass er (Mike) nicht in diese Zelle einziehen kann. Was nun passiert, ist völlig normale Knastbürokratie, ein Spiel, das alle bestens kennen: Der Wächter fragt Mike, ob er sich von seinem Zellenmitbewohner bedroht fühlt? Mike kann nun entweder "ja" oder "nein" sagen, doch beide Antworten führen direkt zu einer Verlegung zurück ins Strafabteil.

Wenn er "ja" sagt - er fühlt sich bedroht -, dann wird Mike zum eigenen Schutz ins Strafabteil verlegt. Und weil er sich dadurch ganz öffentlich als Petze "outet", muss er wahrscheinlich dort bleiben oder in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Oder Mike sagt "nein" - er fühlt sich nicht bedroht - dann wird er zur Strafe ins Strafabteil verlegt, weil er sich grundlos weigert, in die ihm zugewiesene Zelle einzuziehen. Er hat also keine Chance.

Weil Mike ein ziemlich harmloser Knastopa ist, erlauben die Wächter ihm, seine Habseligkeiten selber auf einem Wägelchen ins Strafabteil zu transportieren und er muss auch keine Handschellen tragen, bis er dort ankommt. Eigentlich ist es unfair, dass er so weich behandelt wird, wenn man bedenkt, was für ein wirklich fieser Typ Mike ist und ein Mörder obendrein. Und ein "white motherfucker".

Als Chronist der Knastwelt interessieren mich Zwischenfälle wie dieser, weil ich die Theorie entwickelt habe, dass alles, was in meiner Welt geschieht, früher oder später auch in Ihrer Welt, der freien, geschehen wird. Das ständige Altern der Bevölkerung findet jedenfalls in beiden Welten statt, Ihrer und meiner. Und hier, hinter Gittern, wird der kommende Krieg zwischen  den Generationen schon ziemlich offen ausgetragen. Es gibt immer mehr und mehr Knastopas wie Mike – so viele, dass sie den jüngeren Gefangenen und den Wächtern lästig werden. Also werden die Senioren mit Gewalt und bürokratischen Schikanen zur Seite gedrängt, im Strafabteil entsorgt.

Vielleicht meinen Sie, so etwas könnte in Ihrer schönen, zivilisierten, rechtschaffenen, freien Welt nie geschehen. Da könnten Sie recht haben, ganz so schlimm wird es bei Ihnen bestimmt nicht kommen. Nein, ganz bestimmt nicht. Wirklich.
Posted by: AB AT 03:15 pm   |  Permalink   |  Email
Wednesday, 01 December 2010
Vor Kurzem hat ein Leser dieses Blogs folgenden Comment hinterlassen:
>> Posted by Dr.Jan Holbert [dr-holbert@aol.com] on 10/31/2010 16:39:18:
Ich beobachte sie schon seit einigen Jahren,ich bin mir zu 100% sicher,das sie Herr Söring und NUR sie die Tat verübt und ausgeführt haben!Sie Herr Söring sind an dem Ort an dem sie für immer hingehören!Tun sie sich und uns der in freiheit lebenden Zivilisation einen gefalllen und verschonen sie uns von ihren LÜGEN!!!
<<
Meine Freunde haben mich gebeten, diesen Eintrag zu kommentieren und mich zur Frage meiner angeblichen Schuld an der mir vorgeworfenen Tat zu äußern.

Mein erster Kommentar ist, dass man den Vorwurf des Lügens nur unter großer Vorsicht machen sollte, denn dann macht man sich schnell selbst angreifbar. Zum Beispiel sprach einer meiner Freunde im Zusammenhang mit dem obigen Comment von einem "angeblichen" Doktor, denn "die Dichte der Rechtschreibfehler" sei doch höchst "ungewöhnlich... für einen Herrn Dr." Doch aus meiner Sicht beweisen die vielen Rechtschreibfehler noch lange nicht, dass der Herr Jan Holpert sich seinen Doktortitel nur angedichtet hat und uns belügt. Es ist nämlich sehr gut möglich, dass er lediglich betrunken war, als er den obigen Eintrag tippte. Selbst Doktore trinken gelegentlich zu viel. Wie dem auch sei, ich werde mich nun zur Frage meiner angeblichen Schuld an dem Doppelmord Derek und Nancy Haysom äußern.

