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Wednesday, 22 February 2012
Am vergangenen Donnerstag wurde ich kurz nach dem Frühstück informiert, dass ich mich an diesem Morgen für meinen alljährlichen Urintest melden müsse. Alle Insassen werden mindestens einmal im Jahr getestet; jene, die unter Verdacht stehen, Drogen zu missbrauchen, natürlich weit öfter. Denn im Gefängnis gibt es so ungefähr alles, was man schnüffeln, rauchen, schlucken oder injizieren könnte.

Größtenteils sind es die Wächter, die die Drogen hineinschmuggeln, nicht die Häftlinge und ihre Familienmitglieder im Besuchersaal. Deshalb liegt dem Wachpersonal viel daran, dass das Geschäft reibungslos läuft – und dafür braucht man Informationen. Um Spitzel anwerben zu können, werden Urintests durchgeführt. Wenn nämlich ein Gefangener durchfällt, also Drogen im Urin hat, wird ihm sofort ein "Deal" angeboten: Entweder er hält das Maul, kommt in die Strafzellen und wird von dort in eine Strafvollzugsanstalt der höheren Sicherheitsstufe verlegt; oder er verdingt sich als V-Mann der Gefängnisleitung, wird laufen gelassen, und bekommt sogar allerlei kleine Privilegien. Das wichtigste Privileg ist natürlich, dass der V-Mann weiterhin Drogen missbrauchen darf, um sich auf diese Weise das Vertrauen der anderen "User & Dealer" zu erschleichen.

Ganz so wie in Ihrer, der "freien" Welt also.

Am vergangenen Donnerstag wurden 52 der rund 1.100 Insassen des Buckingham Correctional Center zum großen Urintest-Raum gerufen, um - wenn Sie so wollen - dem "System" mit unserem Urin seinen nötigen Treibstoff zu geben. Oder, um die Justizmaschinerie mit unserem Urin zu ölen, wenn Ihnen das besser gefällt.

Der Urintest-Raum ist ein langer, relativ schmaler Saal, an dessen langer Seite die Büros der Ermittler zu finden sind. An der kurzen Seite ist eine winzigkleine Toilette, wo man seinen Urin abgibt, und gleich neben der Tür zur Toilette steht ein riesenlanger Holztisch, wo einer der Ermittler mit all dem notwendigen Papierkram und den Dutzenden Plastikbechern sitzt.

Alle Strafvollzugsanstalten haben Ermittler, die mit den wichtigen V-Männern unter den Häftlingen zusammenarbeiten und größere Zwischenfälle untersuchen: Messerstechereien, Massenschlägereien, Vergewaltigungen. (Parallel dazu gibt es übrigens weitere Spitzel in jedem Wohnabteil, die von den Leutnants - also hochrangigen Wächtern - geführt werden.) Im Gefängnis Buckingham haben wir einen leitenden Ermittler, ein weißer Mann; einen assistierenden Ermittler, ein schwarzer Mann; und eine Spezialistin für Gangs, die hispanischer Abstammung ist. Diese drei arbeiten regelmäßig mit den Leutnants der Wohnabteile zusammen, damit die Informanten auf den verschiedenen Ebenen einander nicht in die Quere kommen.

Während ich auf meinen Urintest wartete, bemerkte ich, dass die Fenster der Ermittler-Büros vollkommen schwarz übermalt worden waren, damit Insassen, die im Urintest-Raum warteten, nicht sehen konnten, wer gerade bei den Ermittlern am Tisch sitzt und petzt. Aber in den zwei Stunden, die ich dort am Donnerstagmorgen verbrachte, gab es regen Verkehr in diesen Büros: Andauernd gingen Leutnants und andere Wächter hinein oder heraus, und gelegentlich auch Häftlinge. Einen davon kannte ich entfernt, er schien ziemlich nervös, als er hineinging, aber stolz und zufrieden, als er herauskam. Dabei machte er eine Bewegung, als ob er seine Lippen mit einem Reißverschluss schloss. Wer´s glaubt wird selig.

