HomeInformationTV-BerichteBücher von JensMithelfenKontaktFacebookBlog
  Blog
  • Jens veröffentlicht seit Anfang 2013 voraussichtlich alle vier Wochen (jeweils um den 20. Monatstag herum) einen neuen Beitrag.
    Alle bisherigen Blog-Texte finden Sie in der Liste aller Blogtexte.
  • Gerne können Sie Jens Ihre Kommentare zu den Blogtexten sowie Vorschläge für weitere Themen zukommen lassen unter info (at) jenssoering.de.

Sunday, 21 April 2013

Trauer ist meine Spezialität.
Schuld, Reue, die Notwendigkeit mit den Folgen der eigenen Fehler zu leben, manchmal auch die Unmöglichkeit mit diesen Folgen zu leben – von solchen Dingen verstehe ich leider unglaublich viel. Es ist ein nutzloses Wissen, denn diese Themen sind so unangenehm und schmerzhaft, dass fast alle Menschen sie um jeden Preis vermeiden. Bis es zu spät ist.

In den letzten Tagen musste ich mich wieder einmal mit meiner eigenen Schuld intensiv befassen. Auf Bitte meiner amerikanischen Berater verfasste ich einen Text für den Gouverneur von Virginia, worin es um meine eigene Verantwortung und mein eigenes Versagen ging, damals, 1985 und 1986… Und wen ich dadurch enttäuschte und verletzte, und wie unglaublich tief ich das bereue, und zwar mehr und mehr mit jedem Tag, denn in gewisser Weise wachsen ja die Konsequenzen auch mit jedem Tag, und dadurch auch meine Schuld. Daran kann ich nichts ändern, ich kann es nur ertragen, obwohl auch dies mir immer schwerer fällt.

Vermutlich ist dies einer der Gründe, warum die Menschheit sich immer neue Götter erfindet – um die Last der Schuld leichter zu machen und den Schmerz der Reue zu lindern. Nun ja, wer’s glaubt wird selig, ich glaube es nicht. Jedenfalls nicht mehr.

Woran ich glaube ist die Notwendigkeit sich der Wahrheit zu stellen. Weglaufen geht nicht, das merkt man so richtig im Gefängnis. Man muss die Konsequenzen der eigenen Fehler anerkennen und den Schmerz an sich heranlassen. Mit anderen Worten: Man muss trauern.

Die Alternative zur Trauer ist nämlich die Flucht vor der Realität. Man leugnet die Fehler, oder man leugnet die Konsequenzen der Fehler, oder man leugnet den Schmerz – den eigenen und den der Opfer der Fehler. Wohin das führt ist ja wohl klar.

Mich bewegt dieses Thema im Zusammenhang mit diesem Blog "Land der Freiheit?", weil seit meinem letzten Blogeintrag (über die "Tea Party" Bewegung) die Vereinigten Staaten den zehnten Jahrestag des Ausbruchs des Irakkriegs begangen haben. Beziehungsweise ihn nicht begangen haben: Wenn man sich einmal überlegt, welch immenser Schmerz dieser Krieg angerichtet hat, ist es eigentlich erstaunlich, wie wenig Beachtung der zehnte Jahrestag in den Medien erhielt. Dieser Punkt wurde übrigens von einigen US-Journalisten thematisiert. Niemand wolle über den Irakkrieg reden, weder Demokraten noch Republikaner noch Durchschnittsbürger! Mit einiger Verspätung hat der Krieg also doch alle Amerikaner vereinigt: in der gemeinsamen Verdrängung.

Man will es alles gar nicht so genau wissen. In ein und derselben Zeitung, der berühmten "Washington Post", stand zum Beispiel an verschiedenen Stellen, der Krieg habe $ 800 Milliarden, $ 1 Billion oder $ 1,7 Billionen USD gekostet. Die irakischen Opfer wurden ja ganz absichtlich und offiziell vom US-Militär gar nicht erst gezählt, um dem Feind keine Munition im Propagandakrieg zu liefern, also hat man sich in den Zeitungen auf runde 100.000 tote Iraker geeinigt. Es könnten aber auch 150.000 sein. Schätzungen der irakischen Verwundeten gibt es keine, jedenfalls nicht in der Presse. Nur bei den eigenen Toten und Verwundeten gibt es ganz genaue Zahlen: 4.475 und 32.221. Wobei allerdings die extrem stark angestiegene Anzahl der durch den Krieg verursachten Selbstmorde von Veteranen natürlich nicht mitgezählt werden, obwohl es davon mittlerweile Tausende gibt. Wie gesagt: Man will es alles gar nicht so genau wissen.