Das Erste, was ich sagen möchte, ist, dass ich in der nahen Zukunft neue Informationen zu diesem Thema an die Öffentlichkeit bringen werde.

Zweitens: Glauben Sie bitte nicht mir, sondern hören Sie auf die ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwältin Gail Starling Marshall, sowie auf Journalisten, die sich intensiv mit meinem Fall befasst haben: Ian Zack, Zeitung Chrolottesville Daily Progress, Artikel „Trial and Error?“; Carlos Santos, Zeitung Richmond Times-Dispatch, Artikel "Life focused on winning freedom"; Bill Sizemore, Zeitung Virginian Pilot, Artikel „No hope for Jens Soering“. Alle diese Artikel sind auf meiner Website zu finden, der erste und der dritte gewannen sogar Preise. Frau Marshalls Brief an das Gremium "Parole Board" ist dort auch zu lesen, außerdem erscheint sie in allen amerikanischen und deutschen Zeitungs- und TV-Berichten.

Drittens
: Meine Verurteilung vor Gericht beruhte auf meinem angeblichen Geständnis. Es wurden keine Fingerabdrücke von mir gefunden, auch kein DNS oder ähnliches und Augenzeugen gab es auch nicht. Doch  man kann mit Sicherheit sagen, dass mein "Geständnis" unwahr ist – und man kann mit Sicherheit sagen, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft das auch wissen. Wenn man aber mein "Geständnis" außer Acht lässt, dann gibt es keinen Grund mehr zu glauben, dass ich überhaupt etwas mit der Tat zu tun hatte. Und vor allem gibt es dann keine juristische Rechtfertigung für meine Haft.

Woher können wir mit Sicherheit wissen, dass mein "Geständnis" unwahr ist? Weil ich "gestand", die Tat alleine begangen zu haben. Doch am Tatort waren ganz eindeutig zwei Täter:
1. Alle vier Blutgruppen wurden gefunden: jene der beiden Opfer (A und AB) sowie die Blutgruppen B und 0. Damals gab es noch keine DNS-Tests, also konnte man nichts Näheres feststellen – selbst Subgruppierungen waren beim Blut der Gruppen B und 0  nicht möglich, weil so wenig Blut dieser Gruppen gefunden wurde. 10% der Bevölkerung hat Blutgruppe B, darunter auch  Elizabeth Haysom, die Tochter Derek und Nancy Haysoms und meine damalige Freundin. 43% der Bevölkerung hat Blutgruppe 0, darunter ich.

2. Es gab vier verschiedene Fußabdrücke am Tatort: jene der beiden Opfer, sowie ein Turnschuhabdruck (LR2) und ein Sockenabdruck (LR3).

3. Beide Opfer hatten zwei total verschiedene Arten von Wunden: extrem flache Stichwunden (nur eine einzige der vielen Stichwunden war tiefer als 2 cm) und extrem tiefe Schnittwunden am Hals (fast bis zur Wirbelsäule).

4. Durch sog. "Luminol"-Tests fand die Polizei heraus, dass der/die Täter/in im Waschbecken des ans Schlafzimmer angrenzenden Badezimmer Blut abgewaschen hatte/n. Im Waschbecken war ein menschliches Haar, was gegen meines verglichen wurde und definitiv nicht von mir stammte. Den Opfern gehörte es auch nicht. (N.B.: Dieses Haar wurde  nie mit Elizabeth Haysoms verglichen, auch wurden keine DNS-Tests daran durchgeführt.)

5. Beide Opfer hatten sehr hohe Blutalkoholspiegel. Auf einem kleinen Tisch in der Nähe von Derek Haysoms Leiche fand die Polizei ein Whiskeyglas mit Derek Haysoms Fingerabdrücken auf der einen Seite – und unbekannten Fingerabdrücken auf der anderen. Die Polizei erkannte sofort, wie wichtig diese Fingerabdrücke waren und stellte große Bemühungen an, sie zu identifizieren – ohne Erfolg. (Natürlich wurden sie auch mit meinen und Elizabeth Haysoms verglichen, doch auch uns gehörten sie nicht.)