Übrigens wurde ich vor etwa sechs Monaten einmal selber ins Büro der Ermittler bestellt. In meinem Wohnabteil lebt ein Transvestit, und bei dem hatte man bei einer Durchsuchung der Zelle einen besonders schicken, schwarzen Büstenhalter mit Spitzen gefunden. Die Ermittler wollten wissen, wo der wohl herkam – schließlich konnte der nur durch eine Wächterin eingeschmuggelt werden. Wieso man meinte, dass ich etwas zur Beantwortung dieser Frage beitragen konnte, weiß ich nicht. Aber es war mal ein interessantes Erlebnis mit einem Ermittler zu sprechen, wenn auch nur kurz; er war erstaunlich höflich.

Auch der assistierende Ermittler, der am vergangenen Donnerstag die 52 Urintests durchführte, war eigentlich ungewöhnlich höflich, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele dieser unappetitlichen Prozeduren er über sich ergehen lassen musste. 52 Mal musste er den Knastausweis eines Gefangenen entgegennehmen, mit dem vom Computer vorgedruckten Formular vergleichen, selber unterschreiben, den Insassen unterschreiben lassen, und zuletzt den Insassen einen roten Klebestreifen unterschreiben lassen. Dann musste der assistierende Ermittler 52 Mal den Plastikbecher aus dem Plastiktütchen nehmen und mit dem Häftling in die Toilette gehen. Dort wurde der Deckel 52 Mal abgeschraubt und dem Gefangenen überreicht.

Dieser pinkelte dann hinein, bis der Becher halbvoll war, während der assistierende Ermittler ganz genau auf den Penis schaute. Warum? Weil der Keefe Gefängnisladen Waschpulver verkauft, welches Bleichmittel enthält. Wenn man sich dieses Waschpulver unter die Fingernägel reibt und beim Abgeben des Urins auf die Finger pinkelt, dann werden ein paar Körner des Waschpulvers in den Becher hinein gewaschen. Und weil das Pulver Bleiche enthält, verdirbt das den Test – angeblich. Ob das stimmt, weiß der Teufel, aber das Gerücht lebt fort, und es gibt immer wieder Gefangene, die auf diese Weise versuchen den Urintest zu manipulieren.

Aus diesem Grund stand also der assistierende Ermittler 52 Mal ganz eng seitlich von und leicht hinter den Insassen, die in die Becher pinkelten, und schaute ganz angestrengt auf die 52 Penisse. Sobald die Becher halb voll waren, gaben die Häftlinge die Becher an den Ermittler und entleerten ihre Blasen ins Klo, während der Ermittler die blauen Deckel wieder aufschraubte. Dann zeigte der Ermittler den Gefangenen die roten Klebestreifen, die sie vorher unterschrieben hatten, und klebte diese Streifen über die blauen Deckel an die Seiten der Becher – damit keiner behaupten könne, der Urin sei ausgetauscht worden.

Zuletzt verließen der assistierende Ermittler und die Insassen die Toilette und gingen zurück zum langen Holztisch, wo die Becher wieder in die Plastiktüten gesteckt wurden. Vorne an jeder Plastiktüte war eine kleine Tasche, wo die vorher ausgefüllten Formulare hineingesteckt wurden. Dann wurde an der Tüte oben eine Schutzfolie abgezogen und die Enden zusammengedrückt, um die Tüte zu versiegeln. Als 10 Tüten fertig waren, gab es immer eine kleine Unterbrechung, während der Ermittler durch eine Nebentür trat, um die 10 Tüten in einen Kühlschrank zu legen. Später würden alle 52 Tüten mit ihren Bechern zu einem Labor transportiert, wo sie analysiert werden würden.

Ich war einer der ersten Häftlinge, der den Urintest-Raum an diesem Morgen betrat. Weil ich vorgewarnt worden war, hatte ich bereits drei große Tassen Kaffee und ein Glas Wasser getrunken. Meine Blase fühlte sich also schon ziemlich voll an. Aber als ich die Toilette betrat und der assistierende Ermittler mir den Plastikbecher gab, konnte ich nicht pinkeln.

Lampenfieber. Aber kein gewöhnliches Lampenfieber.