In den Kolumnen der großen Zeitungen gab es zum zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs Standgerichte und Hinrichtungen der Landesverräter. Die bekannte und respektierte "Wall Street Journal"-Kolumnistin Peggy Noonan – eine ehemalige Redenschreiberin des US-Präsidenten Ronald Reagan – beweinte öffentlich, dass der Irakkrieg dem Ansehen der Republikanischen Partei permanenten Schaden zugefügt habe. Dafür wurde sie scharf unter Beschuss genommen von einem journalistischen Kollegen, der gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "The Savior Generals", in etwa: "Die Generäle – unsere Retter". Er wies Frau Noonan zurecht, im Januar 2009 sei der Feind besiegt worden, das wisse man doch!

Der nicht weniger angesehene "Washington Post"-Kolumnist David Ignatius entschuldigte sich am zehnten Jahrestag bei seinen Lesern, dass er den Krieg unterstützt habe – und wurde von einem anderen Kollegen noch schärfer attackiert als Frau Noonan. Er wurde daran erinnert, dass US-Präsident George W. Bush doch schließlich auf den Terrorangriff des 11. September 2001 habe antworten müssen – man müsse sich vorstellen, wie viel schlimmer alles gekommen wäre, wenn Bush den Irak nicht angegriffen hätte!

Währenddessen wusch die "Washington Post" die eigenen Hände in Unschuld. Die Zeitung veröffentlichte einen großen Artikel, worin sie minutiös belegte, dass sie ja schon damals alles besser gewusst und ziemlich deutlich darauf hingewiesen habe, dass der Irak gar keine Massenvernichtungswaffen hatte. Zwar habe man sich bei der "Post" vielleicht ein bisschen deutlicher ausdrücken müssen, aber die Schuld für das Desaster sei bei anderen zu suchen. Na, dann!

Nun ist die Verdrängung von Schuld, die Leugnung von Konsequenzen und die Nichtanerkennung von Schmerz kein uramerikanisches Phänomen – wer weiß das besser als wir Deutschen? Aber gerade in diesen Tagen bekam ich auch Artikel aus Deutschland zugeschickt über Bundespräsident Joachim Gaucks Besuch in Italien, wo er zusammen mit Präsident Giorgio Napolitano das Andenken der italienischen Opfer eines deutschen Massakers im Zweiten Weltkrieg feierte. Mich beeindruckte schon sehr, was Bundespräsident Gauck bei dieser Gelegenheit zu den Themen Schuld, Reue und Sühne zu sagen hatte – gerade im Kontrast zum fast gleichzeitigen Ringen Amerikas mit der eigenen Schuld im Irakkrieg. Es geht eben doch ganz anders. Wobei man fairerweise bemerken sollte, dass 74 Jahre seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vergangen sind, und nur zehn Jahre seit der Invasion im Irak.

Einen weiteren Vorteil, den wir Deutschen haben, ist, dass keiner von uns mehr glaubt, dass "Deutschland, Deutschland über alles" sei. Wir haben keine Sonderstellung, wir sind nicht besser, an unserem Wesen wird die Welt sicherlich nicht genesen (mit den möglichen Ausnahmen Griechenlands und Zyperns). Aber gerade der Irrglaube, dass Amerika vollkommen anders sei als alle anderen Länder und eine im wahrsten Sinne des Wortes missionarische Aufgabe habe, die ganze Welt zu verbessern – dieser Irrglaube ist ein ganz wichtiger Bestandteil des amerikanischen Selbstverständnisses ("American Exceptionalism"). Und wenn man sich selber vollkommen ernsthaft für den Retter der gesamten Menschheit hält, ist es eben äußerst schwer, eigene Schuld einzugestehen – und daraus auch etwas zu lernen.