6. Die Spuren am Tatort geben klar zu erkennen, dass der Angriff auf die Opfer im Esszimmer begann. Doch von dort gingen die Angriffe in zwei entgegengesetzte Richtungen. Nancy Haysoms Leiche wurde in der Küche gefunden, auf der einen Seite des Esszimmers; Derek Haysoms Leiche wurde im Wohnzimmer gefunden, auf der anderen Seite des Esszimmers. Es ist nicht möglich, dass ein einzelner Täter (in meinem angeblichen Geständnis: ich), der nur mit einem kleinen Messer (also: keiner Schusswaffe) bewaffnet war, gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen morden konnte.

Soweit die Beweise am Tatort, durch die man mit Sicherheit weiß, dass zwei Täter dort waren. Woher wissen wir mit Sicherheit, dass auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft wissen, dass es zwei Täter gab?

1. Innerhalb sehr kurzer Zeit nach der Entdeckung der Tat im April 1985 gab die Polizei ein "all points bulletin (APB)", einen Ruf an alle Streifen, dass man nach zwei Tätern suche.

2. Im Juli 1986 - also nachdem ich „gestanden“ hatte, dass ich die Tat alleine begangen hatte – eröffnete die Staatsanwaltschaft die offiziellen "indictments", die Anklageschriften, gegen mich und Elizabeth Haysom. Es wurde uns beiden vorgeworfen, die Morde begangen zu haben, am Tatort gewesen zu sein, und so weiter. Damit gab die Staatsanwaltschaft schriftlich zur Kenntnis, dass sie meinem "Geständnis", die Tat alleine begangen zu haben, nicht glaubte.
Wie kam es dazu, dass ich trotzdem verurteilt wurde, die Tat alleine begangen zu haben? Weil Elizabeth Haysom 1987 nach Virginia zurück kehrte und ein sogenanntes "plea bargain", eine Abmachung mit der Staatsanwaltschaft, machte: Sie würde 1990 als Kronzeugin gegen mich aussagen – was die Staatsanwaltschaft auch bitter nötig hatte, denn außer meinem Geständnis gab es, wie oben erwähnt, keinerlei Verbindung zwischen mir und dem Tatort. Im Gegenzug erlaubte man ihr, sich des Mordes als "accomplice before the fact", als Komplize vor der Tat, zu erklären, mit der Behauptung, dass sie überhaupt nicht am Tatort war, sondern in Washington DC. Dafür bekam sie 90 Jahre Haft, was ihr nach damaligem Recht erlaubte, 1995 (also nach nur 8 Jahren) ihren ersten Antrag auf frühzeitige Entlassung auf Bewährung einzureichen.

Dieser Plan ging nicht auf, weil Elizabeth Haysom nicht auf ihre Familienmitglieder zählen konnte, die bei ihrem Prozess 1987 und beim ersten Antrag auf Entlassung 1995 aussagten, dass sie glaubten, Elizabeth sei sehr wohl am Tatort gewesen und habe an den Morden teilgenommen. Allerdings kann sie jedes Jahr einen neuen Antrag auf Entlassung auf Bewährung einreichen. So lange sie diese Hoffnung hat, wird sie nie und nimmer aufhören, zu behaupten, sie sei nur ein "accomplice before the fact", der nicht selber am Tatort anwesend war.
Was dagegen spricht: Am 8 Juni 1985 sagte Elizabeth Haysom während einem Verhör auf Tonband "I did it myself.... I got off on it", also: Ich habe es selbst getan, es hat mich sexuell erregt. Außerdem wurden Elizabeth Haysoms Fingerabdrücke am Tatort gefunden (meine dagegen nicht), nämlich auf einer Wodkaflasche im Wohnzimmer, in dem auch die Leiche ihres Vaters lag. Dass ihre Fingerabdrücke auf einer Alkoholflasche gefunden wurden, ist wichtig wegen des extrem hohen Blutalkoholspiegels der Opfer, siehe oben. Weil Elizabeth jedoch als Kronzeugin gegen mich benötigt wurde, argumentierte der Staatsanwalt, dass ihr Geständnis nur ein Witz war ("only being facetious") und dass ihre Fingerabdrücke möglicherweise von einem Besuch eine Woche vorher stammen könnten.