Wer meine Bücher oder meinen Artikel "Verbrechen nach Verbrechen" (siehe "Information->Artikel" auf dieser Website) gelesen hat, der weiß, dass ich vor fast genau 20 Jahren beinahe vergewaltigt worden wäre. Als ich eines Tages aus der Dusche kam, warf mich ein riesiger schwarzer Bodybuilder namens Flickin' Joe gegen das Treppengeländer. Er hielt mich in einem Ringergriff, der "Double Nelson" genannt wird, sodass ich mich nicht bewegen konnte und er drückte sich von hinten an mich heran, um mich gegen das Geländer zu quetschen. Ich konnte seinen halb-erigierten Penis in meinem Kreuz fühlen, nichts lag dazwischen, außer dem dünnen Material seiner Bikeshorts.

Unten, auf der anderen Seite des Gemeinschaftssaals, konnte ich eine Wächterin in dem Kontrollraum sehen. Sie sah uns auch – aber tat nichts. Sie leckte ihren Finger und wandte die Seite in ihrer Boulevardzeitung, das werde ich nie vergessen.

Dann knurrte mein Angreifer mir von hinten ins Ohr: "Was machst Du, wenn ich dich jetzt in meine Zelle zerre?" Ich schrie irgendetwas – ich weiß nicht mehr was – und überraschenderweise ließ mich der Kerl los. Splitterfasernackt lief ich zu meiner Zelle und schlug die Tür hinter mir zu.

Natürlich konnte ich diesen Zwischenfall nicht dem Wachpersonal melden, denn dann hätte ich mich als Petze ge-"outet". Und Petzen leben nicht lange im amerikanischen Strafvollzug. Selbst wenn Flickin' Joe wider Erwarten in den Strafzellentrakt verlegt worden wäre, hätte er Gefolgsmänner, die ihn gerächt hätten – indem sie mich erst vergewaltigten und dann vermutlich töteten. Also hielt ich das Maul.

Jahrelang. Erst etwa 20 Jahre später konnte ich anfangen, anderen von diesem Erlebnis zu erzählen.

Diese versuchte Vergewaltigung vor 20 Jahren hat mein Leben verändert. Fast sofort danach begann ich, Hanteln zu stemmen und zu joggen – denn ich wollte nie wieder so vollkommen hilflos sein. Beides, das Krafttraining und das Jogging, habe ich ununterbrochen bis auf den heutigen Tag gemacht.

Außerdem wurde ich etwa 5 Jahre lang zum Kredithai in meinem Wohnabteil, damals 72 bis 86 Insassen. Ich verlieh Süßigkeiten und Dosengetränke, die mit 50% Zinsen zurückgezahlt werden mussten. Dieses Geschäft erlaubte mir, zwei Häftlinge namens Chuck und Bunch als Schuldeneintreiber unter Vertrag zu nehmen – und das war der eigentliche Sinn und Zweck des Ganzen. Denn im Gefängnis ist es unehrenhaft, als Gefangener einem anderen Gefangenen Schutzgeld zu zahlen, damit er mir Flickin' Joe vom Fell hält – das würde mich als Schwächling kennzeichnen. Aber es ist vollkommen ehrenhaft, als Kredithai zwei schwarze Jungs als Schuldeneintreiber einzustellen, und mich auf diese Weise indirekt zu schützen. So verrückt ist das Knastleben.

Eine andere Folge der versuchten Vergewaltigung vor 20 Jahren ist, dass ich seitdem Lampenfieber bekomme, wenn irgendjemand hinter mir ist, wenn ich pinkele. Das kann in einer Doppelzelle schon ein ziemliches Problem sein, denn dort muss man ständig pinkeln, während der Zellengenosse auf seiner Pritsche liegt und TV sieht! Aber diese Schwierigkeit konnte ich überwinden, indem ich tief durchatmete und, wenn es besonders stressig war, ein kleines Lied zur Beruhigung in meinem Kopf "sang". Außerdem sind Zellengenossen ja keine Fremde, und wenn sie auf der Pritsche liegen, sind sie auch am anderen Ende der Zelle – also 2 oder 3 Meter entfernt vom Klo.

Beim alljährlichen Urintest ist das natürlich ganz, ganz anders.