Wie tief der Glaube an die eigene Einmaligkeit in der nationalen Psyche der Vereinigten Staaten verankert ist, kann man sich in Deutschland vermutlich gar nicht vorstellen. Dafür muss man wohl einige Zeit in den USA verbringen. Ein interessanter Artikel zu diesem Thema ist "Does American Exceptionalism Foster American Decline?" .

Jedenfalls ist mir nun nahegelegt worden, ich solle doch bitte den armen, empfindlichen Amerikanern nicht ständig unter die Nase reiben, dass sie an mir einen schrecklichen Justizirrtum verbrochen haben. Ich soll ihnen nicht immer wieder und wieder sagen, dass sie meine von der amerikanischen Verfassung garantierten (!) Rechte auf viele verschiedene Weisen verletzt haben:

  • die Weigerung, mir trotz meiner vielen Bitten meinen Anwalt bei den Verhören im Juni 1986 zur Seite zu stellen;
  • der geradezu grotesk befangene Richter, der über die eigene Befangenheit vor Gericht auch noch log;
  • der Strafverteidiger, der anerkannterweise (!) geisteskrank war;
  • der Staatsanwalt, der gleich zweimal entlastendes Beweismaterial unterschlug (die Verdächtigen Shifflett und Albright, und das FBI Täterprofil);
  • der Sockenabdruckzeuge, der kein (!) Experte war, und doch der Jury weiß machte, dass ein Sockenabdruck, der ursprünglich die Größe 5 bis 6 hatte, nun plötzlich auf meinen Fuß der Größe 8 ½ passte;
  • die ehemalige Freundin, die als Kronzeugin gerufen wurde, und sogar einen „deal“ vom Staatsanwalt dafür bekam – obwohl es ein psychiatrisches Gutachten gab, demzufolge sie eine geistesgestörte pathologische Lügnerin war;
  • Berufungsgerichte, die neue Beweismittel nur innerhalb von 21 Tagen nach der Strafverhängung zulassen;
  • Revisionsgerichte, bei denen nur 0,4% (nicht 4%, sondern 0.4%!) der Verfassungsklagen Erfolg haben;
  • Gremien der Entlassung auf Bewährung (sog. "Parole Board"), die nur 2 bis 3% der Antragsteller entlassen, selbst nach Jahrzehnten der Haft;
  • ein politisches System, das mir eine Haftüberstellung nach Deutschland gewährt – und dann nach sieben Tagen aus parteipolitischen Gründen zurückzieht;
  • Berufungsgerichte, die diesen Vorgang dann auch noch juristisch absegnen;
  • und jüngst ein Gremium zur Entlassung auf Bewährung, das die Ablehnung meines Antrags elf Tage vor der Anhörung bekannt gab.

All dies, so sagte man mir, solle ich doch bitte nicht mehr erwähnen. Denn sonst kränke ich die Sensibelchen in den USA.

Na ja, das ist kein schlechter Rat. Deshalb habe ich mich ja auch in dem Schriftsatz, den ich in den letzten Tagen verfasste, ausschließlich mit meiner eigenen Schuld befasst. Und es gibt weiß Gott genug eigene Schuld:

  • die Tatsache, dass ich eine Doppelmörderin geschützt habe;
  • dass ich sogar mit ihr rund um die Welt auf Flucht ging;
  • dass ich auf der Flucht Scheckbetrügereien machte, um unsere Flucht zu finanzieren;
  • dass ich die Polizei mit großer Energie stundenlang belog;
  • dass ich mich dabei auch noch für einen Helden hielt, für den Retter meiner Freundin;
  • dass ich durch diese Lügen dem Andenken der Opfer schadete und den Familienmitgliedern der Opfer unsäglichen Schmerz zufügte – denn die Opfer und deren Familienmitglieder brauchten die Wahrheit, sie hatten die Wahrheit verdient, und ich habe ihnen die Wahrheit genommen;
  • dass ich meine eigene Familie auch noch ins Unglück und jahrzehntelangen Kummer stürzte;
  • dass ich all jene Menschen an der University of Virginia, die mir so großzügig ein phantastisches Stipendium geschenkt und mich mit offenen Armen aufgenommen hatten, zutiefst enttäuschte und verletzte;
  • dass ich mein eigenes Leben restlos zerstörte;
  • dass ich vermutlich sogar meiner Freundin Elizabeth mehr geholfen hätte, wenn ich sofort der Polizei (oder irgendeinem Erwachsenen) die Wahrheit gesagt hätte;
  • dass ich das alles eigentlich aus Eitelkeit und Stolz tat, weil ich unbedingt den Helden und Retter meiner Freundin spielen wollte – also nicht aus Liebe sondern aus Egoismus;
  • dass ich mich mit Freude und geradezu Inbrunst von meiner Freundin abhängig gemacht hatte – also gar nicht widerwillig;
  • dass ich es selbstverständlich alles hätte besser wissen müssen (man braucht kein Hochbegabtenstipendium zu gewinnen, um zu wissen, dass man eine Doppelmörderin nicht schützt, sondern die Polizei anruft!);
  • dass meine Oma Loewe Recht hatte, als sie mir 1987 oder 1988 beim Gefängnisbesuch sagte, ein wahrer "Gentleman" würde sich nun umbringen, um seiner Familie die Schmach zu ersparen;
  • dass ich mich unter vielem anderen auch dafür schäme, dafür in all den Jahrzehnten nicht den Mut gefunden zu haben.

Tja, also, ich habe weiß Gott genug eigene Schuld! Und ich befasse mich ja auch mit ihr. Immer wieder und wieder und wieder, seit Jahrzehnten. Es tut mir alles so schrecklich, schrecklich leid.

Das macht mich nicht zu einem "besseren" Menschen. Aber ich glaube und hoffe, es macht mich zu einem Menschen, dem man soweit vertrauen kann, die Fehler von 1985 und 1986 nicht zu wiederholen. Ich glaube und hoffe: Man kann sich mit mir halbwegs sicher fühlen.

Genau diesen Glauben und diese Hoffnung habe ich bei den Amerikanern nicht – weder bei der Kriegsführung noch bei Justizirrtümern. Nun ist es sicherlich nicht meine Aufgabe, die Amerikaner dazu zu bewegen, sich mit der eigenen Schuld zu befassen. Aber Sie dort in Deutschland, Sie sollten sich Gedanken darüber machen, inwiefern man diesem Land der Freiheit vertrauen kann. Es ist ein Land, das nicht trauern kann und will. Ein Land, das sich nicht sich selber stellt – und dies auch noch für eine Tugend hält.

Und die Gerichte produzieren weiterhin Justizirrtümer, und zwar mit einer wissenschaftlich belegbaren Rate von nicht weniger als 3,3% - eine wissenschaftliche Studie dazu können Sie hier  lesen.

Der nächste US-Krieg kommt bald, vermutlich noch in diesem Jahr, dieses Mal wegen der iranischen Massenvernichtungswaffen. Dem können Sie jetzt schon entgegen trauern – für die armen Iraner, die vermutlich bald bombardiert werden, und für mich.

Posted by: RZ AT 08:00 am   |  Permalink   |  Email
 

Alle bisher bei uns eingegangenen Leser-Fragen sowie Jens' Anworten darauf finden Sie unter Kontakt->Flaschenpost.



 Hier finden Sie eine
Übersicht
zu Jens' Geschichte.
 

Mit dem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert
Neue Web-Beiträge 

13. Mai:
Flugblatt zur Briefwelle
Sörings vage Hoffnung hinter Gittern, Artikel
6. Mai:
Freiheit für Jens Söring, Artikel
3. Mai:
Justizirrtum oder Politikum, Artikel
28. April:
Neue Briefwelle
14. April:
Jens Soering (Lux), Artikel
3. April:
- "Im Namen des Volkes!", TV-Berichte
2. April:
- 10000 Tage in der Hölle, TV-Berichte
- Achterbahn der Gefühle, TV-Berichte

25. März:
- Unschuldig im Knast, Artikel
20. März:

Jens' Antworten auf Ihre Fragen, Flaschenpost


Buch "One Day in the Life of 179212" veröffentlicht, Bücher, facebook
Buch "Nicht schuldig!" veröffentlicht, Bücher

    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design