Das Obige ist, was wir mit Sicherheit wissen können, nichts davon braucht man mir glauben. Es ist mit Sicherheit so, dass mein Geständnis unwahr ist: Was immer am Tatort geschah, es war nicht das, was ich der Polizei erzählte.

Und diese Tatsache ist juristisch entscheidend – oder sollte es jedenfalls sein. (Weniger als 1% aller Berufungen und Revisionsanträge haben Erfolg, aber das ist ein ganz anderes Thema – und ein Problem, das nicht nur mich betrifft.) Man kann sich alle möglichen Theorien ausdenken, was am Tatort geschehen sein könnte, aber keine dieser Theorien und Gedankenspiele können juristisch rechtfertigen, dass ich im Gefängnis sitze. Ich wurde ganz spezifisch dafür verurteilt, Derek und Nancy Haysom alleine ermordet zu haben; so steht es im Urteil, dem Dokument, das meine Inhaftierung rechtlich begründet. Doch genau diese Begründung stimmt nicht, denn es waren mit Sicherheit zwei Täter am Mord beteiligt. Und deshalb ist meine Inhaftierung auch nicht Rechtens.

Insoweit kann man also – erlauben sie mir, mich zu wiederholen: mit Sicherheit sagen, dass Dr. Jan Holbert unrecht hat. Ich bin mit Sicherheit unschuldig an der Tat, für die ich verurteilt wurde. Alle weiteren Phantasiespiele und Vermutungen sind juristisch wertlos.

Aber versuchen wir trotzdem einmal, herauszufinden, was am Tatort wirklich geschah:

Es gibt ja noch den berühmten Sockenabdruck LR3, der oben erwähnt wurde. Wie verhält es sich mit dem?
1. Bevor ich verdächtigt wurde – am 7. Juni 1985 – erstellte der Gerichtsmediziner Rick P. Johnson ein Gutachten, demzufolge der Sockenabdruck von einem Fuß der Schuhgröße 5 – 6 (Männer) oder 6 ½ bis 7 1/2 (Frauen) zugeordnet werden konnte.

2. Als ich "gestand", fand man heraus, dass ich Schuhe der Größe 8 ½ trage – peinlich, peinlich.

3. Deshalb rief der Staatsanwalt den Gerichtsmediziner Rick P. Johnson nicht als Zeugen bei meinem Prozess, sondern Robert Hallett. Der war aber weder beim Gerichtsmedizinischen Institut Virginia "DFS" angestellt, noch war er auf Finger – und Fußabdrücke spezialisiert. Deshalb erlaubte der Richter diesem Zeugen nicht, als Experte auszusagen, sondern nur als Laie.

4. Hallet erweckte bei den Geschworenen den Eindruck, dass der Sockenabdruck  nur von mir, aber nicht von Elizabeth Haysom stammen könnte. Der Staatsanwalt sagte den Geschworenen, der Fußabdruck passe auf mich "wie ein Handschuh".

5. 1995 holte die ehemalige Stellvertretende Generalstaatsanwältin Gail Starling Marshall zwei Expertisen von echten, auf Finger – und Fußabdrücke spezialisierten gerichtsmedizinischen Experten ein: Frederick Webb vom FBI Crime Lab und Russell W. Johnson vom LKA New Jersey. Webb sagte, Halletts Aussagen und Schautafeln bei meinem Prozess seien "irreführend" und "wertlos", denn LR3 könne ebenso gut von Elizabeth Haysom wie von mir stammen. Johnson sagte, von der Form her passe LR3 gleich gut auf Elizabeth wie auf mich, aber von der Länge her passe der Sockenabdruck nur auf sie, nicht auf mich.

6. 1997 gab der Assistierende Generalstaatsanwalt John McLees, der während der Revisionsverahren die Staatsanwaltschaft gegen mich vertrat, schriftlich zu, dass der Sockenabdruck "nicht genau gemessen werden könne". Diese Aussage stand in direktem Widerspruch zu Aussage des Staatsanwalts bei meinem Prozess 7 Jahre früher, als es noch hieß, der Sockenabdruck passe auf mich "wie ein Handschuh".
Gerne würde ich sagen, der Sockenabdruck LR3 beweise meine Unschuld. Aber das stimmte nicht. Leider beweist er.... nichts. In diesem Zusammenhang sollte ich noch kurz auf den oben erwähnten Turnschuhabdruck LR2 eingehen:
1. Bevor ich verdächtigt wurde, erstellte ein Sheriffs Deputy einen Bericht, demzufolge der Turnschuhabdruck von einer "Frau oder einem kleinen Mann oder Jungen" hinterlassen wurde.