Da steht der assistierende Ermittler so nahe neben mir, dass er mich fast berührt. Außerdem steht er leicht hinter mir, wie vor 20 Jahren Flickin' Joe. Und er ist nach vorne gebeugt und schaut mir ganz konzentriert auf den Penis. Tja, und im Gefängnis Buckingham kommt noch dazu, dass der assistierende Ermittler schwarz ist – wie Flickin' Joe.

Also bekomme ich Lampenfieber. Jedes Mal, seit 20 Jahren. Ich hasse das – und je mehr ich es hasse, desto weniger kann ich pinkeln. Alles nur wegen dieser versuchten (noch nicht mal einer echten) Vergewaltigung, die vor 2 Jahrzehnten stattfand, beziehungsweise beinahe stattfand.

Das ist die Macht der Vergangenheit. Darüber denke ich immer nach, wenn ich meinen Urintest jedes Jahr machen muss – wie gegenwärtig die Vergangenheit doch ist. Selbst Jahrzehnte später.

Und ich denke dabei auch jedes Mal an die Familie Haysom, die Angehörigen der Opfer Derek und Nancy Haysom in dem Mordfall, für den ich (fälschlicherweise, aber immerhin) verurteilt wurde. Der Doppelmord an diesen beiden Menschen ist ein so unglaublich viel schlimmeres Trauma als die versuchte Vergewaltigung an mir. Wenn ich 20 Jahre später immer noch so sehr unter den Folgen des letzteren leide – was müssen die Angehörigen von Derek und Nancy Haysom leiden! Für sie muss die Macht der Vergangenheit noch viel, viel schrecklicher sein als für mich.

Bei diesen Gedanken schäme ich mich dann wieder für die verwerfliche Rolle, die ich in dieser Geschichte spielte. Ich habe doch zum Trauma dieser unschuldigen Familienangehörigen entschieden beigetragen. Und das tut mir so leid.

Solche Gedanken helfen mir aber leider nicht, bei den allährlichen Urintests endlich in den Becher zu pinkeln. Man hat genau 2 Stunden Zeit, nachdem man das Formular unterschrieben hat (die Uhrzeit wird darauf vom assistierenden Ermittler notiert), um den Plastikbecher halbvoll zu bekommen. Am vergangenen Donnerstag war es 8:42 Uhr, als ich unterschrieb. Wenn ich also bis 10:42 Uhr nicht pinkelte, würde ich zum allerersten Mal in meiner 25 1/2–jährigen Knastkarriere einen Regelverstoß begehen.

Denn wenn man beim Urintest keinen Urin abgibt, gilt das als Schulderweis. Man kommt sofort in das Strafabteil und wird von dort in eine Strafvollzugsanstalt der höheren Sicherheitsstufe verlegt. Und für die nächsten Monate und Jahre kann man erwarten, fast im Wochentakt Urintests über sich ergehen lassen zu müssen.

Es war 10:30 Uhr, als ich endlich pinkeln konnte.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 47 der 52 Häftlinge abgefertigt worden, nur 5 von uns schafften es einfach nicht, in die Becher zu pinkeln. Als "Wiederholungstäter" in diesem Bereich kann ich berichten, dass dies vollkommen üblich ist: Es gibt immer rund 10% der Gefangenen die, wie ich, Lampenfieber bekommen. Dieses Mal gab es einen uralten weißen Knastopa, zwei junge weiße Frischlinge, einen ziemlich großen und stämmigen Ghettoschwarzen – und mich.

Ich war der erste "Versager", der es dann doch schaffte. Weil der assistierende Ermittler weiß, dass es immer welche gibt, die beim Pinkeln Probleme haben, wandte er sich ab und machte einen Schritt zurück, nachdem er mir den Becher gab. Das genügte mir schon: Ich konnte endlich "produzieren".

Denn ich hatte nicht länger das Gefühl, dass der Flickin' Joe sich von hinten über mich beugte, um mich in seine Zelle zu zerren.

Urintest bestanden. Öfz!
POSTED BY: AB AT 05:17 am   |  Permalink   |  0 Comments  |  E-mail this

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