2. Bei meinem Prozess wurde der Turnschuhabdruck kaum erwähnt.

3. Erst nach meinem Prozess, als es zu spät war, fand mein Anwalt eine wissenschaftliche Studie über Turnschuhabdrücke, der zu Folge der Abdruck LR2 definitiv zu klein war, um von mir zu stammen.
Dann gibt es noch die Kinokarten. Während der Tatzeit wurden in Washington DC Karten zu mehreren Kinofilmen gekauft. Die Staatsanwaltschaft bestreitet nicht, dass diese Kinokarten ein handfestes Alibi für den Käufer darstellen. Im Gegenteil: Die Staatsanwaltschaft besteht sogar darauf, dass die Karten ein 100%iges Alibi sind. Worüber wir uns streiten, ist, wer die Karten kaufte: Elizabeth Haysom oder ich.

In dem oben erwähnten Artikel "No hope for Jens Soering" von Bill Sizemore, Zeitung Virginian Pilot, liefert Siezemore das bestmögliche Argument, warum ich es war, der die Karten in Washington DC kaufte. Dem will ich gar nichts hinzufügen, lesen Sie den Artikel.
Aber man kann es auch anders herum aufwickeln: Wenn man zum Schluss kommt, dass Elizabeth Haysom am Tatort war, dann muss – logischerweise – ich derjenige gewesen sein, der in Washington DC die Kinokarten kaufte. Doch können wir mit Sicherheit sagen, dass Elizabeth am Tatort war?

Ich glaube, man kann nur sagen dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Elizabeth am Tatort war, aber nicht sicher. Das Entscheidende in dieser Hinsicht sind Elizabeths Fingerabdrücke auf der Wodkaflasche in Verbindung mit dem extrem hohen Blutalkoholspiegel der Opfer. Doch es ist auch wahr, dass Elizabeth 7 Tage vor der Tat ihre Eltern besucht hatte. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich – aber nicht für völlig und beweisbar unmöglich – dass ihre Fingerabdrücke eine ganze Woche lang unberührt und unverschmiert auf der Wodkaflasche hätten "überleben" können. Deshalb meine ich, dass es "nur" sehr wahrscheinlich ist, aber nicht sicher, dass diese Fingerabdrücke ihre Anwesenheit am Tatort – und meine Anwesenheit im Kino in Washington DC – beweisen.

Natürlich weiß ich selber ganz genau, wo ich und wo sie war! Aber hier geht es darum, was beweisbar ist, also, was Sie wissen können. Die juristische Messlatte in Amerika ist "beyond a reasonable doubt", über einen berechtigten und begründeten Zweifel hinaus. Ich glaube, Elizabeths Fingerabdrücke auf der Wodkaflasche beweisen ihre Anwesenheit zur Tatzeit "beyond a reasonable doubt" - nicht 100%ig sicher, aber eben sehr wahrscheinlich. Wenn Sie mir in dem folgen mögen, dann muss ich zwingenderweise in Washington DC gewesen sein, um die Kinokarten zu kaufen. Und, wie gesagt, bitte beachten Sie in dieser Hinsicht auch Bill Sizemores Artikel "No hope for Jens Soering", mit den Tabellen über die Karten und das Messer.

Ich habe mich in diesem Blogeintrag so konservativ und vorsichtig wie möglich ausgedrückt, um den Fehler des Dr. Jan Holbert zu vermeiden und irgendwelche zweifelhaften Behauptungen in den Raum zu stellen. Meiner Meinung nach kann ich meine Unschuld nicht beweisen. Ich kann nur beweisen, dass ich das Verbrechen, dessen ich verurteilt wurde, definitiv nicht begangen habe (weil zwei Täter am Tatort waren). Und ich behaupte, dass die Staatsanwaltschaft meine Anwesenheit am Tatort nicht "beyond a reasonable doubt" beweisen kann, weil der Fingerabdruck auf der Wodkaflasche Elizabeth Haysoms Anwesenheit sehr wahrscheinlich macht, was zum logisch zwingenden Schluss führt, dass ich in Washington DC gewesen sein muss.

Außerdem kann man mit Sicherheit sagen, dass einer der zwei Täter die Blutgruppe 0 hatte, siehe oben. Es ist sehr wahrscheinlich (aber wohl nicht 100%ig sicher), dass dieser Täter die nicht identifzierten Fingerabdrücke auf dem Whiskeyglas hinterließ, siehe oben. Noch wahrscheinlicher ist es – ich möchte beinahe sagen: 100%ig sicher – dass einer der Täter das Haar im blutverschmierten Waschbecken hinterließ, siehe oben. Weil dieses Haar nur mit mir und den Opfern, aber nicht mit Elizabeth Haysom verglichen wurde, könnte es genauso gut ihr wie ihrem Komplizen gehören.

Wir werden nie wissen, wer dieser Komplize war, denn Elizabeth kann und darf sich nicht von der Hoffnung trennen, als "accomplice before the fact" doch noch eines Tages auf Bewährung entlassen zu werden. Solange sie den Mund hält, lebt die Hoffnung weiter.

Wenn Sie mehr wissen möchten, können Sie den von mir verfassten englischsprachigen Eintrag "First Intermezzo" auf meiner Website lesen. Vom juristischen Internetservice LEXIS können Sie sich auch (gegen Bezahlung) die drei letzten Revisionsschriften aus dem Jahr 1999/2000 beim U.S. Court of Appeals for the Fourth Circuit besorgen (Soering v. Deeds). Unter amerikanischem Recht gibt es bei dieser sog. "Petition for Writ of Habeas Corpus" drei sog. "briefs": den opening brief von Gail Starling Marshall, dem reply brief von John McLees, und ein kurzer rebuttal brief wieder von Gail Starling Marshall; Sie brauchen alle drei. Ich kann Ihnen nicht raten, sich da durch zu quälen, dieses Material ist ganz unwahrscheinlich langweilig. Aber ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es diese Quelle objektiver Information von beiden Seiten gibt, damit sie selber prüfen können, ob meine Behauptungen in diesem Blogeintrag wahr sind. Ich will nicht, dass irgend jemand mir glaubt; ich will, dass man die Tatsachen prüft, denn ich bin fest davon überzeugt, dass die Fakten für mich sprechen.

In dubio pro reo: Im Zweifel für den Angeklagten. Dies ist das deutsche Pendant zum amerikanischen "beyond a reasonable doubt". Wenn man mich mit dieser juristischen Messlatte misst, muss man mich frei sprechen. Nicht beweisbar unschuldig – aber doch nicht schuldig.
Posted by: AB AT 04:18 pm   |  Permalink   |  Email

11-minütiger Ausschnitt aus dem ZDFzoom-Beitrag

Keine Gnade für Häftling 179212?
ZDFzoom, 29. Juni 2013

Die Szenen mit den Aussagen der ehemaligen stellv. Generalstaatsanwältin von Virginia Gail Marshall und dem ehemaligen Ermitler Major Ricky Gardner im Original auf youtube.com

Den ganzen Beitrag finden Sie auf TV-Berichte



 Hier finden Sie eine
Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

Mit dem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert
Neue Web-Beiträge 

24. Juni:
Verurteilte werden einfach vergessen, Prozess

Study: 1 in 25 sentenced to death may be innocent, Prozess
Appeals court: Change to innocence statute makes little difference, Prozess

15. Juni:
Häftling 179212, Artikel
Ich würde es noch einmal tun, ich schicke niemanden zum Henker, Artikel
17. März:

New York’s Broken Parole System, Prozess
19. Januar:
Flaschenpost 13, Kontakt
14. Januar:
Hoffnungsschimmer für deutschen US-Häftling Jens Söring, Artikel
31. Dezember:
The Interview - Do police interrogation techniques produce false confessions?, Prozess

1. November:
Sandy Hausman Series, Artikel

 

    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design